Ein Appell - Modeblogger aller Länder, vereint euch!

Aufgrund von Baumwollsubventionen können Bauern in Burkina weder ihre Kinder zur Schule schicken noch zum Arzt, geschweige denn sie überhaupt ernähren. Eine Million Arbeiter leben dort unterhalb der Armutsgrenze, die…
Ein Appell

Modeblogger aller Länder, vereint euch!

Aufgrund von Baumwollsubventionen können Bauern in Burkina weder ihre Kinder zur Schule schicken noch zum Arzt, geschweige denn sie überhaupt ernähren. Eine Million Arbeiter leben dort unterhalb der Armutsgrenze, die die Hälfte aller Baumwollbauern ausmachen. In Indien steigt die Anzahl der Fehl- und Missgeburten und Krebskranken weiter an.

Schuld daran sind Pestizide, die von europäischen Pharmakonzernen wie Bayer geliefert werden. Die Selbstmordrate unter den Bauern ist hoch. Weil die Schädlingsbekämpfer gegen die Insekten, die sich an die Giftstoffe gewöhnen und überleben, nicht mehr wirken, werden ganze Ernten vernichtet. Manch einer verschuldet sich hoch bei den Händlern, um nicht erneut von einer Missernte betroffen zu sein.

Unzählige Bauern und Textilarbeiter leiden an Lähmungserscheinungen, weil sich noch immer Rückstände der in den USA und Europa verbotenen Mittel Monocrotophos und Endosulfan auf dem verarbeiteten weißen Gold befinden, mit denen auch wir uns einkleiden. Ihre Lebenserwartung beträgt gerade einmal 35 Jahre. Mädchen, die im Alter von 18 Jahren eine mehrköpfige Familie ernähren müssen, werden geschlagen und sexuell genötigt, wenn sie es nicht schaffen, eine festgelegte Anzahl an T-Shirts zu bearbeiten. Mit unbezahlten Überstunden kommen sie umgerechnet gerade einmal auf 40 Euro im Monat.

Das sind nur einige wenige Fakten, die ich aus Dokumentarfilmen wie “100 Prozent Baumwolle – Made in India” oder Reportagen wie “Report Mainz” bezogen habe. Sexueller Missbrauch, Gewalt, Hungerlöhne, unmenschliche Arbeitszeiten, gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen, Verzicht auf Bildung. Das alles sind die Konsequenzen der Textilindustrie. Es ist die „moderne Sklaverei“, die wir mit unserem Konsumverhalten in Anspruch nehmen und unterstützen. Kleider machen Leute heißt es. Aber Kleider machen noch lange nicht zum Menschen.

Von unzähligen Modeblogs der deutschsprachigen Blogosphäre berichten gerade einmal zwei Stück prominent von den Missständen in der Welt, in der die in Deutschland eingekauften Billigprodukte hergestellt werden. This Is Jane Wayne und Blica. Die Schattenseiten der Modewelt passen einfach nicht zum Stil der Kollegen, denen nicht selten ein großes Publikum zuhört, die dann mit Belanglosigkeiten bedient werden. Zwischen all der Vermarktung der eigenen Person, den unsinnigen Produkten oder einer Masse an Veranstaltungsbildern, weht dem Leser nicht ein Hauch von Kritik entgegen. Doch das muss sich ändern.

Jeden Tag besuchen tausende Interessierte unsere Seiten, „informieren“ sich über die neuesten Waren und Events, lassen sich vom Geschmack der Autoren zum Kauf anregen. Bei Zara, H&M und anderen Großkonzernen, die ihre menschenverachtende Philosophie hinter einem reinen Image verstecken. Wenn Modeblogger, wie Anne Feldkamp sagt, wirklich „Role models“ sind, dann sollten wir endlich auch einen Teil der Verantwortung übernehmen, mit der wir täglich hantieren.

Wir unterstützen durch unsere Arbeit nicht nur Unternehmen, die auf unseren Schultern Gewinne einfahren, sondern auch die Missachtung von Menschenrechten. Woher kommen überhaupt die Produkte, für die wir werben? Nur wenige von uns machen sich darüber Gedanken. Moralisch handeln kann nur der, der reich ist. Aber um nicht unmoralisch handeln zu müssen, braucht es kein Geld.

Es ist unmöglich, das System von heute auf morgen völlig aufzulösen. Niemandem wird vorgeworfen, wenn er sich seine Kleidung bei H&M oder Zara kauft. Es geht schlicht und einfach darum, dass wir dort nicht in Massen einkaufen, mehr, als wir überhaupt brauchen. Verantwortung übernehmen kostet nichts, die Augen öffnen kostet nichts, Interesse zeigen kostet nichts. Und am wenigsten kostet es, darüber zu schreiben. Es geht darum, sich hier und dort einmal zu überlegen, für welche Produkte und Marken wir uns verkaufen sollen. Und ob wir wirklich Werbung für Unternehmen machen, für die Menschenwürde und Arbeitsrecht erst weit hinter Gewinnmaximierung kommen.

