Deutschlands Nachsehen - Die Oberfläche und die Tiefe

Als ich mich vor einem Jahr hier auf AMY&PINK als schizophrenes Modemädchen vorstellte, ja da hatte ich das Gefühl, nicht so ganz verstanden worden zu sein. Ich gebrauche das Wort…
Deutschlands Nachsehen

Die Oberfläche und die Tiefe

Als ich mich vor einem Jahr hier auf AMY&PINK als schizophrenes Modemädchen vorstellte, ja da hatte ich das Gefühl, nicht so ganz verstanden worden zu sein. Ich gebrauche das Wort Schizophrenie, wie es im Alltag gebraucht wird. In mir wohnen zwei Menschen, die ein gepflegtes Verhältnis zur Ambivalenz führen, was sich schon in der deutschen Romantik herauskristallisierte.

Ich finde die Oberfläche genauso faszinierend wie die Tiefe. Die deutsche Gesellschaft hingegen findet das nicht so ganz vereinbar. Nach der Prämisse, dass der Mensch genauso krank ist wie die Gesellschaft, in der er lebt, findet meine Schizophrenie den Ursprung in ihrer Umgebung. Aber warum scheint die Gesellschaft im Gesamtbild schizophren?

In Deutschland ist ganz deutlich zu beobachten, dass die Tiefe die Oberfläche ablehnt. Vice versa. Während ein tiefgründiger Mensch in seiner grauen, willkürlich ausgewählten Kleidung der Geisteswissenschaften die Oberfläche ablehnt, weil er sie als wertlos empfindet, zählt für den stereotypischen Modemenschen nichts als das Äußere, das sich als einzige Definition seiner Selbst darstellt.

Beide belächeln sich gegenseitig, erkennen jedoch aber nicht, dass die Mitte das Leben selbst ist. Wer kann schon bestreiten, dass er das Schöne nicht mag und wer möchte bestreiten, dass es auf das Innere nicht ankommt? Eine Verfeinerung unseres Geistes, um das Leben zu meistern, ist genauso erstrebenswert wie eine leichte Verfeinerung unseres Körpers, um das Leben auf angenehme Art zu meistern. Bin ich also in der Welt der Mode unterwegs, treffe ich auf 1 Prozent der Menschen, die sowohl intellektuell als auch an der Mode interessiert sind. Die restlichen 99 kann man also nur angucken oder belächeln, und leider alles andere als geistreiche Unterhaltungen führen.

Wenn ich in Frankreich oder der Türkei den Umgang mit der Mode betrachte, sehe ich, dass großes Interesse an der Schönheit besteht, man dies aber nicht verleugnet. Ganz im Gegenteil. Man möchte überhaupt nicht darauf verzichten. Egal aus welchem Bildungsstand, die Mode ist für den Franzosen und den Türken, der sich in der Geschichte gerne an dem edlen Europäer orientierte, so majestätisch wichtig wie die Kunst. Doch hat Frankreich nicht nur guten Stil zu bieten, sondern auch Dichter und Denker. Gerade aus unserem Nachbarland stammt nicht nur eine der stilvollsten Damen der Zeitgeschichte, Coco Chanel, sondern auch der Satz „Ich denke, also bin ich“ des großen Philosophen Descartes.

Die Deutschen hingegen haben ein großes Problem damit, zuzugeben, dass sie schön aussehen wollen und es eben doch nicht nur auf die Funktion ankommt. Allem voran bestätigt der Berliner Großstadt-Look, dass man so aussehen möchte, als hätte man sich keine Mühe gegeben. Warum? Weil es peinlich ist, sich zurecht zu machen? Ganz richtig. Klaus Wowereit wird kritisiert, weil er die Fashion Week besucht, statt ihn zu loben, dass er offener ist, als manch seiner Kollegen, und durch den Besuch einer Show einfach zeigt, dass gutes Design, welches funktional formästhetisch ist, die Welt schöner macht und natürlich die Wirtschaft ankurbelt.

Der Berliner Bürgermeister zählt höchstwahrscheinlich zu den 1 Prozent, mit denen man sich über Politik unterhalten kann. Mit dem Rest, der größtenteils aus Modejournalisten, Einkäufern, Stylisten, Makeup-Artisten, Models, Seriendarsteller, Gattinnen, Stylebloggern, die hauptsächlich für den schlechten Ruf eines modeinteressierten Menschen verantwortlich sind, besteht, wird dann ganz gezwungen natürlich nur über die Optik in einem neumodischen Sinne diskutiert. Vielleicht noch mal kurz einen Diskurs zur Kunst? Wäre ja auch ganz nett, wenn man irgendwie kunstinteressiert und intellektuell wirkt. Es möchte sicher keiner schön aussehen, aber als blöd abgestempelt werden.

