Notting Hill Carnival London - Ghetto, Gangster, Gaumenficks

Ich hatte mir London, um ehrlich zu sein, anders vorgestellt. Irgendwie größer und schmutziger und definitiv mit mehr Nebel und Abgasen. Ich stellte mir vor, wie ich drei Tage lang…
Notting Hill Carnival London

Ghetto, Gangster, Gaumenficks

Ich hatte mir London, um ehrlich zu sein, anders vorgestellt. Irgendwie größer und schmutziger und definitiv mit mehr Nebel und Abgasen. Ich stellte mir vor, wie ich drei Tage lang in den dunkelsten Clubbunkern zu Grime, Garage, Dubstep und vor allem Joy Orb abravte, mit fremden, exotischen Gangsterkids aus Tottenham und Hackney. Ich träumte von flatratesaufenden, umherwütenden, schiefzähnigen Engländern, teurem Essen und noch teureren öffentlichen Verkehrsmitteln. Glücklicherweise hatte ich in meinen letzten Annahmen dann doch recht und war deshalb nicht zu sehr in Befremdlichkeit gefesselt.

Nach dem, was in den Nachrichten vor einigen Wochen zu uns herüber kam, hatte ich mir auch mehr kostenlose Turnschuhe und Plasmafernseher und Rauchwolken über Ghettoblocks vorgestellt, aber meine insgeheimen Wünsche nach Anarchie und der Ausruf der Revolution blieben unerhört und so muss die Welt noch etwas länger auf mein plötzliches Talent als Kriegsfotografin warten.

Der Kulturschock holte mich ein, obwohl die Engländer den deutschen doch immer am ähnlichsten waren. Seltsames Krautessen, ein Hang für britische Popkultur und die nervigsten im Urlaub. Umso härter trafen mich dann die Unterschiede. Schon auf meinem Weg von Stansted nach East Hackney, wo ein guter Mensch mich und meine vierzehn Freunde in seiner Küche auf Luftmatratzen und einer ernsthaft widerlichen Couch beherbergte, fielen mir einige Ungereimheiten auf.

Das waren Dinge, die ich nicht verstand: Eine Bushaltestelle, die “Great Blue Mosque“, also “Große Blaue Moschee“ hieß. Zugegeben, direkt daneben war ja auch eine große blaue Moschee und davor versammelten sich gerade die fastenbrechenden Muslime in ihren wunderschönen, weißen Gewändern. Aber das war immerhin eine Bushaltestelle! Und die hieß Moschee. In Deutschland wäre das nicht passiert. In der Zeitung steht, dass die LSE einen Hörsaal mit dem Namen “Sheik Zayed Theater“ hat. Die Engländer scheinen das mit der Integration ernst zu nehmen.

Wo kommen denn diese Inder her, denke ich mir. Ich meine, wo sind die Engländer? Und wieso sieht das hier nicht alles so industriell hässlich aus, wie ich es mir immer ausgemalt habe, wieso stehen hier wunderschöne, viktorianische Bauten, die auch noch in den schönsten Farben bemalt wurden? Ich meine, in hellen, bunten Farben, die Leuchten! Da steht ein blaues Haus neben einem grünen Haus neben einem schwarzen (!) Haus, das ist ja wunderschön hier! Und jeder Grashalm ist gestutzt, und nirgendwo liegt Hundescheisse!

Sogar die Kids, diese leckeren, kleinen, gutgebauten, halbstarken Männer, die mit ihren Hoodies und ihrem dicken Londoner Sprachgesang und ihren Skinny Jeans und ihren Reeboks zu zehnt durch die Straßen stürmen und mit ihren Klappmessern herum fuchteln, sogar die machen mich in ihrer ästhetischen Gesamtheit irgendwie an. Ich habe mich verliebt. In – man mag es kaum glauben – das dörfliche, das schöne, das wunderbar fremde London, das mich eher an Amsterdam als an New York erinnert. Hier geht mein europäisches Herz auf.

