Göttliche Absicherung - Never Losing My Religion

Meine Mutter hat mir das mit dem Glauben mal so erklärt. “Wenn deine Stadt dir einen Flyer in den Briefkasten wirft, auf dem steht, dass dir VIELLEICHT in den nächsten…
Göttliche Absicherung

Never Losing My Religion

Meine Mutter hat mir das mit dem Glauben mal so erklärt. “Wenn deine Stadt dir einen Flyer in den Briefkasten wirft, auf dem steht, dass dir VIELLEICHT in den nächsten drei Tagen das Wasser wegen Bauarbeiten abgestellt wird, dann reagierst du doch darauf. Du wirst ein bisschen Wasser in Eimern sammeln, zum Waschen und zum Zähne putzen und zum Kochen. Auch, wenn dir das Wasser doch nicht abgestellt wird, es hat ja nicht geschadet, trotzdem vorbereitet zu sein.”

Das hat irgendwie Sinn gemacht. Und fortan zweifelte ich auch nicht mehr an der Religion meiner Eltern. Sie wollen sich absichern. Das Gerücht, es könne einen Gott geben, der fünf Säulen aufgestellt hat, die es zu befolgen gilt, der magisch ist, der übermenschliche Propheten schickt und Worte spricht, die mächtig sind, das hat sie nie in Ruhe gelassen. Sie bauen sich einen Bunker, sie sammeln Vorräte, sie bereiten sich auf einen nuklearen Winter vor, der medial eingetrichtert wurde.

Das wirkt meist etwas fanatisch. Nicht im terroristischen Sinne, aber im gesellschaftlichen. Sie führen ein sehr westliches Dasein, und der Islam in ihrem Alltag wirkt meist ein wenig deplatziert. Sie beten fünf Mal am Tag, sie gehen in die Moschee, sie fasten, sie diskutieren über die Auslegungen. Sie erziehen auch uns in dieser Kultur, auch wenn wir uns an vielen Stellen wehren. Oder eben zweifeln.

Woran ich niemals zweifeln würde, weil ich diese Menschen kenne und bereits eine sehr lange Zeit mit ihnen verbracht habe: Dass dieser Glaube sie glücklich macht. Dass die Hürden und Umwege, die sie in Deutschland damit auf sich nehmen müssen, geradezu nichtig sind, im Vergleich zu dem, was sie von dieser Religion bekommen.

Dabei ist das alles sehr paradox. Sie stammen zwar beide aus Syrien und haben sich dort in ihren jungen Jahren aufgehalten, aber meine beiden Familienstämme würde niemand dort als religiös bezeichnen. Erst mit ihrem Umzug nach Deutschland hat vor allem meine Mutter zum Glauben gefunden.

Die kulturelle und gesellschaftliche Zugehörigkeit machte es leicht und notwendig. Auch in einem fremden Land, das womöglich unfreundlich oder gar aggressiv auf die eigene Fremdheit reagiert, ist Gott an deiner Seite. Und er baut dich auf.

Daher verstehe ich nicht, wie Menschen Religion als Gedankenkonzept kritisieren können. Es ist eine Form des Lebens, die vielleicht nicht den “modernen” Maßstäben unserer heutigen Gesellschaft entspricht, aber das ist okay. Viele Menschen haben fernab von Religion ein eher eigenartiges Leben mit Marotten. Meine Eltern haben schon einige Schicksalsschläge mitgemacht, und ihr beständiger Glaube an Gott hat sie vor dem Sturz in die Depression gerettet.

Dafür brauchen sie nicht mal irgendwelche Quatschkultur-Regelungen. Sie könnten auch Juden oder Christen sein, der Islam ist ihnen eben näher gewachsen. Dass sie manchmal aufgrund ihres Glaubens auch beeinträchtigt sind stimmt. Doch das sind wir alle. Dass Religion Menschen ohne sonstige Zugehörigkeit zu Radikalität und dem sogenannten “-ismus” verführt, das macht so viel Sinn, so schrecklich es auch ist. Menschen sind so fehlbar wie die Gedankenkonstrukte und seelischen Hilfen, die sie stützen sollen.

Manche von ihnen nutzen das aus. Nicht weil sie intelligenter sind, sondern weil sie sich an Hoffnungslosigkeit klammern. Nazis machen das genauso. Sie rechtfertigen ihre zweifelhaften Taten durch den Platz in einem Kollektiv, den sie bekommen. Von Gedanken müssen wir gar nicht reden. Ein Mensch mit rechtem Gedankengut wird vielleicht erst zu diesem Menschen, weil ihm woanders kein Platz geboten wird.

