Meltem in der Türkei - Freiheit und Glauben in Erzincan

Seit einer Woche bin ich nun wieder zurück in Deutschland, aber was ich in der Geburtsstadt meiner Eltern alles erlebt und erfahren habe, lässt mich trotzdem nicht mehr so schnell…
Meltem in der Türkei

Freiheit und Glauben in Erzincan

Seit einer Woche bin ich nun wieder zurück in Deutschland, aber was ich in der Geburtsstadt meiner Eltern alles erlebt und erfahren habe, lässt mich trotzdem nicht mehr so schnell los. Mit fünf Kleidungsstücken in der Reisetasche und einem dauerungeschminkten Gesicht, ging es von Didim in 18 Stunden mit dem Auto nach Erzincan, der Stadt in Anatolien, die bekannt ist für die köstlichsten Bohnen und den Honig.

Viele der in Deutschland lebenden Türken kamen in den 60ern und 70ern als Gastarbeiter aus dem Gebiet Dersim, zu dem sich neben Erzincan auch Tunceli und Pülümür zählen lässt. Doch auch an der Küste stellen sich viele nach der Frage „Nerelisin (Woher kommst du?“) als Erzincanli heraus. Sowohl die Arbeitslosigkeit, als auch schwere Erdbeben im Jahre 1939, 1983 und 1992, die starke Schäden verursachten, führten zu einer erhöhten Binnenmigration. Doch noch immer leben die meisten Menschen, die vor allem auch um die Stadt herum in kleinen Dörfern wohnen, von der Landwirtschaft, in einfachen Verhältnissen.

Wie man in der Wurzel Europas aus einem Auto mit deutschem Kennzeichen aussteigt, wird man oft über den Tisch gezogen. Plötzlich kostet alles doppelt so viel. Aber bevor ich einen Laden betrete, fällt mir jedes Mal der Blick in das deutsche große Auto auf. Die Menschen denken, du führst ein anderes Leben, ein besseres, weil du ein hochwertigeres Auto fährst. Mit Prestige-Objekten werden leider auch in unserer Welt zu oft falsche Rückschlüsse geschlossen. Dabei blenden sie aus, dass es Probleme gibt, die sind universell und betreffen jeden. Aber das ist wahrscheinlich für mich leichter gesagt, als nachempfunden.

Was mir hier auffällt ist, dass die Menschen dafür gesünder und länger leben, ohne Hektik und Stress. Mit den einfachen Dingen des Lebens lernen sie sich zufrieden zu geben und sind dabei fern von einer Gesellschaft, die die Reichtümer und Erfolge der Mitmenschen sieht, und sich nach demselben streckt und die Unerreichbarkeit als Verlust betrachtet. Im Dorf, in dem meine Eltern ihre Kindheit verbrachten, hält den ganzen Tag über jeder seine Tür offen. Bei allen fühlst du dich willkommen, das ist ein schönes Gefühl. Dein Nachbar ist dein Freund. Und nicht dein Feind. Sie sind so herzlich wie meine eigene Familie.

Obwohl die Menschen nur mit dem Nötigsten zurechtkommen müssen, leidet keiner an Armut, denn hier wird geteilt. Alles mit jedem. Wer einmal bei einem Türken zu Hause war, wird schnell merken, dass es blitzblank sauber ist, denn jeden Moment könnte Besuch kommen. Anders als bei den Deutschen, gibt es hier nicht so etwas wie „du hast dich anzumelden, wenn du jemanden besuchen möchtest“. Wie deutsch ich hier eigentlich bin, merke ich übrigens an dieser Stelle und an dieser Gewohnheit, dass man ständig Danke sagt und fragt, ob man sich von diesem und jenem etwas aus dem Kühlschrank nehmen darf.

Gekocht wird hier immer reichlich, niemals berechnet man die Menge von Essen beim Zubereiten. Hier sind eben andere Sachen peinlich. Den Poschas öffnet man auch immer die Tür, die ihre Ware in einem Sack mit sich herumtragen und von Tür zu Tür wandern, um Bettdecken oder Plunderhosen zu verkaufen.

