London Riots - Der Aufstand der Arbeiterklasse

In der britischen Hauptstadt London herrscht zur Zeit der absolute Ausnahmezustand. Nachdem Polizisten am vergangenen Donnerstag im Stadtteil Tottenham den bekannten Drogendealer Mark Duggan bei einer Schießerei töteten, verstärken sich…
London Riots

Der Aufstand der Arbeiterklasse

In der britischen Hauptstadt London herrscht zur Zeit der absolute Ausnahmezustand. Nachdem Polizisten am vergangenen Donnerstag im Stadtteil Tottenham den bekannten Drogendealer Mark Duggan bei einer Schießerei töteten, verstärken sich die sozialen Unruhen auf den Straßen der europäischen Millionenstadt von Tag zu Tag, von Nacht zu Nacht mehr.

Als Antwort auf den gewaltsamen Tod des vierfachen Familienvaters protestierten am Samstag Angehörige des Getöteten und andere wütende Anwohner in der Hoffnung auf Aufklärung. Doch die englische Polizei betreibt eine sehr schwache Informationspolitik und beschuldigte lieber den 29-Jährigen, dessen Kugel angeblich in dem Funkgerät eines Polizisten gefunden wurde.

Nach dem Übergriff eines Polizisten auf einen protestierenden Jugendlichen eskaliert die aufgestaute Wut der Arbeiterschicht jedoch und mehrere Autos, darunter auch Polizeiwagen, ein Reisebus sowie einige Gebäude werden angezündet und zum Teil geplündert. Was sich bis zu dem Zeitpunkt nur im isolierten Tottenham abgespielte, breitet sich schnell auf andere Londoner Stadtteile wie Brixton oder Enfield aus.

Interessant ist jedoch, dass die Independent Police Complaints Commission, welches eine unabhängige Institution ist, die strittige Polizeieinsätze unter die Lupe nimmt, mit ihren Untersuchungen zu ganz anderen Ergebnissen kommt. Die Kommission ist sich sicher, dass es sich bei der Kugel im Funkgerät nicht um die von Mark handle, sondern vielmehr um eine der Polizei. Doch das sind vorerst nur Spekulationen. Eines steht jedoch fest. Der Polizeieinsatz wurde falsch in den Medien dargestellt und die Schuldfrage auf das eigentliche Opfer abgewälzt.

Ähnlich wie bei den Aufständen in Ägypten oder beim Zyklon Yasi in Australien avanciert das Thema in den sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter schnell zum Trending Topic. So werden diverse Kanäle mit Augenzeugenberichten, Videos oder Fotos geradezu geflutet, um einen Überblick über das Ausmaß des Geschehens zu bekommen. Außerdem helfen diverse Beiträge zur Verbreitung der eigenen Situation und möglichen Kontaktaufnahme zu weiteren Betroffenen und Opfern.

So nutzen die Randalierer Tweets, um sich noch schneller und besser zu organisieren. Die Ausschreitungen in London werden doch noch viel öfter über den BlackBerry Messenger verbreitet, denn da bleibt der Absender anonym. Laut einer Studie gehören die quadratischen Kolosse zu den beliebtesten Smartphones der britischen Jugendlichen. Da dessen Hersteller Rim eine immer stärkere Schlüsselrolle in der Verbreitung der wichtigen Informationen bei den Riots in London einimmt, beschloss dieser nun mit der englischen Polizei zusammen zu arbeiten und alle Nutzer des Gerätes festzunehmen, die via Facebook & Co. zu Straftaten aufrufen.

Die Hauptgründe für die kollektive Ausbreitung der massiven sozialen Unruhen liegen jedoch woanders begraben. Schon Monate zuvor gab es zahlreiche Spannungen aufgrund von steigender Arbeitslosigkeit und Verschuldung. Bereits im letzten Jahr wies der Journalist Graham Johnson in einem Interview mit der VICE auf das Brodeln der Arbeiterklasse hin.

“Es geht ein Gefühl um. Die Experten, Politiker und Polizisten, mit denen ich gesprochen habe, spüren es. Die britische Unterschicht dieses Landes wird sich gegen die Machthaber auflehnen. Und es wird schlimmer werden, als wir es in den Aufständen von Brixton oder Toxteth in den Achtzigern gesehen haben”, sagte der 33-Jährige richtig voraus.

Denn diesmal rebellieren nicht linke Aktivisten, sondern benachteiligte Migranten, die gegen Diskriminierung, Rassimus und soziale Ungerechtigkeit kämpfen. Im Gegensatz zu den Linken haben sie keine organisierte politische Gruppe, keine Pressesprecher und keine politischen Repräsentanten. Die ausgegrenzte Schicht aus jungen Rebellen antwortet stattdessen mit Plünderungen und dem Anzünden von Gebäuden, nun auch in weiteren Städten Großbritanniens. Drastisch, aber deutlich.

Die englische Presse spricht von einem wütenden Mob. Aussagen wie “We want our taxes back” zeigen, dass jeder ein Stück des kommerziellen Kuchen abbekommen will. Wenn es nicht anders geht, dann eben mit Gewalt. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist davon auszugehen, dass die sozialen Unruhen weiter gehen werden und es zu weiteren Plünderungen und Bränden kommen wird.

Die Frage, die hierbei bleibt, ist die, ob eine eventuelle Intervention der Linken vorstellbar ist oder es aber bei einer brutalen, aber wohl erfolglosen Revolution der ungehörten Unterschicht bleibt. Die randalierenden Jungendlichen als wütende Kriminelle abzustempeln und mit zahlreichen Verurteilungen die eigentlichen Ursachen totzuschweigen, wäre natürlich Unsinn, aber keine Überraschung. Verantwortung für die eigentlichen Missstände und massiven Ungleichgewichte will natürlich mal wieder niemand übernehmen.

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Jack & Jones

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