Erika Steinbach und ihr Tweet - Wie links ist eigentlich rechts?

Twitter ist lustig. Weil kein PR-Berater oder Manager zwischen Leuten und ihrem Publikum sitzt, können manche einfach drauflos tippen und Dinge in die Welt setzen, die sie genau in diesem…
Erika Steinbach und ihr Tweet

Wie links ist eigentlich rechts?

Twitter ist lustig. Weil kein PR-Berater oder Manager zwischen Leuten und ihrem Publikum sitzt, können manche einfach drauflos tippen und Dinge in die Welt setzen, die sie genau in diesem Augenblick für besonders witzig, klug oder provokant hielten. So wie es Erika Steinbach, Vorsitzende des Bundes des Vertriebenen, getan hat und damit die Missgunst einer ganzen Nation auf sich zog.

“Die NAZIS waren eine linke Partei. Vergessen? NationalSOZIALISTISCHE deutsche ARBEITERPARTEI”, plapperte sie per Tweet fröhlich vor sich hin. Das fanden natürlich nicht alle spritzig. Besonders die Linken nicht. “Es dürfe mit gutem Recht bezweifelt werden, ob sie in die Reihe der Demokraten gehört”, meinte zum Beispiel deren Vorsitzender Klaus Ernst. Wow, ein Schubs in die rechte Ecke. Nicht schlecht.

Natürlich fragten auch wir uns: Hat die liebe Erika einfach ‘nen Schatten oder steckt womöglich ein Körnchen Wahrheit dahinter? Sind die Nazis am Ende gar eine linke Partei und wir wissen nur nichts davon? Sozialisten, Arbeiter, nie ganz so gut auf die derzeitige Regierung zu sprechen? Klingt doch schon mal nicht schlecht. Wir forschten nach. Und stießen “Galileo-Mystery”-like auf so manches Geheimnis.

Im Netz gibt es darüber natürlich ‘ne Menge Thesen. Phoenix5 kommt gerade von der Nachtschicht und schreibt: “Der Nationalsozialismus war ganz klar links!” Weil sich die Programme der Linken und NPD in vielen Punkten überschneiden. Sagt er. Aber wer glaubt schon einem Pseudonym im Internet? “Es ist einfach müßig zu fragen ob rechts oder links so oder so sind die Nazis oder Neonazis ABFALL der in das Gefängnis gehört, leider hat kein demokratisch geführtes und regiertes Land Umerziehungslager, für diesen Schmutz wäre es wahrhaftig angebracht”, meint ein Typ namens Wikinger. Okay. Danke. Das hat uns jetzt nicht wirklich weiter gebracht.

Was sagt denn Adolf Hitler selbst über den Kommunismus und seine Anhänger? Der müsste das doch eigentlich am ehesten wissen. “Es gibt mehr Verbindendes als Trennendes zwischen uns und dem Bolschewismus. Vor allem die echte, revolutionäre Gesinnung, die auch in Russland überall dort lebt, wo keine jüdischen Marxisten ihr Wesen treiben. Ich habe diesem Umstand immer Rechnung getragen und Anweisung gegeben, daß man ehemalige Kommunisten sofort in die Partei aufnimmt.” Klingt ja ganz nach einem Freundschaftsangebot, oder?

Die Wahrheit finden wir aber erst bei Jürgen Langowski, der mit seiner Seite Holocaust-Referenz Auschwitzleugner mit Argumenten zum Schweigen bringen will. “Wenn man die frühen Äußerungen von Nationalsozialisten untersucht, findet man Zitate, die durchaus so klingen, als hätten da Sozialisten gesprochen. Hier und dort, etwa in den Goebbels-Tagebüchern am 17. März 1931, tauchen sogar Bemerkungen auf wie die, ein bestimmtes Verhalten eines politischen Gegners sei ein “glatter Verrat am Sozialismus” gewesen.”

