Setzen Sie sich erst mal hin - Sex And ConsequencesGevatter Sex und seine Folgen

Es war eigentlich ein schöner Abend. Wir übernachteten bei einer Freundin, stopften uns ein paar warme Wraps zwischen die Lippen und zogen uns minderwertige Filme aus dem Netz. Großes Bett,…
Setzen Sie sich erst mal hin

Sex And ConsequencesGevatter Sex und seine Folgen

Es war eigentlich ein schöner Abend. Wir übernachteten bei einer Freundin, stopften uns ein paar warme Wraps zwischen die Lippen und zogen uns minderwertige Filme aus dem Netz. Großes Bett, viel Platz. Und dann sagte irgendwer irgendwas von HIV. Fängt mit Grippe an, anschließend hörste zehn Jahre nichts davon – und dann trifft’s dich mit voller Wucht. Schon tausend Mal mitbekommen. Aber diesmal kreisten die Gedanken in meinem Kopf – und zwar die ganze Nacht lang.

Am nächsten Tag durchforstete ich das Internet nach den Symptomen. Müdigkeit. Hab ich. Kopfschmerzen. Genau meine Welt. Hautausschlag. Am rechten Oberschenkel. Durchfall. Mr. Hankey in flüssig. Husten. Ich keuche mir die Lunge aus dem Körper. Krankheitsgefühl. Ja, ja und noch mal ja! Das Netz ist ein richtig fettes Arschloch. Und man kann sich viel einreden.

Eine geschlagene Woche lang war ich nun felsenfest davon überzeugt, dass ich an HIV leide. Sicherlich bereits das letzte Stadium. Da kommt nicht mehr viel. Ich sah mir massenhaft YouTube-Videos von jungen Menschen an, die sich infiziert hatten und doch frohen Mutes waren. Dokumentationen über den Fortschritt in der Medikamentenforschung. Blogs von schwulen AIDS-Kämpfern. Ratgeber, die mir Tipps gaben, wie ich es meiner Familie beibringen sollte. Und meinen Kollegen. Und meinen Sportkameraden. Und meiner Freundin. Und meinem Stecher.

Ich war bereit für mein Schicksal. Also auf zur Berliner Aids-Hilfe, Schnelltest machen lassen. Das Wartezimmer war tapeziert mit Broschüren über Krankheiten, Homosexualität und wöchentliche Grillabende mit Betroffenen und Angehörigen. Ich sah mich bereits als vollwertiges Mitglied eines Weddinger Hilfsvereins, in dem ich endlich wahre Freundschaft kennen lernte und die Liebe meines Lebens traf – und das alles wegen eines aggressiven Killervirus. Womöglich fing mein echtes Leben gerade erst an?

Detlev und Roman im Flur waren nett, die tuckige Sprechstundenhilfe war nett, die viel zu viel redende Beraterin war nett, die pummelige Ärztin war nett. Alle waren nett. Ob das mein erster Test wäre, fragten sie mich. Ja, sagte ich beschämt. Nach dem Blutverlust musste ich eine halbe Stunde lang warten. Ich entschied mich dazu, die lebensbedrohende Entscheidung auf einer kleinen Bank in einem kleinen Park um die Ecke abzusitzen. Und in einer halben Stunde kann einem viel zu viel durch den Kopf gehen.

Ich dachte daran, wer mir diesen Scheiß hätte anhängen können. Denn neben gewissen heiligen Grazien, die auf mir in den Sonnenaufgang geritten waren, gab es natürlich die ein oder andere Bratze. Wenn sonst nichts übrig war. Oder man erst nach einem halben Jahr erfuhr, dass sie hinter deinem Rücken mit dem gesamten städtischen Fußballclub (Amateure und Senioren) im Bett war. Große Liebe und so. Oder man bereits so betrunken war, dass man Glück hatte, nicht an einen Schwanzträger mit zu langen Haaren zu gelangen.

Mein gesamtes Sexualleben zog an mir vorbei. Die Sabrina auf dieser ätzenden Dorfparty zum Beispiel. Die war zwar erst 16, aber irgendwie… Bianca, in gewissen Kreisen auch gerne mal bimmelnde Bumsbirne genannt – da war plötzlich einiges klar. Und die roch auch schon so seltsam. Da unten… Melanie. Ach Melanie… Schon ewig nichts mehr von der gehört. Lebt die eigentlich noch?