Wir geben viel Geld für Kleidung aus, die in der nächsten Saison schon nicht mehr tragbar ist. Mit jedem Foto, mit jedem Artikel machen wir Werbung. Wir üben einen immensen Einfluss aus. Und das ist den Großkonzernen bekannt. So demokratisch das Internet auch sein mag, so schön wir uns oder unsere Meinung auch darstellen, im Grunde genommen sind wir nur das Instrument etlicher großer Unternehmen, die von unserem Hang zur Selbstdarstellung und einer gewissen Sucht nach Konsum profitieren.

Doch die Welt besteht eben nicht nur aus schönem Stoff auf dem Körper, sondern größtenteils aus Leid. 12-Jährige schrecken auf, wenn sie hören, dass die mit rot markierten Shirts bei H&M das Produkt von Gleichaltrigen sind. Es ist schier die Wahrheit. Dabei beherrschen viele von uns die deutsche Sprache grandios, mehr als ausreichend, um aufzuklären. Wir müssen keine Sätze im Stil von Thomas Mann verfassen.

Jeder ist fest davon überzeugt, zu wissen, was schön ist. Und natürlich, was es nicht ist. Aber diese Art der Berichterstattung ist im Grunde genommen nichts weiter, als ein Diktat auf dem Niveau der Bild-Zeitung. Wir sollten doch alle eine eigene Meinung haben. An wen ist die Kritik gerichtet? An Leser, die ihre Meinung oder an Designer, die ihre Mode verbessern sollten?

Fashion ist mit Vorsicht zu genießen. Und wir sollten unsere Jugend, Ideale und Hoffnungen dahingehend vereinen, um unseren Lebensstil nicht mehr mit Ungerechtigkeit gleichzusetzen. Es ist mir ein Rätsel, wie Chefredakteure von Hochglanzmagazinen ruhig schlafen können. Aber das ist wohl die pure Ignoranz, die wir hoffentlich noch nicht so ganz verinnerlicht haben.

Reisen wir doch zum Shoppen nicht nur nach New York oder London, wenn uns die großen Marken einladen. Fragen wir uns das, was alle anderen nicht tun: Brauche ich das wirklich? Und wenn wir uns wirklich für die Mode interessieren, dann reisen wir dorthin, wo sie hergestellt wird. Und sehen mit eigenen Augen, unter welchen Bedingungen das geschieht. Schade, dass H&M nur zu Bloggerworkshops einlädt und nicht zu Informationsabenden. Ich vermisse das kritische Deutschland, das fehlt, das merkt man.

Das Internet ist unser Mittel. Es ist demokratisch, und Demokratie bedeutet gleichzeitig Gerechtigkeit. Wir sollten versuchen, uns nicht allzu sehr von der Wirtschaft instrumentalisieren zu lassen, sondern skeptisch an die Sache heranzutreten, aufzupassen, mutig sein. Frédéric Beigbeder sagte: „Ein glücklicher Mensch kauft nicht.“ Und ich sage: Ein glücklicher Mensch, der teilt sein Glück.

Wenn Journalisten und Moderedakteure schon nicht den Mumm dazu haben, aufzuklären, dann sollten wir das übernehmen. Genau diese Art der Auseinandersetzung, die von allen Seiten betrieben wird, macht die Mode zu etwas Primitivem, denn zur Tiefsinnigkeit ist das Fragen und Ergründen eine unumgängliche Bedingung.

Tally Weijl

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13 Kommentare

  • Mhhh… ich habe mir erst letztens die Frage gestellt, wie ich es ausschließen kann über Marken, Brands oder Firmen zu schreiben oder die Werbetrommel zu rühren, die vielleicht unter unmenschlichen Bedingungen produzieren oder an irgend welchen Dubiosen Geschäften beteiligt sind. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, gerade in der Mode- und Technik-Branche.

    Da bleibt einen oft nur der Blick auf irgendwelche Blacklists von NGO’s die ja auch aller paar Wochen aktualisiert werden.

  • Designmob

    Liebe Meltem, volle Zustimmung! Unter anderem deswegen engagieren wir uns und organisieren unseren Workshop “fair tragen” für Kinder und Jugendliche zum Thema “faire und nachhaltige Mode” (http://bit.ly/fairtragen). Schreiben kostet nix – aktiv handeln kostet auch nix! Grüße aus Berlin

  • Cyril-Antoine

    Liebe Meltem, volle Zustimmung! Unter anderem deswegen engagieren wir uns seit 2009 und organisieren etwa unseren Workshop “fair tragen” für Kinder und Jugendliche zum Thema “faire und nachhaltige Mode” (http://bit.ly/fairtragen). Schreiben kostet nix – aktiv handeln kostet auch nix! Grüße aus Berlin

  • Wow, super Artikel!! Es tut gut sowas zu lesen; zu sehen, dass auch andere so denken :) Viele wissen einfach auch zu wenig über die Produktionskette des von ihnen konsumierten Produktes. 1 Kilo Fleisch = 15’000 Liter Wasser. Viele staunen da. Und es kommt Unwissenheit über die Macht der eigenen Handlungen dazu (“Ob ich jetzt diese Schuhe kaufe oder nicht ist ja egal, denn hergestellt worden sind sie ja eh schon”). Deshalb ist Aufklärung so wichtig…

  • Chris

    Hinzu kommt, dass ein sehr großer Teil des Saatgutmarktes in Indien von Monsanto kontrolliert wird und herkömmliches Saatgut mit dem transgenen Saatgut von Monsanto verunreinigt ist. Und wie wir alle wissen ist Monsanto böse.

