Fashion Week Berlin - Wer bist du überhaupt?

Während grau gekleidete Männer mit Kamera in der Hand ungeduldig darauf warten, einen Blick von Glitzer und Glamour zu erhaschen, stolzieren eilig nacheinander Menschen in den schrillsten Farben über den…
Fashion Week Berlin

Wer bist du überhaupt?

Während grau gekleidete Männer mit Kamera in der Hand ungeduldig darauf warten, einen Blick von Glitzer und Glamour zu erhaschen, stolzieren eilig nacheinander Menschen in den schrillsten Farben über den Teppich, lassen sich fotografieren und stolzieren dann ins Zelt. Es kann losgehen. Sehen und gesehen werden. Wir kennen es aus der Provinz genau so gut wie aus der Großstadt. Es ist das Spiel der Oberfläche und des großartigen Drucks, sich beweisen zu müssen, weil das Vertrauen in sich selbst fehlt, die Anerkennung fremder Menschen zur Nahrung wird. Es ist die Veredelung des Seins unter unendlich vielen, denn wer möchte schon einer dieser Normalen sein, die man vergisst?

Der Fotojournalist Helmut Fricke, der seit über 20 Jahren für die FAZ Bilder der großen Schauen in Mailand, New York, Paris und London einfängt, verrät mir im letzten Sommer ein Geheimnis. In Berlin ginge es nicht wirklich um die Mode. In dieser einen Woche gibt sich die Dekadenz erneut viel Mühe, wenn es darum geht, Vorurteile zu bestätigen, im Grunde genommen bloß immer wieder das zu zeigen, was wir von der Mode her kennen und was sie am besten beherrscht: Die Oberfläche.

Umso wichtiger sie aussehen, desto unwichtiger sind sie. Die Leute. Also stehen wir da, um Kleidung zu begutachten, die so teuer wie unnötig ist. Weil das Leben eben nicht nur aus Oberfläche besteht. Aber wir lieben die Mode, wir lieben Schönheit. Das ist auch nicht weiter schlimm, nein. Denn der Zeitgeschmack verschönert unser Leben. Unser Sehsinn existiert, saugt alles ein und macht das Leben lebenswert. Ein schönes Gebäude, ein schöner Mensch, schöne Kleidung. Wer liebt es nicht? Wir können und müssen nicht auf sie verzichten. Aber wisst ihr, worauf wir wirklich verzichten können? Auf das ganze Getue und die Künstlichkeit, das oberflächliche Handhaben mit der Mode.

Wer bist du überhaupt? Seien wir ehrlich, interessiert das jemandem in diesem Zelt? Nein. In dieser einen Woche kommen die Extremen der Extremen zusammen und blasen dir den Kopf weg. Bedauerlicherweise leben die Leute 365 Tage in dieser Art und Weise. Weil sie Geltungsdrang haben, weil sie sich nur durch ihr Äußeres definieren, weil sie leer sind und nichts anderes können als das, was eigentlich jeder kann: Sich zeigen. Die Klischees werden mit verdummenden Gesprächen bedient, die Einseitigkeit der Welt ist die Verkörperung des Modemenschen. Und genau das führt zum Status eines intellektuellen Stillstands.

Die Jolie-Redakteurin hat keinen blassen Schimmer davon, unter welchen Bedingungen Designer ihre Teile herstellen lassen, in der ersten Reihe dürfen verblödete Styleblogger statt renommierte Journalisten sitzen, alles schreit nach Individualität in einem Sumpf von Uniformierung, die Herkunft ist so egal, dass sie wieder zu egal ist. Dabei suggeriert Mode doch ständig, dass sie eine Sprache spricht. Und gleichzeitig alle Sprachen. Es ist die größte Heuchelei überhaupt. Warum? Die geistlose Collage will sich nicht mitteilen, sie will bloß angesehen werden. Keiner will normal sein, dabei sind sie es alle. Mit ihrem großen Wunsch nach Anerkennung.

In der Masse findet man dann aber vereinzelt die Besonderen, die anderen, die man kennenlernen muss, um zu begreifen, dass sie sich von der Masse abheben. Eine Elle-Redakteurin, unabhängige Blogger-Autoren, Journalisten großer Tageszeitungen, die Mode genauso sehr lieben, wie die Tiefe des Lebens. Wer aufhört zu suchen, bleibt stehen. Stereotypen gibt es überall, humorvoll wird es, wenn sie bestätigt werden, herausfordernd wird es, wenn sie das genaue Gegenteil verkörpern. Willkommen in der Welt.

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