Doch nicht nur die Gastfreundlichkeit und den Altruismus schätze ich, auch die kleinen Freiheiten in einem Land, in dem die Religion benutzt wird, um die Interessen machtbesessener und eitler Politiker zu vertreten. Das Dorf, aus dem meine Eltern kommen, ist ein alevitisches. Es gibt ein Cem-Evi, das Gebetshaus der Aleviten, doch fünf Mal am Tag beten gehört nicht zur Aufgabe des Gläubigen.

Jeder darf und kann seinen Glauben zu Gott und der Welt ausüben, wie er es möchte. Moral ist die Ethik, die in der Gesellschaft herrscht, so richten sich die Menschen, die großen Wert auf Kultur und Tradition legen, oft nach dem, was die Mitmenschen tun, das kann nicht verschwiegen werden. Aber ein wesentlicher Grund dafür ist die Verbundenheit und das familiäre Zusammenleben. In meinem deutschen Dorf mit 10.000 Einwohnern geht auch schon verdammt schnell etwas um die Runde. Doch die Aleviten sind ein sehr friedliches Volk. Sunniten und Armenier leben unter ihnen und verstehen sich ohne Probleme.

Es ist sehr modern hier, wie ich finde. Denn meine langjährige Bekannte sieht in Tanktop, Röhrenjeans und Chucks nicht sehr viel anders aus als andere 17-jährige Mädchen in Deutschland. In ihrem Zimmer hat sie übrigens ein Bild von Bill von Tokio Hotel hängen. Aber diese Emo-Zeit ist jetzt vorbei, verrät sie mir, als ich sie darauf anspreche.

Und selbst die Oma von gegenüber kennt die meistdiskutierteste Serie Türkeis „Aski Memnu”, in der mein Prinz Kivanc Tatlitug die Hauptrolle spielt, und beschimpft seine Affäre, die seinen Onkel mit ihm betrügt als Nutte, sagen wir Prostituierte. Damit wird man natürlich nicht modern, aber die Menschen sind hier aufgeklärt, wissen Erdogan und seine Machenschaften zu kritisieren und stehen hinter dem Politiker Kiliclaroglu der CHP. Es gibt keine Tabu-Themen. Immer stärker bemüht man sich darum, dass die jüngere Generation studieren kann, damit ihnen nicht die gleiche Härte des gleichen Schicksals widerfährt.

Als Kind kam ich schon immer gerne hierher, denn obwohl das Stadtbild nicht im geringsten dem der Großstädte wie Frankfurt, Berlin oder Paris gleicht, fühle ich mich von den Menschen hier sehr verstanden und höre ihnen heute immer sehr bewusst zu, weil ich genau weiß, dass ich viel von ihnen lernen kann. Auch wenn hier Häuser aus Lehm sind, und kaum das Internet benutzt wird. Irgendwie erreichen die Trends die Menschen doch irgendwie, aber seit wann kommt es darauf schon an. Sie verkörpern Werte, und die sind zeitlos und unabhängig.

Weil es sich, um ehrlich zu sein, nicht gehört, als Mädchen, den ganzen Tag durch die „Innenstadt“, die man sich wie einen großen Forum mit Kiosken und Cafes vorstellen kann, zu wandern, verbringe ich viel Zeit mit der Familie im Garten und bei den Nachbarn. Da bin ich einen Tag nicht aus den vier Wänden meines Schlafzimmers, höre ich meinen Vater schon sagen, wenn die Deutschen jetzt hier wären, hätten die schon längst alle Berge bestiegen und du sitzt stattdessen den ganzen Tag hier rum und glotzt die Wand an.

