Für mehr Vielfalt im Netz - Deutschland braucht neue Blogger

Während die Bloglandschaft in den Vereinigten Staaten fröhlich vor sich hin sprudelt, macht sich in Deutschland ein ganz großes Problem bemerkbar. Uns geht so langsam der Nachwuchs aus. Etablierte Riesen…
Für mehr Vielfalt im Netz

Deutschland braucht neue Blogger

Während die Bloglandschaft in den Vereinigten Staaten fröhlich vor sich hin sprudelt, macht sich in Deutschland ein ganz großes Problem bemerkbar. Uns geht so langsam der Nachwuchs aus. Etablierte Riesen wie Spreeblick oder Nerdcore dominieren seit Jahren die Charts und RSS-Reader der Nation und die Tatsache, dass Leute ohne Steuerberater und Herzschrittmacher ihre Erlebnisse lieber auf Facebook posten oder Tumblr als wilde Bilder-Pinnwand missbrauchen, lässt die Zukunft nicht gerade rosig erscheinen. Doch ihr könnt das ändern.

Vielen von euch ist nicht bewusst, dass ihr mit ein wenig Engagement und Ideenreichtum viel mehr reißen könnt, als nur ein paar im Endeffekt wertlose Likes und Reblogs abzusahnen. Denn wenn ihr sowieso schon den ganzen Tag im Internet abhängt, dann macht wenigstens etwas daraus. Schnappt euch eine aktuelle WordPress-Version und eine eigene Domain und schon steht euch die ganze Welt der Blogs offen.

Wir haben hier für euch zehn kreative Felder von Mode über Musik bis hin zu Politik, inklusive toller Beispiele, zusammengetragen, in denen ihr euer neues Projekt ansiedeln könnt. Sucht euch einfach die aus, bei denen euch das Herz pocht und wenn ihr euch nicht allzu dumm anstellt, seid ihr schon bald von Fans, Reisen und Geld nur so umzingelt. Also… vielleicht.

Der private Blog

Die einfachste und purste Form des Bloggens ist das Niederschreiben privater Erlebnisse. Dazu braucht ihr eigentlich nur zwei Voraussetzungen. Einen wirklich einwandfreien Schreibstil und eine unglaublich interessante Persönlichkeit. Niemand möchte etwas von einem unkreativen Stubenhocker ohne Charakter lesen. Geht raus, zerfetzt Dinge, steht auf Dinge. Seid in sympathischem Umfang exhibitionistisch.

Nehmt euch an Sara, Clara oder Marcel ein Beispiel und stopft eure Artikel mit abwechslungsreichen Texten über das Leben, die Liebe, die Welt, das Glück und die Trauer voll. Garniert das Ganze noch mit Fotos, Videos und Lieblingssongs und euch kann niemand mehr widerstehen. Lasst es bitte bleiben, wenn ihr Sarah Hockemeier heißt oder nicht wisst, wie man eigene Videos auf YouTube hoch lädt.

Das Magazin mit Freunden

Ihr habt keine Lust, alleine zu schreiben? Kein Problem. Schart einfach ein paar gute Freunde und begabte Bekannte um euch, einigt euch auf einen gemeinsamen Stil oder kombiniert verschiedene Boygroup-Attitüden (Schönling, Rebell, Klugscheißer, Schlampe) und vereint eure Kräfte unter einem knackigen Label. Im Grunde gelten dieselben Regeln wie beim privaten Blog. Nur mit mehr Mitspielern.

Großartige Vorbilder sind hierfür Rookie, Jane Wayne und Finding Berlin. Seid abwechslungsreich, aber steckt euch eigene Grenzen ab, um eure Authentizität nicht zu verwischen. Vergesst nicht, euch auch persönlich in den Vordergrund zu stellen, sonst können euch eure Leser weder lieben noch hassen. Und das würde euch schlichtweg langweilig machen. Egal wie gut ihr schreibt.

