Christian Ulmen im Gespräch - Mit Jonas zurück auf die Schulbank

Stellt dir vor, du wirst von deiner Mutter geweckt, die dir ins Ohr krächzt, dass du gefälligst aufstehen sollst, denn es ist Zeit für die SCHUUUUUUUULLLLE! Diesen wahr gewordenen Albtraum…
Christian Ulmen im Gespräch

Mit Jonas zurück auf die Schulbank

Stellt dir vor, du wirst von deiner Mutter geweckt, die dir ins Ohr krächzt, dass du gefälligst aufstehen sollst, denn es ist Zeit für die SCHUUUUUUUULLLLE! Diesen wahr gewordenen Albtraum hat Christian Ulmen durchlebt. Ganze sechs Wochen ist er jeden Morgen in die Rolle des 18-jährigen Jonas geschlüpft und hat den Alltag der Paul-Dessau-Gesamtschule im brandenburgischen Zeuthen aufgewühlt.

Hast du dich auf die Rolle von Jonas besonders vorbereitet?

Ja, ich glaub ja, dass ich gar nicht so weit weg bin von einem 18-Jährigen. Soweit ich das noch weiß, ist man da schon relativ fertig. Ich weiß mittlerweile mit 36 wie das mit den Steuern funktioniert und wie man ‘ne Versicherung abschließt. Außerdem erinnere ich mich noch ganz gut wie ich mit 18 so war und das hilft einem ganz gut so einen Vogel zu spielen. Ich muss ja keinen Alien spielen oder jemand, der aus einer anderen Kultur kommt. Die reden ja auch gar nicht so, wie die Leute von heute immer denken, so: „Ey voll fett und super krass“ und so. Die reden ganz normal. Sie reden halt wie Erwachsene, sind aber noch nicht so lange auf der Welt.

Du hast bestimmt Peelings, Beauty-Treatments oder OPs bekommen, damit du jünger aussiehst? Oder woher kam der frische Teint?

In der Tat bekam ich zwei Stunden lang, also ich bin immer um 4 Uhr aufgestanden, um 5 war ich in der Maske und hab so Packungen bekommen auf die Tränensäcke, damit die Ränder weg gehen und dann wurde mit einem kleinen Bändchen die Haut ein wenig angezogen, damit sie glatter ist und die Krähenfüße verschwinden und das alles wurde in der Perücke versteckt. Die Perücke war natürlich dickes langes Haar, dazu noch buschige Augenbrauen und mit diesen minimalen Mitteln sah ich jünger aus. Sich rasieren hilft auch!

Wie warst du früher in der Schule? Eher oder Clown oder hattest du ständig Beef mit Lehrern?

Hey nee, ich hatte eigentlich selten Beef mit Lehrern. Ich bin viel abgehangen mit Buddies in der Schule. Eigentlich war ich wie so ein Chamäleon. Hab mich in der Schule durchgetrixt. In Mathe war ich ein schüchterner und zurückhaltender Schüler, in Religion laut und krawallig… Je nachdem, wie es gerade so passte. In Mathe wollte ich nicht auffallen und hab deswegen keine gradlinige Persönlichkeit abgegeben. Wenn meine Eltern vom Elternsprechtag kamen, haben sie mir gesagt, dass sie einmal gehört haben, dass ich faul bin, dann dass du sehr fleissig bist, von einem anderen, dass du zu leise bist und bei einem anderen wieder warst du viel zu laut. Ich war von Fach zu Fach wirklich immer jemand anderes.

Würdest du noch mal zur Schule gehen wollen? Angeblich ist es ja die schönste Zeit?

Ich glaube ich hatte wirklich sehr großes Glück, dass ich in so eine harmonische Klasse gekommen bin. Wir hatten keine Außenseiter, kein Mobbing oder Dissen. Wir waren echt Freunde. Deshalb hab ich mich auch auf die Schule gefreut, aber nur weil ich mich auf die Leute gefreut hab. Den Unterricht fand ich oft peinlich, weil ich mich schämte an die Tafel geholt zu werden oder Angst hatte zu versagen. Das sind so Sachen, die mir heute noch Albträume bereiten.

Siehst du die Schule jetzt mit anderen Augen? Für den Fall, dass dein eigner Sohn sich beschwert, dass alles scheiße ist?

Ja, und was ich durch den Film erfuhr, was jetzt vielleicht wahnsinnig platt klingt, allerdings stimmt, dass Lehrer auch nur Menschen sind. Das ist eine furchtbare Erkenntnis, da man möchte, dass Lehrer Monster sind, was sie einerseits auch sind, da sie so viel Macht haben und über dein Leben entscheiden können. Deswegen sind Lehrer machtvolle Diktatoren, während der Schulzeit. Im Film merkte ich, da die meisten Lehrer so alt sind wie ich, dass die gar nicht so große machtvolle Heinis sind. In meiner Rolle als Jonas hatte ich mit einer Lehrerin ein Gespräch, wo sie mir erzählte, dass sie manchmal richtig traurig und depressiv ist, wenn Schüler ihr mitteilen, dass sie den Unterricht scheiße finden und die Hausaufgaben nicht machen. Die sind nämlich gar nicht so hart gesotten wie sie scheinen. Nicht alle! Es gibt auch die hart gesottenen Elefanten-Lehrer, die Arschlöcher sind und die gehören auch gedisst!

