Familienduell - Kati Vs. The World

Unsere Familie ist quasi der Inbegriff des eigenen Ichs und besteht meist erst einmal aus Mutter, Vater und Kind. Wenn du als Kind die beiden Paarungswütigen deiner Gene im heutigen…
Familienduell

Kati Vs. The World

Unsere Familie ist quasi der Inbegriff des eigenen Ichs und besteht meist erst einmal aus Mutter, Vater und Kind. Wenn du als Kind die beiden Paarungswütigen deiner Gene im heutigen Zeitalter noch in greifbarer Sichtweite hast, kannst du dich schon mal glücklich schätzen. Ich kann es nicht unbedingt. Zur Welt kam ich auf dem Teppich. Touchdown. Aber wer tief fällt, will bekanntlich auch hoch hinaus.

Während meine Mutter noch am Esstisch saß und Unmengen an Pilzragout verspeiste, befreite ich mich aus dem viel zu engen Nest, in dem ich einen Streitkampf mit der Nabelschnur führte, die stets versuchte sich schlangenartig um meinen Hals zu winden, sodass ich mein mehr oder minder vorhandenes Inneres kurzerhand in den Unterleib meiner Mutter hätte würgen können. Nicht zu reden von den aromatischen Düften, die in meiner Zone ihr Unwesen trieben. Vielleicht kam daher auch meine Apathie gegenüber Pilzen zustande. Dazu später mehr.

Groß geworden bin ich dann in einem elfstöckigen Neubau a.k.a. „Platte“ und das im wahrscheinlich tiefsten Osten Berlins, so tief, dass ich noch heute auf der Hinfahrt, zum Besuch meiner Mutter, Brotkrumen auf dem Weg streue, um auch Nummer sicher zu gehen, jemals wieder nach Hause in den guten Friedrichshain zu finden.

Nebenher lebte ich bei meiner Tante, Großtante, Kleintante und, natürlich, bei Mutter. Nur einen männlichen Part gab es nicht. Ich habe das nie in Frage gestellt, schließlich war ich erst zarte vier Jahre und hatte genügend weibliche Präsenz und gnadenlose Aufmerksamkeit, die sich auf männlicher Ebener in Zinksoldaten, King-Kong-Filmen und Matchbox-Spielzeugautos aus dem „Konsum“ auszahlte.

Bis eines Tages ein Mann das Haus meiner Tante betrat, mich auf seinen Schoss setzte, seine Brille zurecht schob und mir zwei farbige Malstifte in die Hand legte. Gelb und Blau. Freie deutsche Jugend. Diese Farbkombination hat sich ab diesem Tag in mein Gehirn gebrannt und ich erwische mich immer wieder dabei wie ich passend zu einem gelben Salzstreuer, heimlich einen blauen Pfefferstreuer kaufe. In der Art. Dazu bekam ich damals noch ein kleines Pioniers-Tuch von ihm umgebunden und ab dem Zeitpunkt hatte ich eine neue Aufgabe in meinem durchtriebenen Tagesablauf zu vermerken: Menschen observieren.

Ich folgte dem neuen Objekt „Mann“ auf Tritt und Schritt und lugte unauffällig mit meinem schwarzen, stets fliegenden (ja, auch ohne Wind) Hero-Cape um die Ecke, wenn er meine Mutter küsste, wenn er sich auf den Klodeckel setzte, wenn er sich an- und auszog. Und ich merkte irgendwann, dieser Mann tut meiner Mutter gut. Er machte sie glücklich.

Als ich 16 war, wendete sich das Blatt schlagartig. Teller flogen gegen Wände, vergammelte Joghurt-Becher füllten den Kühlschrank und ein gutgemeintes „Guten Morgen“ mit dem Betreten des Wohnzimmers äußerte sich in einem „Fresse halten, Fernseher läuft.“ Meine Eltern trennten sich und ich mich mit ihnen. „Wir Jungpioniere lieben unsere Eltern“ schallte es im Trommelwirbel dazu in meinem Kopf, als ich die Wohnung mit meinen drei Kisten verließ.

Von nun an wohnte ich in einer Abi-WG mit zwei Jungs aus meiner Stufe und wir hatten unseren Spaß. „Kiffen, Saufen, Scheiße bauen“ – lautete unsere solide Devise. Doch meine Mutter hatte Nachsicht, sie lüftete ein Geheimnis, welches mir den Schlag des Jahrhunderts ins Gesicht versetzen sollte. Sie erzählte mir von meinem echten Vater. Von meinem Fleisch und Blut. Stereotype 99,9 % hatte der Vaterschaftstest damals ergeben, nachdem er sie geschwängert, betrogen und belogen hatte, um später in Texas ein neues Leben zu beginnen. Das war also mein Vater? Chuck Norris? Nein. Ein (St)ranger – ohne Norris.

Ich wollte Beweise sehen. Fotos. Doch es gab keine und gibt sie bis heute nicht. Meinen Vater habe ich nie gesehen. Ich kann mir an den Zehen und der Nasenspitze ausmalen, worin er mir ähnlich sehen mag, nur eben nicht in natura. Das war bitter und mein Stiefvater war beileibe kein genetischer Ersatz für mich. Nach jahrelanger Akte-X- Recherche gelangte ich an seine Adresse und schrieb ihm unzählige Briefe, wartete monatelang mit starren Augen auf Antwort vor dem Briefschlitz meiner Tür und irgendwann vergaß ich, worauf ich überhaupt wartete… Und dann kam ein unbekannter Brief. Der Brief einer plötzlichen Schwester, die ich kurz darauf in Berlin zum Essen treffen sollte.

Wie auf einem Blind Date stellten wir uns gegenseitig Fragen, die stets mit einer zur Antwort gehörigen Nebenfrage beantwortet wurden. „Ich hasse Pilze. Und du?“ „Ich auch.“ Jackpot. Sie ist mir ähnlich, fast erschreckend ähnlich. Doch weder wusste ich von ihr, noch sie von mir und trotzdem haben wir ins im Menschendickicht des Planeten Erde gefunden. Auf ganz eigenem Weg und wir wachsen von Tag zu Tag mehr an- und miteinander. Und selbst wenn ich meinen Vater nie zu Gesicht bekommen werde, so habe ich eine reiche Erkenntnis für mich gewonnen. Ich habe ein Stück Familie. Abso-fucking-lutely. Mutter und Schwester und mehr brauche ich nicht. Dazu muss ein Werner Schulze-Erdel nun auch keine hundert Leute mehr befragen, das Familienduell habe ich bereits gewonnen.

Puma

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Tally Weijl

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2 Kommentare

  • men**h

    Der letzte Satz ist der beste und echt schade, wenn man erst so spät herausfindet, dass familie wichtig ist.

    PS: Wenn ich hier nen Kommentar schreibe und jemand was auf die facebookseite schreibt zum Artikel dann sind beide Kommentare doch vollkommen aus dem Kontext rausgerissen. Beide Kommentare erscheinen nur hier.

  • ***

    den text habe ich in genau 10 sekunden durchgelesen … das zeugt wohl von einer wundervollen ausdrucksweise…..
    ich brauche ein buch was genau diese schreibart besitzt…. TRAUMHAFT…

    familie ist wohl oft doch wichtiger als sie im alltag manchmal scheint…