Schweigen aus Angst - Türken und die rechtsextremen Morde

Die Autorin Deniz Baspinar kritisiert in ihrem Artikel “Wir sind Döner” auf Zeit Online, dass Türken in Deutschland in Internetforen “angeregt Bushidos Bambi-Verleihung” diskutieren statt sich zur Mordserie von Rechtsradikalen…
Schweigen aus Angst

Türken und die rechtsextremen Morde

Die Autorin Deniz Baspinar kritisiert in ihrem Artikel “Wir sind Döner” auf Zeit Online, dass Türken in Deutschland in Internetforen “angeregt Bushidos Bambi-Verleihung” diskutieren statt sich zur Mordserie von Rechtsradikalen zu äußern. Eine dieser „Türken“ bin auch ich. Warum? Ganz einfach: Aus Angst. Die Vermittlung und Definition von gelungener Integration, mit Beispiel anhand Bushido als suggerierende Vorbildfunktion für die Masse, macht mich wütend und gleichzeitig freut es mich, dass ich mit meiner Meinung nicht allein stehe. 1000 Gründe könnte ich nennen, warum Bushido den Integrationspreis nicht verdient und wer ihn stattdessen bekommen sollte, aber nicht einen Satz konnte ich bisher zur Mordserie äußern.

Weil ich über die Geschehnisse nicht einmal habe nachdenken wollen, um mir eine Meinung zu bilden. Denn während der Austausch über eine Fernsehpreis-Verleihung eine Diskussion zur Genugtuung und eigenen Überlegenheit hervorrufen kann, ist die Auseinandersetzung mit dem Tod von Migranten einfach nur erschreckend. Im Bekanntenkreis und der Familie war sie schon immer da. Die Angst vor der Wiederholung der Geschichte und die Angst, sich eines Tages in der Rolle der Opfer des Antisemitismus wieder zu finden. Ich selbst würde niemals so weit gehen, Vorahnungen solcher Art zu äußern, obwohl die NS-Diktatur Deutschlands gerade einmal 70 Jahre her ist, die Gastarbeiter nur – viel zu früh – 20 Jahre später kamen.

Dazu schenkt mir die Regierung staatliche Einrichtungen wie Universitäten und ein deutscher Freundes- und Bekanntenkreis einer aufgeklärten Generation ausreichend viel Sicherheit und Vertrauen, als dass es in den nächsten Jahren wirklich dazu kommen könnte. Doch es ist nicht so, dass ich die Angst weder nachempfinden noch nachvollziehen kann. Während mein Vater vor dreißig Jahren Ausländerfeindlichkeit in der Fabrik von seinen Arbeitskollegen zu spüren bekam, saß auch ich aus demselben Grund oft mit Tränen überströmten Gesicht lange nach Schulende in den leeren Räumen des deutschen Gymnasiums, das ich besuchte.

Mein Vater verstand viele der Beschimpfungen nicht, erahnte sie aber. Ich selbst beherrschte die Sprache so gut, dass ich mich mit Worten noch verteidigen und wehren konnte, wären manche der Beleidigenden eben nicht Lehrer gewesen. Aber von Rechtsextremismus war da nie die Rede, höchstens von Diskriminierung und die haben leider bekanntlich alle Art von Menschen, die von der Norm abweichen, zu spüren. Doch auch in Darmstadt, wo ich zur Schule ging, wurde 1994 ein Türke von einem Rechtsextremisten ermordet. Die 2005 zur Miss Deutschland gewählte Asli Bayram wurde nicht nur von einem Nationalsozialisten verletzt, sondern verlor auch ihren Vater bei dem Anschlag.

Es war Mord, geplant vom eigenen Nachbar, einem Deutschen. Für Asli Bayram war es dennoch nie ein Grund, sich selbst nicht Deutsch fühlen zu können und zu dürfen. Sie ist in Deutschland zu Hause, bezeichnet es als „mein Land“, obwohl es im Alltag Tag für Tag Situationen gibt, in denen man sie spüren lässt, dass sie nicht dazu gehöre. In einem Interview von 2009 auf Zeit Online gibt sie zu, dass diskriminierende Sprüche, mit denen sie sich auseinanderzusetzen hat, aus Hass hervor gehen können oder aus Genervtheit. Doch sind es diese hasserfüllten Sprüche, die zu einer Bedrohung führen können? Wird Rechtsradikalismus im Alltag wirklich verharmlost? Der Täter jedenfalls, der Aslis Vater vor ihren Augen niederschoss, bekam mildernde Umstände.

Heute schämt sich die deutsche Politik so sehr, dass Christian Wulff die Angehörigen der Opfer der Neonazi-Mordserie nicht nur zum Gespräch ins Schloss Bellevue eingeladen, sondern die gesamte ihr Beileid ausspricht. Der deutsche Staat nimmt Verantwortung, setzt sich mit der Mordserie in einem starken Grad der Ernsthaftigkeit auseinander, um zu beweisen, es gibt kein Ihr und Wir mehr. Gerade nicht, wenn vor wenigen Wochen das Abwerbeeinkommen gefeiert wurde. Doch Meike Fries stellt in ihrem Kommentar erneut den Alltagsrassismus als eigentliches Problem dar. Es dürfe nicht bei großen Gesten und Symbolpolitik bleiben.