Beschreib mal das Gefühl, als du die Logarithmus-Aufgabe an der Tafel lösen musstest und kein Plan hattest.

Da habe ich mich wirklich wieder wie früher gefühlt. Die Stille, die Blicke von Schülern, teilweise mitleidig, teilweise gehässig oder auch schadenfroh. Der Lehrer, der mir auffordernd zunickt und da schnürt sich dann die Kehle zu. Man hat keine Ahnung, man wird gegrillt und jede Sekunde, die verstreicht, ist ein Stich ins Herz. Das Bewusstsein, dass es noch ewig dauert, bis man sich als Oberlooser wieder hinsetzen darf. Das fühlte sich unter der Perücke genau so an.

Gab es einen bestimmten emotionalen Moment, der dich beeindruckt hat?

Also was mich negativ beeindruckt hat, war… also ich hatte zwar früher in der Schule auch angst vor ‘ner 6 und Druck, aber ich hatte nie Angst vor der Zukunft. Ich wusste immer, wenn die Schule mal vorbei ist, wird alles gut, dann geht es erst richtig los und ich kann alles machen, was ich will, und ich werde schweinereich und vielleicht sogar Bundeskanzler. So naiv hab ich gedacht. Mir war zum Beispiel auch immer klar, dass ich mal beim Film lande, das hat mir auch nie einer weg genommen. Heute hab ich in der Schule mitbekommen, wird den Schülern gesagt, dass die auf der Straße landen oder Hartz IV bekommen, wenn die einen Test versemmeln. Diese Angst, die finde ich hammerhart. Das hat zum Glück nie einer bei mir gemacht.

Mir ist auch aufgefallen, dass die Schüler ganz pragmatisch überlegt haben, welchen Job sie wählen, damit sie mindestens 3000 Euro im Monat verdienen, um damit eine Familie ernähren zu können. Dabei zerplatzen dann sehr viele Träume, was ich sehr schade finde. Man macht dann nicht mehr das, worauf man Lust hat, sondern das, womit man die Pleite abwendet.

Hast du Hausaufgaben selber gemacht?

Nein, meine Hausaufgaben hab ich ja nie gemacht, also selber nie gemacht. Das waren ja die Parameter, ich muss alles selber machen. Auch den Logarithmus muss ich echt verstehen. Ich hab mich dann wirklich mit einer Schülerin nachmittags zur Nachhilfe getroffen und war abends einfach so platt, dass ich auch keine Hausaufgaben mehr geschafft hab. Wichtig war, dass wir alles so echt machen wie möglich.

Ein bestimmter Lieblingssatz von einem Lehrer?

Ja, der Mathelehrer hatte immer so Sprüche. Wie gingen die denn noch mal? „Was steht ihr alle hier auf’m Flur rum? Ist feucht zu Hause?“ Den hab ich auch nie verstanden! Die hab ich auch alle wieder verdrängt!

Deine Abi-Durchschnittsnote?

3,4

Lieblingslehrer?

Dr. Wilde! Das war ein begnadeter Deutschlehrer, der eine unglaubliche Kraft hatte uns zu motivieren. Fast wie die Robin Williams Figur aus „Der Club der toten Dichter“ und uns extrem inspiriert hat. So müssten eigentlich alle Lehrer sein. Ich finde eh, dass Lehrer auch ein Stück Entertainment drauf haben müssen. Das haben leider sehr wenige. Das braucht man aber, sonst lernt man nichts.

Lieblingsfach früher?

Deutsch

Fandest du es eigentlich auch mal cool, nicht nur von Arschkriechern umgeben zu sein, während den Dreharbeiten?

Ich umgebe mich eigentlich generell wenig mit Arschkriechern. Ich hab ja auch ‘ne Firma und begebe mich bewusst mit Leuten, die total anstrengende, schwierige Charaktere sind, mit denen man permanent in den Ring steigt. Arschkriecher riech ich drei Meter gegen den Wind. Mit denen hab ich eh wenig zu tun.

Hattest du Kopfweh vom Justin-Bieber-Haarschnitt?

Von dem Haarschnitt nicht, aber von den ganzen Nadeln, mit denen die Perücke in mein Haar gesteckt wurden. Das ist hart. Das tut weh!

Bist du mittlerweile cool mit Herrn Look?

