Occupy Frankfurt - Die Bankenstadt gibt nicht auf

Es ist bewegend und beschämend zugleich, wenn man teilnahmslos durch diesen Stadtpark spazieren geht, der schon heute wie ein Freilichtmuseum dokumentiert, was morgen Geschichte sein wird. Es ist nicht weit…
Occupy Frankfurt

Die Bankenstadt gibt nicht auf

Es ist bewegend und beschämend zugleich, wenn man teilnahmslos durch diesen Stadtpark spazieren geht, der schon heute wie ein Freilichtmuseum dokumentiert, was morgen Geschichte sein wird. Es ist nicht weit hergeholt, wenn man von einer Revolution spricht. Bereits seit über einer Woche wird hier in Frankfurt vor der Europäischen Zentralbank demonstriert.

Mittlerweile sind es fast 140 Zelte mit Menschen aus der ganzen Welt. Die Verlängerung der Besetzung wurde bis Freitag genehmigt. Da sollten wir uns doch ernsthaft fragen: Wie frei sind wir wirklich? Wer von uns würde jetzt hier auf der Stelle sofort alles stehen und liegen lassen, um gegen das System zu kämpfen?

Einfach mal Uni, Arbeit oder Couch verlassen, Sachen packen und hierher kommen, um etwas zu bewegen. Und zu verändern. Wer von uns hat den Mut, die Entschlossenheit? Wer kann sich noch von diesen Pflichten befreien und das tun, wonach es im Innern schreit, getan zu werden? Mit Koffern sehe ich Passanten vom Bahnhof strömen. Doch ist mit dem Smartphone das Bild für Twitter oder Facebook geknipst, rollt das Gepäck auch schon weiter Richtung Innenstadt.

Wenn ich hier entlang laufe, ergreift mich der Wille, ebenfalls ein Zelt aufzuschlagen und zu mit zu demonstrieren. Weil der Mut und diese Heldentaten dieser Menschen so motivierend sind, so faszinierend und verbindend. Und vor allem weil diese Menschen den Glauben an Ideale und Hoffnungen auf Veränderung nie verloren zu haben scheinen. Sie tun das, wovon so viele nur sprechen. Völlig egal wo. Ob in der Universität, zu Hause, auf der Arbeit, in angenehmer Zimmertemperatur. Nur die wenigstens verfolgen das Ziel so klar und bestimmt wie die Menschen hier, die sich gemeinsam versammelt haben, um etwas zu bewegen und zu verändern.

Während ich meine Notizen mache, setzt sich einer der Organisatoren zu mir auf die Bank und verrät mir, dass er selbst Projektmanager eines der amerikanischen Großkonzerne ist. Er erklärt mir, dass Occupy Frankfurt parteilos und unabhängig ist, eine strikte Linie verfolgt ohne Parteifahnen, oder Logos. Sie sind einfach neutral und stehen unter dem „Occupy Stream“. Gerade das wurde von vielen sehr stark kritisiert. Doch protestiert wird schier gegen das System, das von Politik und Wirtschaft, Lobbyismus und Medien erschaffen und geleitet wird. Man müsse endlich einmal hinter die Kulissen blicken.

Es wird gefordert, dass die deutsche Bank kein Geld mit dem Hunger dieser Welt machen soll, wonach eines der Plakate schreit. Wie die Welt berichtet, stimmt der “Bundestag darüber ab, ob die Milliarden der Steuerzahler eingesetzt werden, um am Markt Billionen zu bewegen – im Kampf gegen die außer Kontrolle geratenen Staatsschulden anderer Länder.”

Letzte Woche ist man deshalb nicht nur durch die Goethestraße marschiert, um blöde Blicke aus Cartier, Chanel und anderen Läden zu ernten, sondern es wurde auch ein Flashmob direkt vor der Zentrale der Deutschen Bank veranstaltet. Um ihre Ziele zu konkretisieren und allgemeingültige Maßstäbe zu fordern, wurden Arbeitsgruppen gegründet, die gemeinsam bei ca. 5000 verschiedenen Themen auf einen Konsens kommen wollen. Zur Realisierung werden diese Ideen und Vorschläge auf der Generalversammlung und auf der Online-Präsenz präsentiert.

Gleichzeitig werden hier Obdachlose verpflegt. Jeder sei herzlich willkommen, solange man sich benehme. Die Occupy-Bewegung sieht nicht ein, dass die Schulden mit Steuergeldern abbezahlt werden sollen. Zur Boni-Feier wird man ja schließlich auch nicht eingeladen, spricht eines der Plakate.