Doch kann sich so ein eigener Stil entwickeln? Ein Modebewusstsein, das ehrlich ist? Eine Modelandschaft, die frei von purer Oberflächlichkeit ist? Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich in der ersten Reihe vor meiner Deutschlehrerin im Leistungskurs saß und die mich bemusterte und verabscheute, weil ich eben wie ein typisches Mädchen gekleidet war. Sie wusste ganz genau, dass ich einen türkischen Migrationshintergrund habe. In der Türkei ist man eben gerne schön.

Meiner Deutschnote hat das trotz der Zeit und Mühe, die ich in mein Äußeres steckte, nicht geschadet. Höchstens die Brille, durch die meine verbitterte Öko-Lehrerin mich wahrnehmen wollte, um mich zu verurteilen. Ein Verbrechen? Und so passiert es, dass die Menschen dich auf das Äußere reduzieren. Weil sie glauben, wer sich schön macht, kann nichts. So geht es vielen Frauen in Deutschland. Aber die Vorurteile bestehen eben dank der Stereotypen, die wirklich nichts anderes können als „gut auszusehen“. Und von ihnen gibt es in Deutschland genug. Man braucht sich dazu nur die Menschen anschauen, die prominent sind.

Viel mehr als die Reduzierung nervt mich aber, dass man in der Welt der Mode dadurch größtenteils auf einseitige Menschen trifft, die sich absolut nur für die Mode und das Äußere interessieren, gleichzeitig in der Welt der Tiefe, somit der Philosophie, große Ablehnung für gute Kleidung findet. Sich in der Mode und der Schönheit verlieren, ist gefährlich, genauso sehr wie sich das Verlieren in der Tiefgründigkeit als tiefe Depression erweisen kann. Die Kunst des Lebens? Die Zahl zwei. Zwei für zwei Seiten.

Das Schöne und das Hässliche, das Lustige und das Ernste. Die Oberflächlichkeit und die Tiefe. Ob Alfons Kaiser oder Klaus Wowereit, die uns als Vorbilder dienen können, sie beherrschen es. Mach dich locker, Deutschland. Es ist nicht peinlich, sich für Mode zu interessieren und sich schön zu machen. Es ist peinlich, seine Interessen zu bestreiten und nicht aufrecht dazu zu stehen für das, was man ist. So lange muss man sich in einer Welt durchboxen, in der man auf Menschen ohne Sinn für Ästhetik und zugleich Sinn für die Tiefe trifft, bis Deutschland endlich zugibt, dass nicht nur eine geistreiche Seele schön ist, sondern auch ein ansehnlicher Körper.

Tally Weijl

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28 Kommentare

  • Julia

    mir gefällt dein artikel (eigentlich statte ich amy&pink nur wegen deiner texte ab und zu einen besuch ab).
    um deinen ausführungen noch etwas hinzuzufügen: klar hat man vorurteile gegenüber gut gekleideten männern (per se schwul) und frauen (per se dumm & fickobjekt). allerdings sind gerade die (vorsicht, ich schöpfe jetzt mal aus meinem erfahrungsschatz) die sich aufstylen dass es schon wieder lächerlich wirkt und dann total pseudo-selbstbewusst in die uni rennen zu ich sag mal 80 prozent kleine narzissten mit denen man sich fünf minuten unterhalten kann und dann ist aber wieder gut.
    ich finde gerade die leute interessant, die ganz underdressed daherkommen, aber dann wirklich ahnung haben von mode, was man denen gar nich zugetraut hätte. auch gerade unter den bedeutendsten designern ist dieses phänomen derweilen zu beobachten: der frühe marc jacobs, alexander mcqueen.

  • Franz

    Sagt mal, Leute, wäre es eigentlich so schlimm, wenn irgend jemand diese Texte vor der Veröffentlichung korrekturlesen würde, damit dem Leser wenigstens die am schlimmsten vermurksten Sätze erspart bleiben?

    Um nur zwei Beispiele zu nennen:

    “In mir wohnen zwei Menschen, die ein gepflegtes Verhältnis zur Ambivalenz führen, was sich schon in der deutschen Romantik herauskristallisierte.”

    Sorry, Mädchen, aber ich glaube dir nicht, dass du schon SO alt bist. Mal ganz davon abgesehen, dass man zwar zwar ein Verhältnis zu etwas haben und vielleicht auch ein Verhältis führen kann, aber sicher nicht “ein Verhältnis zu etwas führen”.

    “Wer kann schon bestreiten, dass er das Schöne nicht mag und wer möchte bestreiten, dass es auf das Innere nicht ankommt?”

