Revolution in Syrien - Der gewünschte Freiheitskampf

Meine Herkunft, so hilfreich sie mir manchmal in Sachen Ghetto-Authentizität doch ist, war mir die meiste Zeit eine Last. Kulturelle Unterschiede, religiöse Zwischenwelten, elterliche Dachschäden und der ewige Kampf mit…
Revolution in Syrien

Der gewünschte Freiheitskampf

Meine Herkunft, so hilfreich sie mir manchmal in Sachen Ghetto-Authentizität doch ist, war mir die meiste Zeit eine Last. Kulturelle Unterschiede, religiöse Zwischenwelten, elterliche Dachschäden und der ewige Kampf mit den Vorurteilen, von Kindergarten bis Universität – als Araberin hat man es nicht unbedingt leicht. Weshalb ich meistens behaupte, Spanierin oder Französin zu sein. Das Ausleihen anderer Nationalitäten hat mich auch schon davor bewahrt, auf offener Straße entführt und an einen reichen Kamelscheich zwangsverheiratet zu werden. No shit.

Wie es so im Leben ist, kann man sich nicht immer vor den unbequemen Wahrheiten drücken. Und die Wahrheit ist: Meine Eltern stammen nun mal aus Syrien. Es ist ihre Heimat, ihre Kindheit, ihre Jugend und ihre Erinnerung. Beide, sowohl mein Vater als auch meine Mutter, kommen aus der Hauptstadt und wohnten nur wenige Straßenzüge von einander entfernt. Mein Vater ging schon mit 16 Jahren nach Europa, um sich vor dem harten Militär zu drücken. In London lernte er meine Mutter kennen, die eine Exkursion machte. Sie hielten Kontakt und heirateten.

Über meinen Opa – den Vater meiner Mutter, ein hoher General im syrischen Militär, der einst noch dem verstorbenen Hafez al Assad diente – konnte er ohne Strafe nach Syrien zurück reisen. Und so habe ich es auch seither bei all meinen Sommerferienaufenthalten in Damaskus erlebt: Wenn du ein Problem hast, dann musst du nur den Ranghöchsten bestechen, um es zu lösen. Manchmal brauchst du dafür mehr Geld, als du hast. Was ich auch gelernt habe: angeblich werden angefahrene Menschen in Syrien dann noch mal überfahren, damit sie auch ganz sicher tot sind – weil es wohl teurer ist, für ihre lebenslange Behinderung zu bezahlen, als für die Beerdigung.

Seitdem Syrien in den Nachrichten ist, werde ich hin und wieder von Freunden und Bekannten gefragt, was da drüben eigentlich passiert. Ich finde darauf nie eine Antwort, denn aus der letzten Tagesschau zu zitieren ist keine Kunst. Die Leute möchten spannende Geschichten aus dem Leben meiner unzähligen Verwandten in Syrien, doch ich halte keinen großen Kontakt. Auch jetzt nicht, wo die Leitungen wahrscheinlich bei anderen Familien glühen.

Vielleicht ist es auch besser so, denn was ich alleine auf Facebook sehe reicht, um mir ein schlechtes Gefühl zu vermitteln. Nur: Verdrängung, so bin ich mir sicher, ist auch nicht der richtige Weg, um damit umzugehen. Wenn wir die unzähligen Farben der Berichterstattung mit unseren Fingernägeln runterkratzen, sehen wir darunter nur eine schwarze Fläche die “Tod“ bedeutet. Das ist es nämlich, worum ich mir keine Gedanken machen möchte: Dass meine Cousins und Cousinen, meine Onkel, Tanten, meine Omas und meine Freunde in Damaskus sterben könnten.

Wie bereits erwähnt ist vor allem Facebook daran Schuld, dass ich mich immer mehr mit der politischen Situation in Syrien auseinandersetze. Die Familienmitglieder meines Vaters sind sich alle einig, dass endlich mobilisiert werden muss – und zwar gegen das Regime, gegen die Unterdrückung. Aber auch: gegen die Alawiten, gegen die Kurden. Die Familie meines Vaters ist zwar sunnitisch von Geburt und Erziehung her, allerdings alles andere als streng religiös. Hier geht es nicht um Kulturen. Es geht um Feindschaften. Meine Mutter erklärt es so: “Die Eltern deines Vaters haben mit dem Regime alles verloren. Sie mussten ihren Ältesten ins Ausland schicken, damit er sein Leben nicht im Militär verschwendete. Sie sind alle wütend, denn sie sind arm geblieben.“

Auf der anderen Seite des Schauspiels steht die Familie meiner Mutter. Viele von ihnen sind seit Beginn der Proteste erstaunlich ruhig geblieben. Viele von ihnen befinden sich auch gar nicht in Damaskus, leben in anderen arabischen oder europäischen Ländern und halten sich die Faust in den Mund vor Angst, ihre Familien in Gefahr zu bringen. Das war jedenfalls meine Interpretation der Dinge. Tatsächlich aber wollen sie nur nicht ihre oppositionellen Freunde gegen sich bringen und sind einfach ruhig.

Außer einer: Mein 18-jähriger Cousin, der sein Facebook-Profil zum Bild des Präsidenten geändert hat, der in seinen Status-Updates regelmäßig aufruft, alle Demonstranten zu zermetzeln und keine Gnade zu walten gegenüber denen, die ihrer Regierung ohne Respekt entgegen treten. Er ruft zu Folter auf, will dem Militär beitreten, und hat fast dafür gesorgt, dass ich den Laptop auf die Straße schmeisse.