Natürlich hatte ich Angst. Wenn man da so auf dieser hölzernen Bank sitzt und sich schon seit sieben Tagen den größten Unsinn einredet und Symptome in einen Topf wirft und Situationen total verquert sieht und selbst die süßesten Mädels als potentielle Virusopfer ansieht und sich eh schon sicher ist, dass dieser Test positiv sein wird, dann hat man Angst. Scheiße viel Angst.

Zurück im Wartezimmer rief man meine anonyme Nummer auf, ich schrie laut “Hier!” und stolperte an die Rezeption. Meine kurzfristige Beraterin warf einen Blick auf das wichtigste Dokument meines verdammten Daseins und meinte dann irgendwas von wegen “Ähm… ja… wir gehen mal besser in den Gesprächsraum. Da haben wir Ruhe. Setzen Sie sich erst mal hin.”

Setzen Sie sich erst mal hin? SETZEN SIE SICH ERST MAL HIN?! Ach du Scheiße, ich wollte lieber meine Mami anrufen und in die Kirche zum Beichten rennen und eine Zeitmaschine bauen und dem notgeilen Marcel vor sechs Jahren ‘ne Latte auf die Latte knallen, anstatt irgendwas in diese verpestete Sabrina zu schieben. Aber auf keinen Fall wollte ich mich hinsetzen! Tot! Aus! Vorbei!

Natürlich war der Test negativ. Sonst hätte ich diesen Artikel in einem vor Melancholie und Demut triefenden Stil geschrieben, der selbst Julian Assange zum Heulen gebracht hätte. Sie wollte mir einfach nur zeigen, wie so ein Schnelltest aussieht und die 15 Euro dafür abkassieren. Das war alles. Mein Leben ging also weiter. Keine Grillabende mit Betroffenen und Angehörigen, keine neuen Freunde im Weddinger AIDS-Club, keine große Liebe mit zu wenig Antikörpern im Blut. Ich war fast ein wenig enttäuscht.

Eigentlich war ich der festen Überzeugung, dass ich jetzt diesen richtig geilen Augenblick erleben würde, in dem man begreift, wie gut man es doch hat und plötzlich alles mit anderen Augen sieht. Und sofort nach Tokio fliegt und sein Geld an Not leidende Kinder in Afrika spendet und sich nur noch um Familie und Freunde kümmert, anstatt in einem Büro zu versauern und auf die Rente zu warten. Aber dem war nicht so.

Natürlich übergossen wir uns zur Feier des Tages mit Bier und MDMA und tanzten die ganze Nacht in irgendeiner Kreuzberger Absteige bis zum Sonnenaufgang herum. Aber eher weil am nächsten Tag Feiertag war. Dieses Gefühl blieb aus und das Glück blieb aus und die Freude blieb aus. Und warum? Weil das erstens nur für den Moment zählt und zweites so viele Kids in diesem scheiß Raum sitzen und mehr erfahren, als ihnen lieb ist, und drittens HIV und AIDS immer noch herum spuken und unschuldige Menschen auf dem Gewissen haben.

Das einzig Gute, was ich aus dieser einschneidenden Erfahrung mitnehmen konnte, ist die Tatsache, dass sie mich wieder etwas mehr für das Thema HIV und AIDS sensibilisiert und einen festen Platz in meinem Bewusstsein eingenommen hat. Sie wird zur Stelle sein, wenn ich das nächste Mal aus dummer Geilheit oder falschem Vertrauen das Kondom in der Hosentasche lasse. Und mir sagen: Alter, mach jetzt bloß keinen Scheiß. Wer weiß, wer schon alles in der drin war. Oder lass es besser gleich bleiben, pack das Ding wieder ein und erlebe lieber einen schönen Abend. Mit warmen Wraps. Und minderwertigen Filmen. Und guten Freunden.

It was actually a nice evening. We stayed with a friend, stuffed us some warm wraps between the lips and pulled us inferior films from the net. Large bed, plenty of space. And then someone said something about HIV. Begins with the flu, it then Hoerste decade ago it – and then it hits you full force. A thousand times noticed. But this time the thoughts were in my head – and all night long.

The next day I scoured the internet for the symptoms. Fatigue. I did. Headache. Exactly my world. Skin rash. On the right thigh. · Diarrhoea Mr. Hankey to a liquid. Cough. I gasp from the lungs to the body. Malaise. Yes, yes and yes again! The Internet is a really fat asshole.

