Gott ist tot - Steve Jobs, alter Freund

Es ist schon spät, ich liege im Bett. Die Nachbarn haben endlich aufgehört, lautstark und betrunken im Treppenhaus zu randalieren. Dunkelheit um mich herum, Helligkeit vor mir im Blick. Auf…
Gott ist tot

Steve Jobs, alter Freund

Es ist schon spät, ich liege im Bett. Die Nachbarn haben endlich aufgehört, lautstark und betrunken im Treppenhaus zu randalieren. Dunkelheit um mich herum, Helligkeit vor mir im Blick. Auf meinem Schoß steht ein MacBook Pro, neben mir liegt ein iPhone. Im Bücherregal, nicht einmal einen Meter von mir entfernt, befinden sich zahlreiche Biografien über Apple und seinen Gründer, in einer Schublade meines Schreibtisches ruht ein iPod nano. Er ist blau, eine veraltete Generation. Ich habe ihn seit längerer Zeit nicht mehr benutzt.

Als die ersten Tweets vom Tod des Mannes, der mich bei genauerem Überlegen mehr prägte und begleitete, als alle Religionen und Lehrer gemeinsam, in meiner Timeline auftauchten, war dieses Gefühl, das mich plötzlich traf, nicht zu beschreiben. Es war lächerlich emotional und kalt und unglaubwürdig. Doch nicht jetzt, doch nicht er. Nicht Steve Jobs.

Für viele war er im Laufe der letzten Jahre zu einer Mischung aus Sektenführer und Witzfigur verkommen, der überteuerte Telefone an Vorzeige-Juppies verkaufte, Konkurrenten verklagte und dann ganz abgemagert und krank irgendwelchen skandalgeilen Trollen auf zwielichtigen Promiseiten zum Fraß vorgeworfen wurde. Wütend machte mich das. Und traurig. Weil er für mich ein Vorbild war. Tatsächlich.

Ich weiß noch genau, wie ich meiner Mutter eine sorgsam geplante und mit Energie geladene Präsentation am Küchentisch hielt, um sie davon zu überzeugen, dass es für uns an der Zeit war, einen Mac ins Haus zu holen. Und nicht nur für uns, am besten auch für die ganze Nachbarschaft, die gesamte westliche Welt. Fick dich, Bill Gates. Ich werde kein PC-Zombie mit grauem Kasten. Und ohne Seele.

Steve Jobs

Nächtelang wühlte ich mich durch Bücher über Steve Jobs und seine Geschichte. Wie er es mit Tricks und Hartnäckigkeit zum Erfolg schaffte. Weil er eine Vision hatte und diese mit Nachdruck und etwas LSD so sehr verwirklichte, wie er es selbst wohl nie erwartet hätte. Schule geschmissen, kleine Nebenjobs in Fabriken, Auszeit in Indien. Steve vereinte Pioniergeist mit Kreativität – und das zog mich unglaublich an.

Natürlich hatte auch er seine Tiefpunkte. Und Schattenseiten. Und Skandale. Gnadenlos drangsalierte er seine Mitarbeiter. Leugnete seine uneheliche Tochter. Beschiss seine Geschäftspartner. Und das möchte ich auch gar nicht gutheißen oder gar verherrlichen. Aber von all seinen Höhen und Tiefen kann jeder von uns lernen. Jeder, der selbst Wunschträume in dieser digitalen Welt hat. Und nicht nur dort.

Wir denken nur allzu gern an seine flammende Rede an der Stanford Universität im Jahre 2005 zurück, in der er seine Zuhörer bekräftigte, immer weiter nach der Arbeit zu suchen, die einem Freude bereitet, Spaß macht. Und wenn man diese noch nicht gefunden hat, nicht ruhen, sondern voran schreiten. Immer und immer wieder. Und er sprach auch über den Tod. Und das beeindruckt heute noch mehr als damals.

Steve Jobs

“Mir darüber im Klaren zu sein, dass ich bald tot sein werde, war für mich das wichtigste Werkzeug, das mir geholfen hat, all diese großen Entscheidungen zu treffen. Weil alles wegfällt. Alle äußeren Erwartungen, der ganze Stolz, die Angst vor dem Versagen und die Scham. Und es bleibt nur mehr das, was wirklich wichtig ist. Sich daran zu erinnern, dass man sterben wird, ist der beste Weg, den ich kenne, um der Falle zu entgehen und zu glauben, man hätte etwas zu verlieren. Man ist völlig nackt. Es gibt keinen Grund, um nicht seinem Herzen zu folgen.”

