Scheitern am Anderen - Mein persönlicher Untergang

Also drehte ich mich um. Und ging. Es war keiner dieser tränenreichen Abschiede aus schnulzigen Beziehungsdramen, die Dienstags auf Sat.1 laufen und in einsamen Hausfrauen aus deiner Nachbarschaft den hoffentlich…
Scheitern am Anderen

Mein persönlicher Untergang

Also drehte ich mich um. Und ging. Es war keiner dieser tränenreichen Abschiede aus schnulzigen Beziehungsdramen, die Dienstags auf Sat.1 laufen und in einsamen Hausfrauen aus deiner Nachbarschaft den hoffentlich urinlosen Wasserfall aktivieren. Oder ein hasserfüllter Tornado voller Ausdrücke, Mutterwitze und obligatorischer Vasen, die an mit geklauten Plakaten tapezierten Wänden lautstark zerschmettern. Wir standen auf der Straße, die Sonne schien, ich ging. Und das war das letzte Mal, dass wir uns in die Augen sahen.

Es ist einfacher, fett, nackt und betrunken, mit Humanscheiße in der Fresse und einem vor Tollwut schäumenden Pitbull an einem Sonntag Morgen ins Berghain zu kommen und noch einen freundlichen Poklaps vom Türsteher abzusahnen, als sich eingestehen zu müssen, dass man an einem anderen Menschen gescheitert ist. In den man so viel Zeit und Emotion und ja, auch irgendwie Liebe investiert hat. Eine eigenartige, nicht vor schweren Gefühlen und ewiger Abhängigkeit triefende Liebe, sondern diese besondere, leichte Art.

In der man sich umarmt, als würde es kein Morgen mehr geben. In der man so viel Rotwein trinkt, wie man nur kann, und kifft und redet und lacht und Pläne schmiedet. Großartige Pläne. Und in der man sich auf einem Peptrip gegenseitig die behindert grinsenden Birnen und Popolöcher rausvögelt, während vor dem angelaufenen Fenster das Wochenende vorbei rast und einem keck zuzwinkert.

Der Haken an der Sache? Ich war der Einzige, der so empfand. Von zwei Personen. Und ich wollte das ja nicht einmal. Bis zu diesem letzten Tag wollte ich mir einfach nicht eingestehen, dass irgendwelche Gefühle meinen Kopf fickten. Verliebtsein ist ja schön und gut. Und wir urbanen Emotionsleichen freuen uns “˜nen Ast, wenn wir nach einem über den Daumen geschlagenen Millenium mal wieder kleine Brocken von Empfindungen aus unseren einbetonierten und längst vergessenen Herzen herauspressen können. Mit Eiter und Schmerzen und allem drum und dran. Aber dann bitte doch wenigstens für jemanden, der keinen EQ wie ein zehnjähriges Arschlochkind mit PlayStation-Sucht hat.

Was noch schlimmer ist, als sich eingestehen zu müssen, dass man an einem anderen Menschen gescheitert ist? Zu wissen, dass man nicht der Erste ist. Und nach mir jede Menge folgen werden. Dass man nur einer von vielen ist, die versucht haben, eben nicht in diese Affektfalle zu tappen, sondern cool zu bleiben. Freund zu bleiben. Mit aller Kraft. Drüber zu stehen. Weil sie Kumpel ist. Und halt ab und zu zu ficken.

So reiht man sich in die lange Reihe aus tragischen Fails ein, die es nicht in ihr so begehrenswertes Herz geschafft haben, es womöglich gar nicht wollten, sich dagegen wehrten, wie andere gegen die Kreuzberger Gentrifizierung. Weil das Gegenüber ein Gefühlsnazikommunistenkrüppel ist, der noch nicht einmal etwas dafür kann. Und tolle Haare hat. Und Nase. Und Füße.

Einem selbst bleibt dann nichts mehr anderes übrig, als sich an jede andere auch nur irgendwie erdenkliche Erklärung zu klammern, warum man gerade irgendwie bescheuert ist und nicht mehr klar denken kann und eifersüchtig wie Onkel Ferdi auf den langen Eumel vom Nachbarn ist und dann auf Partys herumbrüllt und Ultimaten stellt, die nicht von dieser Welt sind, und auf dem Nachhauseweg vor sich hinheult und in Situationen ausrastet, die einfach nur scheiße normal alltäglich langweilig sind. Für andere. Aber nicht für mich.

Wenn man sich dann irgendwie doch mal gefangen hat, weil man gerade ein gutes Lied hört oder den Wochentag mag oder der Fraß von Kentucky Fried Chicken zur Abwechslung keinen Durchfall verursacht, dann versucht man tief durchzuatmen. Und schwört sich, dass morgen alles wieder normal ist, so wie früher. Und onaniert ein bisschen auf ihr Foto. Aber nur noch einmal. Versprochen.

Was noch schlimmer ist, als sich eingestehen zu müssen, dass man an einem anderen Menschen gescheitert ist und zu wissen, dass man nicht der Erste ist? Die Ohnmacht, wenn einem letztendlich klar wird, dass die Gegenseite nichts für mein Elend kann. Und auch noch nie konnte. Weil sie eben Ernie ist. Und ich nur ein humorloser Bert, der Kontrolle über Spaß und mein eigenes Glück über das ihre stellt.

Sie hat mir weder falsche Versprechungen gemacht noch gelogen noch geliebt noch verstanden, was mein verdammtes Problem ist und warum ich mich in letzter Zeit wie ein elektrifizierter Vollhorst aufführe, der aus jeder Mücke einen Elefanten macht. Obwohl ich doch nur eins wollte: Dass sie es versteht. Oder noch besser: Dass die ganze Scheiße endlich ein Ende findet. Von mir aus auch ohne Reihenhaushälfte mit Vorgarten und Hund und pubertätslosen DNA-Dieben. Aber dass dieser Stress endlich aus meinem Kopf verschwindet.

Es war also nur eine Frage der Zeit, bis diese Situation eskaliert. Und eigentlich war ich der festen Überzeugung, dass ich sie auf einer widerlich stinkenden Clubtoilette finde, wo sie MDMA von schwarzen Schwänzen lutscht und ich dann ein paar Minuten später zu einem freiwilligen BVG-Opfer werde, während Lykke Li „Let It Fall“ in meine Ohren säuselt. Stattdessen ergriff ich diesen Tag, diese Minute und entschied mich dafür, dass es nun aufhören musste. Der Druck, ihr Blick, mein persönlicher Untergang. Für immer. Also drehte ich mich um. Und ging.

Puma

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NA-KD

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13 Kommentare

s.Oliver