A solid weeks now I was firmly convinced that I suffer from HIV. Certainly been the last stage. Since not much is. I saw masses of YouTube videos of young people who were infected but were cheerfully. Documentation of the progress in drug research. Blog of gay AIDS fighters. Guide, who gave me tips on how I should teach my family. And my colleagues. And my teammates. And my girlfriend. And my glasses.

I was ready for my fate. So at the Berlin AIDS assistance, can make rapid test. The waiting room was papered with leaflets on diseases, homosexuality, and weekly barbecues with patients and their families. I already saw as a full member of the Wedding Benefit Society, where I finally learned about true friendship and met the love of my life – all because of an aggressive killer virus. Maybe my real life was only just beginning?

Detlev and novel in the hall were nice, the tuckige receptionist was nice, the way too much speaking counselor was nice, the chubby doctor was nice. Everyone was nice. If that was my first test, they asked me. Yes, I said embarrassed. After the loss of blood I had to wait half an hour. I decided to wait for the life-threatening decision on a bench in a small park around the corner. And in half an hour can really get too much into my mind.

I thought about who I would have that shit can attach. Because in addition to certain holy Graces, who were riding on me in the sunrise, of course there was one or the other Bratz. If nothing else was left. Or they only found out after half a year that it was behind your back with the whole urban Football Club (amateurs and seniors) in bed. Great love and stuff. Or you were so drunk already that you were lucky to get a tail not support having long hair.

All my sex life went past me. This Sabrina on this corrosive village party, for example. Although that was only 16, but somehow … Bianca, known in some circles also like jingly Bumsbirne – suddenly there was quite clear. And even smelled so strange. Down there … Melanie. Oh Melanie … For ages not heard from. Lives are still about?

Of course I was scared. If you do there is sitting on this wooden bench, and persuades himself for weeks the biggest nonsense and symptoms in lumps and situations verquert totally looks and sees even the sweetest girls as potential virus victim and anyway it is certain that this test be positive , then you’re scared. Shit scared.

Back in the waiting room they called to my anonymous number, I yelled out “Here!” and stumbled to the front desk. My short-term consultant took one look at the most important document of my damn life, and then said something about because of “Er … yes … let’s go better in the interview room. Since we have peace. Sit down first time out. ”

Sit down first? SIT DOWN FIRST?! Holy shit, I would rather call my mom and to church to confess run and build a time machine and the horny pop Marcel six years’ ne latte at the bar, rather than something to push in this polluted Sabrina. But in any case, I wanted to sit down! Dead. born in Gone!

Obviously, the test was negative. Otherwise I would have written this article in a melancholy and humility before dripping with style that would have even brought to tears Julian Assange. Me just wanted to show just how it looked a quick test and cash in the 15 € for it. That was all. So my life went on. No barbecues with patients and their families, no new friends in Wedding AIDS club, not a big love in with too little blood antibodies. I was almost a little disappointed.

Actually, I was convinced that I was going to see this really hot moment when you realize how good you have it actually and suddenly see everything with different eyes. And immediately flies to Tokyo and spend his money to needy children in Africa and only cares about family and friends, rather than stagnate in an office and waiting for the pension. But it was not so.

Of course, we poured over us to celebrate the day with beer and MDMA and danced the night away in any Kreuzberg flophouse until sunrise. Rather, as was a holiday the next day. But that feeling never came and the happiness of families and the joy did not come. And why? Because that is one only for the first and second moment so many damn kids sit in this room and know more than they would like, and thirdly haunted HIV and AIDS are still around and have innocent people on his conscience.

The only good thing I could take away from this dramatic experience, is the fact that they took me back a little more sensitized to the issue of HIV and AIDS and has taken a permanent place in my consciousness. She will be there when I leave the next time out stupid lust or false confidence the condom in your pocket. And I say: Dude, do not just shit now. Who knows who all was in it. Or better yet, let it stay and experience rather have a nice evening. With warm wraps, low-quality movies and good friends.

