Stehkonzerte - Warten, Schmerzen, Kotzen, Sterben

Letztens war ich auf dem wunderbaren Woodkid-Konzert im Festsaal Kreuzberg. Woodkid ist der Typ mit der samtigen Stimme und den dramatischen Klängen in seiner Musik. Eigentlich hört sich jeder seiner…
Stehkonzerte

Warten, Schmerzen, Kotzen, Sterben

Letztens war ich auf dem wunderbaren Woodkid-Konzert im Festsaal Kreuzberg. Woodkid ist der Typ mit der samtigen Stimme und den dramatischen Klängen in seiner Musik. Eigentlich hört sich jeder seiner Songs an wie der epische Score eines Hollywood-Blockbusters. Der Sound verschlägt einem glatt die Stimme, die angespannte Atmosphäre und die Tragweite seiner Geräuschkulisse jagen mir schon über eine Single-Auskopplung im Netz Gänsehaut über den ganzen Körper.

Der Franzose Yoann Lemoine, Komponist, Künstler hinter Woodkid, ist eigentlich Filmemacher, weshalb sein bewegendes Pop-Indie-Hybrid ganz zurecht und naheliegend an den melodramatischen Aufbau einer visuell hinterlegten Geschichte erinnert. Die Songs brauchen aber keine bildliche Unterstützung, um zu funktionieren. Ich denke, das haben die begeisterten Zuhörer auf dem Konzert alle einig mitbekommen.

Und während die Stimmung kochte und die Leute den andächtigen Klängen der Bühne lauschten, wollte ich nur noch sterben. Denn egal, wie schön so ein Konzert auch sein mag, ich hasse die damit verbundenen Rituale. Für mich ist der Live-Auftritt eigentlich nur ein einziges “WARTEN“, welches gelegentlich von musikalischer Untermalung unterbrochen wird.

Warten auf Einlass, warten auf Vorband, warten auf mein Bier, warten auf die dumme Vorband, warten, dass die dumme Vorband zu Ende gespielt hat, warten auf den Soundcheck, endloses, nervenzerfetzendes Warten auf die eigentliche Band, darauf warten, dass es endlich vorbei ist, weil man schon den Schmerz vom vierstündigen Stehen in den Knochen trägt, warten auf das langsame Rausmarschieren mit den anderen Idioten, warten an der Gaderobe, warten auf die U-Bahn, warten, warten, warten.

Es gibt sicherlich Konzerte, da ist das alles nebensächlich. Bei Odd Future beispielsweise, war ich so aufgedreht, dass ich schon vorher Leuten auf der Straße wahllos “FUCK CUNT“ ins Gesicht schrie und unschuldige Omas bespuckte. Das war aber auch eine andere Art von Live Act. Das war Krieg. Das forderte zum Mitsingen heraus, zum Mitspringen, zum Prügeln. Das war Pogo und es war etwas anderes, als den zärtlichen Melodien eines nachdenklichen Künstlers zuzuhören und dabei in ferne Welten zu versinken. Bei Odd Future stand ich mir auch nicht die Beine in die Weisheitszähne, da störte es nicht, wenn ich sprang und laut war und boxte.

Konzerte sind für mich daher in zwei besondere Kategorien zu unterteilen. Es gibt das interaktive Konzert, das einen zur Bewegung, zur Einbringung fordert. Auf diesen Konzerten wird getanzt und Twister gespielt. Das sind krasse Rockkonzerte, wo Bier für die Massen geopfert wird, wo die Gitarre die Religion ist, wo sich Freunde finden, die sich dann gegenseitig Lyrics an den Kopf rotzen, wo Schweiß läuft. Wo deine Eltern dich gezeugt haben, wo die Reibung von Klang und Luft zu stark ist, als dass man die Elektrisierung ignorieren könnte.

Das sind Konzerte, die gar nicht wirklich legendär sein müssen, sondern die einfach nur in ihrer ganz besonderen Art und Weise stark sind und Aufmerksamkeit brauchen. Ich erinnere mich an Mac Miller, der eine regelrechte One-Man Show war, der die Leute aufforderte, zu springen, der fragte, ob das Publikum eigentlich auch seine Texte auswendig könne.

Und dann gibt es da eben die Woodkids der Konzerte. Die James Blakes der Konzerte. Die sind konzeptionell genauso strukturiert wie die Konzerte aus dem Toberaum im Kindergarten der Musikbeschallung, aber leider verfehlt man dabei – zumindest bei mir – jegliche Wirksamkeit der Musik. Nennt mich einen Snob, kommt, macht schon, aber für mich sind Konzerte, wo es vor allem auf ein Gefühl ankommt, ein intimes Erlebnis, das mich nach innen kehrt und für wenige Minuten meines Lebens auf andere Sphären katapultiert.

