Dear Diary - Heute spiele ich den Antihelden

13. Juli 2006. Ich war ein böser Mensch und niemand hat es gemerkt. Meine Laune war bereits kurz nach dem Aufstehen so dermaßen im Keller, dass ich mein eigenes Spiegelbild…
Dear Diary

Heute spiele ich den Antihelden

13. Juli 2006. Ich war ein böser Mensch und niemand hat es gemerkt. Meine Laune war bereits kurz nach dem Aufstehen so dermaßen im Keller, dass ich mein eigenes Spiegelbild in ordinär vulgärem Gossen-Russisch mit 16 Bars disste, um gleich darauf mein verdammtes Leben und die ganze verfluchte Welt zu verpönen. Welcher unterbelichtete Knollo-Hans hat das überhaupt erfunden? Diesen unnachvollziehbaren “Ich bin so fröhlich, weil heute ein neuer Tag ist”-Bullshit? Gott kann es kaum gewesen sein. Der ist ja sowieso für nichts verantwortlich, wenn schon mal alles straight scheiße läuft. Egal, weiter zum nächsten Hassobjekt.

Kaffeemaschine, du verkalktes Teil emotionsloser Charakterlosigkeit. Mit dir muss man jeden Tag aufs Neue die gleiche primitive Prozedur durchziehen. Wasser. Filtertüte. Kaffeepulver. Wie dumm bist du eigentlich? Kannst du diesen hirnlosen einfachen Scheiß nicht auch mal alleine machen? Ich zeige es dir jeden verfluchten Tag und dein nach Verwesung stinkendes Plastik-Gedächtnis checkt einfach gar nichts. Nicht einmal der von mir eigens gekaufte Kaffee schmeckt annähernd so, wie es der überteuerte Preis verspricht. Darauf geschissen.

Ich ziehe mir die Ghetto-Molle herunter, um sie sekundenspäter im selbigen Zustand emotions- und geräuschlos im Klo zu versenken. Die Farbe und der Aggregatzustand, der aus dem Darm geschossenen Geschmacklosigkeit, bleiben nach näherem Hinschauen zweifellos im Status Quo. Der Tag hat noch nicht einmal richtig angefangen und schon fühlt man sich wie nach einer dreimal hintereinander durchgeführten Darmspiegelung. Nur ohne Darm.

Draußen geht der Spuk weiter. Das sonst so vertraute Viertel im Herzen von Dresden ähnelt einem hässlichen Schlachtplatz voller wandelnder Leichen und deren Schatten als Kinder. War von gestern zu heute Gurgelhals Gargamel zu Besuch und hat mein gesamtes Gute-Laune-Dorf mit seinem knurrend hässlichen Kater Azrael vergiftet? Zumindest riecht es hier so, als hätte jede betroffene Familie als Anzeichen der Trauer auf das Massaker mit einer analen Atombombe reagiert.

Meine Lunge kollabiert leise, während ich auf meinem Fahrrad mental durch die vor mir schleichende Müllmaschine fahre und anschließend den ganzen aufgesogenen atomaren Dreck in die herumlaufenden hämischen Fratzen spucke. Ich bin wütend. Ich darf das. Den Rest der hilflosen Spezies Mensch bearbeite ich mit meinen purpur funkelnden feuerspuckenden Augenlasern, um kurz darauf einen brutal spitzen Strähnenstrahl meines nicht zu verachtenden Haupthaars zwischen ihre krummen Beine zu schießen. Ich bin Superman. Ich darf das.

Ihr habt immer noch nicht genug? Okay, dann passt auf. Jetzt malträtiere ich euch erbärmliche Loser mit meinen vernichtend ehrlichen Gedanken der Zerstörung. Ich stelle mir vor, ihr seid hässlich wie die Nacht. Blitz Blatz! Ihr seht scheiße aus. Ich stelle mir vor, ihr stinkt wie euer Klo nach einem derben Alkschiss. Blitz Blatz! Hier liegt schon wieder ein riesengroßer Haufen Scheiße. Die ganze Mind-Magic funktioniert zwar, aber leider zu meinem Nachtteil. Immerhin bin ich immer noch schlecht drauf. Und das zu Recht.

Wer sich hier umsieht, der würde seine Sehkraft samt Hals doch freiwillig lieber seinem behinderten Großcousin Svenjamin schenken, als ein weiteres Mal die fatalen Fehler Gottes zu Gesicht bekommen zu müssen. Ein neuer Ort des endlosen Abgrunds eröffnet sich mir. Ich stehe im seelenlosen Penny meines Vertrauens und bete furzend, meine Reise darin diesmal ohne traumatische Hirnfickbilder zu überstehen.

Es stinkt gewohnt stechend nach Tod und Verwesung. Wahrscheinlich liegt es an der neuen Kassiererin auf dem Platz der ewigen Perspektivlosigkeit, mit ihrem nach Pisse stinkenden Imitat des € 3,65 teuren Parfums der Konkurrenz. Ich öffne mir dekadent, wie ich bin, einen raumtemperierten Rotwein des exakt gleichen Preissegments und stoße erst einmal mit Klaus Korn, der toten Schnapsleiche in Gang 3, auf den Verfall der Trinkbereitschaft in der Gesellschaft an. Es macht Bums. Noch ein Kilo verseuchtes Fallobst in die rechte Jackentasche geschmuggelt, um die guten alten Wrigleys an der ollen Möchtegern-Stacy samt unangenehmen Cent-Austauschs vorbeizuschieben. Geschafft.

Draussen angekommen vernehme ich kurz das reale Atmen von Sauerstoff. Oh nein. Wait. Es war doch nur die hinausgeschobene Oxidation meines entblößten Mageninhaltes mit einer freshen Kaffee-Rotwein-Note. Abgefuckt, aber unglücklich, besteige ich meinen Ghettoesel und reite unlogisch motiviert Richtung Park.

Was für ein großartiger Lebensabschnitt. Ich wünschte, er hätte nie angefangen, und würde deshalb auch nie zu Ende gehen müssen. Gefrustet liege ich auf der Decke im schmierigen Gras und stopfe mir das Kilo Fallobst zwischen den Kiefer. In der Hoffnung, es würde mir meine gesamte Erinnerung der letzten Horrorstunden auslöschen. Ich bin ein Antiheld, niemand hat es gemerkt und morgen ist ein neuer Tag.

Jack & Jones

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