Ja, ich bin mit all denen nie als Christian Ulmen in Berührung getreten. Das ist meine Grundregel: Wenn ich als Figur da bin, trete ich auch nur als Figur auf. Ich habe die als ich selbst alle nie wieder gesehen. Erst bei der Premiere dann.

Warst du aufgeregt vor dem Dinner mit der Musik-Lehrerin?

Ich war halt aufgeregt, weil Jonas aufgeregt war und es für ihn ein großer Moment war. Wenn man so lange eine Figur spielt, dann übernimmt man auch die Emotionen. Und darum: Ja, ich war aufgeregt!

Welchen Intellektuellen würdest du gerne mal hauen?

Hahahaha! Neee, fällt mir keiner ein. Ich weiß, was du meinst, und ich kenn auch den Impuls, aber mir fällt keiner ein! Ich schlage generell wenig, aber ich kenn die Fantasie sehr gut.

Wer ist der größte deutsche Depp, den du gerne mal wieder in die Schule schicken würdest?

Die komplette Belegschaft von diesem Saftladen hier (lacht ganz laut und ich zeige ihm den Mittelfinger) Nein, das wäre ja“¦. Also nein, das wäre die Höchststrafe, das würde ich nicht mal meinem größten Feind wünschen!

Wie viele Instrumente spielst du eigentlich, verdammt?

Schlagzeug, Gitarre und Klavier, aber ich spiele die alle nicht gut. Aber ich kann es immer so einsetzten wie einer, der alles super kann.

Schlagzeug oder Gitarre?

Schlagzeug! Ich würde immer das Schlagzeug wählen, weil es ein faszinierendes Instrument ist!

War es deine väterliche Geduld bei Bandproben, die da durch gedrungen ist. Wir spielen jetzt, bis du es kannst – vorher gehen wir nicht?

Das war reines Schauspiel. Ich bin von Natur aus sehr ungeduldig. Ich wäre der schlechteste Lehrer der Welt, weil ich es nicht ertrage, wenn jemand nicht sofort versteht, was ich meine, und das auch nicht sofort umsetzen kann.

Wenn du bis an dein Lebensende nur noch einen Song hören dürftest, welcher wäre das?

Ohh, das ist aber fies. Wenn man dann so einen Song überhört. Ohhhhh! Was ich zu Zeit immer wieder auf Repeat habe, ist von Udo Lindenberg unplugged mit Max Herre „No Future“. Aber ich weiß, dass es für mich „No Future“ wäre, wenn ich diesen Song jeden Tag hören müsste.

Deichkind, Die Sterne und Helge Schneider sind auf dem Soundtrack… Wie kam es zu dieser geilen Scheiße?

Die Sterne kannte ich noch aus MTV-Zeiten. Den Song „Was hat dich bloß so runiert“ fand ich ganz passend zu den Schülern. Das hat was von einer runierten Seele, die Schüler so demütigt. Helge Schneider haben wir einfach gefragt und der war grad im Studio in Mülheim und hat relativ schnell diesen Song ausgespuckt und bei Deichkind war es genauso.

Kommt man manchmal mit ausgebufften psychologischen Tricks, wie Schleimen, weiter als ein Streber?

Na klar. Ich glaube, dass Schleimen erlaubt ist. Man darf sich nur nicht erwischen lassen. Man muss gekonnt schleimen.

Zum Beispiel?

Na man sollte einem Lehrer jetzt nicht unbedingt aus dem Urlaub eine griechische Porzellangöttin mitbringen, sondern lieber einfach nur nett mal fragen: Wie geht´s? Einfach so wirken lassen, wie aufrichtiges Interesse.

Das unaussprechbare Schimpfwort?

Ich hab grad in Bayern gedreht, da haben sie mir ganz viele unaussprechbare Schimpfwörter beigebracht… Hab ich alle vergessen. Ich find Arsch immer noch am besten.

Wie war eigentlich der Bezug zu diesem „Aufpasser“? Weil eigentlich bist du ja der Ältere, als Christian und nicht Jonas!

Ich war fasziniert davon. Und wir waren ja mal saufen und Jonas war auch betrunken, aber ein wenig Resthirn von mir war auch noch da. Ich fand es interessant, dass dieser Typ in diesem Moment wie Gott war, weil er die derbsten Spirituosen mitgebracht hat, Brandwein und so, aber schreit dann rum, wenn man knülle ist, dass es reicht. So ein bisschen wie… der Herr hat’s gegeben, der hat’s genommen. Er ist der Gott der Parkplatz-Disko! Das war aber ein sehr warmherziger Mensch!

Wie war das Kantinenessen?

Da fand ich sehr interessant zu sehen, dass es extrem ungesund war. Es gab ständig Schnitzel-Brötchen oder Bouletten mit Mayo und Ketchup. Irgendwelche fettigen Gulasch-Dinger. Das hat mich erstaunt. Schließlich lernt man auch in der Schule, dass man sich gesund ernähren muss. Das war bei uns früher nicht so.

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