    DAS kann und möchte vermutich fast jeder bestreiten.

    Franz Gans

  • Dustin

    ein erfrischender text.
    marcel hingegen schreibt wie ein scheidungskind mit schwammingen kinderkörper.

  • Wenn dir die Einstellung der Deutschen zur Mode nicht gefällt, niemand hält dich davon ab zurückzugehen.

    • zurück wohin? Dürfen nur Deutsche eine Meinung zu deutscher Mode haben? Fragen über Fragen..aber Antworten erwarte ich bei solchen Aussagen eher nicht. Hallelujah…

      • Wohin? In ein Land in dem die Hälfte der Männer Schnauzbärte trägt und die Hälfte der Frauen Kopftuch. Welches keinen einzigen namhaften Modedesigner vorgebracht hat während sie im Geburtsland von Lagerfeld, Boss, Sander, Joop, Amft, Kaminski und weiteren studiert.

        Das einzig Schizophrene hier ist dass sie aus einem Land kommt in dem Mode ein Fremdwort ist und dann uns sagt wir sollten lockerer werden.

        • warst du schon dort oder woher weisst du das? Und Schnauzbart ist hier ja unter den Hipstern auch wieder angesagt. Modeverständnis ist doch eher subjektiv als mit irgendeiner Herkunft verbunden..gut, dass wir nicht alle Stereotypen brauchen um uns gut zu fühlen. “uns” und “wir” – ich fühl mich da irgendwie nicht angesprochen. Fahr mal nach Istanbul-da ist es so modern wie in jeder anderen Großstadt auch..und auf dem Land eben so wenig modebewusst wie hier in manchen Landstrichen in Brandenburg oder Bayern. Same shit, different country.

        • Jen

          Welch große Ehre im Ge­burts­land von La­ger­feld, Boss, San­der, Joop, Amft, Ka­min­ski studieren zu dürfen, schade dass ich mir bis heute keine Gedanken darüber gemacht habe und es schlicht weg auch nicht machen werde! Lächerliche Aussage.
          Haben Boss, Sander,Joop und co so viel zu deinem Leben beigetragen?! Was sind sie, Helden, Idole, sonstiges für dich? Haha. Wenn ja, traurig für dich J-Meissner.
          Ob Männlein oder Weiblein, man weiß es nicht. Wahrscheinlich hat dich da die Modewelt etwas zu sehr beeinflusst! Androgyn eben!

          “ein Land in dem die Hälf­te der Män­ner Schnauz­bär­te trägt und die Hälf­te der Frau­en Kopf­tuch”
          uh, sehr enges Weltbild. Vielleicht solltest du mal offen für andere Kulturen sein, bevor du Behauptungen aufstellst und dann noch der Meinung bist, vollkommen im Recht zu sein.

        • Hallo? Wieviel genau weißt du über dieses Land, was du lediglich mit Vorurteilen beschreiben kannst?

  • Chaosfabrik

    Ich muss sagen, dass mir der Text nicht gefallen hat.

    Normalerweise lese ich gern und vor allem – beende auch das, was ich angefangen habe, aber bei diesem Artikel bin ich nicht mal bis zur Mitte gekommen und habe den Rest nur noch überflogen.

    Laut Rousseau ist der Mensch von Natur aus gut, wurde aber von der Gesellschaft verdorben. Dem schließe ich mich an.

  • Christian

    Guter Text! Das mit der Mode gehört zu den (einigen..) Sachen, wo wir Deutschen uns was von anderen Ländern abschauen könnten!

  • asdfghj

    Gelungener Text, respekt! Wie oft hatte ich bloss schon den Gedanken “Herr, lass Hirn vom Himmel regnen”, sobald andere gelacht haben, wenn ich eine Voguezeitschrift und gleichzeitig das Handelsblatt neben einander liegen hatte. Danach folgte wiederrum eine Phase, in der ich beides heimlich rausholte, weil ich von anderen als pseudo-intellektuell abgestempelt wurde. Ändern kann man Andere nicht, sondern nur sich selbst indem man stolz beides auf den Tisch klatscht, denn leider kennen die meisten nur drei Optionen: 1. Das fragile Barbiepüppchen, 2. das gebildete, Öberflächlichkeiten verurteilende Etwas oder 3. Eine Mischung aus Beidem, soll heißen der typische Möchtegernhipster. Ansehen, abstempeln, urteilen – Die Person richtig kennen lernen steht nur für wenige auf dem Programm, genauso wie auch den Mut zu haben zu der Person zu stehen, die man ist.

  • Wow! Wahnsinns Text, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich stimm dir völlig zu, nur fragt sich warum, dass bei uns in Deutschland so ist. Wann hat sich das von einander getrennt?

