Ja oder Nein? - Das erste Mal

Immer wieder stehen wir in unserem Leben vor den kurzen und simplen Fragen, die sich durch Interpunktion nicht minder von einer Antwort unterscheiden, und suchen nach den besten und unkompliziertesten…
Ja oder Nein?

Das erste Mal

Immer wieder stehen wir in unserem Leben vor den kurzen und simplen Fragen, die sich durch Interpunktion nicht minder von einer Antwort unterscheiden, und suchen nach den besten und unkompliziertesten Lösungswegen. Ich spreche weder von akribischen Wurzeln der Mathematik noch vom Flexionssystem der nominalen Wortarten. Wir sitzen hier nicht im Unterricht von Frau Müller-Meyer, sondern im verfickten Schoß von Mister Life.

Der orangefarbene Anzug nimmt mir die Luft. Und das Augenlicht. Da nützt die tollste Rot-Grün-Schwäche nichts. Dieser furchtbare Anzug muss doch einfach Augenkrebs verursachen, denke ich während mich jemand auf der Ladefläche eines Mini-Flugzeuges absetzt. Wie kann die BSR mit solchen Anzügen arbeiten, die werden doch alle blind!? Unmöglich eine Antwort auf meine Frage findend, blicke ich verdutzt durch die verschmutzten Scheiben und sehe wie ich mich in Sekundenschnelle von der Erdoberfläche entferne.

„Kann man damit auch ins All fliegen?“ scherze ich doof in Richtung Pilot und fummele nervös an meinem Anzug herum. Ich öffne den Reißverschluss und schnappe überfordert nach Luft. Der große Mann, der mich grob auf die Ladefläche geschleudert hat, trägt den gleichen bescheuerten Anzug und beobachtet konzentriert den Luftdruck auf seinem Tacho.

„Stop!“ brüllt er den Piloten an und grinst mich gespannt an. Hilfe, ich schwitze und bin rot und sterbe in genau jenem Moment. Wozu noch springen? Nein, das war eine dämliche Idee „Haha, na klar“ zu einer lebensbedrohlichen Situation zu sagen. Warum will ich bloß immer so cool sein? „Uncool sein ist das neue In“, lege ich in meinen Kopf fest, doch dafür scheint es nun auch zu spät.

„Komm schon“, der Apfelsinen-Mann zieht mich an einem Arm hoch und schreit durch den überlauten Luftdruck in mein Ohr: „Denk an die Banane!“ Er stellt mich an den Ausgang vom Flugzeug. Die riesige Flugzeugtür öffnet sich und es wird weiß. So weiß, dass mir vor Augen schwarz wird. Das einzig Sichtbare sind Wolken in allen Formen und Bildern. Kurz blitzt der grüne Erdball unter mir auf als ich benebelt hinuntersehe. 4000 Meter, denke ich und spüre wie mich jemand kurzerhand und unüberlegt nach vorne schiebt und hinunterstößt. Schreiend fliege ich durch die dicke Wolkendecke hindurch“¦

Das war mein ERSTER Sprung aus einem Flugzeug. Sky-Diving nennt man das, damit es „cool“ klingt. Ist es aber überhaupt nicht. Als ich damals an meinem zweiten Aufenthaltstag in Sydney aufwachte, fragte mich mein Room-Mate ganz nebenbei: „Kati, morgen Sky diven?“, schlaftrunken, einer Pro-Contra-Konversation dieser Uhrzeit noch nicht fähig, streckte ich meinen Daumen hoch und sabberte „Haha, na klar“ in mein Kissen.

So passieren diese Sachen immer. Schläfrig, betrunken, bewusstlos. Nämlich in einem anderen Zustand als der, in dem man bei solchen Entscheidungen eigentlich sein sollte. Dinge, die man einfach so tut, ohne dass jemand danach gefragt hätte. Oder es irgendwie cool wäre. Ich habe mehr idiotischen Schwachsinn in Australien gemacht als irgendwer in meiner Familie oder unter meinen Freunden vermutet hätte. Ich wurde in einem Käfig herabgetaucht und habe Haien zugewinkt, stand einem Krokodil in einem „Betreten verboten!“-Gebiet gegenüber und bin nackt, nur mit einem Topf auf dem Kopf bekleidet, in der Küche eines Vier-Sterne-Hotels aufgewacht.

All das habe ich seitdem nie wieder getan. Vielleicht bin ich mittlerweile zu erwachsen geworden oder es war so schlimm, dass ich es nie wieder tun könnte oder es liegt ganz einfach daran, dass ich mich nicht mehr in einem Land aufhalte, in dem mich keiner kennt. Die Problematik der JA- oder NEIN-Entscheidungen liegen meist auch nicht fern anderer, an uns gebundener Personen.

So stellt sich dieses Scheininstrument auch oft als Klarinette statt Flöte in einer Beziehung dar. Fremdgehen. Da kann man so oft man will aus dem Flugzeug springen, diese Entscheidung wird dich noch viel länger mit Gewissensbissen verfolgen als du möchtest. Nur das Furchtbare daran ist, zu einem Seitensprung sagt die Menschheit schneller JA als zum Sprung aus 4000 Meter Höhe. Kostet ja auch nix.

EINMAL das Rein-Raus-Spiel durchziehen und das war es dann schon. Als wäre quasi nichts passiert. So denken einige, aber so einfach ist die Fauxpas nicht zu revidieren oder ad acta zu legen. Vorher wird die Beziehung erst zu einem ungemütlichen Knäuel an Intrigen, Rachefeldzügen bis hin zum Exitus Letalis. Manchmal findet der Seitensprung auch ein gutes Ende. Aber dieser ist kein unüberlegter Luftsprung, der einer Spontanität der Leichtigkeit des Seins entspringt.

DAS ERSTE MAL Sex. Das mag noch eine ganz andere Liga sein. Da ist alles so spannend, so neu, so geplant (vielleicht?) und so tollpatschig. Eine schöne erste Erfahrung, die unter uns doch jeder gemacht hat. Ob früher oder später. Aber mindestens genauso wichtig und interessant. Diese Entscheidung wird uns im Teenie-Alter ganz automatisch abgenommen.

Wir strömen mit dem Fluss des Erwachsen-Werdens auf die Insel der Einzigartigkeit zu. Wer dazu NEIN sagt, der ist irgendwie kaputt. Oder 6 Jahre alt. Daraufhin folgt die ERSTE Zigarette, der ERSTE Job, die ERSTE Wohnung und irgendwann haben wir alles schon das ERSTE Mal gemacht und erfreuen uns an kleinen Dingen, die wir nur einmal im Leben machen werden und die uns begeistern. Mal einmal. Mal zweimal. Vielleicht aber auch ein Leben lang… JA oder NEIN?

ASOS

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NA-KD

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