First World Problems - Der Weltschmerz eines einzelnen Tages

Es gibt Tage, da steigt man aus dem Bett in die erste, riesige Pfütze, die einem komplett den Fuß nässt. Man streift frierend durch die leeren Straßen auf dem Weg…
First World Problems

Der Weltschmerz eines einzelnen Tages

Es gibt Tage, da steigt man aus dem Bett in die erste, riesige Pfütze, die einem komplett den Fuß nässt. Man streift frierend durch die leeren Straßen auf dem Weg zur Arbeit, der Bus kommt zu spät, es ist Hochsommer und man rutscht auf dem nassen Laub aus. Starrt nüchtern in den bewölkten Himmel. Schließt die Augen und wünscht sich, dass es vorbei geht. Die EC-Karte funktioniert nicht, auf der Arbeit läuft alles schief, drei Rechnungen, die zu Mahnungen werden, die Freundin sagt ab und das Auto springt nicht an. Kein Feuerzeug zur Hand, wenn man rauchen will, das Essen verbrennt im Ofen, und eigentlich ist alles so richtig zum Kotzen. Eigentlich.

Denn wenn man dann die Zeitung aufschlägt und sich für einen kleinen Moment die Ablenkung gönnen möchte, die man sonst mit einem Fernseher hätte, welcher aber heute aus irgendwelchen Gründen nicht funktionieren will, stellt man fest, dass in Norwegen jemand 70 Menschen kaltblütig aus politischem Leitmotiv ermordet hat und irgendwo in England eine von Drogen und Skandalen umgebene Pop-Sängerin ihrem Weltschmerz erlegen ist.

Ich rede nicht von Gerechtigkeit. Ich scheisse auf Gerechtigkeit. Das ist eine Illusion. Das Leben ist ungerecht, egal an welchem Extrem wir sitzen. Denn in einem weißen, wohlhabenden Land wie Norwegen fühlt man sich scheinbar auch ungerecht behandelt, wenn man sich mit der Einwanderung anderer Kulturen beschäftigt. So ungerecht, dass man die Kinder deren tötet, die das als Programmpunkt behandeln.

Das Leben in England ist auch nicht viel besser. Um ehrlich zu sein muss es so schlecht sein, dass sich die Leute dort mit allen möglichen Substanzen vollpumpen, die ihnen dann mit 27 Jahren das Leben rauben. Nur, damit sie sich einen Moment lang von der Synthetik des Seins geliebt fühlen. Nur einen klitzekleinen Augenblick, dann geht es zurück in das langweilige, unspektakuläre Leben der Grammy-Awards und Partys und High Society und Fames. Ja, das ist ungerecht, und ich würde niemandem jemals zumuten wollen, das zu ertragen.

Ich bin mir im Klaren darüber, dass ich hier gerade einige unstimmige Aussagen zusammen würfle. Aber ich komme nicht darüber hinweg, dass in Somalia gerade tausende Kinder verhungern und verdursten, weil sie eine Naturkatastrophe unvorbereitet (und hey, wie kann man sich in Afrika eigentlich auf soetwas vorbereiten?) trifft, und wir uns nicht eine Sekunde zurücklehnen und dankbar sein können. Nicht dankbar, weil wir reich und privilegiert sind. Sondern weil wir noch am Leben sind in einer Welt, wo uns anscheinend so viel Freiheit gegeben wird, dass wir uns selbst die Luft abschneiden, uns gegenseitig schaden und individuell verkümmern.

Fragt sich sonst keiner, wieso das so ist? Wenn wir schon auf den Kosten anderer leben, sollten wir das nicht wenigstens genießen können? Wir wollen mehr, immer mehr, mehr Gerechtigkeit für UNS, mehr Auswahl für UNS, mehr Freiheit für UNS und für alle, die wie WIR sind. Aber wir denken nicht eine Sekunde daran, dankbar zu sein – und dieses Leben zu teilen. Mit denjenigen, die es sich nicht aussuchen können, sich selbst umzubringen, das erledigt nämlich der natürliche Lauf unserer Zivilisation schone Und mit denen gehen auch einige besondere Tierarten und der größte Teil unserer Natur drauf.