Aber weiter: “Herausragende Vertreter des sozialistischen Flügels der NSDAP waren die Brüder Otto und Gregor Strasser. Doch war der Konflikt mit Hitler, der keineswegs ein sozialistisches System errichten wollte, bereits von Anfang an vorprogrammiert. 1930 hat Hitler durch die Entmachtung der Strasserianer verdeutlicht, dass er keineswegs die Absicht hatte, nach der Machtergreifung sozialistische Politik zu verwirklichen. Hitler war weder antikapitalistisch noch sozialistisch eingestellt, und da Hitler in der Partei das faschistische Führerprinzip durchgesetzt hatte, galt diese politische Positionsbestimmung auch für die NSDAP. Die Absage an den Sozialismus hatte Hitler schon zwei Jahre vorher festschreiben lassen. Vor diesem Hintergrund kann nicht die Rede davon sein, dass die Nazis Sozialisten gewesen wären.”

Also Erika, damit hast du uns mit deinem provokanten Tweet einfach schlicht und ergreifend belogen. Die NSDAP war in etwa so links wie ein schlechter Vergleich mit euren Daumen. Euer Weltbild ist immer noch so, wie es gestern noch war. Und Nazis finden wir weiterhin scheiße. So ganz ohne Ausnahme. Und weil ihr jetzt alle so fleißig unserer Geschichtsstunde zugehört habt, dürft ihr euch zur Belohnung ein Eis holen. Oder auch zwei. Und danach glaubt ihr der bösen Frau Steinbach kein einziges Wort mehr. Egal was sie zu euch sagt.

ONLY

Abonniert unseren Newsletter!

Drückt hier, um weitere aktuelle Neuigkeiten über das Leben zu lesen und drückt hier, um eigene Artikel und Fotos einzureichen. Oder folgt uns auf Facebook, Twitter, Instagram, Tumblr und Pinterest, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Topman

Was ist deine Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Füge deinem Kommentar ein Bild hinzu:

8 Kommentare

  • Matthias

    wie dumm ist die eigentlich!?

  • Lena

    Ich glaube es ist hilfreich sich Links- und Rechtsradikalismus nicht als entgegengesetzte Pole auf einer Geraden vorzustellen, sondern eher als Endpunkte auf einem U oder Hufeisen. Wie nahe diese Endpunkte beieinander liegen können, zeigen nicht zuletzt Links-Rechts-Überläufer wir Horst Mahler (vom RAF-Anwalt zum Nazi). Auch in die entgegengesetzte Richtung gibt es ja viele Überläufer z.B. zu den Piraten und der Linken. Meine Oma war übrigens während des Dritten Reichs glühende Nazi-Anhängerin, weil die ja “für die kleinen Leute” waren. Nach dem Krieg wählte sie dann immer die Sozialdemokratie.

  • Ich bin etwas verwirrt, ob des Titelbildes.
    Dass Skins weder rechts noch links sind, wisst ihr doch?

    Ansonsten guter Artikel.

    Anna*

  • kornelia

    jepp skinheads ist nicht immer gleich nazi. mann, schaut euch doch mal “this is england 86” an, werdet ihr sowieso mögen wenn ihr auf skins und misfits steht.
    grüße.

  • möp

    @Lena
    So ein unreflektierter Unfug.

  • Ben Bernake

    Lieber Marzell,

    schaut man sich die Forderungen der Nazis genau an, finden sich allerdings viele Parallelen zu sozialistischen Parteien: Ein Blick in das Parteiprogramm der NSDAP ist da erhellend.

    1. Die Nazis schreiben der Wirtschaft vor, was und wie zu produzieren
    2. Löhne und Preise wurden von der NSDAP festgelegt.
    3. Verstaatlichung bzw. Gewinnbeteiligung an Grossbetrieben
    4. Schaffung eines staatlichen Volksbildungswesens
    5. Die Industrie unterliegt einer strengen zentralistischen, staatlichen Regulierung
    6. Und nicht zuletzt eine tiefe Abneigung zum deutschen Adel und seinen Strukturen.

    Dass Erika Steinbach nicht ganz klar im Oberstübchen ist, will ich übrigens nicht bestreiten.

    In diesem Sinne
    Fedde Grüße

    Ben B.

Urban Outfitters