Für Timbaland-Schuhe und Jack Wolfskin-Jacke, Dresscode meiner Deutschlehrer, hat mein Geld leider nicht mehr gereicht, aber ohne mein Genick zu brechen, habe ich es dann wenigstens geschafft, die Rocky Mountains von Anatolien zu erklimmen. Ähnlich wie im Sufismus und Volksislam gehören Grabstätten von heiligen Männern zu den Pilgerstätten der Aleviten, an denen leider noch immer Tiere geopfert werden. Es ist ein Ritual, das viele Moslems und Aleviten noch ausführen, weil der Glaube an diesen mystischen Prozess noch sehr stark ist, was ich aber nicht für gut heiße. Das einzig Gute vielleicht mag sein, dass das Fleisch nicht nur an Familie, sondern zum größten Teil an Arme verteilt wird.

Der Dede, ein Geistlicher, der für seine Gutmütigkeit und Weisheit sehr geschätzt wird und an diesen Ort immer aufzufinden ist, lebt im Cem-Haus zwischen den Bergen. Aber um sich zu informieren ist er mit Internet ausgestattet. Denn die Zeitorientierung und Anpassung ist eines der Lehrsätze der Aleviten.

Er erzählt mir, dass eine Türkin mit ihrem deutschen Ehemann und den Schwiegereltern gekommen ist. Als sie sich an der Grabstätte etwas wünschten, kamen ihnen die Tränen und ungewollt mussten die Helfer an der Pilgerstätte mitweinen. Gefühle kennen keine eine Sprache. Solche Geschichten sind als Deutsch-Türkin immer sehr ermutigend, denn es beweist mir, dass es Menschen gibt, die aufrichtiges Interesse zeigen, der Liebe wegen.

Mit dem Dolmus geht es nach Erzincan, wo ich mich nicht sehr gerne aufhalte, obwohl die Stadt sehr belebt ist mit guter Infrastruktur und Shoppingmalls. Denn das Essen und Trinken auf der Straße ist während dem Ramaddan sehr verpönt. Die einzigen Lokale, die vor 20 Uhr geöffnet haben, sind die der alevitischen Restaurantbesitzer, die uns vorher empfohlen wurden. Wie in einer Oase essen und rauchen die Menschen hier genussvoll. Eine schwangere Frau, die am Geldautomat Wasser trinkt, wird von allen Seiten, von fremden Menschen wohlbemerkt, angeschrien, was fälle ihr denn ein, sie solle aufhören zu trinken. Das ist eben die Reaktion der Menschen, die friedliche Gedanken des Islam falsch interpretieren.

Es ist ein seltsames Gefühl, wenn die Verkäuferin, die man nach Mandelör für das Haar fragt, ihr eigenes unter einem Kopftuch verstecken muss. Denn es regt zum Nachdenken an, das Gewöhnlichste überhaupt. In Deutschland käme ich niemals auf die Idee, mir Gedanken über die Freiheit einer Verkäuferin zu machen. Vielleicht ist es ihre eigene Entscheidung, aber ich finde, die Mädchen, die es ungewollt tragen, haben immer einen sehr traurigen und scheuen Blick.

Wir sind beide Frauen, eine die es sichtlich gern ist, und die andere, die es nicht zeigen darf. Aber ginge es nur um das Aussehen oder den inneren Glauben, wäre die Sache nicht so tragisch. Ich begegne hier in der Türkei das erste Mal einem Mädchen, das weniger Freiheiten hat als ich. Und weiß plötzlich meine eigene zu schätzen.

Die Zeit ohne Internet genoss ich sehr. Über die wichtigen Dinge des Lebens, über die Essentiellen konnte ich endlich wieder erleben und über diese nachdenken. Sonne ohne Ende, gesundes Essen, die Verbundenheit mit der Natur und mittendrin der Mensch als Mensch ohne Luxus in einer klaren Einfachheit. So habe ich das Leben für zwei Wochen erfahren. Wenn ich hier in der Türkei Tomaten esse, fällt mir auf, dass es in Deutschland gar keine gibt. Für einen Tag sehnte ich mich dort nach einer einwandfreien Verbindung, sonst war ich restlos glücklich. Jetzt bin ich zurück in Deutschland, und mir fehlt irgendwie alles. Außer das Internet.

s.Oliver

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6 Kommentare

  • k

    ich liebe es wenn deutsch-türken zu orientalisten werden, wie in meltem’s fall.

