We're New Here - Die Lüge unserer Virtualität

Als wir anfingen, uns im virtuellen Raum frei zu bewegen, waren wir unbeschwerte Engelskinder, die sich hinter Pseudonymen versteckten. Nicht etwa, weil wir Angst davor hatten, von unserem brutalen Regime…
We're New Here

Die Lüge unserer Virtualität

Als wir anfingen, uns im virtuellen Raum frei zu bewegen, waren wir unbeschwerte Engelskinder, die sich hinter Pseudonymen versteckten. Nicht etwa, weil wir Angst davor hatten, von unserem brutalen Regime entführt und getötet zu werden, in Anbetracht unserer höchstpolitischen, rebellischen Aussagen. Und auch nicht, weil wir befürchteten, dass man uns mit Vor- und Nachnamen inmitten der elitären Hackgermeinschaft nicht ernst nehmen würden.

Wir wollten doch nur nicht, dass unsere Eltern unsere Blogs lesen. Und unsere uncoolen Freunde aus der 8. Klasse, über die wir lästerten, sollten auch lieber nicht wissen, dass sie uns belasteten. Unser Freund durfte nicht herausfinden, dass wir mal fremdgeknutscht hatten. Und unsere Lehrer? Wenn die wüssten, wie wir sie hassten und wie oft wir tatsächlich schwänzten.

Träume, Wünsche, Illusionen und die Dramatik der Jugend, all das wurde in unserem neugeborenen Internet-Klon gebündelt und die perfekte Selbstdarstellung inszeniert. Wenn wir uns, wie so oft auch im richtigen Leben, danach sehnten, neu erfunden zu werden – eine neue Chance auf ein neues Leben – löschten wir alle Beweise in der künstlichen Realität, legten eine neue E-Mail-Adresse an und waren in unseren eigenen Augen wieder Menschen, denen man mit Respekt begegnen konnte.

Aber dann passiert etwas, was 2007 nur Pädophilen, Akne-Hackern und einsamen Hausfrauen zugemutet werden konnte: das Internet, die Virtualität, die erfundene Parallelwelt, sie vermischte sich. Wir flüchteten nicht mehr in ein elektronisches Universum der anonymen Kommunikation. Wir flüchteten in eine eigens erbaute Zwischenwelt, die sich unserer Physik, unserer Echtheit bediente. Kurzum: wir hatten Geschlechtsverkehr mit Menschen, die uns bis vorgestern noch „GeileBiene88“ nannten.

Wir haben uns das natürlich selber eingebrockt, denn durch unsere vielfältigen Internetprojekte, Blogs, Twitter- und Tumblr-Accounts, die alle irgendwann den selben Namen hatten, haben wir die Anonymität aufgegeben. All das bekam eine ganz eigene Dynamik. Wenn man erst einmmal genug Follower hat, genug Blogleser, dann wird es immer schwieriger, schnell mal den Namen zu ändern und neu anzufangen.

Der Internetfame unterscheidet nicht zwischen den Schönen und den Hässlichen, also nutzen wir diese einmalige Gelegenheit und machen weiter. Unsere besten Freunde aus der 7. Klasse interessieren sich zwar immer noch nicht wirklich für das, was wir nachts um 4 Uhr vor dem Computer so machen, aber zu unserem engen Kreis an wichtigen Menschen gehören nun auch die Typen, die uns täglich verfolgen. Vielleicht, weil wir in der selben Stadt wohnen. Vielleicht lesen wir auch ihren Blog.

Jetzt sind wir nicht mehr unbekannt – danke, liebe Fans – sondern nur noch ein Körper mit einem Künstlernamen. Wir sind Lady Gaga und Madonna und Cher. Hauptsächlich sind wir aber völlig unfähig, mit dieser Situation umzugehen. Seit Jahren schleppe ich mir neue Namen, neue Domains, neue Blogs an, aber spätestens, wenn man Geld verdienen möchte, muss der Perso gezückt werden, und spätestens, wenn es sich lohnt, Merchandise für den Blog zu drucken, ist das Versteckspiel vorbei. Die Leute sprechen dich auf deine Texte an, sie fragen dich über Facebook, wie das gemeint sein soll und dein Chef folgt deinem Twitteraccount, weil du ihn über Twitter kennen gelernt hast.

Das Internet ist nicht mehr der Wilde Westen, den wir so geliebt haben, sondern ein Spiegelbild unserer erwachsenen Hirngespinste. Alle Vorzüge, die wir aus unserer Bildschirm-Interpretation ziehen, hauptsächlich Koks, Nutten, Geld und Kontakte, nehmen uns den schwarzen Schleier, den wir brauchen, um ehrlich zu sein. Ein lyrischer Blog funktioniert nicht ohne realitätsnahe Einflüsse, aber wir wollen doch niemandem auf die Füße treten. Ein Twitteraccount ist nicht lustig, wenn man nicht hin und wieder auch mal „FOTZE“ schreien darf, und von Facebook und Arbeitgebern will ich gar nicht erst anfangen.

Wo bleiben wir jetzt, die Jungsuperstars des Internets, wenn wir Ansprüche erfüllen müssen, die das kaputt machen, was wir uns mit so viel Passion aufgebaut haben? Wie kann ich den Teufelskreis durchbrechen? Lege ich mir jetzt wieder einen neuen Charakter zu, der parallel zu meinem jetzigen Alter Ego läuft? Jemand sagte vor kurzem zu mir: Schreib doch einfach Tagebuch!

Aber damit wurde das Thema verfehlt, denn das hier ist keine Berichterstattung, keine Faktensammlung. Es lebt vom Feedback, von den Ein- und Ausdrücken aller Leser, es pulsiert in Erfahrungen und Diskurs und dem Gefühl, „auch schon mal sowas gedacht zu haben“. Es sind Kolumnen, so gut oder schlecht sie sein mögen, die man mit Menschen teilen will, die zur eigenen Peer Group gehören. Deshalb ist es ja auch so einfach, sich mit ihnen anzufreunden. Was man aber auch nicht sollte. Glaubt mir. Das führt nur zu Stress.

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Topman

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5 Kommentare

  • Ich entschuldige mich offiziell und höchstpersönlich bei allen, die sich durch meine verwirrenden Schachtelsätze voller Wortwiederholungen durchgekämpft haben… da war ich sprachlich irgendwie ein bisschen neben der Spur. ;)

  • Nein, Sara, das war einer deiner klarsten und schlüssigst formulierten Posts, die ich hier je gelesen habe. Und du merkst schon, wenn ich dafür bei Amy & Pink kommentiere, muss was dran sein. Cheers.

  • Hauke

    Der schlimmste Tag in meinem Online Leben war der, als sich meine Mutter bei Facebook anmeldete.

  • Du hast es super auf den Punkt gebracht! Aus meiner Erfahrung wird es schwierig, sobald es irgendwie kommerziell wird und sobald man Leser persönlich kennt. Ich kann es mir zum Glück leisten, persönlichen Shit in die Weiten des Netzes zu kotzen, weil ich meine Leser nicht wirklich persönlich kenne und aus meinem Freundeskreis kaum jemand etwas davon weiss.

  • nike

    ich wollte dir gerade so viele daumen hoch zeigen, dass ich mir beinahe die fingernägel an der decke abgebrochen hätte. ich schließe mich matze an und sage: danke für diesen beitrag, liebe sara.

Strellson