  • Leyla

    ein wirklich gelungener artikel! gefällt mir gut.

  • Isabel

    “(…)Beide belächeln sich gegenseitig, erkennen jedoch aber nicht, dass die Mitte das Leben selbst ist.” -> daraus habe ich geschlossen, dass DU es erkennst. Doch hier widersprichst du dem und “belächelst” selber:
    “Bin ich also in der Welt der Mode unterwegs, treffe ich auf 1 Prozent der Menschen, die sowohl intellektuell als auch an der Mode interessiert sind. Die restlichen 99 kann man also nur angucken oder belächeln, und leider alles andere als geistreiche Unterhaltungen führen.”
    Ich glaube du bist selbst einfach nur ein Mädchen, dass sich für Mode interessiert, aber krampfhaft versucht, sich in ein anderes Bild zu zwängen. Klar liest du mal ein Buch, oder schaust mal Nachrichten, oder schreibst mal einen Artikel, bist bestimmt ein kluges Mädchen, und klar gibt es sicher einige Menschen in der Modewelt, die lieber in Illustrierten blättern. Du kritisierst, ja beleidigst diverse Menschengruppierungen in allen deinen Artikeln. Wozu? Um dich besser darzustellen? Meiner Ansicht nach kann jeder der sein, der er möchte. Solange er dazu steht, wer er ist. Und das tust du nicht, das sieht man schon, wenn man nur einen Artikel von dir liest. Vielleicht solltest du dir, wenn du so weiterleben willst, Karteikarten machen, damit du nicht vergisst, wen du den Menschen vorspielen willst. Manchmal bröckelt die Fassade nämlich, und dann schimmert genau das durch, was du versuchst schlecht zu reden (Beispiel siehe oben).
    Klar ist so ein Artikel nett zu lesen (gerade weil du auch hier eine schöne Verpackung präsentierst) und erweckt für einen kurzen Augenblick sogar Freude, genau in dem “sie hat ja so Recht! Genau das sag ich auch immer!”-Moment, aber ich finde es gibt wichtigere Themen in dieser Welt zu behandeln, als immer nur andere Menschen zu beurteilen. Denn das ist deine Message, die in allem, was du schreibst, durchschimmert. Leg deinen Hass ab. Und beweg lieber was.

  • j

    nicht schon wieder so ein geistloses und dazu grauenhaft schlecht verfasstes gewäsch. ohnehin ist das doch witzig: ich frage mich, wie meltem überhaupt darauf kommt, sich diesen anstrich des intellektuellen ernsthaft geben zu wollen, wo sie doch nur auf amy&pink, der titten-muschi-seite für hipster veröffentlicht. naja, gleich und gleich…

  • Fosca

    Schönheit war immer ein Beschäftigungsgebiet der ‘Tiefe’ – es gibt keinen Widerspruch zwischen Schönheit und Tiefe.

    Aber Schönheit hat nur wenig mit Mode zu tun.

    Die Mode jeder Zeit endete doch nur wenige Jahre später in einem schamhaften “Ohgottohgott, wie konnten wir damals nur so rumlaufen.” – Na ja, wir waren jung und brauchten die Geltung.

    Mode ist m.E. nur eine, an den gerade aktuellen Zeitgeist angepasste, Verkaufs-Verpackung. Das gibt ihr in der Händler-Kultur, in der wir leben, eine geradezu irrsinnige Wichtigkeit.

    Der Händler tauscht, tauschen heißt täuschen, getäuscht werden wir mit der Oberfläche, tagtäglich, bei jedem Produkt – auch wenn’s um den Handel mit der eigenen Person geht.

    M.E. stehen die Chancen gut, dass diese Händlerkultur bald mit dem Geldsystem implodiert – und damit auch die Mode. Denn in einer Gesellschaft (die hoffentlich auf diese Implosion folgt), in der sich Menschen nicht mehr verkaufen müssen, wird die Verpackung uninteressant.

  • Lora

    Der Horziont vieler Menschen ist ein Kreis mit Radius Null, und das nennen sie dann ihren Standpunkt.

    Wunderbar, du sagst es und jeder der das abstreitet hat sich mit irgendwas identifiziert und denkt er müsste jetzt dagegen anpöbeln.

  • Tina

    in dem text werden worte wie “tiefgang” und “oberflächlich” wie bei einer 15-jährigen mit selbstfindungsstörungen verwendet. der grundgedanke ist ja klar, kann man auch nen text drüber schreiben. aber muss der dann “oberfläche und tiefgang” heißen?! haha, das klingt doch ironisch!

    …ach und der satzbau….

Jack & Jones