Deine beschissene Kindheit - Mama war an allem schuld

Wir hatten alle eine schwere Kindheit. Auch die, die keine schwere Kindheit hatten. Entweder, man hat uns zu gut behandelt, überschüttete uns mit Aufmerksamkeit, und wir hatten nie die Chance,…
Deine beschissene Kindheit

Mama war an allem schuld

Wir hatten alle eine schwere Kindheit. Auch die, die keine schwere Kindheit hatten. Entweder, man hat uns zu gut behandelt, überschüttete uns mit Aufmerksamkeit, und wir hatten nie die Chance, eigenständige, hart arbeitende Menschen mit angesehenen Moralvorstellungen zu werden, oder wir wurden in solch ein Lebensverhältnis hinein geboren, dass wir an der Realität des Erwachsenseins scheitern.

Und auch wir werden unseren Kindern irgendwann einmal Rabeneltern sein. Manche werden richtig miese Sachen mit ihrem Samen anstellen, und sich dann über die Konsequenzen wundern. Manche werden es von Anfang an regelrecht und bewusst verkacken, weil sie es selbst nicht anders kennen. Denn wir hatten alle, egal wie man es dreht und wendet, eine richtig, richtig beschissene Kindheit.

Schließlich ist dies der Freispruch für alles. Besonders bei spätpubertierenden blonden Mädchen in ihren Mittzwanzigern scheint dies weit verbreitet zu sein. Sie werfen die Haare über die Schultern, nippen an ihrem Latte Macchiato, verdrehen die Augen und setzen an. “Also, ICH bin immer nur so schlecht in der Schule gewesen, weil ich so einen inneren Druck verspürt habe. Und ist ja auch ganz klar. Mein Therapeut sagt, dass mir meine Mutter seit der Geburt das Gefühl gab, mich eigentlich gar nicht zu wollen. Weil sie selbst die Schule schmeißen musste. Und ich meine, das ist jetzt zwar keine Rechtfertigung, aber..“

Ich könnte sie von links nach rechts bis in ihre Kindheit zurück klatschen, wo sie auf ewig von liebevoller Zwangsfütterung bishin zum “peinlichen Auftritt von Mutti bei meiner Einschulung“ traumatisiert bleiben können. Allerdings bin ich selbst eines von diesen Mädchen gewesen. Nur ist man irgendwann auch juristisch zurechnungsfähig, darf Alkohol trinken, darf Auto fahren, darf Kinder kriegen. Und alle Entscheidungen selbst treffen. Wieso darf man dann nicht auch mal die Verantwortung am eigenen Versagen auf sich nehmen? Es sagt ja auch niemand “Danke für das Kompliment. Ich koche so gut, weil meine Mutter mich nicht gestillt hat und ich daraufhin ganz natürlich eine gewisse psychologische Leidenschaft für gesunde Nahrung und eine vollwertige Diät entwickelt habe.“

Ja, ich war eines von ihnen. Alles, was nicht Schule oder Kiffen war, wurde auf meine Eltern, den Umstand meiner Erziehung, das Fehlen annehmbarer familiärer Umstände, den kulturellen Zwiespalt geschoben. Alles negativ, versteht sich. Meine Eltern sind liebende Eltern, aber oh, wie sie in ihrer Unwissenheit den ganzen Ballast ihrer eigenen Psyche auf mich geladen haben, wie ich daraufhin losrennen und jemanden zu Tode getreten habe, obwohl mein Elternhaus augenscheinlich funktionierte, tatsächlich sogar für meinen Hintergrund geradezu vorbildlich war.

Natürlich habe ich niemanden wirklich zu Tode getreten. Aber ist es nicht das, wonach man sucht, wenn man solche Geschichten in den Medien hört? Und sind es dann nicht die Freunde, die Mitschüler, die Eltern, die leise und mit Tränen in den Augen zu den Kameras sprechen und sagen: “Er war doch immer so ein guter Junge, sie war doch immer so ein bezauberndes Mädchen, sie hatte eine unspektakuläre, aber schöne Kindheit, er wurde nie auffällig, sie hat nie jemandem was zu Leide tun können, er hatte kein Drogenproblem, wir wissen nicht, was passiert ist…“ Und sind es dann nicht immer wieder – und wieder und wieder – die Medien, die daraufhin wühlen und interpretieren, vor allem aber im Elternhaus nach Anhaltspunkten suchen? Und meistens auch finden?

Nur ist heute auch schon das Gegenteil einer schlechten Kindheit eben eine schlechte Kindheit, und Jugendliche (sowie Erwachsene) fallen immer mehr in dieses Raster, ihre Vergangenheit zur Verantwortung zu ziehen. Obwohl das völlig irrisinnig, nicht proportional zum eigentlichen Leben scheint. Ich bin nicht dafür, jeden Fehler zu bestrafen, um ein Zeichen zu setzen.

Das gilt sowohl für die Justiz, als auch für das herkömmliche “Ups, ich bin auf die Fresse gefallen und versuche gerade wieder aufzustehen“. Aber ich kenne genügend Menschen, die es mit 25 Jahren aufwärts immer noch nicht geschafft haben, sich als eigenständige Person zu sehen, und zwar genau dann, wenn es darauf ankommt. Wenn es ihnen schlecht geht, sie versagen, sie keine Lust mehr am Leben haben.

Dann sind im Zweifel nämlich nicht die Eltern schuldig, sondern die eigenen Entscheidungen. Nur kann daraus niemand lernen, wenn das nicht eingesehen wird. Die eigenen Kinder schon am wenigsten. Wer im Café sitzt, da ist mein Urteil hart, ein wunderbar unbescholtenes Leben geführt hat und nach allen Regeln und Normen zumindest eine liebende Umgebung gespürt hat, der hat keinen Grund, später mal auf die Barrikaden zu gehen, nur weil hier und da einige Dinge eben nicht perfekt waren. Denn das sind sie nie, das waren sie bei niemandem.

Auch die Kids, die jeden Tag einen Haufen Gold scheißen, weil ihre Eltern irgendwann einmal in einen Ölbrunnen getaucht sind und daraus “˜nen Tankstellenzulieferer bastelten, auch die ritzen sich mit fünfzehn Jahren kleine Gitter in die Unterarme. Oder noch schlimmer, Gott bewahre, führen einen Tumblr mit kitschigen Quotes, auf dem sie Fragen zu ihrer Coolness beantworten.

Ohne abstreiten zu wollen, dass Schicksale schwerer sein können, als mein pauschaler Rundumschlag: Das geht so nicht! Erbsünden wurden abgeschafft, Freifahrtsscheine für's Versagen wieder zurückgezogen. Wer Fehler macht, muss dafür geradestehen können, muss auch sagen können: Shit, das wusste ich besser, das geht so nicht. Sicherlich kann man in pseudotiefenpsychologischer Manier auch mal den Ursprung verankerter Charakterzüge erforschen. Dagegen habe ich nichts. Aber es darf keine Entschuldigung werden. “Sorry is not an excuse for something stupid, if you did it on purpose.“ Und “meine Kindheit“ auch nicht.

NA-KD

Abonniert unseren Newsletter!

Drückt hier, um weitere aktuelle Neuigkeiten über das Leben zu lesen und drückt hier, um eigene Artikel und Fotos einzureichen. Oder folgt uns auf Facebook, Twitter, Instagram, Tumblr und Pinterest, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Etsy

Was ist deine Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Füge deinem Kommentar ein Bild hinzu:

5 Kommentare

Superdry