Frankfurter Buchmesse - Im Reich der gedruckten Fantasien

Letztes Jahr noch träumte ich als Mamsell hinter dem Tresen, mit weißer Schiffchenmütze und Schürze, davon, die Buchmesse irgendwann mit allem anderen, als der Personalkarte betreten zu können. Als angehende…
Frankfurter Buchmesse

Im Reich der gedruckten Fantasien

Letztes Jahr noch träumte ich als Mamsell hinter dem Tresen, mit weißer Schiffchenmütze und Schürze, davon, die Buchmesse irgendwann mit allem anderen, als der Personalkarte betreten zu können. Als angehende Germanistikstudentin war ich fest davon überzeugt, ich müsse das Literatur-Territorium aus den „einzig richtigen Gründen“ betreten und nicht als Küchenpersonal.

Nur ein Jahr später durfte ich gestern an meinem Geburtstag die Messe mit einer Pressekarte für Journalisten besuchen. Ich hielt es für das beste Geburtstagsgeschenk. Wirklich. Dabei hatte ich letztes Jahr von den Gesprächen zwischen Koch und Kollegen, Restaurantmanager und Kunden so viel mehr gelernt, bevor ich müde und erschöpft durch die Gänge der Messe watschelte. So schnell kann man sich eben täuschen.

Ich kann also nur jedem, der sich für diese Arbeit nicht schade genug und an der Literatur interessiert ist, empfehlen, das mal auszuprobieren. Drei Fliegen mit einer Klappe, ich sag’s euch. Dieses Mal ist Island das Gastland, und somit hoffe ich, in den nächsten Tagen ein wenig mit dieser mir sehr fremden Kultur in Berührung zu kommen.

Ich bin nun also bereits das dritte Mal auf der Buchmesse und ich kann nur sagen, dass man auch als „kleines Pressemädchen“ bei den großen Verlagen kaum Informationen bekommt. Wie ihr seht, ob Küche oder Presse, gar kein Unterschied, man wird völlig gleich behandelt. Das nenne ich Demokratie. Männer in Anzügen und literarisch kennzeichnenden Brillen der Extravaganz auf der Nase unterschreiben mit Sekt in der linken Hand schwere Verträge. Es geht um Rechte und verdammt viel Geld. Präsentiert werden funkelnagelneue, fertige Bücher.

Von den großen Leiden der Künstler, dem unbeholfenen Individuum in der Gesellschaft, keine Spur. Ein Hauch von Kapitalismus schwebt in den riesigen Hallen. Dennoch bei weitem nicht vergleichbar mit der Automesse, keine Frage. Bücher vermitteln sehr günstig die großartigsten Geschichten, Erkenntnisse und Gedanken. Der Verkauf von Büchern unterscheidet sich eben nicht nur dadurch vom Verkauf der Kunst. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Ebene mit den großen Verlagen ist also mein erster Aufenthaltsort. Die kleinen Reclam-Heftchen, von denen uns manch eines schon während der Schulzeit quälte, was auch ich bedauernd zugeben muss, weichen nun vom klassischen eintönigen Cover in gelb oder rot ab. Weltliteratur umhüllt in bunten vertikalen Streifen.

Meiner Meinung nach war die Schlichtheit Reclams eine eigene Klassik, die in ihrem Wesen der klassischen Literatur gerecht wurde. Der Inhalt spricht für sich, kann somit auf eine glorreiche Untermalung verzichten. Doch sind diese Farben sehr frisch, und gegen harmonierende Veränderungen hat doch keiner was, oder? Ausgestellt war außerdem bei einem Verleger mit Publikationen der Automobilindustrie der patentierte Motorwagen, mit dem Karl Benz seine revolutionäre Idee zur Wirklichkeit machte.

Bei Diogenes ist mir neben all den Bestsellern wie „Elf Minuten” von Paulo Coelho oder „Der Koch“ von Martin Suter, dem Autor von “Lila Lila” – was ich euch übrigens bestens empfehle – die Publizierung „Sempé in New York“ ins Auge gesprungen. Der französische Künstler und Karikaturist Jean-Jacque Sempé zeichnete für die Zeitschrift „The New Yorker“ humorvolle Szenerien mit kritischen Feingefühl.