Die Passanten zeigen sich sehr interessiert, bereits 6.000 Menschen gingen bei der letzten Demonstration auf die Straße. 91% der Bürger stehen hinter der Bewegung, wie sich bei einer Umfrage der ARD Tagesthemen herausstellte. Doch das reicht noch lange nicht aus. Selbst Bänker finden toll, was hier geschieht und nehmen anonym teil. Als ich einen von ihnen frage, wie er das bewertet, sagt er: “Wenn ein Star auftritt, gehen die Menschen in Massen raus und versammeln sich, aber geht es um ihr eigenes Geld tut keiner etwas…” Er ist ausgesprochen verwundert darüber, doch „es ist ein Anfang“, sagt er lächelnd und wünscht mir einen schönen Tag.

Viele demonstrieren zum ersten Mal, doch manche haben bereits an der Anti-Castor-Bewegung teilgenommen. Die Menschen hier sind überzeugt, manche sogar fast radikal. Das System kann noch so sehr seine Macht spüren lassen, der Kampf zwischen David und Goliath ist noch nicht beendet, deklariert der Projektmanager, der seinen Namen nicht verraten möchte, weil sein Job auf dem Spiel steht.

Demonstranten sind angereist aus London, Madrid, Paris und Brüssel. Einer von ihnen ist bereits drei Monate lang wahrhaftig von Madrid bis nach Frankfurt gepilgert. Da sollten die wenigen Meter doch wirklich kein Hindernis sein, auch an dieser Bewegung mitzuwirken. Samstag findet erneut eine Demonstration statt, bei der wir uns alle möglichst beteiligen sollten.

NA-KD

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4 Kommentare

  • Ich würde gerne gegen die Menschen in Amerika demonstrieren. Die haben nämlich mit ihrem “Ach, nehme ich halt noch nen anderen Kredit auf um den ersten Kredit zu finanzieren”-Lebensstil einiges in dieser Welt verändert …

  • “Die amerikanische “Occupy Wall Street”-Bewegung ist noch nicht so richtig in Deutschland angekommen. Um ihren Erfolg auch in hiesigen Gefilden anzustubsen, haben wir einfach die eine Protestbewegung mit einer anderen – besonders in Deutschland sehr erfolgreichen – Protestbewegung gekreuzt.” http://occupywallstreetview.tumblr.com/ Mach mit!

  • Occupy Frankfurt – Die Bankenstadt gibt nicht auf | Placedelamode

    […] Occupy Frankfurt – Die Bankenstadt gibt nicht auf  » http:// https://www.amypink.com Es ist bewegend und beschämend zugleich, wenn man teilnahmslos durch diesen Stadtpark spazieren geht, der schon heute wie ein Freilichtmuseum dokumentiert, was morgen Geschichte sein wird. Es ist nicht weit hergeholt, wenn man von einer Revolution spricht. Bereits seit über einer Woche wird hier in Frankfurt vor der Europäischen Zentralbank demonstriert.Mittlerweile sind es fast 140 Zelte mit Menschen aus der ganzen Welt. Die Verlängerung der Besetzung wurde bis Freitag genehmigt. Da sollten wir uns doch ernsthaft fragen: Wie frei sind wir wirklich? Wer von uns würde jetzt hier auf der Stelle sofort alles stehen und liegen lassen, um gegen das System zu kämpfen?Einfach mal Uni, Arbeit oder Couch verlassen, Sachen packen und hierher kommen, um etwas zu bewegen. Und zu verändern. Wer von uns hat den Mut, die Entschlossenheit? Wer kann sich noch von diesen Pflichten befreien und das tun, wonach es im Innern schreit, getan zu werden? Mit Koffern sehe ich Passanten vom Bahnhof strömen. Doch ist mit dem Smartphone das Bild für Twitter oder Facebook geknipst, rollt das Gepäck auch schon weiter Richtung Innenstadt.Wenn ich hier entlang laufe, ergreift mich der Wille, ebenfalls ein Zelt aufzuschlagen und zu mit zu demonstrieren. Weil der Mut und diese Heldentaten dieser Menschen so motivierend sind, so faszinierend und verbindend. Und vor allem weil diese Menschen den Glauben an Ideale und Hoffnungen auf Veränderung nie verloren zu haben scheinen. Sie tun das, wovon so viele nur sprechen. Völlig egal wo. Ob in der Universität, zu Hause, auf der Arbeit, in angenehmer Zimmertemperatur. Nur die wenigstens verfolgen das Z… […]