  • Laura

    Interessant. Aber nochmal drüberlesen was Grammatik, Zeichensetzung und Formulierung angeht hätte wohl nicht geschadet…

  • Yasin

    Gott, also nicht das ich was gegen deine anti-türkische Haltung habe, aber übertreibst du nicht ein wenig? Du bist nichts anderes als eine Alevitin, die etwas gegen den Islam hat und irgendwie keine Ahnung von türkischer Politik hat. Was meinst du mit Erdogans Machenschaften und wieso zum Teufel bist du so geil darauf wie eine Deutsche zu wirken und dich so extrem zu assimilieren, statt zu integrieren? Soetwas hat rein nichts mit gutem Journalismus zu tun. Das einzige, was ich aus diesem Text entnehmen kann ist: Islam ist Scheiße und zurückgeblieben und Aleviten sind Heilige und sowieso die geilsten. Ich hasse Türken, die asozial sind und sich nicht integrieren wollen, aber vorallem hasse ich Türkinnen, wie dich.

    (Btw. Seit wann ist man aufgeklärt, weil man Aski-Memnu guckt und die Darsteller als Nutten bezeichnet? (Deine Verwandten sind anscheinend genau so zurückgeblieben, wie du. Ups!) Wenn die Menschen in der Türkei gebildet geschweigedenn aufgeklärt wären, würden sie nicht den ganzen Tag vor ihrer scheiß Glotze hocken)

    Amen!

  • Alex

    Interessanter Text. Hat Spaß gemacht, ihn zu lesen.

    Auch interessant, wie schnell hier in den Kommentaren gehasst wird.

  • Mehmet

    @ Laura: Das passt schon, soll ja authentisch sein.

    @ Yasin: So wie sie schreibt, ist schon recht türkisch. So manches sehr plakativ und nicht hinterfragt. Die Machenschaften der Regierung zu hinterfragen ist gut, auch die Machenschaften der Opposition zu hinterfragen, ist besser. Gleiches gilt für das Thema Religion (als jemand, der schonmal eine alevitische Freundin hatte, weiß ich, dass sie gar nicht mal so offen sind wie immer behauptet wird. Denn ein Sunnit – auch wenn gar nicht praktizierend – als Freund ist gar nicht willkommen.)

    Sonst finde ich den Text recht unterhaltsam. :)

  • H.

    Der Artikel zeugt mal wieder von schlechtem “Journalismus”, sofern davon die Rede sein kann…
    Es macht einfach überhaupt keinen Spaß einen so schlecht formulierten Text zu lesen… also ein Mindestmaß an Talent muss man zum Schreiben schon vorweisen können, um zu einem solchen Blog beizutragen. Ich frage mich ohnehin, wieso niemand die Korrektur übernimmt…?
    Aber abgesehen von der Talentfreiheit beim Schreiben kommt erschwerend hinzu, dass falsche Recherche betrieben wird!
    Erzincan gehört definitiv nicht zur Provinz Dersim… frage mich, woher diese falsche Information bezogen wurde.
    Im Übrigen rate ich wärmstens, dein Gedankenchaos in einfachen Worten und somit verständlich und nachvollziehbar wiederzugeben. (Das raten sogar die zur Verkomplizierung neigenden Wissenschaftler und Professoren, by the way).
    Statt wahllos Begriffe und Formulierungen zu verwenden, die dadurch vom Bedeutungsgehalt des Gesagten ablenken, solltest du dich in deinen Beiträgen einfach mal auf die “Einfachheit” besinnen… ist das nicht das, was du in deinem Artikel auch angepriesen hast? Bloß um der abrundenden Schlussbemerkung willen eine solche “Erkentnis” anzubringen ist schwach – man sollte es stattdessen auch wirklich beherzigen.

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