Allahs Weihnachtsmann - Meine Sehnsucht nach Festlichkeit

Eine Million Schnee-Engel. MINDESTENS. So viele habe ich mit meinem riesigen Lockenkopf in meinem dicken, großen Mantel schon in die weiße Wolkendecke auf dem Boden gedrückt. Ich konnte stundenlang im…
Allahs Weihnachtsmann

Meine Sehnsucht nach Festlichkeit

Eine Million Schnee-Engel. MINDESTENS. So viele habe ich mit meinem riesigen Lockenkopf in meinem dicken, großen Mantel schon in die weiße Wolkendecke auf dem Boden gedrückt. Ich konnte stundenlang im Garten liegen und die Schneeflocken mit meinem Mund auffangen. Es war niemals kalt. Der warme Atem aus meiner Nase hüllte den Rest meines Körpers in eine tropische Klimazone. Die Grashalme, die über den Schnee hinausragten, waren meine Freunde. Auch sie blickten in den Himmel und suchten nach dem Weihnachtsmann.

An den habe ich nämlich geglaubt – ich dachte nur, er hätte mich vergessen. Davon erzählte ich meinen Eltern natürlich nichts. Ich erzählte ihnen nicht, dass der Prophet Mohammed und der Weihnachtsmann ein Abkommen erzielt haben, welches besagt, dass auch die islamischen Kinder ab sofort einen Adventskalender, einen geschmückten Weihnachtsbaum und am 24. Dezember Geschenke bekommen sollten. Mein von Allah gesandter Weihnachtsmann hatte entweder noch nicht mit seinem Job angefangen – die Bürokratie, wahrscheinlich – oder er hatte mich vergessen. Ich war ja in Deutschland, also in der Zone des Weihnachtsmannes für deutsche Kinder, da musste er erst mal darauf kommen.

Natürlich war ich noch ein paar Jahre traurig, aber meine Mutter gab sich redliche Mühe, die Instrumente der Besinnung auch in die kultureigenen Rituale mit aufzunehmen. Am Opferfest wurde eine Palme geschmückt, der Nikolaus brachte im Stiefel Koranverse und Datteln, und einen Adventskalender gab es zum Ramadan. Für jeden erfolgreich gefasteten Tag öffnete sich ein Türchen. Allahs Weihnachtsmann machte also durchaus Fortschritte. Trotzdem kam unweigerlich irgendwann das Schulterzucken und die Erkenntnis, dass wir Weihnachten einfach nicht feiern. Und weil wir so weit weg waren von einer Gemeinschaft, die das große Feiern der eigenen Feste gerechtfertigt hätte, feierten wir irgendwann auch nicht mehr wirklich die eigenen.

Trotzdem haben wir unsere eigenen, kleinen Traditionen. Unser Weihnachten ist eine Phase der stehengebliebenen Zeit. Die Läden haben geschlossen, unsere Freunde verbringen die Feiertage mit ihren Eltern und Familien. Meine Mutter hat meistens vergessen, dass der Einkauf noch getan werden muss und so ernähren wir uns drei Tage von Resten oder TK-Pizzen. Wie paralysiert starren wir auf das Trash-Angebot im Fernsehen oder gucken, wie jedes Jahr, alle Star-Wars-Folgen hintereinander, denn eine andere Art die Zeit totzuschlagen gibt es nicht.

Seitdem mein großer Bruder einen Führerschein besitzt, verbringen wir jeden Heiligabend bei McDonald’s, dem einzigen offenen Fast-Food-Laden in der Umgebung. Dort hängen auch die anderen Ausländerkinder ohne Weihnachten rum. Am ersten oder zweiten Weihnachtsfeiertag wird hauptsächlich viel geschlafen. Manchmal gehen wir auch feiern – aber nur, wenn sich unsere Freunde mobilisieren lassen.

Manchmal, wenn ich ehrlich bin, dann vermisse ich die Schneeengel-Illusion meines arabischen Weihnachtsmannes. Die Weihnachtsbäume und die Lichterketten und die Geschenke brauche ich gar nicht, obwohl sie natürlich eine gewisse Existenzberechtigung innerhalb der Traditionen haben. Aber ich sehne mich nach etwas. Eine gewisse Zufriedenheit am Jahresende, die mit einem Event einhergeht.

Ich finde es schön, dass die Menschen sich zwingen, zusammen zu kommen. Dass sie füreinander Weihnachtsessen machen und den Anlass – irgendeinen Anlass, aber Weihnachten ist dafür in der Eiseskälte am Ende des Jahres, mit all dem dichten Rückblick-Nebel, natürlich besonders gut dafür positioniert. Feiern, um sich wieder zu sehen, oder einfach nur nett zueinander zu sein.

Viele sagen ja, sie bräuchten sowas nicht. Beschenken kann man sich das ganze Jahr und seine Familie sehen sowieso. Aber ich glaube daran, dass eine Konvention, so absurd sie vielleicht in ihrem Ursprung sein mag, doch auch etwas Gutes mit sich bringen kann. Weihnachten ist so ein ganz besonderes Phänomen, dass man verklären kann und scheisse finden kann, was von außen – also von mir aus – aber ganz wunderbar ist. Man teilt, in gewisser Hinsicht. Es nicht zu teilen bedeutet auch nicht dazu zu gehören, genauso wie die meisten nicht zu den Ritualen unserer Familie dazu gehören.

Weihnachten bleibt für mich persönlich wahrscheinlich für immer eine Versinnbildlichung meiner inneren Zerrissenheit. Obwohl ich nichts verpasse – obwohl meine lieben Freunde sich beste Mühe geben, dieses Fest nicht zu einem religiösen oder anders bedeutungsgeladenen zu schustern – ist es so, als wäre ich nur ein Beobachter am Schaufenster. Jemand, der die teure Ware nur als billigen Abklatsch haben kann, oder nur zur Hälfte. Das fängt meistens schon damit an, wenn die Leute in ihren Wünschen steckenbleiben. “Frohe Weihnacht… ach so, ja, du feierst ja nicht! Sorry”. Aber das ist nur so, weil ich es jedesmal auch erwähnen muss: “Ach, naja, ich feiere ja kein Weihnachten.” Die Zwickmühle kommt vom tiefsten Inneren, als wäre diese Spaltung unveränderlich.

Aber trotz der Sehnsucht nach einer Festlichkeit, die mich einschließt, bin ich auch ganz froh zu meinen Eltern zu fahren, mich dort in den Keller zu setzen, zu warten, bis meine Mutter Panik wegen der Einkäufe kriegt und mit der Familie Schwachsinns-Fernsehen oder ewige Wiederholungen zu gucken. Irgendwie hat das ja auch was, wenn wir, ganz für uns alleine, in unseren eigenen, eigentümlichen Traditionen Weihnachten feiern.

Guess

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