Blog Talk - Der ewige Kampf gegen die Trolle

Erinnert ihr euch noch an unseren überdurchschnittlich gut recherchierten Artikel über Trolle im Internet? Sehr gut. Denn uns hat einfach mal interessiert, was andere total wichtige Menschen im Internet so…
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Der ewige Kampf gegen die Trolle

Erinnert ihr euch noch an unseren überdurchschnittlich gut recherchierten Artikel über Trolle im Internet? Sehr gut. Denn uns hat einfach mal interessiert, was andere total wichtige Menschen im Internet so über die Leute denken, die einem alles mit nervigen Kommentaren und ätzender Hartnäckigkeit vermiesen möchten. Und warum sie denken, was denen daran so einen Spaß bereitet.

Also haben wir kurzerhand eine neue Rubrik aus dem Boden gestampft, in der wir ab jetzt immer fünf Blogger, Twitterer und andere Netz-Sympathisanten zu einem ganz bestimmten Thema befragen. Und ihre Antworten dann in einem Beitrag veröffentlichen. Ganz öde nennen wir das “Blog Talk” und die erste Ausgabe geht jetzt los. Also Jana, Wenke, Wolf, Heiko und Hannah: Was haltet ihr denn so von Trollen?

Jana Windoffer, Herausgeberin von Bekleidet

Erst letztens schrieb jemand unter ein Foto von mir, dass ich Elefantenbeine habe. Ganz abgesehen davon, dass ich mir selbst bewusst bin, dass ich vieles, aber bestimmt keine Elefantenbeine besitze, und ich nicht wissen möchte, welche gestörte Wahrnehmung dieser Mensch haben muss, kann ich mich nur am Kopf kratzen, wenn ich darüber nachdenke, welche Absicht dieser Kommentar haben soll.

Da sagt mir mal wieder jemand auf eine Art und Weise, dass ich, beziehungsweise ein Teil von mir, hässlich ist. Das kommt hin und wieder vor. Gut, ich bin keine Schönheitskönigin und jeder hat durchaus das Recht mich hässlich zu finden, aber wieso schreiben Leute mir das auch noch? Wieso sagt man einer hässlichen Person, dass sie hässlich ist?

Nicht, weil das ein gutgemeinter Hinweis ist, der dazu anregen soll, etwas besser zu tun. Es soll verletzen. Diese Art von Kommentaren hat die alleinige Absicht, dass ich mich schlecht fühle. Irgendein Mensch da draußen, der nicht einmal den Schneid besitzt, seine Identität preiszugeben, versucht mich zu verletzen, indem er mir virtuelle Beleidigungen an den Kopf wirft, die er mir vermutlich niemals ins Gesicht sagen würde.

Ich kann mich da leicht rein steigern, habe es schon oft genug getan und kann es hin und wieder noch immer nicht lassen, obwohl ich eigentlich weiß, wie sinnlos das Ganze ist. Denn jedes Mal, wenn ein Troll stirbt, wird irgendwo ein neuer geboren. Das ist die leidige Geschichte mit dem Versuchen es allen Recht zu machen.

Im November habe ich über die Hundetötung in der Ukraine geschrieben und irgendein Mensch da draußen hat mich als dümmlich und naiv beschimpft, weil ich über Tiere schreibe, wo es doch so viel anderes, wichtigeres Leid auf der Welt gibt. Und ich war einfach so wütend und tausend Dinge rasten durch meinen Kopf. Ich habe doch nie etwas anderes behauptet, ich bin mir doch bewusst, dass so viele furchtbare Dinge auf dieser Welt geschehen. Wieso sind Leute, die an Tiere denken, naiv? Wieso beleidigt diese Person, zwischen all diesen Millionen Menschen da draußen, die GAR NICHTS tun, gerade mich? Weil ich das für sie nicht wichtigste Leid herausgesucht habe? Wer setzt fest, dass Menschen wichtiger sind als Tiere?

Einige Tage später habe ich dann beim Surfen auf einem Blog, der bei einer Charity-Aktion für Aidskranke teilnahm einen anonymen Kommentar gefunden, der fragte, warum eigentlich nie jemand für den Tierschutz spendet, Aids-Kranke könne er nicht mehr sehen. Seit dieser Aktion habe ich einen für mich sehr zufriedenstellenden Weg gefunden. Wenn du dich nicht benehmen kannst, dann lösche ich deinen fein säuberlich geschriebenen Trollkommentar einfach und all deine Mühe war umsonst. Ich weiß doch, wie sehr dich das ärgert. Manchmal fühle ich mich wie eine Kindergärtnerin.

