Im Gespräch mit Alfons Kaiser - Models, Marken und der Mensch

Die Welt der Mode wird seit jeher von einer Überzahl an Stereotypen bewohnt. Und von den wenigen, die die aufgesetzten Regeln zur richtigen Zeit durchbrechen. Alfons Kaiser wird auf den…
Im Gespräch mit Alfons Kaiser

Models, Marken und der Mensch

Die Welt der Mode wird seit jeher von einer Überzahl an Stereotypen bewohnt. Und von den wenigen, die die aufgesetzten Regeln zur richtigen Zeit durchbrechen. Alfons Kaiser wird auf den ersten Blick gern von Leuten unterschätzt, die keine Ahnung davon haben, wer er eigentlich ist. So gilt der zufällig in den Modezirkus hineingeratene 46-jährige Journalist doch als atmender Wegweiser in Sachen Kleidung.

Der gebürtige Sauerländer schrieb mehrere Bücher, veröffentlicht regelmäßig seine Meinung in Zeitungen wie der FAZ und Fachmagazinen wie Achtung und hat sich den Blick für die wahren Werte bewahrt. Und genau deswegen sprachen wir mit ihm über zu junge Models im Business, Klamotten als Kunst und die aufkeimende Unart, Menschen vorwiegend nach ihrem Äußeren zu bewerten.

Fangen wir ganz oberflächlich an. Wenn man deine Kleidung so betrachtet, würde man wohl nicht darauf zurückschießen, dass du dich mit Mode beschäftigst, oder?

(lacht) Ja, Jürgen Müller hat jetzt in seinem Blog Profashionals ein nettes Stück über mich gebracht. Da schreibt er, ich sähe aus wie ein kleiner Bank-Beamter. Leider hat er damit wohl Recht.

Genau das hätte ich jetzt auch gesagt. Gerade wo man hier in der Bankenstadt Frankfurt ist.

Ich bin fast ein Modemuffel, der darauf keinen großen Wert legt. In meiner freien Zeit trage ich Polohemden, Levi´s-Jeans und Turnschuhe. Das ist mein bescheidenes modisches Statement. Es zeigt, dass ich mich mehr aus professionellen Gründen mit der Mode beschäftige und weniger aus persönlichen.

Und bei der Arbeit?

Hemd und Anzug, manchmal auch Krawatte. Da fühle ich mich gar nicht so wohl drin, weil es so formell ist. Ich persönlich mag es schon lieber casual.

Wenn wir jetzt mal von deiner äußeren Erscheinung in deine Seele dringen und uns deinen Werdegang ansehen, merken wir auch, dass dieser ebenfalls nicht gerade typisch für jemanden aus der Modebranche ist. Du hast Psychologie, Germanistik und Politikwissenschaften studiert. Wie kamst du also zur Mode?

Wie die Jungfrau zum Kinde. Bevor ich zum 1. Januar 1997 Redakteur wurde, war ich seit dem 1. Oktober 1995 Volontär bei der FAZ. Zu dieser Zeit ging meine Kollegin Anne Schneppen als Korrespondentin nach Japan, die bis dahin die Mode betreut hat. Als ich vom Ressortleiter gefragt wurde, ob das nicht ein Thema für mich wäre, bejahte ich natürlich. Erstens interessierte ich mich schon immer sehr für gesellschaftliche Themen, aber eben auch ästhetische. Als Geistes- und Kulturwissenschaftler versuche ich Kunstwerke im allgemeinsten Sinne zu verstehen. Und was Thema meines Studiums war, kann ich in der Mode gut anwenden. Zudem gefiel es mir, Leute kennenzulernen, mich in ein Thema einzuarbeiten – und natürlich, nach Paris und Mailand zu reisen.

Also bist du der Ansicht, dass Mode Kunst sein kann.

Auf jeden Fall. Ich finde, dass ein sehr schön ausgearbeiteter Look Kunst sein kann. Wenn ich mir einen Look von Jil Sander oder Bottega Veneta für Frühjahr und Sommer 2012 ansehe, würde ich schon sagen, dass das Kunst ist.

Gehört zur Kunst denn nicht auch Kritik oder zumindest Substanz, die nicht nur in der äußeren künstlerischen Gestaltung liegt?

