Meltem in der Türkei - Ein Stückchen Dekadenz in Didim

Didim ist nicht nur irgendein Urlaubsort, an dem getrunken und gefeiert wird. Denn beim Namen der Stadt beginnend, trägt es Geschichte, die leider im eigenen Land kaum Achtung geschenkt bekommt.…
Meltem in der Türkei

Ein Stückchen Dekadenz in Didim

Didim ist nicht nur irgendein Urlaubsort, an dem getrunken und gefeiert wird. Denn beim Namen der Stadt beginnend, trägt es Geschichte, die leider im eigenen Land kaum Achtung geschenkt bekommt. Es sind die Deutschen und Franzosen, die das Geld und Interesse haben, um das kulturelle Erbe zu entdecken und erhalten. Archäologen kommen jedes Jahr hierher, um rund um den Apollo-Tempel weiter herum zu graben. Das Orakelheiligtum ist dem „griechischen und römischen Gott des Lichts, des Frühling, der Kunst und der Weissagung“ gewidmet.

Mein erster Halt ist also Didim, eine kleine Stadt zwischen Izmir und Bodrum an der Ägäis, an der ich mich nun seit einigen Wochen aufhalte. Es ist eine dieser Touristenstrandstädte, die massenweise von Engländern belagert wird, die auf Semame Halay tanzen, vielleicht ohne zu ahnen, dass das Wort eigentlich kurdisch ist. Etwas über die türkische Kultur weiß leider kaum einer der Briten, die 25 Prozent der Einwohner Didims ausmachen. Ein anderer Teil besteht aus in Deutschland lebenden türkischen Arbeitern, meist Aleviten, für die der Besitz eines Ferienhauses möglich ist, da es zum Leben und Urlaubmachen im Vergleich zu Bodrum und Cesme noch günstig ist.

Apropos Cesme, da würde sich Kivanc Tatlitug eigentlich aufhalten, aber in der Werbung für türkische Fanta erklärt er, warum er dort nicht hingeht. Die Werbung hat funktioniert. Ich trinke Yedigün, obwohl ich nur Coke liebe. Aber keine Pepsi-Cola. Diese Dose, auf dem er verpixelt abgebildet ist, soll also die einzige Annäherung sein, wie sich später herausstellen wird.

Kopftuchträger lockt es hier aber auch gern öfter hin. Die Menschen sind so tolerant und aufgeklärt. Hier schreit keiner auf, wenn er eine dicke Frau mit Kopftuch in einem Raumschiffkostüm aus dem Wasser heraus watscheln sieht. Obwohl sie aussieht wie ein Baywatch-Hottie, an dessen Körper jede einzelne Rundung optimal zu erkennen ist.

Aber während meines Aufenthalts hat ja zum Glück auch schon der Ramadan-Monat angefangen. Das bedeutet, dass viele zurück in die Heimat fahren, um dort zu fasten und an Bayram die Festtage wieder am Meer zu zelebrieren. Während man hier also wenigstens ungestört essen und trinken kann, sieht es im Osten der Türken schon wieder ganz anders aus, wie ich später spüren werde.
Denn die meisten Urlauber sind Aleviten, die ihren Glauben sehr liberal ausführen.

Die Küste muss sich ohne gefragt zu werden verkaufen, Kultur geht verloren, um Geld zu machen, weil es einfach nicht anders geht. Es entstehen also Subkulturen. In der Nachbarschaft wohnen Engländer, Iren, Deutsche, Amerikaner und Türken aus dem eigenen Land und Deutschland, Frankreich Österreich. Das nenne ich Multi-Kulti.

Meine Freundin Kiana ist Halbjamaikanerin und die Enkelin meiner Nachbarn. Kianas Großeltern sind sehr herzliche Menschen, haben immer ein Englisch-Türkisch-Wörterbuch auf dem Tisch auf der Veranda liegen, wenn ich sie besuchen komme, und grüßen ihre Nachbarn mit einem Merhaba oder Günaydin. Kiana selbst lebt in Manchester, und geht bald aufs College. Ihre Großeltern aber wohnen schon seit einigen Jahren hier in Didim und genießen wahrlich das gute Wetter, welches übrigens sehr häufig ihre Antwort auf die Frage nach ihrem Wohlbefinden ist.

Rot sind sie auch, und Bier trinken sie auch ganz gern, und ein letztes Vorurteil lässt sich auch noch bestätigen: Sie haben ein Foto von der Hochzeit von Kate und Prinz William in ihrem Wohnzimmer hängen. Ich musste zweimal hinsehen, denn mit meinen anderen englischen Nachbarn, einem jungen Paar aus Liverpool, haben wir noch über das Trara gelacht, das soweit ging, dass man Straßenfeste für die Hochzeit organisiert hatte.

Obwohl ich die britische Insel noch nie betreten habe, lerne ich sie so doch irgendwie kennen, und wie sehr sich die regionalen Kulturen in Deutschland voneinander unterscheiden zeigen mir die zahlreichen Deutschtürken, die hier sind. Und darüber muss ich wirklich lachen, denn im Flugzeug Richtung Türkei las ich im ZEITmagazin noch über bestehende Vorurteile und sie alle haben sich bestätigt.

