Problemfreunde - Ich wünschte, ich wäre tot

Eigentlich sollte ich den Großteil meiner Zeit damit verbringen, ein bisschen Kohle heranzuschaffen. Für schlechtere Zeiten. Oder zu essen, zu schlafen, durch die Gegend zu ziehen – die Dinge, die…
Problemfreunde

Ich wünschte, ich wäre tot

Eigentlich sollte ich den Großteil meiner Zeit damit verbringen, ein bisschen Kohle heranzuschaffen. Für schlechtere Zeiten. Oder zu essen, zu schlafen, durch die Gegend zu ziehen – die Dinge, die man eben so macht. Als normaler Mensch. Tatsächlich aber geht der Großteil meines Daseins momentan nur für eine Sache drauf: Meinen Freunden zu sagen, dass sie sich nicht umbringen sollen.

Ich bin jetzt fast 30 Jahre alt. Das ist ‘ne Menge, wenn man einmal so drüber nachdenkt. Aber noch nie hatte ich so viele Menschen um mich herum, die an so vielen verschiedenen Arten von Depressionen erkrankt sind. Und mir das auch gut und gerne die ganze Nacht lang unter die Nase reiben. Burn-Out-Syndrom. Liebeskummer. Existenzangst. Zukunftsfurcht. Stimmen im Kopf. Reue. Hyperkinetische Störung.

Irgendwas haben sie doch alle. Und im Laufe eines etwas ernsteres Gesprächs über Skype oder Telefon oder unter vier Augen fällt früher oder später dieser Satz, für den ich jeden von ihnen immer wieder aufs Neue gegen die Wand prügeln könnte: “Ich wünschte, ich wäre tot”. Und du stehst nur da und denkst dir: Ach komm, halt doch die Fresse. Aber das sagt du nicht. Jedenfalls noch nicht gleich.

Am Anfang machst du noch aufmunternde Witze. Oder gibst gute Ratschläge, verpackt in einen coolen Spruch. Der Gesprächspartner soll merken: Was er dir da gerade gesagt hat, ist dir nicht scheiß egal. Aber die Sache ist jetzt auch nicht so schlimm, dass ihr euch die kommende Woche zusammen in einem Ben-&-Jerry’s-Laden verkriecht und gemeinsam herum heult. Und währenddessen neue Eissorten ausprobiert.

Wenn das nichts nützt und das Gejammer immer noch weitergeht, dann schnappst du ihn dir, zettelst ein ernstes Gespräch an und gehst mit ihm die Punkte durch, die in seinem Leben gerade nicht so wirklich glatt laufen. Deine Freundin hat dich verlassen? Ja, das ist scheiße. Aber das kennen wir alle. Und egal wie tief und besonders dieser Schmerz erscheint, die Hölle geht vorbei. War eh ‘ne Schlampe.

Du hast kein Geld? Dann gucken wir, was du jetzt und hier in dieser Stadt machen kannst. Wen kennen wir? Wer kann uns helfen? Wie kommst du schnell an einen nicht allzu beschissenen Job? Schritt für Schritt. Dein Leben ist in so vielen Aspekten einfach nur beschissen und Sex hattest du auch schon seit drei Jahren nicht mehr? Da hilft erst mal nur ‘ne Flasche Wein. Und dann das harte Zeug.

Die Quintessenz aus solchen Gesprächen ist immer dieselbe: Keines unserer Leben ist perfekt. Uns geht es allen irgendwie, irgendwann so beschissen, dass wir darüber nachdenken, wie es wohl wäre, dem allen ein Ende zu machen. Aber das sollte nur ein kurzer Gedanke bleiben, den wir schnell wieder wegwischen, um dann Platz für einen Lösungsansatz zu schaffen. Gemeinsam schaffen wir das schon. Irgendwie.

Ihr lächelt euch an, werft euch gegenseitig die Arme um die Körper, plappert wieder bescheuertes Zeug. Dieser Tiefpunkt ist erst mal wieder überwunden. So scheint es jedenfalls. Und dann ist es vier Uhr nachts und eine kleine Facebook-Message reißt euch aus der Nur-noch-eine-Folge-Sopranos-Mami-versprochen-Phase. “Ich wünschte, ich wäre tot” leuchtet euch dort in schwarzer Schrift auf weißem Grund entgegen. Und ihr schließt den Laptop und denkt euch nur: Dann mach’s doch. Und lass mich endlich in Ruhe mit der Scheiße.

Wenn euer Leben nicht so läuft, wie ihr es gerne hättet, wenn euch irgendetwas bedrückt, abhängig machte oder die vermeintliche Zukunft versaut hat, dann ist das euer Problem. Mal ganz pragmatisch ausgedrückt. Aber wir, eure Freunde, sind dafür da, um euch unter die Arme zu greifen. Zuzuhören, die Sachlage objektiv zu betrachten, euch aus dem Chaos zu führen. Wir übernehmen das Denken für euch.

Das machen wir kostenlos. Und wenn nicht, dann mindestens für ‘nen Kasten Beck’s. Oder ein Date mit eurer Schwester. Der heißen, nicht der anderen. Aber dann hört gefälligst auch auf damit, euch in eurem ekligen Selbstmitleid zu suhlen und uns die Sache noch unnötig zu erschweren, indem ihr partout alles daran setzt, um uns davon zu überzeugen, dass es doch sowieso ausweglos ist. Das alles.

Anstatt endlich mal euren Arsch hochzubekommen und uns dabei zu unterstützen, euer versautes Leben wieder auf Vordermann zu bringen. So schwierig ist das nämlich meist gar nicht. Und dann kann ich auch endlich wieder mehr Zeit damit verbringen, Kohle heranzuschaffen. Für schlechtere Zeiten. Oder zu essen, zu schlafen, durch die Gegend zu ziehen – die Dinge, die man eben so macht. Als normaler Mensch.

Abonniert unseren Newsletter!

River Island

Was ist deine Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Füge deinem Kommentar ein Bild hinzu: