Fuck You, I Can't - Meine politische Apathie

Das Jahr 2011 ist mein erstes selbst-deklariertes Jahr des Erwachsenenseins. Wir reden hier von der ersten eigenen Wohnung, vom sogenannten „Settling-Down“, von echten No-Shit-Beziehungen, wir reden von klassischer Musik beim…
Fuck You, I Can't

Meine politische Apathie

Das Jahr 2011 ist mein erstes selbst-deklariertes Jahr des Erwachsenenseins. Wir reden hier von der ersten eigenen Wohnung, vom sogenannten „Settling-Down“, von echten No-Shit-Beziehungen, wir reden von klassischer Musik beim Kochen, von Party in moderaten Abständen und dann nie länger als bis 3 Uhr nachts, von Steuererklärungen und eigener Stromrechnung und dem Gedanken mal „was eigenes zu machen“.

Hinzu kommen hoffentlich regelmäßiger Sport, gesunder Genuss, eventuell Vegetarismus und wenn ich immatrikuliert bin, muss ich auch nicht mehr schwarz fahren. Seht ihr, sogar für meine Bildung mache ich etwas! Das Skommern hat ein Ende. Ich werde studieren, für das Leben lernen. Ich werde es richtig hart durchziehen und dann mit Summa Cum Laude promovieren, eines Tages. Ich nehme das alles ganz schön ernst.

Und weil ich es so ernst nehme, trifft es sich ganz gut, dass dieses Jahr auch Landtagswahlen in Berlin sind. Als endlich gemeldeter Bürger mit legalem Aufenthalt und Wahlberechtigung, ist das im Zuge meines Erwachsenen-Status ziemlich interessant. Jeden Tag auf dem Weg zur Erwachsenen-Arbeit fahre ich an den unzähligen Plakaten vorbei, die für die jeweiligen Parteien werben.

Künast, Wowereit, ein hässlicher Typ von der CDU und in Kreuzberg hauptsächlich einer, der aussieht wie ein Türke und einen türkischen Namen hat. Die Linke hat ein cooles Plakat an meine Haustür gehängt, das fand ich gut: „Mieten sollen in Kreuzberg sinken!“ Und mein Zeitungsabo, welches ich für viel Geld abgeschlossen habe (meine Prämie, das japanische Messerset, ist übrigens immer noch nicht da), das lohnt sich: Jede Woche werde ich nebst den täglichen Informationsschnipseln aus dem Internet auch noch mal in Tiefe über die aktuellen Geschehen unserer Welt belehrt.

Eigentlich dürfte jetzt alles ganz einfach sein. Ich bin ja ein belesener, belehrter Mensch mit Prinzipien, und wenn ich wählen gehen möchte, dann muss ich mich mit dem Parteiprogramm der Angebote auseinandersetzen, mir einen charismatischen Schulsprecher von den Plakaten aussuchen und ihm meine Stimme geben. Right? Wrong!

Nach einer intensiven Auseinandersetzung mit der Lokalpolitik meiner Wahlheimat gebe ich ganz schnell meine Stimme ab, nämlich an Die Partei, dem satirischen Arm meiner Jugend. Der Rest überfordert mich. Die CDU führt Gewalt an den Schulen als Problem an, bin ich dagegen! Also wähl ich die. Und die FDP will für mehr Arbeit sorgen, dann stinkt auch vielleicht mein Hinterhof nicht mehr so von der Kotze meiner Suffi-Nachbarn, das ist doch gut! Und die SPD hat den schönen Wowereit ganz vorne, den mag ich irgendwie, vielleicht sollte ich den wählen? Künast hingegen ist eine Hexe, hässlich und unsympathisch, dafür will ich in meinem Erwachsenenleben für mehr Nachhaltigkeit einstehen. Es gibt ja sonst nicht mehr viele Menschen, die das machen.

Die Piratenpartei mag vielleicht am ehesten meine Meinung und Interessen vertreten, aber das ganze Programm hört sich viel mehr nach „Wünsch Dir Was“ als nach realistischen Forderungen an. Das ist zwar in erster Linie kein Widerspruch gegen eine Stimmabgabe, aber irgendetwas sagt mir, dass das nicht die Antwort ist, sein kann „nur zur Minderheit“ zu gehören.