Ich werde mich an Steve als den Mann erinnern, der mich bei persönlichen und geschäftlichen Entschlüssen ständig begleitete. Weil ich mich jedes Mal aufs Neue fragte, was er wohl an meiner Stelle in diesem Augenblick machen würde, um die Situation zu seiner zu machen. Und es funktionierte. Nicht immer, aber oft genug, um es als geheime Lebensphilosophie zu verinnerlichen.

Der Akku meines MacBooks neigt sich langsam dem Ende zu, die Musik im Ohr wird leiser und friedlicher. Nachtschwärmer auf Twitter und Facebook überschlagen sich mit Kondolenzen, Zitaten und den immer gleichen Fotografien. Mach’s gut, alter Freund. Ein Nerd, ein Träumer, so schnell wird die Welt deinen Namen sicherlich nicht vergessen. Steve Jobs. Gott ist tot.

Topman

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33 Kommentare

  • Martin

    es ist wirklich tragisch :-(

  • einfach wirklich nur traurig, dass er schon sooo früh von uns gehen musste. aber wie immer wieder die grossen, die visionäre verlassen uns viel zu früh…

  • Ja, er ist tot, das ist schlimm und tragisch, aber ihn als Gott zu bezeichnen, ist weitaus schlimmer.

  • Pack den Nietzsche wieder ein, so viel Pathos trieft doch gewaltig.

  • Mario

    … hier “tropft” nichts.
    Deine Geschichte (Meinung) passt bestimmt auf einige (inklusive mir) da draußen. Es gibt keinen Gott und wenn es einen für Innovationen gebe, dann wäre es Steve Jobs …

  • You Are Invited

    schöner Artikel :(

  • You Are Invited

    du sprichst mir sozusagen aus der Seele.

  • Feldi Idlef

    thx…

  • Patrick

    Schön geschrieben.
    Es ist echt traurig :( RIP.

  • Lies mal… » Blog Archive » Gott ist tot: Steve Jobs, alter Freund

    […] Er ist blau, eine veraltete Generation. Ich habe ihn seit längerer Zeit nicht mehr benutzt. [weiterlesen…] Tags: Apple, Steve Jobsabgelegt in Medien Keine Kommentare […]

  • klaeuiblog

    Steve Jobs, 1955 – 2011…

    DANKE! Geschrieben wurde schon genügend. Gott ist tot heisst es bei Amy&Pink und in Pokipsie’s digitaler Welt gibts eine kleine Auflistung von Nachrufen…….

  • Trauer 2.0 | L'esprit de l'escalier

    […] sagt, Gott sei tot. Mar­tin meint, daß es eben genau die Visio­näre wären, die uns viel zu früh […]

  • Christine Neufeld

    das ist doch kein Gott…..

    • Danke! Ich frage mich auch was genau er so wahnsinnig Großes geleistet haben soll. Die PCs werden in China von mies bezahlten Arbeitern zusammengebaut und am Ende hat er Computer verkauft, die hübsch aussehen..und ein paar toll klingende Sätze gesagt-aber man kann so viel “Bleibt hungrig, bleibt tollkühn” Sätze von sich geben wie man will-in die Tat setzen es am Ende doch eh die wenigsten um. Da gibt es wirklich mutigere, bemerkenswertere Menschen.

      • niceguy

        Du hast es einfach nicht verstanden und wirst es wahrscheinlich auch nie verstehen. Das ist auch gut so, denn irgendwer muss ja die Schrottprodukte von Microsoft, Nokia und Co. kaufen.

        Er hat nicht nur einfach Computer in China herstellen lassen – das machen leider schon genug andere. Er hat Computer geschaffen die das Leben und Arbeiten einfacher machen, Hardware die funktioniert und dazu ästhetisch ist. Software die durchdacht ist und perfekt mit der Hardware harmoniert. Danaben hat er einfach mal so die Art wie eine ganze Generation Musik hört geprägt. Nebenbei ist er Begründer der Smartphones, hat endlich Schluß gemacht mit der grausigen Usability die von leidenschaftslosen Marken wie Nokia und Siemens über Jahre geprägt wurde.
        Und das sind nur ein paar Beispiele von Einigen. Man merkt und sieht es einfach jeden Apple-Produkt an, wieviel Leidenschaft und Überlegung drin steckt. Schön wenn es andere Unternehmen auch so machen würden. Steve war mit Sicherheit einer der größten Visionäre unserer Zeit!

