Anonymous - Verlogene Kunst als Komplex

Wie kann man 30 Millionen Euro verprassen, ohne wirklich etwas zu bezwecken? Wie kann man sich dabei noch blamieren, indem man die eigene Arbeit als Kunst bewertet und noch dazu…
Anonymous

Verlogene Kunst als Komplex

Wie kann man 30 Millionen Euro verprassen, ohne wirklich etwas zu bezwecken? Wie kann man sich dabei noch blamieren, indem man die eigene Arbeit als Kunst bewertet und noch dazu simulieren, eine existenzielle Frage beantwortet zu haben, stattdessen sich nicht vom Fleck bewegt zu haben? Und wie kann man da noch der Meinung sein, die Summe in Höhe von 30 Millionen sei bei dieser Produktion sehr bescheiden ausgefallen? Ganz einfach: man heißt Roland Emmerich und dreht den Film „Anonymous“.

Der Film des Stuttgarters, der seit gestern in den deutschen Kinos läuft, stellt die kontroverse These, ähnlich wie Kurt Kreiler in seinem Buch “Der Mann, der Shakespeare erfand: Edward de Vere, Earl of Oxford” auf, dass Shakespeare gar nicht Shakespeare ist. Um es mal vereinfacht zu erklären.

Er versucht, der nun 200 Jahre alten Debatte der Literaturwissenschaft, mit seinem Film eine Antwort auf die Frage, wer der Autor etlicher Weltliteratur wie “Romeo und Julia” ist, zu geben. Emmerich zufolge ist Shakespeare selbst nur ein Betrüger, der wahre Autor, der in die Familie Tudor eingeheiratete Adlige Earl of Oxford, der einen „Schauspielproleten“ aus Stratford ausnutzte, um seine Werke auf der Bühne zu sehen.

Keine Frage, die Debatte wurde durch den Film und der vagen Formulierung, die demnach den Standpunkt der “Startfordians” als Erfindung darstellt, noch einmal ausgelöst und vertieft. Wer ist nun also der Urheber dieser Weltliteratur? Aber ist es wirklich das, was uns interessieren sollte, wenn wir Shakespeare selbst verstehen möchte? In der Schule, vor allem im Englisch-Leistungskurs, hatten wir alle unsere Schwierigkeiten, den Großen der englischen Literatur zu verstehen.

Auf die Frage, welche Erinnerungen Herr Emmerich selbst an den Shakespeare seiner Schulzeit habe, antwortet er im Interview mit der Frankfurter Rundschau, dass er, wie viele andere deutsche Gymnasiasten, Shakespeare nur auf Deutsch gelesen habe, was ja nicht mit dem Original zu vergleichen wäre. Ganz richtig. Sonderlich Interesse habe er aber auch nicht gezeigt, geschweige denn überhaupt verstanden.

Sowohl die alte englische Sprache als auch die deutsche Übersetzung hat jedem in der Schule Probleme bereitet. Viel zu schade, eigentlich, denn der Autor – wer auch immer das sein mag, aus welchem Stand er auch immer kommen mag – schrieb über die Essenz des Lebens in einer höchst belehrenden Form. Ob die Entwicklung zum Tyrannen des machtgeleiteten Macbeth oder die griechische Sage der Pyramus und Thisbe, die mit Romeo und Julia neu aufgearbeitet wurde. Darüber hinaus machte er das Handwerk des Schauspiels zur Kunst.

Worum es in dem Film geht, habe ich übrigens nicht durch ihn selbst verstanden, sondern erst durch die anschließende Podiumsdiskussion. Während der Buchmesse hatte ich die Gelegenheit, die Preview mit anschließender Podiumsdiskussion zu erleben, an der nicht nur der Regisseur recht unbeteiligt teilgenommen hatte, sondern auch Übersetzer Frank Günther, der Präsident der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft Tobias Döring und der Auto Kurt Keiler.

Der Moderator und Literaturkritiker Hellmuth Karasek ist der Ansicht, dass der Film auch den Anspruch hat, als er selbst wahrgenommen zu werden und nicht nur den Anspruch der Wahrheit. Der Film ist gut besetzt, die Ausstattung und Kostüme sind meisterhaft, doch wie auch Shakespeare-Übersetzer Frank Günther selbst bemerkt, ist es schon für den Kenner schwierig, dem Handlungsstrang zu folgen. Wie soll da der prototypische Kinozuschauer etwas verstehen?

Bis jetzt habe ich bis auf “Anonymous” keinen Streifen des “Master of Disaster” gesehen. Actionfilme wie “Godzilla”, “Independece Day” oder “The Day After Tomorrow”. Es sind Hollywood-Produktionen, deren Kosten sich um mehrere hundert Millionen belaufen, dabei weder einen Kulturbeitrag darstellen, noch als “unnütze Kunst” bezeichnet werden können. Sie dienen regelrecht der Unterhaltung, was auch eigentlich nicht bedingt Grund zur absoluten Ablehnung ist. Wäre da nicht der allzu hohe Preis. Doch von Actionfilm geht es zur Dramatik.

Aber hat Herr Emmerich denn Komplexe oder warum dieser Sinneswandel? “Viele denken, die Hollywood-Typen würden eh nichts lesen. Keine Ahnung, woher das kommt. Ich habe an keinem Ort der Welt so viele Intellektuelle getroffen wie in Hollywood.” Herbei geeilt ist der Hermes aus Baden Württemberg mit einer Neuigkeit, um die dumme Masse, nicht zu belehren, sondern in die Irre zu treiben.