Aber ich war nicht nur zum erstaunt sein da. Der Grund meiner Anreise war ja hauptsächlich der jährliche Notting Hill Carnival, von dem meine Freunde mir schon seit tausend Jahren vorschwärmen. Eine Explosion der fremden Kulturen trifft hier aufeinander: Soca, Raggae, Dancehall, karibischer Flair, überall dunkle, braune, weiße Menschen, die sich mit Kakao einschmieren und dann auch noch dieses köstliche, mir vorher völlig unbekannte JERK CHICKEN. Ey JERK CHICKEN! Scheiß auf KFC und die anderen Hühnerschlampen, ich will nur noch Jerk Chicken essen. Ich dachte ja, ich hätte schon alle fremden, kulinarischen Genüsse erlebt, aber das ist einfach das Epitom des schnellen Gaumenficks.

Notting Hill Carnival also. Der Karneval der Kulturen ist dagegen eine kleine Furzparade mit Glöckchenklingeln und Topfschlagen. In London dagegen: heiße Tänze, feuchte Spielchen und Riesenparty. In London, übrigens, beschwert sich keiner darüber wenn die aufgebauten Soundsystems einen schäbigen Ton haben – außer natürlich man kommt aus Berlin und möchte sich in den Kopf schießen, weil man vor lauter Bass nichts mehr hört. Der Rest lässt sich den Spaß nicht nehmen.

Und dann ständig dieses REEEEWIND. Sprich: ein Song wird angespielt, die Menge tobt bis zum ersten Drop, und dann: STOP! Der DJ muss kurz dazwischenlabern, weiterteasen, leckt sozusagen noch das Ding an bevor es dann weitergeht – und zwar von vorne. Immer und immer wieder heißt es REWIND, bis ich selber Lust habe, Molotowcocktails zu werfen. Das, meine lieben Freunde, ist der biedere Deutsche einfach nicht gewohnt, man muss doch einen Song zu Ende spielen lassen!

Ich gebe zu nicht viel von der Stadt gesehen zu haben. Ich war nicht einmal an der Themse oder am Buck Palace oder am Big Ben oder im Hyde Park. Für vier Tage, von denen zwei alleine an Fahrtzeit von East Hackney nach Notting Hill draufgingen, war das schon ein ziemlicher Verdienst überhaupt, mal nüchtern irgendwas anderes zu sehen, als nur den Bürgersteig von Nahem, mit Kotzlache in der Nase. Shoreditch zum Beispiel, das gentrifizierte Künstler-Hippie-Öko-Street-Art-Viertel, was mich ein bisschen an eine Mischung aus Berlin Mitte (Weinmeister-Straße-Mitte) und an Friedrichshain erinnert. Aber auch nicht wirklich.

Und dann ärgere ich mich, wie immer, wenn ich diesen unmittelbaren Vergleich zwischen Städten ziehen muss. Berlin gewinnt, weil ich mich hier wohlfühle. Berlin ist mein persönlicher Kompromiss aus der wohltuenden, gewohnten Heimat in all ihrer Schönheit und Bürokratie und ihren Vorzügen und meiner Zugehörigkeit. Und allem, was daran so richtig schön Scheiße ist: Engstirnigkeit, Ignoranz vor anderen Kulturen, Scheu vor Neuem und Internationalisierung. Berlin ist die deutsche Antwort auf Umbruch, Kultur und Kunst, auf neu in Fusion mit alt.

London hingegegen ist angekommen: Man merkt, wie jeder in dieser Stadt einen gewissen Platz einnimmt und sich diesem hingibt. Es ist das Leben an einem großen Ort mit erkämpfter Geschichte und absoluter Gegenwart. In gewisser Hinsicht ist London ein Museum, das sich seine Schätze erkauft und sammelt. Berlin ist die Galerie, die sich mit kiffenden Ausstellungsbesuchern (die nur für den Freisuff da sind) zufrieden gibt. Und das ist auch erstmal gut so, solange es diese bunten Farben halten kann, die mich immer wieder dorthin zurück ziehen werden.

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