Die Mode schafft natürlich ganz besondere Kunstwerke, die immer erst im Zusammenspiel mit einer Person, dem Model, und der Präsentation entstehen. Das Kunstwerk steht sozusagen nicht generell im Raum wie eine Plastik oder ein Gemälde, sondern es entsteht in seiner Zurschaustellung. Die Rezipienten, die es gerade sehen und ein Gefühl und Gespür haben für das, was Zeitgeist ist, arbeiten mit daran. Viel häng von Styling, Model, Licht und Musik ab. Dadurch ist es ein unglaublich bewegliches, gar nicht richtig fassbares, gewissermaßen ein interaktives Kunstwerk.

Die Models heutzutage sind abgemagerte Frauen, die eher Kleiderhaken gleichen, als dass sie Persönlichkeiten sind.

Das stimmt. Das empfinde ich auch als negativ. Es wäre viel schöner, man würde nicht sechzehnjährige Mädchen dorthin schicken, die von Körper und Gesicht her gar nicht ausgebildet sind, also nicht weiblich sind, sondern eher kindlich. Dann würde auch das Zusammenspiel von Model und Kleid öfter funktionieren. Denn es ist ja absurd, wenn sechzehnjährige Mädchen Kleider von Prada vorführen, die sich dann am Ende im Laden vierzig- oder fünfzigjährige Frauen kaufen.

Die Frauen können sich damit eigentlich gar nicht identifizieren.

Genau. Dadurch entsteht eine Schere zwischen Models, die ja wirklich in der aktuellen Prada-Kampagne 16 oder 18 Jahre alt sind und auf noch jünger gestylt und geschminkt werden, und den Kundinnen.

Du sagtest, Mode entstehe im Zusammenspiel zwischen Präsentation und Rezeption. Jedes Kunstwerk sucht natürlich den Dialog mit dem Betrachter. Es stellt sich aber die Frage, ob in diesem Zeitalter noch ein eigener Stil existiert, also eine persönliche Aufnahme des „Betrachters“, und nicht das wahrgenommen wird, was eine gewisse Marke hat, die auch nur des Etiketts wegen getragen wird. Deshalb fragt man sich, ob es dadurch noch überhaupt Kunst ist.

Das ist eine sehr gute Frage. Auf der einen Seite werden die großen Marken noch sehr viel größer und machen noch viel mehr Umsatz. Louis Vuitton, Burberry, Gucci, Bottega Veneta beispielweise wachsen jetzt nach der Finanzkrise rasant. Die werden noch stärker, noch mächtiger. Auf der anderen Seite sind die Frauen und Männer, die Mode kaufen, selbstständiger geworden, eigenständiger, gebildeter und mit viel besserem Blick ausgestattet. In den Neunzigern gab es noch den Komplett-Look.

Man ist wirklich ins Geschäft gegangen und hat sich einen Armani-Hosenanzug gekauft. Das würde – außer vielleicht bei Anwältinnen oder Unternehmensberaterinnen – heute überhaupt nicht mehr passieren. Man nimmt sich eine Hose von Armani, eine Jacke von Pucci, ein Vintage-Tuch und eine Hermès-Tasche. Die Kundinnen sind kreativer geworden. Dadurch wird die Mode vielfältiger und interessanter. H&M zum Beispiel war auch eine große Bildungsoffensive für Modekunden.

Sie wurden besser an Trends herangeführt, als es vorher durch das Diktat aus Paris der Fall war. Man kann es auch am Aufstieg der Blogs zeigen, die Mode für jedermann sichtbar machen und erklären. Und man kann es an diesem zusammengesetzten Look erklären, der phantasievoll ist und verspielt. Es ist alles vielfältiger, auch ein bisschen undurchschaubarer, denn man kann nicht mehr genau sagen, welche Trends es jetzt gibt, denn die setzen sich jetzt aus undurchschaubaren Quellen zusammen.

Es ist auch demokratischer geworden, aber wie kann als modebewusster Mensch, wenn es mal um die ethischen Grundsätze geht, die leider zu kurz kommen, Kinderarbeit boykottieren, statt sie durch den Kauf zu verstärken.

Das ist eine sehr schwierige Frage, denn man bekommt darüber nur schwer Informationen. In Sachen Kinderarbeit kann ich auch als Journalist nur sehr schwer nachvollziehen, ob sich die Modehäuser an Gesetze halten. Man kann nur vermuten, dass ein Top, das 9,95 Euro kostet und aufwendig mit Pailletten bestickt ist, von indischer Kinderhand bestickt wurde. Bei solchen Billigprodukten, die nach viel Handarbeit aussehen, bin ich sehr kritisch.

