Willkommen auf der Uni - Die Lobby der Coolen

Seine Schuppen fallen in Zeitlupe von den widerlich blonden Streunerhaaren auf den widerlich braunen Wollrollkragenpulli. Ihm wurden schon lange nicht mehr die Haare geschnitten, seine Schultern sind mit einer puderzuckerartigen…
Willkommen auf der Uni

Die Lobby der Coolen

Seine Schuppen fallen in Zeitlupe von den widerlich blonden Streunerhaaren auf den widerlich braunen Wollrollkragenpulli. Ihm wurden schon lange nicht mehr die Haare geschnitten, seine Schultern sind mit einer puderzuckerartigen Schicht von Hautmüll bedeckt. Wenn er sich bewegt oder am Kopf kratzt, löst es eine weitere Lawine auf seinem Haupthaar und eine Lawine des Würgens bei mir aus. Eine Flocke kommt mir gefährlich nah, ich puste sie im letzten Augenblick in eine andere Richtung.

Sein Nachbar, den ich erst jetzt bemerke, klopft ihm leise kichernd auf den Rücken und steckt sich dann, im Gespräch vertieft, den kleinen Finger kurz ins Ohr, rüttelt einmal fest und zieht dann den Finger inklusive gelb-fettiger Ausbeute heraus. Was er damit macht, weiß ich nicht, denn just in diesem Augenblick wird meine ganze voyeuristische Konzentration von IHR vernichtet. Von Ihr. Sie.

Sie ist der Traum aller akademischen Hallen; sie ist meine Göttin und meine Erzfeindin zugleich, sie ist alles, was mir in diesen Tagen wichtig ist und alles, was mich in diesen Tagen innerlich vernichtet. Doch es bedarf weiter auszuholen, um diese wichtige Hauptdarstellerin meines neuen Lebensaktes zu verstehen…

Seit einigen Tagen bin ich offiziell Studentin und bewege mich nun jeden Tag im Pendel von Gebäude zu Hörsaal zu Sprechstunde. Ich bin überfordert, aber immerhin von meinem unglaublich gutriechenden besten Freund als Sidekick begleitet. Das ist ein minimaler Trostpreis, denn ab sofort heißt es: Ein Amt nach dem anderen bearbeiten, jeden Tag drei Stunden von der Fernsehturm-Idylle ins verweste Frankfurt Oder zügeln, Geldprobleme haben und ständig lesen, lesen, lesen.

Ich bin mir sicher, dass diese Ausbildung der Kulturwissenschaften mich und mein Leben persönlich und charakterlich bereichern wird. Zum Preis meiner Würde, meiner Selbstachtung und meiner finanziellen Lage zwar, aber das ist in Ordnung, dafür machen wir das ja, für ein Einstiegsgehalt unter 20.000 Euro im Jahr und für eine ledigliche Weiterreichung zum Jobcenter. Dafür, und für das Finden neuer Freunde.

Da ich weder an einem naturwissenschaftlichen Nerd-Studiengang noch an einer von geleckten VWL-Schnöseln überforderten Sitzung teilnehme – so jedenfalls mein ursprünglicher Gedanke – wird das mit den neuen Freunden sicherlich nicht schwer. Die Nähe zu Berlin sollte schon alleine dafür sorgen, dass sich die Zahl an Vollpatienten unter den Studierenden verringert.

Ganz klar, wie sich das logisch erklärt: Wer in Frankfurt Oder studiert hat kein 1,0 Abi, sonst hätte man ja auch in der Großstadt bleiben können. Also wurden die Streber schon von dem mittleren Durchschnitt der intelligenten Leute durchgefiltert. Zusätzlich ist das hier ja ein bekannt kreativer und bildender, geradezu einer der modernsten Studiengänge der Geisteswissenschaften, da bleibt nicht viel Raum für Opfer. Letztendlich habe immerhin ICH mich dafür entschieden. Ganz klar, dass sich auch nur andere coole Leute dafür entschieden haben.

Als ich mich stundenlang für den Sprach-Einstufungstest anstellen musste, fiel mir direkt ein potenzieller Kommilitone der unschlagbaren Super-Studenten auf. Er hatte ernstzunehmende Nikes an, eine Bomberjacke mit Tribe-Prints in Lila und eine wohl geschnittene Afro-Frisur. Er sah aus, als wäre er aus meinem Tumblr gestiegen, um sich mit mir in den elitären Kreis der mit gutem Geschmack ausgerüsteten krassen Menschen zu gesellen. Wir sahen uns an und wussten: wir werden das erste Semester regieren. Doch noch bevor ich dazu kam, eine perfekte Ansprache vorzubereiten und ihn mit meiner Eloquenz und meinem Street-Charme umzuhauen, stand schon jemand anderes neben ihm. Sie.

