Aloe Blacc im Gespräch - Hip Hop ist nicht fortschrittlich

Der kommerzielle Hip Hop der Gegenwart wird gestaltet von Beispielen misslungener Integration mit dürftigen Sprachkenntnissen, Ideologien der Intoleranz gegenüber Frauen, Homosexuellen und allen anderen Menschen, die vom jeweiligen Interpreten abgelehnt…
Aloe Blacc im Gespräch

Hip Hop ist nicht fortschrittlich

Der kommerzielle Hip Hop der Gegenwart wird gestaltet von Beispielen misslungener Integration mit dürftigen Sprachkenntnissen, Ideologien der Intoleranz gegenüber Frauen, Homosexuellen und allen anderen Menschen, die vom jeweiligen Interpreten abgelehnt werden und einer Lyrik, die das oberflächliche, materielle Leben verherrlicht. Nicht nur in Deutschland, sondern global.

Das erfreuliche Gegenbeispiel ist Aloe Blacc, der es mit seinem Song „I Need A Dollar“ zu überraschendem Erfolg gebracht hat. Er verteilt seine positive Energie mit einer unverwechselbaren Stimme und appelliert künstlerisch, wie kein anderer, an junge und alte Menschen. Mit seiner eigenen Philosophie stärkt er jeden Zuhörer und macht aufmerksam auf die kleinen Dinge im Leben.

Mit Exile im Hip-Hop-Duo Emanon setzt sich Aloe Blacc aber auch mit dem Ernst des Lebens auseinander. Dennoch erzielt die tiefe Melancholie die Wirkung des Verstandenwerdens, was im jungen Alter genau das ist, wonach wir uns sehnen. Während seiner Deutschlandtour hatten wir in Frankfurt die Gelegenheit mit ihm über das Glück im modernen Leben zu sprechen.

Aloe Blacc ist dein Künstlername. Eigentlich heißt du ja Egbert Nathaniel Dawkins III. Dein Vorname Egbert bedeutet übrigens „Glanz der Schwertspitze“ und kommt ursprünglich aus Sachsen. Warst du da eigentlich mal?

Nein, ich war noch nie in Sachsen. (Etwas verwirrt und erstaunt) Welcher Name ist Deutsch? Egbert? Es bedeutet „Glanz der Schwertspitze?“

Genau. „Glanz der Schwertspitze“.

Das bedeutet Egbert also. Hmm, okay, das ergibt Sinn. Aber ich war noch nie in Sachsen. Kannst du mir ein paar Städte nennen?

Leipzig?

Aah, ja, da war ich! Glanz der Schwertspitze. Yeah, wie das chinesische Schwert. (wir lachen)

Also erzähl’ uns davon, wie die Liebe zwischen dir und der Musik begonnen hat.

Ich habe mit der Musik angefangen, als ich sehr jung war. Ich war ein großer Hip-Hop-Fan. Ich war ein B-Boy und habe Breakdance gemacht. Die Liebe zur Musik habe ich benutzt, um MC zu werden und Texte zu schreiben. Mit den Jahren begann ich, meine eigenen Hip-Hop-Tracks aufzunehmen und sie dazu zu benutzen, um etwas über Soul, Funk, Rock, Salsa und andere Genres zu lernen.

Damals warst du 16. Wärst du jemals auf die Idee gekommen, heute hier ein Interview zu geben, sowohl als Künstler als auch Weltstar?

Nooo. Nooo. Ich war sehr jung, als ich mit dem Typen dort drüben (zeigt auf Exile) mit der Musik begann. Wir waren auf der High School, machten Musik und hatten Spaß dabei. Wir haben niemals darüber nachgedacht, später internationale Stars zu werden.

Wie definierst du die Musik für dich selbst?

Ich definiere Musik als Glück. Es ist meine Quelle für Trost. Es ist das, womit ich mich ausdrücke. Aber es macht mich glücklich, wenn ich andere Menschen mit meiner Musik glücklich mache. Also sehe ich darin Glück.

Alle rappen ständig von ihren Problem in einer ziemlich traurigen, depressiven, fast aussichtslosen Stimmung. Woher schöpfst du diese positive Energie, diesen Willen zur Verbesserung, zum Fortschritt?