Der Journalist Wolfgang Uchatius ist auf die „Suche nach dem Geheimnis des billigen T-Shirts“ gegangen und hat seine Ergebnisse im Artikel „Das Welthemd“ in der Zeit veröffentlicht. Obwohl das Unternehmen selbst nicht mit Informationen rausrückt, hat der Autor des Artikels sehr gut dargelegt, wie der Preis zustande kommt. Er berichtet vom Bauer aus Lubbock, über die Näherin in Dhaka, den Frachtarbeiter in Malakka, die einen Preis in Höhe von 4,95 Euro möglich machen, welcher von der Masse nicht hinterfragt, sondern einfach in Anspruch genommen wird.

Ja, und das gleiche gilt wohl auch für Indien, woher viele Stickereien stammen. Für die großen Konzerne ist es dort offenbar sehr schwer, Sub-Unternehmen und Sub-Sub-Unternehmen im Griff zu haben. Irgendwo wird das dann gemacht, und keiner sieht das. Ganz ähnlich ist es mit der Umweltverschmutzung oder der Gesundheitsgefährdung durch Textilien. Man hat es beispielsweise am Sandstrahlen von Jeans gesehen. In der Türkei sind viele Arbeiter an Lungenkrankheiten erkrankt und gestorben. Mittlerweile wird das bekämpft. Aber die gesundheitlichen und ökologischen Folgen des gigantisch gewachsenen Modekonsums sind gar nicht im Blickfeld.

Bei den großen Marken können wir beim Etikett nur leider auch oft „Made in China“ nachlesen.

Ja, natürlich. Wobei „Made in China“ heute ja schon fast ein Qualitätssiegel ist. Die meisten Fabriken scheinen dort sehr ordentlich geführt zu werden, und die Leute verdienen einigermaßen Geld.

Einigermaßen“¦

Für chinesische Verhältnisse gut, für unsere Verhältnisse natürlich schlecht. Die großen Firmen, die sich keine schwarzen Flecken auf ihrer weißen Weste erlauben können, passen da schon sehr gut auf, auch was Arbeitssicherheit angeht. Da bin ich bei Indien und den Stickereien kritischer.

H&M und Zara, deren Zielgruppe sehr jung ist, macht den größten Umsatz. Glaubst du, dass modebewusste Menschen überhaupt ein Verantwortungsbewusstsein haben? Wohl eher weniger, oder?

Eher weniger. In Deutschland geht langsam das kritische Bewusstsein dem Konsum gegenüber verloren. Das war ja früher sehr ausgeprägt, gerade hier, mit der Frankfurter Schule, der Kapitalismuskritik, der Konsumkritik. In Ernährungsfragen ist die Aufklärung da heute weiter, wenn man bedenkt, wie zum Beispiel Foodwatch und natürlich das Verbraucherschutzministerium arbeiten. Bei Kleidung weiß man gar nicht so genau, was man da kauft, unter welchen Bedingungen es produziert wurde und wie viele Rückstände bleiben werden. Man muss nur einmal bedenken, wie viel Wasser beim Waschen der Jeans benutzt wird. Und darüber macht sich kaum ein Mensch Gedanken.

Diese Themen muss man dringend aufgreifen, denn die steigenden Umsätze zeigen, dass vielmehr gekauft wird, weil die Preise sinken, dass also viel mehr Müll produziert wird. Die Leute kaufen sich das T-Shirt bei H&M, tragen es drei Mal, und dann werfen sie es weg. Dafür müssten auch Modejournalisten mal langsam ein Bewusstsein entwickeln.

Nur schweigen gerade diejenigen, die sich bestens darin auskennen, weil sie eben auch bezahlt werden.

Naja, nicht direkt bezahlt, aber sie sind Teil des Systems. Man möchte natürlich, wenn man in einer Modezeitschrift arbeitet, die Kundinnen und Leserinnen mit neuen Produkten beglücken. Alles, was neu, toll und schön ist, bringt man gerne rein. Wenn man dazu noch die Produkte der Anzeigenkunden vorstellt: umso besser. Das Ganze ist also eine Riesen-Umsatzmaschinerie, in der nichts in Frage gestellt wird.

Ist es damit nicht für dich ein Widerspruch, dass du dich mit einem Luxusprodukt beschäftigst, das du selbst eigentlich ablehnst?