Meine Nemesis. Und doch auch gleichzeitig mein universitäres Fabelwesen. Sie stahl ihn mir mit ihren coolen Skinny Jeans, ihren coolen Schuhen, ihrer coolen Frisur, ihrem wunderschönen Gesicht und ihrer angenehmen Stimme vor der Nase weg. Er lachte sie mit strahlend weißen Zähnen an, sie guckte auf seinen Stundenplan, sie nickten beide, und fort gingen sie, gemeinsam. Sie hatte mit Sicherheit einen lateinamerikanischen oder mittelöstlichen Hintergrund, in ihrer Körpersprache lag Attitude, und ihr Style war makellos, aber unbemüht.

Ihre progressive Art konnte ich nach meinem persönlichen Verlust noch öfter beobachten: Wie sie mit den Dozenten halb flirtete, halb verhandelte, wie sie sich locker machte vor allen anderen Pferdemädchen und jedem ganz unverfroren die Show stahl, obwohl sie bescheiden war. Es war ihre Natur, so unantastbar cool und doch kernsympathisch zu sein. Jeder wollte mit ihr befreundet sein, wahrscheinlich seit der 1. Klasse schon. Nur viel wichtiger: ICH wollte mit ihr befreundet sein. Mit ihr und all IHREN Freunde, die wahrscheinlich auch alle so aussehen, einen verdammt guten Musikgeschmack haben und Ford Mustang fahren.

Die Mischung aus Neid, Bewunderung und purem Hass in meinem Körper war nicht genau zuzuordnen. Nach einigen Minuten Denkzeit wurde mir bewusst, dass unsere Freundschaft keine wäre. Ich will überhaupt nicht mit ihr befreundet sein, nein, das würde in einer bitteren Feindschaft enden, einer Konkurrenz bis zum Tod.

Vielmehr: Ich will sie sein. Ich will sie auffressen und ihren Platz im Leben ersetzen. Sie hat keine Probleme. Sie ist ghetto und smooth, easy und mit Attitude. Sie ist die coolste Schnitte auf dem Campus, und ich bin neben ihr nichts. Eine schlechte Kopie. Eine unvollständiges Portrait, gemalt von einem gescheiterten Jungkünstler, der sich mitten in seinem Werk dafür entschieden hat, doch lieber eine vernünftige Ausbildung zu machen. Ich bin die kaputte Glühbirne und sie ist der funkelnde Kronleuchter. Sie hat die Lässigkeit erfunden, ich leide unter Laktoseunverträglichkeit. It's High School all over again.

Ich war von meiner Faszination paralysiert: Diese zwei Exoten, ihre stimmige Zusammengehörigkeit, waren nun ein einziges Modul. Zuerst waren sie einsame Kämpfer, dann waren sie ein Two Man Wolf Pack. Dank meiner spontanen Lähmung vergingen leider die wichtigsten Tage der zarten Anbandelungsversuche. Der von mir geforderte Aktivismus blieb aus. Es sind schon einige Bleistifte an meiner Wut in gemeinsamen Vorlesungen zerbrochen. Ich beobachte sie dann, heimlich, sitze hinter ihnen und kann mich nicht konzentrieren. Ich will sie infiltrieren, sie übernehmen, das Steuer wieder herumreißen und das Wort “cool“ wieder für mich alleine, und ein paar ausgewählte Menschen, annektieren.

Währenddessen beobachte ich also seit einer geraumen Weile schon Schüppi und seinen Ohrschmalzkollegen beim hässlichen turteln. Der Stress der letzten Tage auf dem Weg in die künstlerische Selbstständigkeit, begleitet von den Ohrfeigen aller behördlichen Instanzen, hat leider zu all meinem Leid mit der Authentizität auch noch einen dicken, fetten, widerlichen Herpes hervorgeholt, der mich nun zum absoluten Außenseiter stempelt, zum Outkast macht, zum hässlichen Ausschlag-Mädchen, mit dem keiner befreundet sein will.

Wo ich nur ein Bürger der Zwischenwelt war, bin ich jetzt definitiv im Exil der Ausgestossenen gelandet. Hier sind die Akne-Typen, die Neuro-Kinder, die Dicken und die Schwitzer. Unsere Kaste ist sogar noch tiefer gestapelt als die der Streber und Unsichtbaren. Und die Zeit vergeht. Je mehr Seminare und Vorlesungen stattfinden, desto öfter werden mich die Leute fernab jeglicher sozialen Zivilisation brandmarken, ich werde keine Freunde finden, keine Netzwerke gründen, keine Kontake für die Zukunft aufbauen, wahrscheinlich mein Studium abbrechen und vielleicht elendig am Leben versagen.