Der geilste Shit

Wenn ihr nicht besonders interessant seid oder keine Lust darauf habt, dass jeder perverse Grundschullehrer eure tiefsten Geheimnisse kennt, dann solltet ihr das komplette Gegenteil vom privaten Bloggen in Angriff nehmen: Das Rebloggen. Hierbei sucht ihr euch ein oder mehrere Themen aus (zum Beispiel Sneaker oder Katzenvideos) und postet mit erhöhter Frequenz alles, was euch euer Feedreader darüber ausspuckt.

Hierbei braucht ihr wirklich viele Quell-Blogs (am besten amerikanische), eine unglaubliche Ausdauer und die Zeit, am Tag 5 – 20 Artikel zu veröffentlichen. Gute Vorreiter gibt es viele. Hypebeast, Slamxhype, Killahbeez, Beautiful/Decay, Booooooom oder MashKulture. Freundet euch schon mal mit dem Gedanken an, dass euer Laptop früher oder später mit euch verschmelzen wird.

Klamotten

Wenn es in letzter Zeit auch nur irgendeinen Boom gab, dann den, dass sich Mädchen (und auch Jungs) auf der ganzen Welt vor Spiegel stellen, Fotos von sich in 20-Euro-Klamotten machen und diese dann als “Tagesoutfit” betitelt in ein Blogspot-Feld klatschen. Diese Welt ist heillos überfüllt und wenn ihr bislang nicht den Drang hattet, ein Teil davon zu werden, dann lasst es bleiben. Außer ihr seht wirklich gut aus oder habt einen einzigartigen Stil. Im positiven Sinn.

Lasst von täglichen Selbstportraits ab und guckt euch lieber einige Kniffe von schwedischen Modebloggerinnen wie Lisa, Filippa oder Kenza ab. Sie schaffen es durch qualitativ hochwertige Fotos, starke Meinungen und einer enormen Packung Weiblichkeit nicht nur Leser, sondern eben auch Werbekunden zu überzeugen. Die Vernetzung mit anderen “Kollegen” und viel Herumgeschleime sind hier das Erfolgsrezept.

Music was my first love

Wenn die Welt nichts weniger braucht als noch mehr Modeblogs, dann sind es welche über Musik. Pur und ohne persönliche Einschläge sind sie ziemlich beliebig und gehen bei all den Video-Tumblrs, Plattform-Playlisten und Direktveröffentlichungen von Plattenfirmen schnell unter. Verknüpft Musikblogs lieber mit privaten Artikeln oder bietet euren Lesern Mehrwerte wie Interviews, Premieren oder Bandvorstellungen.

Lasst euch von bekannten Seiten wie Stereogum, Your Music Today oder auch Hipster Runoff inspirieren und meldet euch bei kleinen und großen Labels. Gebt eurem Projekt zusätzlich eine heftige Prise individuellen Charakter und ein knackiges Image mit auf den Weg. Ohne diese Zutaten wird euren Lesern und euch selbst nämlich ziemlich schnell die Lust am Aktualisieren der Seite vergehen.

Ich gehe in die Politik

In Deutschland gibt es einen wahren Fetisch für Politikblogs, der auf Rivva täglich in einem ekligen Orgasmus der demokratischen Vielfalt gipfelt. Das Problem an der Sache: Die meisten dieser Themenblogs werden entweder von älteren Herren gepflegt, die gerne das Ende der Menschheit prophezeien, oder von überfeministischen Frauen, die ausschließlich über ihre Rechte und Geschlechtsorgane sprechen.

Dieses verstaubte Kabuff braucht dringend frischen Wind. Begebt euch nur aber nur hinein, wenn ihr wirklich eine eigene Meinung habt. Ihr werdet sehr schnell von den anderen Schreihälsen ausgesperrt, wenn ihr Nazi, Linksextremer oder CDU-Wähler seid und habt dann noch schneller seltsame Freunde am Hals, die Ausländer, die Regierung oder Preußen auch irgendwie scheiße finden. Versucht euch an einer jungen Mischung aus Netzpolitik und der Politik-Sparte vom Freitag. Wenn ihr das nicht schafft: Der nächste freie Modeblog wartet auf euch.