Bei meinen Eltern stelle ich mir das ähnlich vor, auch wenn ich damit nicht den Rest aller (einheimischen) religiösen Menschen ihre Religion absprechen möchte. Als Ausländer hatte man vor zwanzig Jahren in einem kleinen Vorort vielleicht einfach noch keinen Platz, Platz, den ihnen Gott aber gab.

Religion ist ein schönes Ding. Es ist eine Absicherung, das Einzahlen in eine Krankenkasse, vielleicht aber auch das vorsichtige Bunkern von Wasserreserven. Religion ist auch ein hässliches Ding, weil es anfällig ist für negative Auslegungen. Weil die Religion sich nicht mit den Menschen entwickelt hat. Weil sie auch dort als Zugehörigkeitskriterium benutzt wird, wo einem nichts anderes übrig bleibt.

Ich bin froh, dankbar und hatte viel Glück, mit einem Positivbeispiel von Glauben aufzuwachsen, der mich sowohl kritisch sein lässt, als auch wertschätzend. Meine Eltern bereichern ihre Umgebung mit ihrer “fremden” Kultur und mit ihrem positiven Wesen.

Wie viele ältere Generationen bleiben auch sie gerne auf veralteten Dogmen, Vorurteilen und Zukunftskritik hängen, aber das darf man nicht unbedingt der Religion anlasten. Sie sorgen immer wieder für Erstaunen darüber, dass Religion nicht unbedingt Missionsarbeit bedeutet. Es ist nur eine kleine Vorsichtsmaßnahme. Falls irgendwer das Wasser abdreht.

Strellson

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4 Kommentare

  • Ach Sara, gestern Nacht erst habe ich über meinen Glauben nachgedacht und heute dieser Post.
    Ich gehöre auch zu denjenigen, die sich durch ihren Glauben absichern, um nicht gänzlich durchzudrehen. Vielleicht hat das auch was mit grundlegendem Optimismus zu tun. Oder den Glauben an das elementar Gute in den Dingen, obwohl tagtäglich soviel Scheiße passiert. Mir gibt das EBBENENERGIE jeden Tag!
    Und deine Eltern mag ich auch. Achja und die Brüder. <3

  • Bimmel&Bommel

    Absicherung wofür? Diese Begründung ist schlimmstes Spießertum im Quadrat.
    Jeder soll Glauben was er will, meinetwegen auch an Verschwörungstheorien. So etwas stellt für mich kein Problem dar. Problematisch hingegen ist der Stellenwert, der Religion in der Welt zugeschrieben wird. Hinzu gesellen sich dann noch so Dinge wie Homophobie, die fast in allen Religionen präsent ist. und damit maßgeblich zur Diskriminierung von Schwulen&Lesben beiträgt? Wie kann ein vernunftbegabter Mensch mit so einer Scheiße gemein machen? Ich verstehs nicht und werde es nicht verstehen. Religion ist und bleibt Opium fürs Volk, nicht mehr, nicht weniger.

  • ich glaube du benutzt das falsche wort, das glauben (positiv) ist sicher schön, und vielleicht sichert man sich damit ja auch wirklich ab

    (was sichert man sich denn ab.. himmel oder hölle… tut mir leid, ich will damit nicht beleidigend rüber kommen, aber als kind habe ich auch an sowas geglaubt, an einen himmel, wo du endlos zufrieden lebst, und alllles hast was du willst, männer, frauen, essen, die neusten playstationspiele, vieeeeel sex, den apple macpro notebook, einen ford mustang shelby gt 500, straciatella-eis, jede menge schwarzwälderkirschtorte, viele bäume, bienchen und blümchen… und so weiter… heute sehe ich es einfach als unnötig an sowas zu denken.. jetzt mal ehrlich..)

    aber religion ist was anderes. (meiner meinung nach) eine sekte, oder gruppe, von menschen selber gegründet, je nachdem was für fantasien sie zur damaliger zeit hatten. und sowas hat nie ein gutes ende.. viele menschen sterben daran, tausende, dafür das aber nur einer davon glücklich ist, das ist trauer.

    kennt hier jemand den spruch: ich liebe gott, aber ich hasse seine fanclubs? das wär vielleicht eine lösung :)

  • N.

    Liebes Bimme&Bommel.
    “Absicherung wofür? Diese Begründung ist schlimmstes Spießertum im Quadrat”. Ich glaube, auch du bist ein Spießer im innersten deines Herzens. Jeder will Absicherung, egal auf welche Art und Weise.
    Und Homophobie existiert nicht wegen Religion, sondern wegen der Menschen, die zu eingeschränkt sind, weiterzudenken, wegen denen, die Religion ausnutzen und nicht zeitgemäß umsetzen, sondern bloß ablesen und nacheifern ohne zu hinterfragen.
    Dadurch, dass du all das so sehr verallgemeinerst und alles unter einen hut steckst, bist du aber irgendwie nicht besser, auch wenn ich deine wut verstehen kann.