Travelling Girl - Der Traum der Anderen

Ich habe funktioniert. Das halte ich mir bis heute vor. Ich habe funktioniert, und jedem dabei vorgemacht, dass es mir gut geht. In Wahrheit war ich am Ende meiner Nerven,…
Travelling Girl

Der Traum der Anderen

Ich habe funktioniert. Das halte ich mir bis heute vor. Ich habe funktioniert, und jedem dabei vorgemacht, dass es mir gut geht. In Wahrheit war ich am Ende meiner Nerven, lag nach der Arbeit fast regunglos auf der Couch und ließ mich von vorbeiflimmernen TV-Sendungen, Weed-Knospen und dem Gemurmel meiner Mitbewohner berieseln. Ich habe alles vergessen aus dieser Zeit, weil es nichts gibt, woran ich mich erinnern müsste. Nicht ein einziges Detal in sechs Monaten, dass mir wichtig gewesen wäre.

Als ich beschloss, alles hinzuschmeissen und auf eine Reise zu gehen, war ich nervlich bereits am Ende. Dass ich den Mut und die Entscheidungskraft dafür aufbrachte, grenzte damals an ein Wunder. Zu auswegslos erschien mir meine Situation. Kein Abschluss, keine Perspektive, fast vollständig alleine und mitten im Anfang einer blühenden Depression. Ich hatte mir dieses Schicksal erarbeitet, indem ich allen Ratschlägen von Freunden und Familie den Fickfinger zeigte, um “mein eigenes Ding“ zu machen.

Heute weiß ich selbstverständlich, dass es eben nicht die falsche Entscheidung war, das alles in seiner Summe wieder zu einem Gesamtbild führt, welches so natürlich erscheint. Aber damals war es hart, auf die Fresse zu fliegen mit der so angepriesenen Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, für die man sich selbst geknebelt hat.

Also sparte ich mein Geld. Was anderes hatte ich auch nicht. Ich beschloss, weit weg zu fliegen und den scheinbar unerreichbaren Traum einer Weltreise zu verwirklichen. Ich wollte nicht einfach nur weg. Ich wollte mich auch selbst verlassen und all das, was den Zynismus in mich gehämmert hat. Die täglichen, mechanischen Routinen.

Aufstehen, anziehen, nicht nachdenken, U-Bahn fahren, arbeiten, Mittagessen, nicht nachdenken, nach Hause gehen, auf die Couch legen, nicht nachdenken. Jede Unregelmäßigkeit in diesem Alltag wurde mit nächtlichen Heulkrämpfen quittiert, die in ihrem Pathos kaum zu überbieten sind. Damals war dieses Gefühl des bodenlosen Verlustes das einzige, was in mir noch emotional funktionierte. Klar, es rettete mich, aber um welchen Preis?

Meine Schuhe, meine Klamotten, meine Möbel. Fast alles habe ich verkauft, verschenkt oder zerstört, um mir auf dieser Reise neue Ideale zu suchen. Kein Konsum mehr, nur noch ein Rucksack mit dem Nötigsten. Keine Kompromisse mehr. Nur noch da hin gehen, wo man sein will. Gefühle, Sinne und Charakter sammeln, einfangen, und dokumentieren. Nicht mehr nur ziellos für das Leben planen und sich von unerfüllten Vorstellungen enttäuschen lassen, sondern alles, was passiert, als einen wahr gewordenen Wunsch ansehen.

Ich verließ meine Wahlheimat und flog nach Südostasien, um ein neues Leben zu beginnen. Nein, natürlich wollte ich nicht “wegrennen“. Ich hatte mit niemandem auf dem Planeten Erde Stress und keiner wollte mir was antun. Ich war zufrieden damit, alles geschmissen zu haben und in einer angenehmen, freiheitlichen Perspektivlosigkeit zu schweben. Ich war sehr, sehr glücklich, mit der Tatsache, dass ich es mir selbst und alleine ermöglicht habe, diesen globalen Traum vom “Reisen“, egal in welcher Form, zu einem Fakt zu machen, zu einem Punkt in meiner Biografie, der sich nie wieder löschen lässt.

Nie war ich entschlossen, alles für immer zu verlassen. Aber im Hinterkopf spukte immer, auf der ganzen Reise, über fast 8 Monate hinweg ein penetranter Gedanke, der sich nicht abschütteln ließ: vielleicht bleibe ich ja für immer weg. Vielleicht finde ich irgendwo einen Platz, an dem ich mich entfalten kann und glücklich bin, ohne das noch viel gemacht werden muss.

Aber ich wartete vergeblich auf diesen Moment der Epiphanie. Er kam nicht an den schönsten Wasserfällen Thailands, er kam nicht unter dem unfassbaren Sternenhimmel in Vietnam, er kam nicht inmitten der Ruinen von Angkor Wat, er kam einfach nicht. Etwas anderes kam dafür. Noch mehr Zynismus, noch mehr Unglück.

Ich blicke mit gemischten Gefühlen auf die Reise zurück. Was hatte ich mir vorgestellt? Man kann sich unmöglich von seiner Erziehung, seinem Wesen, seinem gesellschaftlichen Umfeld, seinem Charakter befreien, ohne eine sehr lange andauernde Generalüberholung durchzustehen. Einen Rucksack aufzuschnallen kommt dem nicht nahe.