Natürlich sind das alle leicht provokante Vorwürfe. Natürlich kommt es nicht nur darauf an, vor seinem Rechner zu sitzen und einen Text zu formulieren, der sich gedanklich mit viel größeren Problemen auseinandersetzt, als ein Mensch alleine überhaupt aussprechen kann. Was tue ich eigentlich, außer mir bewusst zu sein? Herzlichen Glückwunsch, du bist dir dessen bewusst, dass du ein Arschloch bist und den ganzen Tag nichts anderes machst als zu kritisieren und nichts zu verändern! Herzlichen Glückwunsch und willkommen in einer oberflächlichen Welt voller Hypothesen und Theorien, die nichts daran ändern, dass alles geklaut ist. Alles.

Ich schlage also die Zeitung auf und schlage sie wieder zu. Dieser Tag ist viel zu schlimm gewesen, als dass ich jetzt noch den Weltschmerz und den medialen Tornado ertragen könnte. Am besten, ich denke jetzt nicht mehr darüber nach, vergesse, dass je etwas Schlimmes passiert ist, und warte darauf, dass ich einschlafe. Morgen ist ein neuer Tag. Die Wettervorhersage erzählt etwas von Sonne. Ich schlafe mit einem Lächeln ein. Gut, dass ich das überstanden habe.

Etsy

Abonniert unseren Newsletter!

Drückt hier, um weitere aktuelle Neuigkeiten über das Leben zu lesen und drückt hier, um eigene Artikel und Fotos einzureichen. Oder folgt uns auf Facebook, Twitter, Instagram, Tumblr und Pinterest, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Forever 21

Was ist deine Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Füge deinem Kommentar ein Bild hinzu:

5 Kommentare

  • Meltem

    gutes Gefühl zu wissen, dass es Menschen gibt, denen es ähnlich geht. Guter Text, Sara!

  • Robert

    Wie oft bin ich unterbewusst jene Sätze schon durchgegangen !? Sehr gut geschrieben, bewegende Gedanken, dank dir Sara!

  • Vulfolik

    Du bist schon ein Phänomen. Irgendwann bin ich mal zufällig bei einer Suche auf deinen Block gestoßen (und viel später twitter) und mir ist aufgegangen, dass Yanomami-Indianer im Regenwald sicher sehr interessant sind, aber dass in diesem Land Kulturen und Menschen existieren, die mir noch viel viel fremder sind (hat nichts mit Herkunft, sondern nur mit dem Alter zu tun) und deren Codes ich genauso wenig verstehe, wie die der Yanomami, die aber mindestens genauso interessant sind. Aber vermutlich hätte ich es gelassen dich zu lesen, wenn du nicht immer wieder tolle Sachen in meiner Sprache schreiben würdest. Danke für beides.

  • …

    es heißt übrigens “privilegiert”…

  • Mathias

    Naja, das ist irgendwie so ein Thema wo jeder zustimmend nicken und “ja, hast vollkommen Recht!” oder “sprichst mir aus der Seele, denke ich mir auch oft” usw. sagen kann.
    Aber halt nichts Neues und überhaupt, Dankbarkeit? Wem gegenüber soll ich dankbar sein, dass ich das Glück hatte, in einem mitteleuropäischen Land geboren worden zu sein – Gott? Meinen Vorvätern? Politikern, die zwar korrupt sind, aber denen ihr Volk wenigstens nicht vollkommen scheißegal ist?

    Immerhin hast du erkannt, dass diese ominöse Dankbarkeit, die man angeblich empfinden soll, nichts an den Verhältnissen unserer Welt ändert und man sie als einfacher Bürger oft nur hinnehmen kann. Die Frage ist: wozu dann überhaupt darüber nachdenken? Probleme sind relativ und werden es immer bleiben. Ich habe mit dem arbeitslosen chronisch Kranken, der ab Monatsmitte verzweifelt, weil er nicht weiß wie er die nächsten 14 Tage seine drei Mahlzeiten auf den Tisch bekommen soll, genauso Mitleid wie mit irgendwelchen Somaliern, obwohl ersterer sozialversichert ist, in kriegsfreier Zone lebt und im allerschlimmsten Fall auf die private Wohlfahrt hoffen könnte. Eben weil seine Probleme für ihn genauso relevant und massiv sind wie eine Hungersnot oder ein Unglück in Ostafrika.
    Es ist alles eine Frage der Maßstäbe.

NA-KD