Es ist nicht so, dass ich es überhaupt nicht spüre, die Diskriminierung, die Ausgrenzung. Aber mit westlicher Kleidung, blasser Haut und einem akzentfreien Deutsch passiert es mir, seitdem ich das Abitur abgeschlossen habe, nicht häufig, dass ich mit solchen verärgernden Alltagssituationen konfrontiert werde. Das liegt sicher daran, dass ich nur mit Menschen verkehre, die ein Land nicht als ihren eigenen Besitz betrachten, in dem kein Platz für Andersartige ist. Respektvolle, tolerante Menschen, die sich über eine Bereicherung an Kulturen, gar Identitäten erfreuen, und diese mit Neugier und Offenheit willkommen heißen. Doch das heißt natürlich nicht, dass es die Intoleranz, die aus Dummheit hervorgeht, weil es an Auseinandersetzung fehlt, nicht gibt.

Das Scheitern der Integration führt zu Vorurteilen und Verallgemeinerungen. Schuld an dem Mord sind nach wie vor Menschen, die mit einem menschenverachtenden und hasserfüllten Weltbild erzogen und gebildet werden. Der Prozess der Integration ist noch lange nicht beendet, das zeigt auch die Mordserie, die nicht unbedingt als Reaktion zu betrachten ist, aber eben ganz deutlich macht, dass die Ankunft der Gastarbeiter noch lange nicht akzeptiert wurde. Was können wir also wirklich gegen Rechtsextremismus tun? Wenn Politiker Vorbildcharakter annehmen und ihre Schuld eingestehen, ist das der erste Schritt. Wenn nach Möglichkeiten gesucht wird, die NS-Partei zu verbieten, der zweite. Aber durch das Eingreifen und nicht das bloße Zusehen, in Alltagssituationen, vor allem in der Schule, wäre wohl der wichtigste Schritt getan.

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7 Kommentare

  • :(
    es ist eine kette von schuldteilhaben; immer, wenn man anti-menschenrechte erkennt, sollte man sie thematisieren; egal ob zuhause oder bei freunden…ich will nicht wissen wie viele wegen ihrer sexualität, hautfarbe, sprache oder durch aggro-typen, die einfach nur aus langeweile jmd schlagen, ermordet wurden.
    @meltem, deine situation kenne ich zu gut; komme aus einem ähnlichen familienkreis…und mir gefiel auch dein text, thanx

  • torschtl

    guter Artikel. Auf deine Fragen kann ich Dir leider keine Antwort geben… weil es nicht DIE Antworten gibt… ich war vor kurzem in London… dort scheint es keinerlei solche Probleme zu geben. Die eine läuft mit der Burka rum, die nächste in Hotpants und der andere hat gelbe Haare… und keine alte Sau nimmt daran Anstoß geschweige denn verliert ein Wort darüber… So würde ich es mir auch in Deutschland wünschen.

  • Pandagrill

    Dier Artikel ist wirklich beeindruckend, gerade weil er mit so einer emotionalen Nähe zum Geschehen geschrieben worden ist, den viele Deutsche wahrscheinlich gar nicht nachvollziehen können, selbst wenn sie aufgebracht und empört über die aktuellen Ereignisse sind.

    Ich schäme mich, in einem Land zu leben, in dem es nach wie vor so viele Menschen gibt, die anscheinend aus der Vergangenheit nichts gelernt haben und Menschen, deren familiäre Wurzeln in einem anderen Land liegen, sich aber ansonsten absolut um Integration bemühen, mit so viel Intoleranz, psychischen und physischen Angriffen entgegentreten.

    Vielen Dank für diese tolle Stellungnahme!

  • Alligator

    In eine bildungsferne Schicht geborene Menschen, die Orientierung in Ihrem perspektivlosen Leben beim NPD Ortsverein finden, welcher die frei gewordene Position des Jungentzentrums eingenommen hat, und zu Asi-Nazi-Arschlöchern werden sind die eine, die gewalttätige Seite der Problematik.
    Sie sind jedoch weniger der Ursprung kleiner, gemeiner und wiederlicher Ausländeranfeindungen im Alltag.
    Die Schuldigen hierfür laufen als Gang durch die Innenstäste und rotzen auf den Boden, Sie treten gegen Mülleimer, Sie beschallen Ihr Umfeld mit Musik aus dem Handy. Sie sprechen von Ehre und klauen Kaugummi als Mutprobe. Sie sind laut, Sie prügeln sich und andere.Sie sind viele und viele von Ihnen sind Türken und Labaner. Sie manifestieren bewusst das schlechtmöglichste Bild von sich. Sie nerven.

    • Luis

      Klar nerven solchen Leute. Und ich will auch keine Vermutungen anstellen wie groß der Anteil an Türken oder Albanern unter ihnen ist. Allerdings darf dies weder als Ausrede noch als Begründung für irgendwelche Ausländeranfeindungen zählen. Denn in einer integrierten Gesellschaft würde man jedem, der so ein Verhalten nicht an den Tag legt, unabhängig von der Herkunft, neutral gegenüberstehen. Und dass es genug Leute gibt, die nicht zu diesen Kreisen gehören, und diese auch in Mehrheit sind, sollte wohl jedem klar sein.

  • kornelia

    das mit london kann ich nur bestätigen. ich bin froh dass ich nicht mehr in deutschland lebe.

  • Toller Artikel. Schön dass du deinen Weg zu AMY&PINK gefunden hast! :)

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