Elterliche Sorgen - Was, wenn Mama etwas passiert?

Wärme und Geborgenheit sind für mich abstrakte Worte, die man schwer auf jede Person dieser Welt, innerhalb ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen, ummünzen kann. Für den einen war es dieses, für den…
Elterliche Sorgen

Was, wenn Mama etwas passiert?

Wärme und Geborgenheit sind für mich abstrakte Worte, die man schwer auf jede Person dieser Welt, innerhalb ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen, ummünzen kann. Für den einen war es dieses, für den anderen jenes. Für mich persönlich bestand zumindest die familiäre Geborgenheit darin, dass meine Mutter mir fast jede Nacht noch einen Kuss auf die schlafende Stirn drückte und mich noch mal richtig zudeckte. Ich weiß das, weil ich jede Nacht noch wach war und darauf wartete. Ich habe nichts gesagt und mich nicht bewegt, denn sonst hätte es nicht geklappt. Ich habe mich in diesen geringen Sekunden unendlich geliebt gefühlt und war umgeben von einer Betonmauer der Sicherheit.

Mittlerweile strahlt mir Wärme und Sicherheit aus anderen Richtungen entgegen. Freunde, aber auch ein wohl genährtes Selbstbewusstsein, setzen den Anker, der mich in der stürmischen See ruhen lässt. Die Abnablung von meinen Eltern war irgendwie erfolgreich, und bald werde ich genug eigene innere Wärme gesammelt haben, um eigene Kinder daran teilhaben zu lassen.

Leider ist es andersherum nicht ganz so einfach. Ich mag mich zwar auf gesunde Art und Weise entfernt haben und mache jetzt mein eigenes Ding, aber Eltern bleiben nun mal Eltern, und einfach ist es nie, wenn die Kinder gehen. Im besten Fall haben sie einander. Aber wahrscheinlicher ist es, dass sie sich herumplagen.

So beginnt nun die Zeit, die ich schon bei meinen älteren Freunden beobachten konnte. Langsam sterben Großeltern. Langsam werden auch die Eltern krank und kommunizieren das lautstark mit den eigenen Kindern, ein bisschen wie ein Ruf nach Aufmerksamkeit, ein bisschen aber auch womöglich, weil die einstige Sicherheit an die Erben verteilt wurde.

Und die können sich jetzt auch nicht so richtig kümmern, nur ab und zu einen Besuch zu Hause abstatten und versuchen, so gut es geht auch am Leben von Mama und Papa teilzuhaben, ohne ein elendiger Klugscheisser zu sein. Da ist es auch nicht einfach, nach einem Wochenende voller „Diese Kehlkopfentzündung geht nicht mehr weg!“, „Die Oma liegt im Krankenhaus“, „Ich habe meinen Job verloren“ einfach nur noch ein Küsschen auf die Wange zu pressen und der sich schließenden Tür ein „Hauste!“ hinterherzurufen.

Nee, so einfach ist das nie. Da schlägt man sich schon mit Studium, Finanzen, straffen Diäten, Beziehungsstress und Lebensplanung herum, und gleichzeitig soll man die Familie davor bewahren, zusammen zu krachen. Was, wenn das nicht geht? Was, wenn man – so wie ich – so weit weg ist, dass man nicht einfach zu Hause vorbeispazieren kann, und sich mit den Eltern mal auf einen Kaffee trifft?

Was, wenn Mama irgendetwas passiert, und dann muss man erst noch 5 Stunden im Zug sitzen, bis man ganz tragisch eintrifft? Was passiert, wenn alles schief läuft und man seine aufgebauten Zelte abbrechen muss, weil man sich für das Schicksal seiner Eltern verantwortlich fühlt? Und so fühlt man sich ja meistens.

Ab wann ist man reif genug, so eine Last zu schultern? Ab wann darf man nervös werden, wenn wieder irgendetwas beklagt wird? Wie bereitet man sich darauf vor, dass die Eltern krank werden oder Sorgen haben, wenn man selbst schon erwachsen ist und sich auch dessen bewusst wird, was das alles bedeutet? Was, wenn einem die Eltern solche Informationen bewusst vorenthalten, um mir keinen Kummer zu machen?

Was, wenn ich nicht bereit bin, meine Mutter oder meinen Vater oder meine Großeltern zu verlieren, was, wenn ich sie noch brauche und mich das alles völlig zerstören wird? Immer und immer wieder gehe ich die verschiedenen Szenarien in meinem Kopf durch, immer und immer wieder macht es mich fertig, weil ich zu keinem gültigen Schluss komme. Was, wenn ich nicht da bin, um ihnen zu helfen, oder wenn es zu spät ist, und ich erst noch anreisen muss? Was, wenn alle Entscheidungen in Frage gestellt werden, weil irgendwo ein Vorwurf in mir hervorbrodelt, der lautet: Du hast deinen Eltern nie die Sicherheit gegeben, die sie gebraucht hätten.

Natürlich. Andere Leute haben das auch schon hinbekommen. Und ich werde mich wohl den ganzen dunklen Geistern stellen müssen, wenn sie mir begegnen, hoffentlich erst sehr, sehr viel später in unser aller Leben. Ich versuche nur gerade, eine Balance zu finden, eine die irgendwo zwischen „sich verantwortlich fühlen“ und „es vollständig ignorieren“ angesiedelt ist. Das wird schon alles. Oder, wie meine Mutter ja auch immer sagt: „Ach, ich werde sterben. Und dann habe ich meine Ruhe vor euch Plagen.“

ASOS

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8 Kommentare

  • Chrstph

    Kenne ich zu gut. Meine Mama hat’s dahingerafft, als ich gerade zum Studieren in eine andere Stadt gezogen bin und ich kann das Gefühl des “Im-Stich-Lassens” bis heute nicht abschütteln.