Ich denke, wenn es zur Musik kommt hört jeder zu. Junge Menschen, alte Menschen. Und ich möchte Musik machen, die jungen Menschen zur Inspiration dient. Natürlich könnte ich über deprimierende Dinge singen, was ich auch in manchen meiner Lieder getan habe, aber ich möchte auch Musik kreieren, die positiv ist, die jungen Menschen eine Chance gibt, inspiriert zu werden. Deshalb habe ich Hip Hop für eine Zeit hinter mir gelassen, denn ich hatte das Gefühl, er sei gefährlich für die Gedanken junger Menschen, auch gefährlich für mich.

Hip Hop ist nicht fortschrittlich. Ich konnte nicht damit wachsen. Und ich wollte die Musik nutzen, um verschiedene Emotionen auszudrücken und reifer zu sein. Das ist der Grund, warum ich zum Soul gelangt bin. Ich denke, Hip Hop bringt Einschränkungen mit sich und schränkt sich selbst ein. Es sind Einschränkungen, die ihn davon weghalten, großartig zu sein. Wenn Hip Hop inspirierender wäre, könnte es wirklich großartiger sein.

Dein Song „Green Lights“ ist sehr inspirierend. War da einfach plötzlich das grüne Licht oder was geschah Besonderes an dem Tag, an dem du „Green Lights“ geschrieben hast?

Ja. Ich fuhr gerade durch Hollywood und hatte nur grünes Licht vor mir. Es waren bestimmt sieben Ampeln, an denen ich vorbei fuhr. Und so kam es zu dem Song.

Mit Exile als DJ und Produzent rappst du im Duo Emanon. Wann entscheidest du dich für das Rappen, wann für das Singen? Was für eine Bedeutung hat die jeweilige Kunst der Stimme?

Die Stimme erlaubt die Melodie und Melodie ist aussagekräftig. Man kann die Melodie dazu nutzen, um eine Emotion auszudrücken, und genauso sehr können Melodien benutzt werden, um Geschichten zu erzählen ohne Lyrics, ohne Worte. Wenn der Melodie Worte hinzugefügt werden, wird eine noch stärkere Kombination kreiert, um eine Message auszudrücken. Ich finde Gefallen daran, eine Melodie mit Stimme zu benutzen, also zu singen. Denn es hilft mir mehr auszudrücken, als nur mit der Stimme im Hip Hop.

Sieht man sich die ganzen Features an, könnte man meinen, weltbekannte Musiker verdienen nichts (ironisch). Wie einfach aber ist es wirklich, sich heutzutage dem Kommerziellen zu entziehen und sich nicht fremd zu gehen? Ist die Versuchung groß?

Ich denke, die Versuchung ist für einen neuen Künstler, der keine etablierte Historie hat, sehr groß. Glücklicherweise bin ich schon sehr lange in diesem Business. Ich hatte die Chance, mich zu einem Erwachsenen zu entwickeln und heranzuwachsen, der die Richtung, die er gehen wollte, selbst ausgewählt hat.

Viele junge Künstler haben nicht die Wahl, weil Erwachsene ihnen sagen, was sie zu tun haben, und wie sie es zu tun haben. Ich denke, es ist sehr schwierig. Da gibt es viele verschiedene Dinge, die für einen Künstler eine Falle darstellen können. Ich bin glücklich, dass ich mich damit nicht auseinandersetzen muss, denn ich bin älter.

„I Need A Dollar“ ist dein Durchbruch gewesen. Die Welt will im Entferntesten Sinne seinen Dollar zurück. Wie bewertest du die Occupy-Bewegung? Was muss geschehen, damit die Leute ihren Dollar zurück bekommen?

Ich denke, die Occupy-Bewegung ist womöglich der beste Beginn einer neuen Strömung, die weltweit stattfindet. Wir sehen in Großstädten auf der ganzen Welt Menschen, die über die Regierung, den Kapitalismus und die Banken aufgebracht sind, und es muss sich etwas ändern. Ich denke, es gibt eine Sache, dir wir alle tun können, viel eher noch als öffentlichen Raum zu besetzen. Es ist natürlich wichtig ein Statement zu machen, indem öffentlicher Raum besetzt wird. Aber jetzt müssen wir uns selbst organisieren, und unsere Ausgaben besetzen.