    Sollte jeder mal gesehen haben: Monsanto – mit Gift und Genen (http://www.youtube.com/watch?v=gDrvFiRwWP8)
    Danach will man erst mal ordentlich kotzen.

  • Toller Artikel. Ich werde bald wohl auch mal darüber schreiben, obwohl ich keinen reinen Modeblog habe.

  • Guter Artikel, hätte ich hier irgendwie gar nicht erwartet. Ich denke, ich gehöre auch zu diesen Modebloggern (mehr oder weniger), und bin mir der Problematik bewusst – ich versuche dies zumindest dadurch zu kompensieren, dass ich, wo immer es geht, den Einsatz von Fair Wear-, Fairtrade- und Biobaumwoll-Produkten besonders hervorhebe und betone – Extraprops für Label, die mitdenken, sozusagen…

  • name

    naja h&m und co werden nie aufhören dort zu produzieren, schließlich stehen sie für günstige ware, die der designerware vom aussehen ähneln. ein artikel darüber bringt nur bedingt etwas, auch wenn es schön ist, dass dieser gedanke mal aufgeschrieben wird. aber an sich liest man sich den artikel, denkt sich: sie hat recht, aber ich werd wahrscheinlich trotzdem dort weiter einkaufen. so wie die meisten die diesen artikel gelesen haben. entweder müsste man direkt vor ort boykottieren. oder die regierung sollte mindestlohn oder ähnliches einführen. aber ich denke, auch wenn ich, nicht unbedingt ahnung davon habe, dass dies in nächster zeit nicht möglich ist. schließlich lebt das land von ihren günstigen arbeitern und mindestlohn oder höhere lohnforderungen ( wenn mindestlohn schon existiert) könnte firmen verschrecken.

  • Nikita

    ich finde den Artikel auch super, muss aber auch sagen, dass mich das Thema manchmal überfordert, weil man das Gefühl hat, einfach nicht genug informiert zu sein bzw. erst einmal Tage investieren zu müssen, um in den Untiefen des Internets an die entsprechenden Infos zu kommen. Beispielsweise, dass nur weil Biobaumwolle drauf steht, es noch lange nicht unter fairen Bedingungen und mit ungiftiger Farbe hergestellt sein muss.

    Der Preis eines Produktes sagt ja leider auch nichts darüber aus. Es kann einem bei einen T-Shirt für 40€+ genauso wie bei einem T-Shirt für 15€ passieren, dass es unter den gleichen Bedingungen und in der gleichen Produktionshalle hergestellt wurde. Am Ende steht nur eine andere Marke drauf und die macht den Preis. Und nicht etwa, dass das eine “besser” und das andere “schlechter” hergestellt wurde. Besonders irritiert mich dann immer, dass man an einigen Beispielen wie armedangels sieht, dass es dann T-Shirts für um die 30 € geben kann, die sowohl aus Biobaumwolle als auch fair hergestellt sind (erst letztens ist mir aufgefallen, dass sie sogar das faitraide-Siegel eingenäht haben).

  • Vielen Dank für diesen Artikel. Du sprichst sehr wahre Punkte an.

    Ich möchte noch eines hinzufügen: Konsumenten können sehr wohl das Gesicht der Erde verändern. Die Unternehmen produzieren, um zu verkaufen. Jeder einzelne Kauf ist eine Wahl – eine Wahl für das Gute: Wenn jemand weiß, dass die Produkte eines Unternehmens auf Kinderarbeit oder Ausbeutung beruhen, sollte er von diesem Unternehmen NICHTS kaufen. Ansonsten erklärt er sich nicht nur mit der Ungerechtigkeit einverstanden, sondern unterstützt sie sogar!

    Ich denke, dass sich jeder Konsument vor einem Kauf durchaus über Unternehmen und Produkte informieren kann. Mit den Möglichkeiten (Internet, Smartphones etc.) steigt nun einmal auch die Verantwortung.

  • Lea

    Super Artikel Danke :)

    • anne

      Es ist gut und richtig, was du tust. Super Bericht!
      Ich habe – wie jeder – ein schlechtes Gewissen dabei. Und ich verbinde – wie jeder – die Öko-Alternative im Endeffekt nur mit dem unangenehmen Begriff VERZICHT.

      Verzicht auf Spaß, auf Lebensfreude, auf Bequemlichkeit, auf das Schnelle, Schöne, Leichte. Das, was wir uns leisten können wollen, wo wir doch sowieso schon ständig nur arbeiten und anstrengende Entscheidungen treffen müssen…. bähh lieber nicht weiter nachdenken.

      Aber der Witz ist: Das ist nur ein Denkfehler – wir können anders! Und das macht Spaß, viel mehr als wir glauben. Wir müssen nicht “verzichten” auf Lebensfreude, Glück und Anerkennung.

ASOS