Für mich persönlich lehne ich es ab. Aber ich sehe natürlich gerne Frauen, die toll gekleidet sind. Es ist ein ästhetisches Vergnügen. Die letzte Burberry-Schau war ein geradezu beglückender Moment. Ich sehe aber auch, dass dieses ästhetische Vergnügen eben nicht unbedingt Luxusprodukte und Luxusmarken braucht. In Paris sieht man schön gekleidete Frauen, die alles aus dem Second-Hand-Laden oder aus der Altkleidersammlung haben. In London haben wir Street-Style-Fotos einer Frau gemacht, die fast alles nur vom Camden Market hatte, und es sah toll aus. Die „High Fashion“ verliert also an Bedeutung. Dieses Diktat, dass Chanel bestimmt, was wir in der nächsten Saison tragen, ist 30 oder 40 Jahre alt. Das brauchen wir nicht mehr. Daher haben wir von den Bloggern den Street-Style-Ansatz übernommen. So zeigen wir, dass es eben nicht darauf ankommt, was Chanel auf dem Laufsteg zeigt, sondern darauf, wie es übersetzt wird.

Dadurch, dass aber auch das „Mixen“ zum Trend geworden ist, geht unter den ganzen Street-Styles Authentizität verloren. Wer sieht nicht nur individuell aus, wer ist es überhaupt noch? Es ist schwierig, den Individuellen vom Mainstream zu unterscheiden.

Das ist wahr. Man sieht nicht mehr die Traditionslinien und kann es nicht mehr so genau sozial oder kulturell anbinden. Aber das macht es ja noch interessanter. Die Sprache, mit der man sich modisch ausdrückt, wird weiter verfeinerter. Man muss noch mehr zwischen den Zeilen lesen, man muss noch mehr sehen, was das für ein Look ist und warum er einen persönlich so interessiert. Es wird unübersichtlicher und weniger vorhersehbar, aber das macht es spannend.

Ich behaupte, dass du als Geisteswissenschaftler mehr reininterpretierst, als eigentlich ausgesagt wird.

Aber es wird doch immer so viel ausgesagt, wie jemand hineininterpretiert.

Die Pluderhose wird in Berlin oder London von Menschen getragen, von denen die meisten überhaupt keine Ahnung haben, dass diese von Bauern in Anatolien im Dorf bei der Ackerarbeit getragen werden. Sie tragen die Kleidung des „Ethno-Looks“, ohne zu wissen, welchen funktionalen und kulturellen Ursprung dieses Kleidungsstück eigentlich hat.

Das finde ich auch geistig dürftig, dass man sich überhaupt nicht damit auseinandersetzt, was man da transportiert. Andererseits ist Mode für den Konsumenten eben kein intellektuelles Spiel, sondern künstlerischer Ausdruck: „Ich selbst inszeniere mich als Kunstwerk, ich bin mein eigener Stylist, und so entwickle ich mich und stelle mich in der Gesellschaft der Ich-AGs als Kunstwerk dar.“

Über den Künstler sagt man ja auch, er muss nicht wissen, was er da macht, sondern er macht es einfach. Das müssen wir Geisteswissenschaftler dann schon interpretieren. Insofern würde ich sagen, die Hose ist meiner Meinung nach hässlich, gerade in Berlin. In der Türkei wiederum hat sie sichtlich ihre Funktion und ihre Tradition. Aber nur weil die Leute nicht wissen, warum sie getragen werden, und was der türkische Bauer ursprünglich damit gemeint hat, muss man es nicht verdammen.

Authentisch sollte es dennoch sein.

Ja, klar, obwohl mir das Wort zu sehr nach einer Marketingfloskel klingt.

Die Menschen wollen sich zwar als Kunstwerk präsentieren, doch stellt sich damit die Frage, ob das noch Kunst ist oder schon nicht künstlich.

Ja, viele übertreiben es, viele sind dabei, gerade in Deutschland, recht geschmacklos. Zum Beispiel gibt die deutsche Frau mehr Geld für Mode aus als die Französin, was mich sehr überrascht hat. Doch es zeigt, dass die Leute offenbar verzweifelt an die teuren Designermarken glauben, statt auf den Flohmarkt zu gehen und auch dort mal zu schauen.

Das Stilbewusstsein in Deutschland scheint noch nicht ganz ausgeprägt zu sein. Funktion stand lange viel mehr im Vordergrund.

Ja, Funktionalität und Sicherheit, das fängt bei der Bundeskanzlerin an. Man geht auf Nummer Sicher, statt mal eine schöne Brosche oder tolle Bluse zu tragen. Man möchte halt irgendwie durchkommen.

Die optische Einfältigkeit in Deutschland als Land vergleichend zu den Metropolen der Welt scheint modische Freiheit zu rauben. Also darf man die Wirkung des Getragenen nie außer Acht lassen.