Backpacking war für mich nur im touristischen Sinne erleuchtend. Es geht nicht mehr um die Suche nach verschollenen Kulturen und abenteuerlichen Begegnungen. Backpacking ist der Pauschalurlaub der modernen Hippies. Alles wird vorgekaut, und jeder Versuch, von den üblichen Trampelpfaden abzuweichen, ist umso schwerer geworden.

Aber wenn ich ehrlich bin: Es war mir egal, wie viele andere junge Menschen sich meinen Weg teilten. Ich stellte schnell fest, dass ich sowieso nicht alleine sein wollte. Mit ihnen wollte ich auch nicht da sein, aber alleine? Die einsamen Momente am Strand haben mich fast umgebracht. Jedes Mal, wenn ich mehr als zwei Tage ohne Internet, ohne meine Standleitung nach Hause verbringen musste, bin ich nervös geworden.

Wenn ich das so erzähle, entsteht schnell der Eindruck, ich würde es bereuen. Ein bisschen blitzt Reue nur dann auf, wenn ich mir vorrechne, was ich mit dem Geld sonst alles hätte anstellen können. Aber natürlich bereue ich diese Auszeit nicht. Sie hat mir die Richtung für die nächste Etappe gegeben. Nach Hause fahren, außerhalb des Plans. Nach Hause fahren und da anfangen, wo ich aufgehört habe. Zurück in die Großstadt und mich mit ihr vertragen. Dieser Prozess war nicht mehr so schwierig wie vor der Reise, als ich mich schon mit Berlin konsolidiert hatte. Nicht zuletzt dank meiner damals neu gewonnenen Freunde.

Mit all den Dingen, die seit meiner Rückkehr Anfang des Jahres passiert sind – Wohnung suchen, Arbeiten, Studium, Freunde, Beziehung, Geld, immer nur dieses scheiss Geld – war sehr wenig Zeit geblieben, um die Reise würdig zu reflektieren. Immer hat es mich gewurmt, dass ich nichts “mitgenommen“ hatte, außer ein paar Anekdoten für unterhaltsame Bargespräche. Nicht mal meine Bräune ist noch da. Und der endlose Sommer, dem ich hinterhergechelt bin, den habe ich auch nicht gehabt.

Ich kam zurück und verfiel wieder dem Mist, der mich damals schon angekotzt hatte: Konsum, Fast Food, Oberflächlichkeiten, meine Internetabhängigkeit, mein Zynismus. Selbst die schönsten Momente in der Natur unberührter Länder sind in meiner Erinnerung nur noch verschwommen. Alle Menschen, die mir begegnet sind und nun ständig in meinem Facebook Stream auftauchen, sind wieder – genauso wie ich – im Alltag angekommen, berichten von Arbeit, Kindern oder anderen Dingen, die in etwa so belanglos sind, wie das Leben eines jeden Roboters.

Es war eine schöne Zeit, keine Frage. Ich habe viel Inspiration gesammelt, viel gelernt, viel gemacht und vor allem habe ich sehr oft ausschlafen können, fast ein halbes Jahr lang nur Sonne erlebt, hatte unendlich viel Spaß. Aber der mir selbst auferlegte Druck “Du musst jetzt daraus etwas ziehen, du musst etwas für dich nach Hause mitnehmen!“ hat es mir unmöglich gemacht, es als das zu erleben, was es nun einmal war. Eine Reise. Ein hin und wieder stressiger Urlaub, der sehr lange anhielt. Eine ziellose Auszeit, die für Entspannung sorgen sollte.

Ich habe es mir selbst versaut. Vielleicht ist das mein Key Learning. Dass ich nicht reisen muss, um glücklich zu sein. Was ich jetzt bin. Vielleicht habe ich es auch immer noch nicht gerafft, dass ich nichts mitnehmen musste, um die Reise als “Erfolg“ anzusehen. In jeglicher Hinsicht. Immerhin frage ich auch jetzt noch laut nach einer Lernerfahrung, die nie stattgefunden hat. Oft aber gibt es Augenblicke, da macht das alles Sinn. Dann erzähle ich irgendwem davon, dass ich auf dieser Reise war, und es funkelt in seinen Augen und sie sind völlig fasziniert von der Idee, eines Tages aussteigen und für ein Jahr oder gar Jahre herumreisen zu können.

Viele Menschen teilen sich diesen Traum. Dann wird mir erst bewusst, dass ich ihn verwirklicht habe. Ich, für mich ganz alleine, habe etwas für mich, ganz alleine getan. Niemand muss dafür stolz auf mich sein, ich bin nicht einzigartig, aber ich weiß, was ich dafür durchhalten musste und wo ich jetzt dank dieser Entscheidung bin. Wenn mich also demnächst wieder jemand fragt, ob sich so eine Reise lohnt, dann werde ich ganz offen sagen: Jede Erfüllung eines Traumes lohnt sich, wenn man sie sich selbst schenkt. Auch, wenn man am Ende herausfinden muss, dass es nicht der eigene Traum war.

Superdry

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