Aber es ist ja nicht nur das Parteiprogramm – auch die Art der Werbung, zu wissen, welche Menschen in meinem Umkreis was wählen, Kommentare in Zeitungen und im Internet, Tweets und Facebook-Gruppen. Die Wahrheit ist doch, dass alle meine Interessen entweder einerseits vertreten und andererseits nicht vertreten sind und ich mir jetzt aus einem Sumpf voller unguter Auswahlmöglichkeiten etwas herausziehen muss, was irgendwie das trifft, was ich will. Und dann darf ich mich wieder ein paar Jahre lang darüber beschweren, dass da doch niemand macht, was ich will. Und hier ist der Konsens, den ich aus den letzten Jahren und Monaten noch herauslese: Eigentlich ist es doch völlig egal, wen ich wähle, am Ende des Tages mosern alle herum, die Opposition lähmt Abstimmungen, die Koalition bekämpft sich auch intern, nichts bewegt sich und wir enden bei denselben Problemen.

Mit meiner eigenen Lähmung bezüglich einer konsequenten Entscheidung lähme ich mich auch selbst. Ich wünschte, ich könnte mehr Zeit in meine politische Haltung investieren, neben einem 40-Stunden-Job und heftigem Geschlechtsverkehr, aber ich habe auch nicht das Gefühl, dass auch nur einer der Abgeordneten mir das danken würde. Meine Stimme, so wird mir suggeriert, kann eigentlich mehr Schaden anrichten, als Positives in meinem Interesse zu bewirken. Ich habe nicht das Gefühl, dass mir irgendeiner dieser Menschen bei einem Problem zur Seite steht, sondern das Gesicht unserer Demokratie sich selbst frisst. Will ich das unterstützen? Nein. Will ich das bekämpfen? Eigentlich auch nicht, ich weiß ja nicht, wie es besser geht.

Aber ich kann verstehen, wieso es dann in anderen Ländern vielleicht innerhalb geschändeter Sozialgruppen zu Aufständen kommt. Die Forderung nach Demokratie hat nicht nur etwas mit Gewaltenteilung und einer Stimme zu tun: Ich will mehr. Ich will wissen, was passiert, vor allem aber auch, DASS etwas passiert. Ich will, dass sich jemand mit mir hinsetzt und genau erklärt, wieso man in der Politik so diplomatisch vorgehen soll, dass manche Abstimmungen über Jahre hinweg gebogen und gebrochen werden, bis sie verschwinden.

Ich will den Einfluss der Medien auf die Kette kriegen und richtig einordnen. Ich will mich nicht wählen und dann die Augen vor der Realität verschließen, sondern sehen, dass meine Stimme etwas gebracht hat. Und vor allem will ich nicht ein ganzes Paket kaufen, dessen Inhalt mir aber nur zu einem Bruchteil gefällt. Das habe ich also nun von meinem Erwachsenendasein: Politische Abgrenzung und Verunsicherung, immer mit der Angst, etwas in meinem eigenen Interesse falsch gemacht zu haben.

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4 Kommentare

  • sokro

    Ich bin aus Österreich, also bin ich kein Profi in der deutschen Politik, vor allem nicht der Landespolitik. Aber “Dass . . . das Gesicht unserer Demokratie sich selbst frisst.” triffts. Sowas von. Wobei man ja in Österreich immer noch das Gefühl hat, dass in Deutschland, zumindest auf Bundesebene noch etwas weitergeht. Irgendwer hat mal geschrieben “Es ist, als würden die Leute nur so tun, als würden sie Politik machen, als würden sie Politiker spielen, in einem fadenscheinigem Schattentheater.”

  • Ich bin ja eigentlich ein recht treuer Hund, wenn es um Wahlen geht. Kein Fanatiker zwar, aber einer der nach Idealen wählt, die über Parteiprogrammen stehen und sich im besten Falle erst durch diese ausdrücken. Aber dieses Jahr werde ich eine Stimme abgeben, die unpopulär, aber nötig sein dürfte, wenn Politik vielfältig und amüsant bleiben soll. Wär doch jammerschade, wenn der Gutbürgerlickeit der Grünen nur die zahnlosen Roten gegenüber stünden.

  • Letztendlich ist es meistens dann doch eine Wahl nach dem größten gemeinsamen Konsens und nicht von tiefer Überzeugung.
    Aber nicht wählen weil einem keine Wahlmöglichkeit ausreichend zusagt ist ja so verpönt, dass man sich meistens für das geringere übel entscheidet.

    Vote or Die:
    http://www.southpark.de/clips/sp_vid_104400/

  • Lancda

    Und ich dachte schon ich wäre der Einzige bekennende Parteiwähler, der nicht Mitglied von Die Partei ist. Sehr gute Wahl. Nur gerreicht hats leider nicht. Dabei hat mich der Slogen a la “Die NPD locker rechts überholen” wirklich überzeugt. Warum nur nicht andere?