        Aber stimmt ja, was hat er schon großartiges geleistet?! …

        • Ja, die Frage ist für mich immernoch offen. Irgendwie sind mir diese Produkte nicht wichtig genug..aber wenn sie dir so wichtig sind verstehe ich das natürlich.

          • http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,790325,00.html

            das ist ein interessanter Ansatz dazu. Ich kann einfach einen Mann, der die Forbes Liste anführt und trotzdem in China Menschen ausbeuten lässt um Produkte herzustellen, die sich ein paar privilegierte Menschen leisten können, nicht als Gott feiern. Mein Leben hat er definitiv nicht verändert.

          • einigen wir uns darauf, dass wir uns nicht einigen. Dir bedeutet er etwas und mir eben nicht. Und daran wirst du nichts ändern können. Und ich nicht an deiner Einstellung zu tollen Smartphones, für das man Coltan von Sklavenarbeitern abbauen und Menschen sterben lässt, die den Namen Steve Jobs noch nie gehört haben. Und ich finde er hat genug Verehrer-da kommt es auf mich wirklich nicht an:)

          • niceguy

            Ob Steve dir oder mir etwas bedeutet ist ja eine andere Geschichte und jedem selbst überlassen.
            Aber unabhängig davon hat er eben Großes geleistet und bewirkt. Das muss dir persönlich nichts bedeuten und kann dir auch völlig egal sein, aber da war eben mehr als nur “Computer-in-China-produzieren”…

            Und zu der Ausbeuter-Geschichte. Ja, das stimmt zumindest Teilweise. Aber Apple lässt halt auch nur wie alle anderen Unternehmen auf dieser Welt in China produzieren – zu den dort herrschenden Bedingungen. Das kann man jetzt mögen oder auch nicht. Aber dann zeig nicht nur auf Apple mit Finger. Jedes elektrische Gerät das zu daheim stehen hast, von TV bis zur Mikrowelle, wurde wahrscheinlich in China unter den gleichen schlechten Bedingungen produziert. Genauso auch der Großteil unserer Klamotten. Solange es Leute gibt, die so billig und unter diesen Bedingungen arbeiten, wird sich daran nichts ändern.

            Es läuft so viel falsch in der Welt, aber da hängen alle drin. Du, ich, fast alle Unternehmen. Das ist nicht auf Apple zu beschränken. So, don´t hate the player – hate the game! ;)

          • Nun ja es liegt schon auch hauptsächlich an der Nachfrage nach Produkten, die vielleicht anders produziert werden können..wenn wir alle nur billig wollen bleibt das eben so. Wenn alle bei H&M für 3 Euro T-Shirts kaufen und bei IKEA Billigmöbel und bei Aldi Billiglebensmittel die aus Südamerika eingeflogen werden und sich niemand fragt wie der Kram so billig sein kann dann produzieren die eben auch Billigkram. Bei Apple verstehe ich es dennoch nicht, da die Produkte recht teuer sind und die es sich durchaus leisten können Coltan auf anderem Weg ohne Sklavenarbeit zu bekommen-denn das ist möglich. Aber niemand besteht drauf und nervt und fragt nach-alle tun so als wäre das völlig ok und normal. Und deshalb bin ich dagegen:) Und als ich in meinem Café zum 10. Mal gefragt habe ob sie denn Fair-Trade Kaffee anbieten, hab ich plötzlich ein “Ja” als Antwort bekommen. Und H&M bietet plötzlich Öko Klamotten an-wegen der Nachfrage. Es liegt schon auch an uns die Unternehmen mal zu etwas zu bewegen, was nicht nur auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, sondern etwas mit Verantwortung zu tun hat. Niemand ändert etwas-nur dann wenn es zu seinem Vorteil ist oder die Alternative noch beschissener wäre. Angst ist ein ziwmlich guter Katalysator-und Angst Gewinn zu verlieren weil Kunden den Kram nicht mehr wollen wäre ein Schritt.