Wenke Walter, Herausgeberin von WENKEWHO

Ach ja. Trolle, diese Ratten des Internets. Ganz ehrlich: Mich stören sie gar nicht, sie erheitern mich eher. In ihren leider oft viel zu armseligen und inhaltslosen Kommentaren, empfindet man doch meistens nur Mitleid und ein bisschen Hass. Aber eben den guten und gerechtfertigten. Es ist doch so: Umso konstruktiver Kritik formuliert wird, desto ernster kann man sie auch nehmen. Gerade eben von fremden anonymen Hobby-Dissern lässt man sich halt nicht gerne in den Kakao spucken. Es ist ja schon schwer genug, gut gemeinte Verbesserungsvorschläge von Freunden anzunehmen.

Trolle muss es genauso geben, wie die Groupies. Sie sind ein Zeichen für die eigene geglückte Polarisierung. Sind wir doch mal ehrlich: Manchmal tut es verdammt gut, gehasst, gedisst und abartig hässlich weggetrollt zu werden. Leck’ mich Arsch und gibt dem gescheiterten Lebens-Opfer doch wenigstens einen kurzen Fick-Dich Moment. Ob man auf das Getrolle reagiert oder nicht, spielt sowieso keine Rolle. Der Hater kompensiert sein fehlendes “Whatever” nur in dem Moment seiner leeren Reflektion auf das eigene Geschaffene.

Von mir aus können sich diese ganzen armseligen Trollos zu einem 22-köpfigen Fußballteam mit pinken Teufeln auf den Trikots verbünden und mit hasserfüllten Gesichtern gegen die imaginären digitalen Stahlwände laufen. Stößt euch nur die Schädel zu Matsch, ihr Kaputten. Eure Hassparolen sind meistens leider doch nur farblose Hülsen und laute deplazierte Hilfeschreie. Sucht euch lieber einen Troll-Doc mit Abschluss und kommt gesund wieder.

Wolf Speer, Redaktionsleiter bei Game One

Trolle gab es schon immer. Nur hat das Internet diesen hyperaktiven Querulanten nun endgültig eine Stimme gegeben. Und wie auf dem Spielplatz bekommt der am meisten Aufmerksamkeit, der am lautesten schreit. Der gesunde Menschenverstand rät einem da, Störer, Nerver, Alles-scheiße-Finder doch einfach zu ignorieren – schon um sein eigenes Nervenkostüm zu schonen.

Aber selbst abgebrühte Online-Veteranen (oder die, die sich dafür halten) haben eine gewisse Leidensgrenze. Und wenn die erreicht ist, helfen alle gute Vorsätze nichts mehr: Man schwört sich hoch und heilig, keine einzige Zeile mehr zu veröffentlichen, weil das Internet offenbar voll ist von *zensiert* Idioten, die sich ihre *zensiert* Drecksmeinung gefälligst in den *zensiert* schieben können. Puh. Sowas tut kurzfristig gut.

Löst aber nicht das Problem. Denn würde man vor den Krakeelern, Meckerern und Streitsüchtigen einknicken, käme das einer Kapitulation gleich. Und so weit kommt’s noch, dass man sich von Leuten den Spaß an seiner Arbeit vermiesen lässt, zu deren Wortschatz “Ololol”, “Des funzt net” und “Shice” gehören. Außerdem: Auf jeden Kritiker kommen zehn wohlmeinende Leser, die das Geschriebene schlechtestenfalls nur okay, im besten Falle sogar absolut phänomenal finden, sich aber nicht die Mühe machen, ihre Meinung in einem mehrseitigen Kommentar mit der ganzen Welt zu teilen.

Ich glaube, dass der Großteil der regelmäßigen Leser und User einer Seite deswegen wiederkommt, weil er sich eben gut unterhalten oder informiert fühlt, also “seine” Seite gerne ansurft. Diese stillen Leser sind weitaus wichtiger und wertvoller als der tobende Mob, der jede Zeile, jedes Video, jeden Eintrag als unerträgliche Provokation begreift und mit der unerschöpflichen Energie eines übermüdeten Kleinkindes regelmäßig den Zwergenaufstand probt.