Eines habe ich schon an meinem letzten (zugegeben sehr kurzen) Aufenthalt an der Universität gelernt: Hier gelten die strikten Regeln der Klassengesellschaft. Aktuelle Trends und guter Geschmack sind das A und O, wenn es um Erfolg geht. Der notwendige Kontakt zu den Strebern wird gemeinsam erbaut, um notfalls einen Anker zu haben. Dafür werden sie integriert. Ein fairer Deal.

Zu fünft oder zu sechst cornern, smoken, chillen und abchecken: Dafür wurde ich geboren. Ich habe die Slacker-Lobby erfunden, ich kämpfe für unsere Interessen und für unsere Rechte, ich kämpfe dafür, dass unser Stilbewusstsein nicht von unserer Bildung ablenkt und ich sage ganz klar: Wir sind nicht faul, wir sind effizient, und wir sind nicht arrogant, wir sind die Avant-Garde.

Ich bin ein Herdentier, das mit Machern, mit aufmerksamkeitsfordernden Typen erst zu seinem vollen Wahnsinn entfaltet werden kann, Wahnsinn war Fundament aller Innovation! Ich bin kein Dauersparer, ich bin Draufgänger, und ich brauche die James Deans unserer Hochschule, um nicht zu wissen, was ich hier mache. Ihr könnt mir keine bröseligen Opfer zur Seite stellen, nein! Ich muss meine Weirdness, meine mannigfaltigen Talente und meine Meinungen zu Popkultur und Kunst beitragen können, Austausch finden, am besten mit Leuten, die auf einer ähnlichen Basis leben!

Und erzählt mir nicht, dass man das nicht an den Klamotten erkennt. Wir leben im Zeitalter des Internets: Hier geht es nicht mehr ausschließlich um den Preis, man kann sich auch bei Kik schon das Outfit des Jahrhunderts zusammenstellen. Hier geht es um mehr als das: Um die Einordnung nach Tendenzen, Lifestyle-Entscheidungen, die man im Outfit widerspiegelt.

Ihr sagt Hipster, ich sage: Feine Nuancen! Ihr sagt Oberflächlichkeit und ich sage: Ich erleichtere mir das Einordnen. Ihr sagt Ausschlusskriterien, ich sage: Es sind Signale der Zugehörigkeit, kleine Greifarme der Konversation. “Hey, coole Schuhe“ funktioniert genauso wie “Ach guck an, du liest auch die Bibel!“ Machen wir uns nichts vor, ich lerne nicht erst jemanden kennen und entscheide nach vier intensiven Treffen der Ehrlichkeit, ob ich die Person mag oder nicht. Entweder, ich werde zufällig überrascht, oder ich suche mir den Kandidaten meiner Freundschaftsfantasien auf die übliche Weise: Ich verurteile, ich stampfe ein, ich wische beiseite und ich ziehe heran, wer in den Rängen meiner Vorstellungskraft zu der regierenden Fraktion aller studentischen Lebensteilnehmer gehört.

Aber Newsflash: Das funktioniert leider nur, wenn man sich nicht selbst in den ersten drei Tagen mit einem katapultartigen Arschtritt hinausbefördert. Nun sitze ich vor meinem wohlkonstruierten Gerüst aus Idealen und Trends, habe mich ausgeschlossen, aus dem House of Coolness, und teile mir die Vorlesung weit weg von funktionierenden Sozialwesen mit Birte-Conny, die sich nach jeder Aussage des Dozenten meldet, um sie noch mal zu wiederholen, und Nadja, die ukrainische Studentin, die alles ganz genau mitschreibt (auf ukrainisch), um ja kein bisschen vom lehrreichen deutschen Unterricht zu verpassen, beobachte dabei die ekelresistenten Jungs, die eigentlich nie eine Chance auf Rehabilitation haben werden und überlege, wie ich von diesem Abstellgleis wohl wieder herunterkomme. Eine neue Frisur, ein falscher Name für die Zwischenzeit, gibt es überhaupt noch eine Konsolidierung mit der Welt, wenn sich ein Arschlochherpes manifestiert hat?

Meine kurze, blühende Filmvorstellung einer rosigen Uni-Karriere als beliebteste Person in den geistig erleuchtenden Hallen bleiben also auf drei Tage begrenzt und es verhält sich weiterhin wie in den Massen, die morgentlich in die Berliner U-Bahn strömen. Es ist eng, man geht unter, und normalerweise wird man mit dem Gesicht an ein stinkendes Körperteil des Nachbarn gedrückt. Versagt aber nicht. Ich werde kämpfen. Für mich, für euch, für uns. Für alle, die keinen Bock auf die Einführungswoche hatten, für alle, die zu nervös waren um die coolen Leute direkt am ersten Tag abzugreifen, für alle, die eigentlich nur auf ihre heldenhafte Chance auf Triumph warten. Ich werde für unsere Coolness kämpfen.

Forever 21

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