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Warum sich mit Musik, Mode und Politik herumärgern, wenn das Offensichtliche doch genau vor einem liegt: Der Computer! Das Internet ist nichts weiter als eine riesige Vernetzung aus PCs, Handys, Konsolen und Tablets. Die theoretische Leserschaft eines Blogs über genau dieses Thema ist also enorm. Seiten wie Engadget, Mashable und GameOne haben’s vorgemacht: Technik geht immer.

Pluspunkte bekommt ihr, wenn ihr Apple-Fanboys, Besitzer einer Zeitmaschine oder mit eurer Xbox auf dem Klo festgewachsen seid. Allerdings müsst ihr euch über eine Sache im Klaren sein: Mädchen werdet ihr mit diesem Thema nicht einmal aufreißen, wenn ihr morgen alle iPhones der nächsten zehn Jahre auf der Straße findet. Außer ihr schreibt für Project Bunker oder Destructoid.

Eine Nische füllen

Einfacher, als die großen, etablierten Blogs anzugreifen, ist es, sich auf ein ganz konkretes Thema zu spezialisieren, für das sich der Mainstream nur dann interessiert, wenn dadurch ein Idiot ums Leben kommt oder es als neuer Trend in der BILD steht. Warum nicht über das Angeln schreiben? Den Unterschied zwischen Gummibäumen und einem Spaten erklären? Oder die letzten drei Hinterbliebenen der “Magic!”-Spielkartenserie um sich scharen? Viele kleine Welten voller noch kleinerer Leserzahlen liegen vor euch.

In einer dieser Nischenuniversen werdet ihr euch mit etwas Durchhaltevermögen schnell zum König mausern, doch passt auf, dass euch der Erfolg nicht zu Kopf steigt. Außerhalb eures Reiches seid ihr nämlich ein Niemand, der über die neueste Kollektion von Luftballons bloggt. Haltet euch für etwaige Interviews mit RTL2 bereit, falls irgendein Verrückter den Film “Oben” nachspielen möchte.

Irgendwas mit Sex

Sex sells. Das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche. Leider ist es ziemlich schwierig, in diesem Bereich den richtigen Grad zwischen achtvoller Seriosität, sympathischer Meinungsmache und billigen Fickfilmen zu wahren. Und womöglich klagen euch gewisse Verbände in Grund und Boden, wenn ihr primäre Geschlechtsorgane zeigt. Doch es ist nicht unmöglich, aus dem Thema Sex etwas Großartiges zu machen.

Guckt euch Seiten wie Slutever an. Hier schreiben Frauen über Liebe, Sex und Leidenschaft. Oder Is Anyone Up?. Hier trägt ein Typ namens Hunter Moore Nacktfotos von Facebook-Leuten zusammen. Okay, dafür würdet ihr in diesem Land wohl schneller in den Knast wandern, als ihr “Veröffentlichen” klicken könnt, aber hey: Euch wird schon was einfallen. Macht einfach irgendwas mit Sex.

Ich bin etwas ganz Besonderes

Wenn ihr alle Punkte durchgegangen seid, ohne einen davon in diesem Augenblick in die Tat umzusetzen, dann könnt ihr entweder nicht lesen – oder seid etwas ganz Besonderes. Ihr möchtet etwas vollkommen Neues an den Start bringen, noch nie da gewesen, frisch, einzigartig. Und dafür gratulieren wir euch an dieser Stelle schon mal. Obwohl ihr ja noch gar nichts geleistet habt.

Warum nicht wie Notes of Berlin Zettel fotografieren? Oder Mädchen oben ohne auf Fahrräder setzen? Oder Paula Deen Dinge reiten lassen? Es gibt unendlich Möglichkeiten, einen Blog ins Leben zu rufen. Seid mutig, seid einzigartig und werdet der Shooting Star der eingestaubten Blogosphäre. Denn so jemanden wie euch können wir hier langsam wirklich gebrauchen. Dringender als jemals zuvor.

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