Mal wieder geht es schier darum, eine Story zu verkaufen. Roland Emmerich sagt, er sei bei dieser Produktion seinen künstlerischen Interessen nachgegangen, und habe sich sozusagen einen Traum erfüllt. 30 Millionen für einen Imagewechsel. Schade, dass das nicht einmal geklappt hat.

Für die Zukunft wünschen wir uns von Herrn Emmerich, damit wir auch wirklich auf diesen Deutschlandexport stolz sein dürfen, keine kommerzielle Pseudo-Kunst, sondern eine, die lehrt. Wie gut, dass man das auch ohne Geld ein Stück weit schaffen kann.

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NA-KD

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7 Kommentare

  • felix

    hi,
    also ich war gestern drin und muss sagen ich war gar nich so krass enttäuscht…klar es war kein intellektuelles kino, und von mir aus kann roland nächstes mal wieder die Welt untergehen lassen, anstatt über Themen zu drehen, die er selbst nicht versteht, aber der film war gut gemacht.
    cast, kamera, schnitt, Bildgestaltung- eine Freude für die Augen! kann man sich schon anschauen find ich…

  • Jedes Wort zuviel. Ich mein, echt jetzt: hat der Karasek auch nichts besseres zu tun – wieviel Geld bekommt man für so eine Moderation eigentlich? Traute meinen Augen nicht als ich den da jetzt sitzen sah.
    Ich hab vom Spielbergle zwar schon was gesehen, aber wohl noch nie bis zum Ende durchgehalten: einmal war ich dafür zwar sogar im Kino, wegen Ian Holm, ging aber glaub ich auch früher raus. Seitdem meid ich den sowieso: hoffnungsfreie Talentlosigkeit in meinen Augen. Der Inbegriff aller Klischees über Blockbuster-Filme, wer von Popkultur keine Ahnung hat der glaubt dass der da für irgendetwas steht, dagegen halte ich Uwe Boll für ein wahres Genie – und das will schon was heißen, viel gscheiter ist der nämlich auch nicht unbedingt, aber wenigstens ein bisschen wie ich meinen möchte.

    Von dem Film denk ich mir inhaltlich noch dazu so etwas wie eine Mischung aus den Parfum- und den Da-Vinci-Code-Verfilmungen. Noch so Grässlichkeiten für mich.

    Einen “Kulturbeitrag” stellen diese Machwerke aber schon dar, Frau Toprak, und Kunst sind sie auch – leider: als eben kein Qualitätskriterium – das sollte einem Menschen gerade doch eine solche Veranstaltung mit Karasek und Co. noch verdeutlichen. Scheinbar.

  • Benjamin

    Der nächste Beitrag der Autorin sollte sich wohl um die Definition von Kunst drehen, mit einer zeitgleichen Auseinandersetzung warum jeder zweiter die Wörter Künstler und Kunst für sich in Anspruch nimmt und auch warum Kunst nicht der Unterhaltung dienen darf.
    Nun ist also eher die Frage über die Kunst hängen geblieben, mit der fehlenden Kernaussage und der inkonsistenten Handlung haben Film und Beitrag am Ende wohl nicht so wenig gemein und vielleicht auch nicht Roland Emmerich und die Autorin.

    • Meltem

      Lieber Benjamin,
      um diese sehr interessante Problemstellung zu lösen fehlt es mir noch an einer intensiven Auseinandersetzung, welche nicht von heute auf morgen “vollzogen werden kann”. In einem oder diesen Artikel eine Definition von Kunst zu liefern, halte ich auch eher für utopisch.
      Ich bedaure primär die Motivation, weshalb der Film produziert wurde ( und nicht geschöpft). Schlecht ist er nicht. Kunst jedenfalls sollte definitiv nicht kommerziell sein.

      @felix: stimme dir völlig zu! Aber Qualität des Films (Hollywoodproduktion, und nicht Kunst) ist eben nur die eine Seite, Motivation die andere.

  • frau topraks kommentar zu dem dem film ist nicht hilfreich.- sie scheint so gut wie kein eigenes hintergrundswissen zu haben, und hat das kernproblem nicht wirklich verstandem: wie kann man man filmisch damit umgehen, wenn bis heute mit recht die urheberhaft des grösstes dichters aller zeiten massiv in zweifel gezogen werden muss….das ist einen film wert….die wahrheit hat emmerich wohl nur insofen gestreift, als der mann aus stratford es nicht gewesen sein kann ….

    • Meltem

      Du wirst wohl kaum vom mir erwarten, dass ich die Frage beantworten kann. :) Möchte ich auch gar nicht! Mit 30 Millionen könnte man den Schülern das, was Shakesepeare überhaupt sagt – unabhängig davon, wer er ist, sehr viel besser erklären!

  • Abnehmen

    Ich fand den Film ebenfalls nicht so schlecht. Es war selbstverständlich kein hochintellektuelles Meisterwerk, jedoch ideal zum abschalten und genießen.
    Grundsätzlich ist wohl eine Definition der Kunst mit Vorsicht zu betrachten, und in kurzer Zeit wohl kaum möglich.

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