Digitales Schamgefühl:

Digitales Schamgefühl - Blogpoesie und die zweifelhafte Berufung

Ich habe einst Poesie produziert; heute schreibe ich Abhandlungen. Ich habe in Fiktion und Fantasie gelebt, doch jetzt erzähle ich nur noch über mein echtes Leben. Die bizarre Zwischenwelt des…
Digitales Schamgefühl

Blogpoesie und die zweifelhafte Berufung

Ich habe einst Poesie produziert; heute schreibe ich Abhandlungen. Ich habe in Fiktion und Fantasie gelebt, doch jetzt erzähle ich nur noch über mein echtes Leben. Die bizarre Zwischenwelt des Schreibens wurde in seine elementaren Teilchen zersetzt, und statt Kopfkino regieren Fußnoten. Die Wörter bluten fortan aus meinen Fingerspitzen, ich erbreche mich in Themen und Positionen, aber nichts davon ist das, was ich mir vor Jahren heimlich für mich wünschte: eine Welt zu erschaffen, in die ich flüchten kann, und in die mir andere hinterherfolgen würden.

Das Schreiben ist für uns alle mehr als nur ein Kommunikationsmittel. Und wir haben alle mehr Ansprüche an unsere Publikationen gestellt als die meisten, die mit uns zur Schule gegangen sind. Aber irgendwann kam der Punkt, da waren die Inhalte nur noch zusammengesetzt aus rohen Ideen. Wer mit dem Bloggen lernt, Geschichten zu erzählen, der kennt nur die kurzen, knackigen.

Die, die man nicht mit Mühe und Kraft verstehen muss. Die meisten muss man nicht mal ganz lesen. Und wie soll ich nun mit den mir eingestampften Methoden erlernen, eine Dissertation zu formulieren – so richtig mit Fußnoten? Oder eine Geschichte von Fiktion zu schreiben, die irgendwann von einem richtigen Verlag veröffentlicht und vom richtigen Feuilleton rezensiert wird?

Das Schreiben wurde für uns zum Bedeutungsträger. Eine einzige Aktivität bündelte all unsere Gefühle und stellte sie adrett zur Schau, immer mit einem kleinen Schildchen in der Hand auf dem unser Name und der Zusatz “in künstlerischer Absicht” stand, so wie heute manchmal auf den Schildern “in ironischer Ausführung” gedruckt ist, damit keiner direkt weiß, ob man die Dinge nun persönlich so meint oder ob man nur einen entfernten Gedanken zu Ausdruck bringt. Wir waren von unseren selbstgesteckten Grenzen geschützt: das hier ist nur ein Blog, das hier ist nur Poesie, das hier ist nur Lyrik, das ist alles nicht ernst gemeint, sondern nur eine Übung, eine Bewältigung, eine Aufarbeitung.

Aber die Wahrheit ist: wenn es ernst wird, dann wird es plötzlich schwer. Ein einziger, stringenter Satz kann das Blut in den Adern der begnadeten Hobby-Schreiber zum kochen bringen; vor SCHAMGEFÜHL. Denn wir stellen fest: das Handwerk fehlt, die Leidenschaft ist nicht mehr dieselbe, die Ansprüche haben sich geändert.

Was, wenn die Leute deinen Namen googlen und sehen, was du vor Jahren geschrieben hast, und das, was du heute schreibst? Man sieht einen wesentlichen Unterschied: das damalige mag zwar unausgereift, naiv, vom Inhalt träge und langweilig und pubertär gewesen sein, aber das heute, das ist so unerträglich selbstgerecht, so dummschwätzerig, so eintönig, so bemüht und doch: gescheitert.

Der Witz ist doch: hier ist ein ganz neues Metièr entstanden, eines, das nichs halbes und nichts ganzes, aber doch ein eigenständiges ist. Sich in dieser Zwischenwelt aufzuhalten kann vielleicht für die einen als Avantgarde durchgehen, für die anderen ist es sicherlich nicht mehr als eine Übergangsphase, genauso, wie es der Bisexualität nachgesagt wird: eines Tages wirst du dich entscheiden. Dies oder jenes, man kann nicht alles, und schon gar nicht für immer.

Es ist nicht einfach, eine Person zu sein, die sich bloßstellt. Nicht nur vor dem Publikum, sondern auch vor sich selbst. Ich besitze ein Dokument, welches die vergangenen Jahre aus meiner Perspektive aufzeichnet. Und es gibt Dinge, an die möchte man nicht erinnert werden, selbst wenn sie für die damaligen Verhältnisse nicht schlimm waren.

Wie wäre es gewesen, hätte man auch schon vor 20 Jahren Handykameras gehabt? Es gibt Frisuren aus meiner Jugend, die will ich nicht mal vor dem inneren Auge haben. Und es gibt Schriften, die jagen mir eine Gänsehaut vor peinlicher Berührtheit ein, wenn ich sie wieder hervorhole. Das Prädikat muss nicht “schlecht” sein und nicht “gut”; es reicht, dass wir uns nicht mehr nur vor den Gelehrten, den Dozenten und den berechtigten Kritikern bloßstellen, sondern uns vor der ganzen (potenziellen) Nation zum Affen machen.

Alles holt mich ein, und ein einziger Satz wird mit dem Druck, ihn ENDLICH gut zu machen – damit es doch mal ein Zeitdokument gibt, auf das ich zufrieden zurückblicken kann – plötzlich zur kriegerischen Aufgabe, die mich blutend und seufzend auf dem Boden der Tatsachen zurück lässt: was ich mache ist, in aller Bescheidenheit, genügend, aber niemals überwältigend.

Es ist nicht die Realität, und es ist keine Fiktion. Es ist kein journalistischer Text, keine wissenschaftliche Arbeit, kein Tagebucheintrag, kein Roman, keine Kurzgeschichte. Es ist ein schriftliches Foto, das von mir geprägt wird. Den Narzissmus kann man dann einfach so stehen lassen, in der Hoffnung, dass Google eines Tages explodiert und ich die Feder der Bewältigung weglege, um mir einen richtigen Therapeuten und einen mit Würde tragbaren Jobsuche.

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