Fast einhundert Cover sind während seiner Reise in der Riesenmetropole entstanden. In einem Band werden diese mit Gesprächen über das Glück in der amerikanischen Metropole und vielem mehr zusammengetragen vorgestellt. Wenn wir schon bei Diogenes sind. Einer der jüngsten deutschen Schriftsteller nennt sich Benedict Wells. Sein neuestes Buch „Fast genial“ handelt von einem „mittellosen Jungen,der eines Tages erfährt, dass sein ihm unbekannter Vater ein Genie ist, und sich auf die Suche nach ihm macht.“ Es wird das Abenteuer seines Lebens.

Seinen ersten Roman „Becks letzter Sommer“ habe ich letztes Jahr im Sommerurlaub in der Türkei sehr gern gelesen. Der 30-jährige Musiklehrer unternimmt mit seinem talentierten Schüler aus Litauen, und seinem einzigen Freund, dem Philosophen, Türsteher und Deutschafrikaner Charles, einen Roadtrip von München nach Istanbul. Überzeugt euch selbst vom Talent und Witz des jungen Schriftstellers.

In der Ebene der Kunstbücher könnte ich doch gerade jedes Buch mitnehmen, wenn die nur nicht so teuer wären. Der Verlag Gestalten hat alle Werke des portugiesischen Straßenkünstlers Vhils, der vor allem für „Scratch the Surface“ bekannt ist, veröffentlicht. Sehr empfehlenswert ist auch der weitreichende Band „German Fashiondesign (1945 bis 2012)“ über deutsche Designer, Models, Fotografen und vielem mehr.

Bücher über Kinder, die zwischen zwei Kulturen aufwachsen, gibt es viele. Doch das Buch „Meine Mutter, der Indianer und ich“ der Autorin Kerstin Groeper beleuchtet eine ganz andere Welt. Ein 15-jähriger Junge, im Stich gelassen von autoritären, rationalen Lehrern des bayerischen Schulsystems, das nichts als leistungsorientiert ist.

Auf die Aggressivität, die sich aus der Verlorenheit dieses Jungen ausbreitet, reagiert der indianische Stiefvater auf eine ganz eigene, gar nicht gewöhnliche deutsche Art. Mich hat die Autorin jedenfalls sehr neugierig gemacht. Denn zu der Kultur der Indianer hat man vor allem hier in Deutschland leider kaum eine Brücke aufbauen können. Kerstin Groeper jedoch trägt mit Seminaren, Referaten und Artikeln erheblich dazu bei, dass sich das ändert. Nachdem sie viele Jahre in Kanada gelebt hat, hat sie den Verlag Traumfänger gegründet. In Nordamerika kam sie mit der indianischen Kultur, Geschichte und Sprache in Berührung. Damit die Sprache der Teton-Sioux nicht ausstirbt, ist sie aktives Mitglieder einer Vereinigung, die sich mit viel Unterstützung für das Fortbestehen einsetzt.

Nach dem sehr interessanten Gespräch mit der Münchnerin kam ich irgendwann bei der Kinder-und Jugendbücherabteilung an, obwohl ich dort weniger verloren hatte. Bis ich Lillifee, Ersatz in meiner spätpubertären Zeit der 12. Klasse, und die Schlümpfe sah. Solche Bilder und Figuren der Kinderserien lösen ja aber auch immer ganz romantische Gedanken in einem aus. Geht doch jedem so, oder?

Den Türkeistand wollte ich natürlich nicht verpassen. Dort malt ein Künstler aus Istanbul den Besuchern wunderschöne Blumenmotive. Das Besondere an der aus Zentralasien stammenden Ebru-Malerei ist, dass die Farben nicht direkt auf Papier aufgetragen werden. In einem Gemisch aus Wasser und Moos-ähnlichem Carrageen, werden mit einem Pinsel Pigmentfarben aufgetragen.

Sobald die Farbe mit dem Wasser in Berührung kommt, führt es einen wunderschönen Tanz aus, der nur vom Künstler dirigiert werden kann. Den Künstler beim Schaffungsprozess zu beobachten, erzielt eine unglaublich entspannende Wirkung. Wenn das Motiv schwebend auf dem Wasser zu Ende geführt wurde, wird das Papier vorsichtig auf dem Wasser ausgebreitet, um es als Unikat zu verewigen.