Mister Spex

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12 Kommentare

  • Markus

    Ich bin Mediziner (inzwischen quasi fertig) und Rettungssanitäter. Januar 2008 holten wir eine Drogensüchtigen von der Straße – letztendlich im künstlichen Koma. Irgendwann tat mein Finger weh und – wie meistens dachte ich mir nichts dabei. Bis 2 Stunden später der Dienstarzt von der Intensivstation anrief und uns informierte, dass unser Patient postiv wäre. Blut und Nadel waren realer als je zuvor. Diese Nacht vergesse ich nicht: In der Notaufnahme, auf den Durchgangsarzt warten und um 3 Uhr Nachts Medikamente besorgen die sonst ganz andere Typen abholen. Ich hab 4 Wochen HIV-Therapie (Postexpositionsprophylaxe) gemacht und es war die schlimmste Zeit meines Lebens. Die Krankheit, meine Zukunft als Arzt, “Kinder haben” – alles auf einmal in weitester Entfernung. Wahrscheinlichkeiten (1:3000) interessieren nicht. Jeder geschwollen Lymphknoten, jedes Hautjucken ist Beweis genug. Diese Erfahrung prägt fürs Leben.

    Ich habe 3 Jahre gebraucht um einen HIV-Test zu machen.

    Tut euch das nicht an. Ja, es gibt Medikamente. Und ja, man lebt damit sehr lange. Aber wie. Ich hab jeden Morgen gekotzt. Und in 4 Wochen 8 Kilo verloren. Und hätte fast nach nur 3 Wochen die Therapie abgebrochen. Und das wollt ihr ein Leben lang machen. Weil HIV kein großes Ding mehr ist? Marcel hat recht: Alter, mach bloß keinen Scheiß.

  • danke marcel. danke markus.

  • Nathalie

    Wow!

    Den Text von Marcel fand ich gut,
    den von Markus aber hab ich mir dreimal durchgelesen!

    Danke Markus!

  • Lena

    Sauguter Text. Komisch, dass man unter Lebensdruck zu einem ganz anderen Menschen werden kann. Vielleicht kann man was aus der Erfahrung lernen und möglichst wenig ‘versauern’. Reisen, Leben, Lieben. Jeden Tag neu, so in der Art.

    Markus, Respekt und Hochachtung. Es sollten mehr Menschen so sein wie Du.

    Tröt.

  • Chrissy

    wow. danke für den artikel. sowas ist wichtig und das ganze ist wirklich gut geschrieben.

  • Amelie

    @ Markus: Danke, dass du deine Erfahrungen mit uns teilst. Wie geht ed Dir denn heute? Oder darf man das gar nicht fragen? Ich wünsche Dir auf jeden Fall alles erdenklich Gute :-)

  • sollte einem zu denken geben.

    grade denen, die jeden tag aufstehen und meckern und meckern – obwohl es ihnen besser geht als 90% der restmenschheit die wirklich jeden tag für tag um ihr leben kämpfen müssen!

    niemand weiss wirklich zu schätzen, wie gut es uns eigentlich geht. erst durch solche existenzielle einschnitte wissen wir das leben erst wieder zu schätzen. soweit muss es doch wirklich nicht kommen.

    macht mal die augen auf und seht wie gut es ihr habt!

    LEBT!

  • lomomeister

    sehr guter Artikel. danke !
    man sollte in der tat häufiger über dieses unsichtbare risiko nachdenken … ! wirklich jeden kann es treffen.

    und pure geilheit, alkohol + drogen im rausch mit einer heißen bekanntschaft nach einem abend voller lebensfreude musik und netten menschen sind nicht gerade die besten vorraussetzungen sich VERNÜNFTIG zu verhalten !!

    Leider gibt es aber auch eine handvoll menschen die bei diesem thema anders gepolt sind.

    ich bin schockiert … aber lest mal selbst

    http://www.viceland.com/germany/v7n2/htdocs/there-s-no-biz-like-pozbiz-714.php

  • “neben gewissen heiligen Grazien, die auf mir in den Sonnenaufgang geritten waren, gab es natürlich die ein oder andere Bratze.” Ja klar du Genie; HIV holen sich auch nur die besonders Dummen und Anhänger unmoralischer Lebensstile. Was hier als Hipster-Moderno-Aufgeklärtenscheiße rüberkommen soll (“Natürlich übergossen wir uns zur Feier des Tages mit Bier und MDMA und tanzten die ganze Nacht in irgendeiner Kreuzberger Absteige bis zum Sonnenaufgang herum.”) kann ich mir bei Bedarf auch vom Dorfpastor am Eck reinziehen. Kriegt klar, dass man es den Leuten (“Bratzen”) eben nicht ansieht was sie haben, das sich Leute auch gleich beim zweiten Mal Sex ihres Lebens anstecken können, usw. und betreibt nicht sone Infiziertenstigmatisierung 2.0 auf jugendlich.

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