Wir müssen uns stärker bewusst machen, wie wir unseren Dollar ausgeben. Ich nenne es „Occupy your wallet“. Wenn du dich weigerst, Geld an Plätzen zu lassen, denen du nicht zustimmst, werden sie nicht dein Geld haben, um es auch zu benutzen. Es betrifft alles, was ein Unternehmen involviert. Sei es Sklavenhandel und Sklavenarbeit in ihrer Lieferkette, oder Unternehmen, die nicht ihre Steuern bezahlen, forsche nach! Du hast die Entscheidung, ob du ein Produkt von diesem Unternehmen kaufen willst oder nicht.

Das ist ein tolles Statement! Und wie sieht Amerika wirklich aus? Wie viel Wahrheit liegt in der HBO-Serie “How To Make It In America”, der du deinen musikalischen Erfolg zu verdanken hast?

Die TV-Serie ist irgendwie realistisch. Es scheint, dass es damit übereinstimmt, wie junge Leute versuchen, ihr Leben zu leben, in Großstädten wie LA und New York. Es erinnert mich sehr an meine Freunde. Jeder drängt danach, sein eigenes Business zu machen, ohne für jemand anderes zu arbeiten.

Schönheit ist ein großes Thema in der Serie. Was bedeutet für dich Schönheit?

Ich weiß nicht. Das habe ich für mich noch nie beantwortet. Was ist die nächste Frage? (lachen) (Wir verlinken an dieser Stelle trotzdem gern zu dem passenden Video)

Was bedeutet Mode für dich?

Mode ist für mich ein Weg, Aufmerksamkeit zu erlangen. Ich bin ein Geschichtenerzähler. Ich mag es, Geschichten zu erzählen, meine Worte zu benutzen. Es geht in erster Linie darum, dass Menschen zuhören. Da wir in einer visuellen Kultur leben, kann Mode dabei helfen, dass Menschen dich erst einmal ansehen. Und dann können sie zuhören. Auf dem Cover meines Albums trage ich einen netten weißen Anzug mit einer orangenen Fliege. Ich denke, dieses Bild fällt wahrscheinlich auf. Und wenn es genug Aufmerksamkeit auf sich zieht, dass jemand eine CD kauft oder dem Lied zuhört, dann hat die Mode funktioniert.

Deine Texte sind zeitlos. Du hältst an Traditionen fest. Glaubst du das moderne Leben hindert den Menschen am Glück?

Ich denke, dass das moderne Leben in vielerlei Hinsicht, und vor allem spreche ich dabei ausdrücklich von unserer Konsumkultur, sich um die Depression bildet. Denn die Art und Weise, wie Werber vermarkten, sieht so aus, dass sie suggerieren, der Konsument sei nicht zufrieden. Und um zufrieden zu sein, muss man also das Produkt kaufen. Es ist ein fortlaufender Zyklus, indem ein Konzept gepusht wird, das dich nicht erfüllt und dich nicht zufrieden stellt und dir sagt, du musst dieses und jenes kaufen, um erfüllt und zufrieden zu sein. Es ist bedauerlich, es ist wirklich nicht die Art, wie wir leben sollten.

Um bei der letzten Frage zurück auf deine Musik zu kommen, möchten wir wissen, in welchem Genre wir dich in Zukunft hören dürfen. Du bist sehr offen für verschiedene Genres. In welchem würdest du dich selbst gerne noch ausprobieren?

Ich würde gerne Jazzvocal versuchen. Es ist etwas, dass ich bisher nicht gemacht habe. Es ist sehr schwierig für mich, aber Jazz ist wunderschön und einige meiner Lieblingssänger sind Jazzsänger. Es ist einfach schwierig, denn ich wachse noch immer als Sänger, ich lerne noch immer zu singen. Das wäre der nächste Schritt.

Gibt es da einen Sänger, mit dem du zusammen arbeiten würdest?

Vielleicht Stevie Wonder oder Quincy Jones.

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