Wenn ich allerdings als kleinster Mensch der Welt vor einer Mauer an Riesen stehe und nichts mehr vor mir sehe, wenn sich ständig jemand an mir vorbeiquetschen möchte und mir dabei kalte Getränke in den Nacken kippt, wenn ich vor Schmerzen in den Knochen, weil man bis um 22 Uhr stehen musste und immer noch keine Aussicht auf Konzertbeginn hat, dann ist das alles nicht wirklich hilfreich dem Künstler gegenüber.

In meiner ganz persönlichen, idealen Konzertdimension stelle ich mir das so vor, dass ich mich hinsetzen kann, in bordeaurote Samtsessel. Ich kriege wahlweise Popcorn oder Nachos serviert und habe einen Blick auf die Bühne, wie im Kino. Die Band tritt mit allen gewünschten Fanfaren zu einem festgelegten Zeitpunkt auf, aber darf natürlich einen Opening Act mitbringen, der aber vorher spielt (auch das muss aber auf den Tickets stehen – eine genaue Schedule!).

Für die Leute, die sich gerne aktiv zur Musik bewegen (oder rauchen) möchten, gibt es ganz vorne, vor der Bühne, eine Art Auffangbecken für maximal 80 Menschen. Die können sich dort austoben. Ich sitze in meinem kuscheligen Sessel. Die Decke ist keine Decke, sondern der Hogwarts-Himmel. Oder, falls das nicht möglich ist, ein Planetarium. Mit Sternschnuppen und Planeten und Milchstraßen.

Selbst bei kleinen, unbekannten Bands sollten die fünf Euro Extra im Preis drin sein, damit alte, gebrechliche (und sich selbst liebende) Menschen wie ich nicht inflationär mit den Normalsterblichen in der Masse stehen müssen. Respekt yo, ihr könnt fünf Stunden rumstehen und euch dabei langsam zulaufen lassen, aber ich bezahle gerne lieber 17 Euro als 12 für ein Konzert, um es in einer Atmosphäre zu genießen, wo ich nicht von unwichtigen Details wie Schmerzen, üble Schweißgerüche oder dumme Penner in meinem Blickfeld abgelenkt werde. Vielleicht werde ich ja alt. Aber ich glaube, ich gehe demnächst mal in die Oper. Womöglich kriege ich da ja ein bisschen Gänsehaut zu spüren.

Tally Weijl

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9 Kommentare

  • Ninia

    word. wie recht du hast. mit meinen 1,42 m werde ich mich dann in einen der sessel daneben setzen. ich nehme salziges popcorn.

  • Luisa

    du sprichst mir aus der seele!

  • schön, dass es du dich so über deine einladung gefreut hast.

  • Wie ich das mit meinen 1,56m kenne….Ich liebe Konzerte. Konzerte ist mein zweites Leben…Aber dieses ewige rumgestehe, dann aber dafür nix sehen können. Das fucked einen richtig ab. Ausser, ich rempel mich nach vorne. Dann sehe ich was, aber werde andauernd in die Mosh und Pogemenge gezogen. ICH WILL DOCH NUR DIE BAND SEHEN VERDAMMT.
    Ich wäre definitiv für solche Plätze. Würde da auch gerne mehr für zahlen um mal ein vernünftiges schönes Konzert miterleben zu können. In Ruhe und ohne beim Pogen auf dem Boden zu landen und nicht mehr hochzukommen…..Amen.

  • les braves

    hi hannah.

    bist du das in der mitte des clips, die , die sich die Jacke aufreisst?
    http://www.youtube.com/watch?v=TLGUzM_FnbU

  • Cloudy

    Ha, dito !!! Mir tut dann immer so der Rücken weh , dass ich irgendwann kaum mehr stehen kann und komische Stretchübungen aka. Verrenkungen mache. Und ich hab mich schon so oft gefragt, ob die Leute um mich herum Beine und Rücken aus Stahl haben oder einfach so zugesoffen sind, dass sie keinen Schmerz mehr spüren? Oder mittendrin meditieren, um den Schmerz auszublenden?

    Cloudy x

  • Lancda

    Du hast ja so recht. Allerdings finde ich das dann doch etwas übertrieben: “Vielleicht werde ich ja alt. Aber ich glaube, ich gehe demnächst mal in die Oper. Womöglich kriege ich da ja ein bisschen Gänsehaut zu spüren.” Was noch verboten werden sollte ist, dass Leute die ganze Zeit über Zigaretten rauchen und Dir so Brandlöcher in Dein frisch gekauftes Fanshirt machen. Lösungsvorschlag: Die Konzertkosten sollten um 3€ oder so erhöht werden und jeder bekommt am Eingang sowas in die Hand gedrückt. Problem gelöst :-)

  • freezyyo

    Mac Miller war so sau gut!

Mister Spex