Neben dieser wundersamen Handwerkskunst der ursprünglichen Türken, musste ich mir erneut die lächerliche Handhabung der Türkei mit dem Migrationsproblem ergehen lassen. Neben einer netten Ausstellung über die Geschichte der Gastarbeiter läuft der Film „Die Geschichte der Migration“ in Dauerschleife, worüber ich im Internet leider überhaupt nichts finden konnte.

Er erzählt von der Geschichte der Gastarbeiter, die eines Tages fester Bestandteil der deutschen Bevölkerung werden sollten. Doch kommt es zu den einhergehenden Problemen, wird ein kritischer, aber wohlwollender deutscher Wissenschaftler einfach weggeschnitten, sobald er beginnt, das Migrationsproblem zu analysieren und zu begründen.

Die in Deutschland lebenden Türken seien bestens integriert, würden sich bestens mit den Deutschen verstehen, seien gar vollkommen deutsch, hätten überhaupt keine Probleme mit der deutschen Kultur und Sprache. Sie hätten sich bestens angepasst. Die größte Lüge überhaupt. Es gibt Fälle, wie der im Film beschriebenen Familie. Vor vierzig Jahren kam das Ehepaar aus der Türkei als Gastarbeiter, heute haben sie Kinder, die der deutschen Sprache mächtig sind, sich gar als „deutsch“ bezeichnen, und sogar Medizin studiert haben.

Eine Geschichte wie aus dem Bilderbuch. Eine Geschichte von tausend anders Endenden. Das Lied von der Einsicht als erster Schritt zur Besserung können wir alle auswendig. Hinterfragen und Selbstreflexion im Kontext der Gesellschaft gehörte noch nie zu den Fähigkeiten der Türken. Zum Glück sah das die Dame hinter mir ähnlich.

Es stellte sich schnell heraus, dass sie selbst Filmemacherin ist und sich sehr stark mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Bevor sie mir sagte, dass sie dem im Film dargestellten leider gar nicht zustimmen kann, möchte sie mir versichern, dass sie nicht ausländerfeindlich sei. Dass diese (eigentlich völlig unnötige) Achtsamkeit immer noch so stark existiert, zeigt wohl auch, dass uns noch ein langer Weg bevor steht.

Vor wenigen Tagen erst stoß ich auf ihre Online-Präsenz ohne zu wissen, dass ich die Produzentin des Films „Kadir“ vor mir stehen hatte. Der Film handelt vom harten Leben des Baumwollbauers Kadir aus der Nähe von Dalyan an der Mittelmeerküste. Doch anders als viele Bauern aus dem Rest der Welt, verzichtet Kadir auf Giftstoffe zur Vernichtung von Unkraut.

Abgenommen wird die Ernte nicht von Subunternehmen der Großkonzerne wie beispielweise H&M, sondern nach Erhalt des Zertifikats „kontrollierter biologischer Anbau (kbA)“ vom deutschen Öko-Versand hessnatur. Momentan ist die Filmemacherin Barbara Trottnow auf Tour mit ihrem neuen Dokumentarfilm „Deutsch aus Liebe“, für den sie eineinhalb Jahre drei Frauen aus der Türkei begleitete, die aus Liebe einen in Deutschland lebenden türkischen Mann heiraten. Ob sie es schaffen, sich im neuen Umfeld anzupassen, die Schwierigkeit der Fremde durchzustehen, erfahrt ihr in der 86-minütigen Dokumentation.

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2 Kommentare

  • Svenja

    Hey, wie bist Du denn an Deinen Gastrojob letztes Jahr gekommen?

  • Gianna

    Ich war ebenfalls als “kleines Pressemädchen” auf der Buchmesse am Donnerstag und kann den Artikel nur bestätigen:
    “ich kann nur sagen, dass man auch als „kleines Pressemädchen“ bei den großen Verlagen kaum Informationen bekommt. (…) Männer in Anzügen und literarisch kennzeichnenden Brillen der Extravaganz auf der Nase unterschreiben mit Sekt in der linken Hand schwere Verträge. Es geht um Rechte und verdammt viel Geld.”

    Ein Besuch lohnt sich sicher, aber man muss sich eingestehen, dass auch die Welt der Bücher nichts anderes ist als ein Wirtschaftszzweig, bei dem es um Gewinne geht.