Die Münchner erzählen mir im Beachclub von Dekadenz und ich lache innerlich, „schnöselig sind sie dem ZEITmagazin zufolge, während sich die Frankfurter, so eingebildet wie sie sind, gegenüber sitzen und kein Wort reden. Das sind eben die “Versnobten”, die an der Zeil entlang bis hin zur Fressgass stolzieren mit der Nase in der Höhe. Und die Berliner sind so kommunikativ und „ruppig“, dass sie dich einfach ansprechen, wenn sie dich beim Vorbeilaufen nur Deutsch reden hören. Und die aus Nordrhein-Westfalen sind einfach einfach.”

Nerelisin? Woher kommst du, die erste Frage, die der Türke dem Gegenüber stellt. Das fragt man sich erst auf Deutsch, und dann im Laufe des Gespräches auf Türkisch, da uns die deutsche Kultur in erster Linie schon verbindet. Doch da die kulturellen Unterschiede regional viel unterschiedlicher als in Deutschland sind, möchte man auch immer wissen, woher der Gesprächspartner aus der Türkei kommt. Das heißt eigentlich, woher die Eltern kommen. Die Türken, die in der Türkei leben, nennen wir übrigens Türken-Türken, so wie man uns eben in Deutschland Deutsch-Türken nennt.

Denn was viele nicht wissen: Die Türkei ist ein Vielvölkerstaat, mit Menschen deren Vorfahren aus Bulgarien, Griechenland, Armenien, Iran, Aserbaidschan stammen. Außerdem gibt es Minderheiten wie Zazas, Kurden und Laz. Geht man also an das Schwarze Meer trifft man auf ein Volk mit eigener Sprache, eigenen Sitten und Gebräuchen, während die Menschen an der Ägäis, bekannt für ihren westlichen Lebensstil, vor allem in Izmir weniger traditionell sind.

Damit wir, eine Gruppe junger Deutschtürken, in der Sonne vom Morgen und dem Alkohol der Nacht nicht ganz verdummen, liest einer aus der iPhone-App “Unnützes Wissen” vor, wir diskutieren über Politik, das Migrationsproblem, Religion und Wissenschaft, die ewigen Aleviten- und Sunniten-Konflikte, und weiteres, aber immer mit der deutschen Fähigkeit zur Kritik.

Morgens Medusa Beach Club, abends Medusa Beach Club. Und wir bezahlen für eine Cola und einem Red Bull unter dem Pseudonym Replay oder Coke ohne Kohlensäure 7,50 Euro, weil es der einzig gute Club in Didim ist. Der Bürgersteig vor diesem „Edelclub“ wird auch dem Vorurteil des schlechten türkischen Bürgersteigs gerecht. Hey, es braucht wirklich keinen deutschen Ingenieur, um zu wissen, dass ein drei Meter hoher Bürgersteig, nicht ergonomisch ist.

Vom Einkaufen und Essengehen rate ich euch hier ab, es sei denn ihr wollt eine Stunde lang von einem türkischen Verkäufer mit britischem Akzent, ohne nie auf der Insel gewesen zu sein, vollgelabert werden oder euch von schlechtem Fastfood ernähren. Da es hier weder den deutschen Döner, noch ein Ordnungsamt gibt, und ich sehr deutsch bin, esse ich unterwegs das einzige, was vor meinen Augen zubereitet wird: Kumpir, eine große Kartoffel in Alufolie gebacken, die in der Mitte aufgeschnitten, mit Butter gemischt und mit verschiedenen Füllungen wie Oliven, Würstchen, Salat zu einem köstlichen Snack wird, was man hier vor oder nach dem Feiern gerne isst.

Auf dem Basar kaufen wir uns Gemüse und Obst, um zu Hause ein gesundes Mahl zuzubereiten. Da fragt doch ernsthaft eine Frau, die fastet, ob meine Schwester nicht Oliven für sie probieren könne, um zu sagen, welche Sorte die köstlichste ist. Ja, es passieren schon seltsame Dinge, wenn man hier einkaufen geht.

Wenn man hier eine Waschmaschine kauft und Vertragskunde des größten Konkurrenten Vodafones ist, bekommt man mit dem bloßen Senden einer SMS mit dem Inhalt „Avantage“ an die 54542 Rabatt in Höhe von 100 Euro auf ein Elektrogerät. Und wie klein die Welt wirklich ist, merkt man daran, dass sich sowohl die Kunden im Elektroladen, als auch die in der gegenüberliegenden Bank bei einer Bevölkerungzahl von 75 Millionen als eigentliche Bekannte aus dem winzigen Dorf in Anatolien herausstellen. So was passiert eben nur in der Türkei.

Aber es geschehen auch Dinge zum Nachdenken, wenn man einkaufen geht. Als ich einen Jugendlichen mit blauen Nikes sehe, der einen Holzrad vor sich herschiebt, um Tontüpfe zu verkaufen, blicke ich ihn kurz an und im nächsten Moment sehe ich meine Mutter einen Topf begutachten und kaufen. Mein Vater ruft ihr verärgert zu, dass sie doch schon einen habe.

In dem Augenblick, in dem meine Mutter ihm das Geld gibt, sagt er noch, nein Tante, wenn der Onkel schimpft, nimm es lieber nicht. So viel Verständnis von einem jungen Verkäufer, der sich wahrscheinlich etwas Kleingeld für das Studium verdient. Er ist nicht der Einzige. Viele Menschen reisen aus Anatolien hier her, um zu arbeiten, während andere hier Urlaub machen. Und allein deshalb weiß man es zu schätzen, und merkt sich fürs Leben, dass auch das mal wieder keine Selbstverständlichkeit ist.

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