Wir sind sehr provinziell, wir sind eben ein föderaler Staat. Dadurch konnte sich auch lange keine Modehauptstadt in Deutschland entwickeln. Es gab München, Frankfurt, Hamburg und Düsseldorf, damals mit der größten Modemesse der Welt. So konnte sich modisch, ästhetisch, stilistisch keine Autorität entwickeln. Berlin ist es erst nach der Wende, nachdem es zur Hauptstadt wurde, zur Modehauptstadt aufgestiegen. Aber es ist eben nicht wie in London, Paris oder New York. Berlin fehlt noch immer die wirtschaftliche Power. Die Szene entsteht dadurch nur langsam. Das heißt auch, dass sich lange kein deutscher Stil entwickeln konnte. Weil man durch die Provinzialität stark abhängig war und immer nach Paris geguckt hat.

Wo wir gerade bei Berlin sind. Dort hatten wir uns kennengelernt, als du in Begleitung des Fotografen Helmut Fricke warst. Bist du immer mit ihm unterwegs?

Sehr oft. Ich war in dieser Saison mit ihm in New York, London und in Paris.

Passiert es, dass er neben dem Fotografieren auch mal zum Modekommentator wird?

Ja. Sein Urteil ist mir wichtig. Denn er hat viel Erfahrung und ein gutes Auge. Er sieht, was auf dem Foto gut rüberkommt. Dadurch kann er sehr schnell sagen, ob die Kollektion eher flau oder besser ist. Auch beim Street-Style arbeiten wir zusammen. Wir gucken genau, welche Frau oder welcher Mann uns interessiert. Da kann es mal eine halbe Stunde lang oder länger dauern, bis wir einer Meinung sind. Sobald die Schnittmenge gleich ist, was sehr selten der Fall ist, schlagen wir zu. Und dann passt das auch meist. Er macht das Bild, und ich schreibe dazu.

Was braucht es noch außer dieser Fähigkeit zu kritisieren? Es kann ja jeder sagen, was er schön findet und was nicht.

Man sollte schon sehen, in welcher Tradition sich der Modemacher bewegt und wie er diese erfüllt oder darüber hinausgeht. Dazu gehört auch, dass man betrachtet, wie die Szene in einem Land oder in einer Stadt überhaupt ist. Denn Franzosen und Italiener haben andere ästhetische Paradigma. Die sehen Mode mit anderen Augen als wir. Da wäre es sehr provinziell, wenn ich als Deutscher gleich sagen würde: „Versace ist per se vulgär.“ Es entsteht eben aus einem italienischen Stilgefühl, über das man nicht so leicht urteilen sollte oder über das man sich nicht so leicht als Deutscher stellen sollte. Man sollte also ein Verständnis entwickeln für das Modehaus, für die Szene, für das Land, die Kultur und die wirtschaftlichen Hintergründe. Und dann kann man auch darüber urteilen.

Wie würdest den Stil dieses Jahrzehnts zusammenfassend beschreiben?

Eklektizistisch, zusammengesetzt aus vielen Traditionen. In den neunziger Jahren hätte ich eher minimalistisch gesagt, da vieles nach Helmut Lang und Jil Sander aussah. Aber das letzte Jahrzehnt war sehr vielfältig und sehr unübersichtlich.

Was genau wird von dir als schön bezeichnet? Gibt es etwas wie den optimalen Kleidungsstil?

Je nach Saison. Noch mal zu der Burberry-Kollektion: kurze Jacken, Glockenröcke, die hoch ansetzen, also eine schöne Silhouette und interessante Farben: toll und sogar tragbar! Wenn ein Gesamteindruck aus Farben, Formen und Materialien entsteht, der mich mitreißt, empfinde ich das als schön. Das kann aber natürlich auch ein junger Modemacher aus New York oder Berlin sein. Vieles kann einen umhauen. Ich bin da sehr offen. Was ich generell nicht mag, ist allzu vulgäre Mode. Wenn nur Badeanzüge über den Laufsteg defilieren, drehe ich durch.

Gefällt dir Dolce&Gabbana?

Eigentlich sehr, weil sie vielfältig sind, überschwänglich, sizilianisch, italienisch. Doch erst neulich musste ich sie kurz abwatschen. Mit großen Früchten auf dem Kleid, wie Prada und Stella McCartney vor einem Jahr, und wiederholter Spitze war es einfach zu vorhersehbar. Ich wollte einfach mal was Neues sehen.

