Meltem in der Türkei - Unterwegs in der Höhlenstadt

Um fünf Uhr Morgens sollte also die 17-stündige Fahrt vom Osten in den Westen der Türkei angetreten werden. Da ich bei unserem ersten Halt um acht Uhr an der Raststätte…
Meltem in der Türkei

Unterwegs in der Höhlenstadt

Um fünf Uhr Morgens sollte also die 17-stündige Fahrt vom Osten in den Westen der Türkei angetreten werden. Da ich bei unserem ersten Halt um acht Uhr an der Raststätte sehr müde war, und den ausgeleerten Rücksitz als Chance für einen angenehmen Schlaf ergriff, blieb ich im Auto. Im wahrsten Sinne des Wortes dachte ich mir noch: “Dann schlaf doch. Als ob du da jetzt noch irgendetwas Spannendes erlebst.” Und so raubte ich mir mein schlechtes Gewissen und machte es mir gemütlich.

Diesen Gedanken sollte ich nur eine halbe Stunde später, als meine Schwester die Tür öffnete, mein Leben lang bereuen. Denn ich verpasste den wohl abenteuerlustigsten, mutigsten und diszipliniertesten Menschen, den ich je in diesem Leben bis zu diesem Tage sah. “Siehst du den Fahrradfahrer dort vorne?”, fragte sie mich. “Er fährt jetzt nach Indien. Er macht nämlich eine Weltreise mit dem Fahrrad.” “Woher weißt du das?”, wollte ich ungläubig wissen. Ich zweifelte irgendwie daran, dass sie in so kurzer Zeit mit dem britischen Hotelgast in ein Gespräch verwickelt wurde, und der gleich eine so interessante Lebensgeschichte zu erzählen hatte.

Sie erzählte mir, dass ein Türke, der wohl sehr gut Englisch konnte, ihm gerade eben sehr gute Fragen gestellt habe, und sie zu einem “Ohrgast” wurde, wie man im Türkischen zu sagen pflegt. Der 24-jährige Brite, der seine Freundin in Newcastle zurück ließ, hat vor genau vier Monaten seine Weltreise angetreten. Vier Monate hat er also gebraucht, um Anatolien zu erreichen. Sein nächstes Ziel war Indien, wie er erzählte.

Wer weiß, durch die Straßen wessen Landes er gerade radelt? Einen Monat ist das nun her. Wahrscheinlich ist er gerade im Iran. Oder sogar schon in Pakistan. Im Türspalt sah ich noch, wie er weit hinaus in die Welt radelte. Meine Kamera hatte ich neben mir. Aber in diesem Moment wollte ich eigentlich nur den Anblick eines freien Menschen genießen, dieses Bild mit meinem Auge erfassen, es mir einprägen, verinnerlichen, um es in meinem Herzen verewigen. Und von diesem Zusammentreffen, wovon er nie erfahren sollte, jedem Menschen erzählen, der sich dafür interessiert. Er ist ein Beweis dafür, dass kein Plan, kein Traum, keine Vorstellung, kein Wunsch unmöglich ist.

Die Moral der Geschichte? Diese hat gleich zwei. Wer Geschichten erfahren will, verpasst sie, wenn er allein bleibt. Und egal wie undenkbar manch deiner Träume von anderen sind, die Vorstellung sollte nicht zu deiner eigenen Motivation werden. Denn hast du dir einmal etwas in den Kopf gesetzt, braucht es nicht mehr, als einen gesunden Körper, den du zu schätzen wissen solltest, um die Idee umzusetzen.

In den nächsten 14 Stunden sollte ich mich noch weiterhin darüber ärgern, dass ich so faul war, und das Versprechen, das ich mir gab, gebrochen habe. In Kappadokien angekommen, sollte mich die Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe der Türkei dieses Ärgernis aber erst einmal für kurze Zeit vergessen lassen. Vielmehr als, dass ich keine Bilder gemacht habe, weil mein Akku leer ging, war es schade, dass ich die Bewohner dieser Höhlenstadt nicht auffinden konnte, um zu fragen, wie sich der Raum psychisch und physisch auf das Leben auswirkt.