            Die Verantwortung auf die armen Menschen zu schieben die als Sklaven arbeiten um überleben zu können ist recht ignorant und äußerst unfair. Das ist wie mit den tollen Spenden an Dritte Welt Länder-da werden Löcher gestopft aber im Grunde wollen die 1. Welt Länder die Abhängigkeit der armen Länder-denn sie profitieren davon. Es liegt ihnen nix daran, dass sich diese Länder entwickeln und vielleicht unabhängig werden könnten. Man schmeisst den Leuten was zu fressen hin und beruhigt sein Gewissen statt ihnen zu zeigen wie sie sich selbst versorgen können. Und jetzt höre ich auf mit meiner Moralpredigt…es war gut mit dir zu diskutieren-das passiert selten und ich weiß es zu schätzen! Let´s hate the game and all the players:)

          • P.S. Steve Jobs war womöglich ein guter Mensch mit guten Ideen und Absichten. Mit Mitte 50 an Krebs zu sterben ist Scheisse. Und wäre er ein Mensch den ich persönlich kannte würde mich das sicher sehr treffen. Aber er war der Chef eines Imperiums, dass das ganze Spiel mitspielt-so jedenfalls hab ich ihn wahrgenommen-und deshalb kann ich ihn nicht als Heiland und Segensbringer feiern. Und nun halt ich die Fresse!

          • niceguy

            hast ja recht.
            jobs war natürlich nicht perfekt. gerade sein soziales engagement ließ zu wünschen übrig. er dachte auch, dass er der menschheit mit seinen produkten schon genug gutes getan, deshalb muss sich apple nicht mehr großartig engagieren. das ist die kehrseite, aber ich glaube, man muss einen gewissen arschloch-charakter haben, um großartiges zu erreichen.

            die ganze sache hat zwei seiten. auf der einen seite steht alles was steve bzw. apple erreicht hat. auf der anderen die art und weise wie es erreicht wurde… die einen feiern ihn für die eine, die anderen hassen ihn für die andere seite.

          • Damit hast du es auf den Punkt gebracht. Danke, dass wir trotz unserer gegensätzlichen Meinungen nicht zu Heckenpennern geworden sind, die sich anpissen. Ich bin stolz auf uns! Und danke für diesen Diskurs und deine Meinung, und dafür, dass du eine hast und sie verteidigst. Sei behütet und bedacht..und gegrüßt aus Köln.

  • Gute Worte. Ich war sehr geschockt, als ich es gestern erfuhr. Und bin es immer noch. Wie ein Schlag in’s Gesicht. Er hat unsere Welt verändert. Ohne ihn wäre die Computer- und EntertainmentWelt wohl nicht so, wie wir sie heute kennen. Macs, iPods, iPhones. Sie machen unser Leben einfacher und schöner.

    Und er hat es echt nicht verdient so jung zu sterben. Bin wirklich traurig. Der wohl sympathischste CEO überhaupt. Und ein Visionär. Was für einer. :( Rest In Peace, Steve…

  • Farewell, Steve. | herr_e_aus_B/Blog

    […] in der S-Bahn, hab ich es gelesen: Steve Jobs ist tot. Ein Tweet von @tspe, in dem er einen Artikel von Marcel Winatschek verlinkt. Erst hoffte ich auf einen schlechter Scherz, checkte schnell Twitter – dann las ich […]

  • My Daily Tweets 10.06.11 « memoirs on a rainy day

    […] ist tot » Steve Jobs, alter Freund » Leben » AMY&PINK amypink.com/2011/10/gott-i“¦ via @amyandpink 14 hours […]

  • Chris

    Kann ich alles sehr gut verstehen.
    Auch wen der Artikel wirklich minimal zu dick aufgetragen ist, aber ist ja schließlich Steve Jobs.
    Was hätte ich nicht alles gegeben um mal einen Kaffee mit Steve trinken zu können…

  • Ich hätte genau so den Titel gewählt! Genial! Es wurde so viel über ihn gesprochen, als wäre er wirklich eine Gottheit. Jede Art von Übertriebenheit nervt. Das er ein Genie war, bestreitet keiner.

  • Torbert

    Ich finde das doch mehr als fraglich. Er wird hier alt Gott bezeichnet und anderswo als Weltverbsserer?!?
    Er war der Igod! das ist alles. Hätte er die Welt verbessert, würde es anstelle von bescheuerten Telefonen anderen Menschen besser gehen….

  • tim

    Ich unterstelle diesem Artikel einfach mal Ironie. Dann erklärt sich alles.

  • Nelly

    Also ich muss jetzt mal was anmerken.
    Ja, klar das Apple Zeug ist großartig und wer hätte nicht gerne einen Mac?
    Aber es ist auch scheißteuer.
    Was, ich damit sagen will ist, dass manche sich das einfach nicht leisten können. Dann kaufen sie eben Nokia.
    Hört doch mal auf die Leute über ihre Handys zu bewerten.

Mister Spex