Freilich: Die Frage bleibt bestehen, WARUM so viele Menschen im Internet ihre Zeit und Kraft darauf verwenden, sich aufzuregen. Sollen sich Psychologen damit beschäftigen. Bis das endlich geklärt ist, rate ich jedem Seitenbetreiber zu einer gewissen Gelassenheit – es ist einfach nicht wert, sich über Trolle aufzuregen. Und richte noch einen Appell an die anderen, die richtigen, die “guten” User – Leute, ihr könnt das Problem auf einen Schlag lösen und die digitale Welt sofort ein bisschen besser machen:“¨ Don’t feed the trolls.

Heiko Hebig, Netzstrategieentwickler bei SPIEGEL Gruppe

Trolle verdienen keinerlei öffentlichen Beachtung, weil das genau das ist, was sie suchen. “Don’t feed the trolls” ist daher auch die einzig wirksame Reaktion auf solch ein Verhalten. Es ist daher auch nicht interessant, was das für Menschen sind oder was für eine Agenda sie haben. Trollkommentare sollte man löschen oder einfach nicht auf die Diskussion, die sie provozieren wollen, einsteigen. Das Internet ist groß genug für alle. Irgendwo werden auch diese Leute einen Spielplatz finden.

Ich vermute, viele Trolle fühlen sich sicher, weil sie anonym und mit gefakten Email-Adressen kommentieren. Sie sind allerdings nur in wenigen Fällen tatsächlich anonym. Jeder Troll hinterlässt relativ gut zuzuordnende Spuren und Muster. Diese Muster zu erkennen, fällt jedem relativ leicht, der über einen längeren Zeitraum ein Blog, ein Forum oder eine YouTube-Page administriert hat.

Auffällige Muster sind relativ einfach sperrbar. Und das habe ich bei allen meinen bisherigen Projekten auch genau so gehandhabt. Wenn Trollkommentare hetzerisch, ausfallend oder persönlich angreifend werden: Offline stellen. Nicht mehr, und auch nicht weniger.

Hannah Maria Paffen, Redakteurin bei AMY&PINK

Früher fand ich ja Geschichten und Mythen über Trolle recht interessant und spannend, heute sind sie leider ein Ausdruck für Hetzer und Neider im Internet. Stören tun sie mich die meiste Zeit nicht, manchmal finde ich es sogar recht amüsant, wie sich so mancher Mensch auf unseren Blog Luft verschafft und das ist wohl der einzige Vorteil der ganzen Geschichte. Wenn sie allerdings richtig beleidigend werden, einem drohen oder gewisse extreme Weltanschauungen vertreten, hat das nichts mehr mit normaler Trollerei zu tun, sondern mit Terror. Und das hat dann auf einem Blog auch nichts mehr verloren.

Manchmal liegt es wohl an dem Stand des Mondes, an den fehlenden Sauerstoffmangel in ihren Hirnchen, ihrer Bildung, weil sie einfach einen sauschlechten Tag hatten, drauf los trollen wollen oder man ihnen mit einem Text, einer Fotostrecke oder so auf den Sack gegangen ist. In regelmäßigen Abständen wird eigentlich jeder Autor bei uns mal gemobbt. Aber es hält sich meiner Meinung nach noch gut im Rahmen.

Wer genau hinter unseren Lieblingstrollen steckt, weiss ich nicht. Ich glaube noch nicht mal, dass es unbedingt nur Leser sind, sondern auch andere Blogger die uns einfach scheisse finden. Vielleicht fühlen sie manche Leute durch uns und unseren Auftritt unter Druck gesetzt. Im Internet haut man einfach mal schneller etwas in die Tasten, als wenn man es der Menschheit in der Fußgängerzone entgegenschreit oder sich die Arbeit macht und einen Leserbrief verfasst. Sie finden wohl nicht die Waage zwischen Show und Realität.

Ein Rezept gegen die Geschöpfe des Internets gibt es wohl nicht. Ich bin dafür, dass man unverschämte, perverse und drohende Trolle aus den Kommentaren verbannt. Vielleicht hilft es bei den weniger aggressiven, sich mit ihnen öfter mal auseinander zu setzen. Das hier ist das Internet, es besteht größtenteils aus Buchstaben. Nicht aus Gefühlen, Gestik und Mimik. Nicht jeder kann sich gut schriftlich ausdrücken, das verstärkt das Ganze wohl auch.

Eigentlich hat es das alles schon immer gegeben. Das Internet ist einfach der perfekte Nährboden für Trolle. In der Grundschule riskierte man noch Strafarbeiten, wenn man Kinder mit einer Brille hänselte, und musste sich am nächsten Tag mit dem Thema, den Eltern und Lehrern weiter auseinander setzen, anstatt einfach den Laptop auszuschalten.

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