Da an diesem Tag Bayram war, befanden sich auf den Straßen nur Touristen. Mit dem Auto hielten wir in Ürgüp an, einer kleinen Stadt im Gebiet Kappadokiens in Zentralasien und fuhren dort in das nicht weit entfernte Göreme. In diesem Gebiet gibt es die weltbekannten Feenkamine, die Tüfftürme, die durch Erosion heute in der Mondlandschaft hervorragen. Zum Unesco-Weltkultur- und -naturerbe gehört jedoch nicht nur dieses Resultat der vulkanischen Tätigkeit. Das Bild der Region ist geprägt von unzähligen Höhlenkirchen und bewohnten Felshäusern.

Zu entdecken gibt es mehr als 50 unterirdischen Städte. “Ich bin schon weit gereist, aber etwas Ähnliches habe ich noch nie gesehen. Tausende von Felspyramiden, manche sehen aus wie Hüte, manche wie knieende Frauen, nackt und in anzüglichen Posen.” Das waren die Worte des französischen Forschers Paul Lucas, der im Jahre 1712 aus Natolia zurückreiste, um dem Sonnenkönig Ludwig XIV von seiner Reise zu berichten. Ludwig fand derartige Berichterstattung weniger erfreulich, als vulgär, und entzog ihm damit alle zukünftigen Reisespesen. Wen spätestens Lucas Eindrücke überzeugt haben, sollte die Zeitreise unbedingt auf einer Ballonfahrt unternehmen, die dort sehr beliebt ist.

Das ist der letzte Bericht von meiner diesjährigen Türkeireise. Es ist immer und immer wieder eine Herausforderung, das Ohr fremder Menschen für solche Geschichten geliehen zu bekommen. Aber für mich kann ich sagen, dass mich das Bewusstmachen meiner Wurzeln einfach selbstbewusster macht. Deshalb empfehle ich jedem die Auseinandersetzung mit der Familie, dem Ursprung und jedem Menschen, der anders ist, und doch sehr ähnlich. Wohin die Reise für euch das nächste Mal gehen soll, die Entscheidung liegt in eurer Hand.

Aber für euren Weg möchte ich euch mitgeben, das Fremde zu entdecken, so unbekannt es für die Menschen um euch herum sein sollte, erkundet das Unbekannte, und teilt das Schöne und Grausame, das Wunderbare und Erschreckende mit jedem, der Interesse zeigt, denn nur durch diesen Prozess des Bewusstmachens schaffen wir es, denn Bezug zur Realität niemals zu verlieren.

ASOS

Abonniert unseren Newsletter!

Drückt hier, um weitere coole Neuigkeiten über Reisen zu lesen und drückt hier, um eigene Artikel und Fotos einzureichen. Oder folgt uns auf Facebook, Twitter, Instagram, Tumblr und Pinterest, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Strellson

Was ist deine Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Füge deinem Kommentar ein Bild hinzu:

1 Kommentar

  • Ich bin gerade ein wenig verblüfft, dass bisher noch niemand hier kommentiert hat :) die geschichte mit dem radelnden briten hat mich irgendwie unheimlich inspiriert! ich spiele nämlich schon seit langem mit dem gedanken die türkei zu bereisen und spüre nun noch mehr die motivation es einfach zu tun, trotz aller ängste und bedenken. und ja, die sache mit den eigenen wurzeln, ist auch bei mir immer wieder ein thema. obschon es auch nicht gerade immer so einfach ist. wenn man hier lebt und sich mit dort verbunden fühlt und wenn man dort ist wiederum bemerkt, dass man eben doch nicht dort aufgewachsen ist. aber selbstbewusst macht es sicherlich, denn man wird sich in der auseinandersetzung mit seinen wurzeln wahrlich seiner selbst bewusster ;)