Seine Großeltern (die, die wir uns nicht teilen) sind reiche sunnitische Unternehmer. Sie können gut und viel bestechen. Sie sind Händler, sie dienen dem Präsidenten in ihrer wirtschaftlichen Leistung – er dient ihnen, indem er sie reich werden lässt. So läuft das Spiel nunmal. Beide Seiten meiner Familie haben hier persönliche Interessen zu verfolgen. Meine Mutter und mein Vater streiten sich darüber nicht zu Hause – die haben ganz andere Dinge, über die sie sich aufregen. Aber sie sind sich einig, dass sie nicht auf derselben Seite stehen, und ich behaupte: egal auf welcher Seite sie sein mögen, sie sind es nicht aus den richtigen Gründen.

Viele Studenten und Revolutionäre lassen ihre Leben in den Straßen meiner kulturellen Heimat, werden vom Militär erschossen, von den fünftausend Geheimdiensten gefoltert und ganze Familien werden ausgelöscht. Aber die liberale Faust in die Luft strecken und nach Freiheit und Märtyrertum rufen, das kann auch ich hier nicht tun, denn so einfach ist diese Gleichung nicht. Syrien ist mit Sicherheit kein Rechtsstaat und braucht dringend Reformen, eine neue Aufstellung, von mir aus auch eine neue Regierung.

Doch die Anbahnung eines Bürgerkrieges ist nicht die Antwort. Die Schwächung der Grenzen zu Israel auch nicht. Die Muslimbrüder, die in Syrien auf den Zug der Revolution aufspringen möchten, um ihren Extremismus auf höchstem Niveau umzusetzen, sind das Schlimmste, was diesem Land passieren kann. Denn obwohl höchst explosiv und problematisch, erinnere ich mich an Moscheen, die neben Kirchen, die neben Synagogen standen – schon mal mehr, als man von manch einem deutschen Bundesland behaupten könnte.

Und davor haben im Übrigen auch alle Angst, die ihr Schweigen bewahren. Sie haben Angst davor, dass ihr Land, so schlimm es auch sein mag, noch schlimmer wird. Meine Eltern sind Sunniten, sie lieben ihre Religion und ihr Land, und auch sie behaupten: Eine islamische Regierung ist das Schlimmste, was dem Staat passieren kann. Dann lieber Assad und seine Geheimdienste, die sind wenigstens berechenbar.

Aber sie haben in dieser Minute genau den Nährboden für ihre Doktrine gefunden. Sie unterstützen die Opposition mit Geldern, mit Waffen, mit einem festen Glauben daran für das Gute zu kämpfen. Sie haben jetzt noch einen gemeinsamen Feind, doch es ist, und ich sage das im bittersten Tonfall vorstellbar, als würde man seine Seele an den Shaitan, an den Teufel verkaufen.

Im Gespräch mit meiner Mutter, über das derzeitige Chaos im Land, bin ich auch nicht wirklich gut davon gekommen. Sie kritisierte mich für meine Leichtgläubigkeit: “Du kennst doch die Araber. Sie übertreiben! Alles, was über die Medien nach Deutschland kommt, ist reine Übertreibung der gewaltbereiten Opposition, die bewusst die Exekutive provoziert, um für Schlagzeilen zu sorgen.

Sie wollen Mitleid, Unterstützung, sie bringen die naiven Studenten, die für Gutes und Gerechtigkeit kämpfen, für ihre radikalen Interessen in Gefahr, sie töten ihre eigenen Landsleute, indem sie sie dazu auffordern, auf die Straße zu gehen.“ Und während sie mir das sagt, frage ich mich, ob das vielleicht noch Langzeit-Propaganda aus ihren Kindertagen ist, die aus ihr spricht?

Und andersherum frage ich mich: Was, wenn sie recht hat? Was ist, wenn diese Revolution nur ein vorgefertigtes Schachspiel vieler Beteiligter ist, um einen “Störenfried“ auf der Weltkarte auszuradieren? Immerhin macht es in jedem Fall Sinn, die ausländische Presse auf seine Seite zu ziehen. Und es ist auch für uns viel romantischer, vom verträumten Freiheitskampf zu sprechen, als von einem abgekarteten Spiel der Politik.

Ich mache mir über Syrien keine Sorgen mehr, was das Ende angeht. Es wird zu Ende gehen. Die Freiheitskämpfe und die Revolution. Eine von beiden Seiten wird siegen, mit oder ohne Intervention. Doch an einem Bürgerkrieg, der sich durch das Land zieht und vor keinem Dorf halt macht, führt wohl kein Weg vorbei. Denn jeder hält an seinen Wünschen und Vorstellungen fest.

Syrien ist auch meine Heimat, die ich gerne besuche – für lange Zeit aber nicht mehr besuchen kann. Meine Großeltern und Restfamilie wird sich aufteilen in zwei Lager: Eines derer, die nichts haben und für alles kämpfen, und derer, die alles haben und mit allem auch verteidigen werden. Wenn man mich also fragt, was in Syrien so passiert, und eine lange, persönliche Geschichte voller Dramatik und Abenteuer und Gerechtigkeitskämpfen erwartet: Ich werde nur resigniert die Schultern zucken und auf die Tagesschau hinweisen. Ich glaube nämlich nicht mehr an den Freiheitskampf.

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1 Kommentar

  • Ich kommentiere normal nur selten, aber das ist einfach großartig geschrieben und sehr ehrlich. Kompliment. Ich wurde wegen meiner iranischen Familie damals auch ständig ausgefragt, die Leute erwarteten ständig irgendwelche Horrorgeschichten.