Passiert es dir manchmal, dass du anhand der Kleidung von Menschen, zu kategorisieren versuchst?

Ja. Und das ist vielleicht keine positive Eigenschaft. Man sollte die Menschen erst einmal kennenlernen und nicht anhand der Oberfläche beurteilen. Das ist etwas, was in der Modeszene oft gemacht wird. Die Leute gehen nur nach dem Äußeren, und dann sind sie auch schon vergessen. Das finde ich eigentlich primitiv. Man möchte die Menschen doch kennenlernen. Auch ich möchte nicht sofort als kleiner Bankbeamter gesehen werden, sondern als normaler Mensch, der vielleicht mehr zu bieten hat als einen Look.

Also hältst du dich ungern in der Modeszene auf.

Es ist immer zwiespältig. Ich bin begeistert von den Leuten, die sich gut kleiden, ich gucke mir das unglaublich gerne an. Das macht, glaube ich, jeder Mensch, nur stehen die wenigsten dazu, gerade in Deutschland. Aber ich erkenne immer den Zwiespalt. Immer nur auf die Oberfläche abzuheben ist irgendwann gefährlich.

Das passiert zu oft in der Modebranche.

Ja, die Gefahr ist da. Dass High-Heels oft Pflicht sind: Für übergewichtige Frauen ist das zum Beispiel kein Spaß, wobei die in bestimmten Modemagazinen gar nicht erst eingestellt werden. Wenn Mode dogmatisch wird, ist sie eigentlich keine Mode mehr. Denn Mode ist eigentlich ein Ausdruck von Freiheit. Modische Vielfalt heißt für mich, dass eine Gesellschaft in ihrem Inneren frei ist. Unfrei heißt, dass es Uniformen gibt. Das sieht man in manchen osteuropäischen Ländern, die heute noch diktatorisch regiert werden“¦

Oder in manchen muslimischen Ländern“¦

“¦ wo die „Arabellion“ ein Schrei nach Freiheit ist. Ich glaube, dass dort großes modisches Potential liegt. Wenn man bedenkt, dass ab 2015 saudische Frauen wählen können, dann merkt man, dass da viel weiblicher Freiheitsdrang ist. In zehn oder zwanzig Jahren wird man auch dort freie Frauen auf der Straße sehen. Und so ist Mode ein Gradmesser für Freiheit einer Gesellschaft.

Die stereotypische Emanze ist keine Kopftuchträgerin. Es scheint jedoch, dass an dem jetzigen Kleidungsstil dieser Gesellschaft abzulesen ist, dass sie zu frei ist, und darin verloren geht.

Ich würde auch sagen, dass ein Kopftuch oder gerade die Vollverschleierung ein Ausdruck von Unfreiheit ist. Wenn man aber die Frauen danach fragt, sagen sie selbst, es sei ein Ausdruck von Freiheit, weil sie sich nicht belästigt und nicht angeguckt fühlen. Das vermag ich nicht zu beurteilen. Aber rein phänomenologisch kommt der Look nicht gerade locker daher.

Es sind nur wenige, die das Tuch aus Überzeugung tragen. Denn die Menschen, die sie danach fragen, sind ganz offensichtlich die freieren Menschen. Wer also würde das jemals gerne zugeben, dass sie gerne die Freiheit hätten, selbst zu entscheiden, ob sie es tragen, oder nicht. Es scheint durch den Druck seitens der Familie also unmöglich, diesen Wunsch auch nur zu äußern. Mit Ehrenmord wird in Deutschland Töchtern der islamisch geprägten Immigranten gedroht, aufgrund ihres westlich orientierten Kleidungsstils. Die optische Anpassung, die aus neuorientierten Werten hervorgeht, wird unterdrückt, oder mit dem Tod bestraft wie im Falle der 16jährigen Afghanin Morsal O. aus Hamburg.

Richtig ist, dass die Reaktion auf vermeintlich permissive Freiheiten oft zum Rückschritt führt.

Nicht nur in der FAZ, sondern auch im Magazin Achtung sind von dir Artikel über Mode zu lesen.

Dort schreibe ich manchmal über eher modeinterne Themen, die in der allgemeinen Tageszeitung nicht so interessieren. Für Zeitungsleser wäre es irgendwann sehr ermüdend, ständig Texte zum Beispiel über Designerwechsel bei den Modehäusern in Paris zu lesen. Zur Abwechslung macht es mal Spaß, in einem Magazin zu schreiben. Sozusagen für’s Fachpublikum.

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