  • …

    .. ich sorge immer dafür, dass sie genug Kontakte haben, die sie pflegen, denn diese Menschen sind eben früher vor Ort, als ich es bin. Hinzu kommt, dass ich versuche ihnen jedes Mal, vlt. etwas zu radikal, bewusst zu machen, dass jeder Mensch auf diesem Planeten für sich selbst verantwortlich ist. Durch die never-ending-ever-lasting Liebe, die sie ihren Kindern bereit sind zu geben ist das nicht immer einfach, aber wenns nach mir geht, funktioniert es bisher sehr gut. Sie müssen ein Gefühl für die Entlastung des Kindes, wenn es ihnen selbst gut geht, bekommen, müssen eingeweiht werden, in die Sorgen, die man sich macht – wie bei so vielen Sachen bedarf es anscheinend der offenen Kommunikation.
    Um so schwerer, wenn man über Tiefemotionales/seine eigenen Schwächen mit den Eltern redet, weil man “ist ja Erwachsen, man muss es doch hinkriegen”- aber hey… da muss man durch, wenn man gechillt sein eigenes Leben aufbauen will. Am Ende ist es unglaublich, wie die Denkweise der Eltern “Mir muss es gut gehen, damit es meinem Kind auch gut geht” fruchtet… Das Gefühl des Gebrauchtwerdens vermitteln und koppeln mit – meinetwegen – schleimigen, trotzdem aufrichtigen Sensibilisierungsversuchen für den Brainfuck, den man da schiebt.

  • Aki Nukurinko

    Soviel Leute das Maul aufreißen “meine Eltern sind scheisse blah blah” sind wir doch alle am großen heulen wenn ihnen was passiert..

  • Conni

    Schön beschrieben, wie einem der Gewissenskonflikt hin und wieder zusetzt. Aber bedenke liebe Sara, auch Eltern sind Kinder ihrer Eltern und haben diesen Abnabelungsprozess einst selber durchgemacht. Zwar waren die Entfernungen in den früheren Generationen oft nicht so immens aber heute kann man diese ja durch Skype etc. überbrücken. Die Angst, zum entscheidenden Zeitpunkt nicht vor Ort zu sein, muss man theoretisch immer haben – manchmal ist auch eine kurze Distanz nicht ausreichend!
    Es bringt nix, sich verrückt zu machen, das müssen sich sowohl Eltern als auch Kinder immer wieder bewusst machen. Ein kurzes Telefonat, eine SMS oder Mail ersetzt zwar nie den persönlichen Kontakt, tut aber beiden Seiten gut und das kann man doch immer mal einschieben oder?

  • iAM1prozent

    ))))))))))))))))))))))))))))))))))

    Also wenn folgendes zur Sprache kommt:
    … wie meine Mutter ja auch immer sagt: …

    Dann seid ihr endlich aus dem hippen Alter raus, was ihr hier die ganze Zeit verkörpern wollt.
    Dafür gibts von mir ein klitze kleines: Weiter so!

    ))))))))))))))))))))))))))))))))))

  • iAM1prozent

    Warum? Weil wenn man sagt: “Wie meine Oma immer gesagt hat …” – dann spiegelt ihr einfach mal die erwachsene Meinung derer wieder, aber wollt mit dem Zitat verhindern, dass es eigentlich eure Meinung ist.

  • Das, was Du so einfühlsam beschreibst, kommt mir sehr bekannt vor. Als Mitte Dreißigjähriger mit eigenen Kinder wird mir auch bewusst, dass ich die Rolle des Kindes, das von seinen Eltern beschützt und behütet wird, bereits lange hinter mir gelassen habe. Hinzu kommt, dass ich knapp 250 Kilometer von meinem Elternhaus entfernt im Rheinland wohne und nicht mal eben so zu meinen Eltern fahren kann.

    Die Distanz bringt mich besonders dann auf die Palme, wenn meine Eltern – die Ende 50 bzw. Anfang 60 sind – krank sind. Meine Mum beispielsweise “versteckt” ihre Asthma- und Herzanfälle gern vor mir, “damit Du Dir keine Sorgen machst”, wie sie immer wieder betont. Aber ich könnte es mir nicht im Leben verzeihen, wenn ein Asthma- oder Herzanfall in etwas Schlimmeres mündet und ich nicht davon wüsste.

    Sofort denke ich dann an die Zeit wenige Jahre zurück, als mein Vater plötzlich und ohne Vorwarnung einen Schlaganfall bekommen hat und ich am anderen Ende von Nordrhein-Westfalen über das Telefon die schreckliche Nachricht erhalten habe. Ich war so machtlos. So leer. Und auf einmal so einsam. Erst dann habe ich bemerkt, dass auch die eigenen Eltern verletztlich sind und auch der Vater – mein Vorbild in so vielen Dingen – nicht unsterblich und mit Superkräften ausgestattet ist. Nein, auch mein Vater ist verletzlich, geschwächt und kraftlos. Dieser Lernprozess hat mich stark geprägt.

    Ein Wort zum Abschluss: Meine Mutter sagt – mal mit einem Augenzwinkern, mal ohne – gelegentlich zu mir: “Egal, wie alt Du bist, Du bist mein Sohn. Und ich kann Dich auch in diesem Alter noch stramm stehen lassen!”

  • florian

    Noch nie einen Text gelesen, der mir in einem Moment so sehr aus der Seele spricht.
    Vielen Dank liebe Sara.

Topman