Im Interview - Auf ein Bier mit Tino Hanekamp

Wie bereits im Artikel über Tino Hanekamps Roman „Sowas von da“ angekündigt, habe ich letzten Dienstag mit dem jungen Schriftsteller für AMY&PINK ein Interview vor der Lesung in Darmstadt führen…
Im Interview

Auf ein Bier mit Tino Hanekamp

Wie bereits im Artikel über Tino Hanekamps Roman „Sowas von da“ angekündigt, habe ich letzten Dienstag mit dem jungen Schriftsteller für AMY&PINK ein Interview vor der Lesung in Darmstadt führen dürfen. Aber ohne Alkohol. Natürlich.

Ich verrate euch ein Geheimnis. Bevor die Lesung beginnt, gesteht er mir, wie nervös er wirklich ist. Kennt ihr auch solche Menschen? Sie verkörpern die wahre, unangefochtene Coolness in Person, die es so im Original schon lange nicht mehr gibt, (siehe Hipster, Yuppie, Beatnik) und ihr seid felsenfest davon überzeugt, dass sie nichts – rein gar nichts – verunsichern kann. Man denkt gar nicht über die Möglichkeit eines Paradoxon dieser Art nach, bis die Person es dir gesteht.

Ich bedauere sehr, dass daraus kein Video-Interview entstanden ist. Doch genau deshalb empfehle ich jedem die Lesung eines Buches, das besser als die ein oder andere Party ist. Denn wenn ein Schriftsteller mit Persönlichkeit, Witz und Erfahrung in Begleitung eines DJs vorträgt, kann es nur literarisch-musische Unterhaltung vom Feinsten sein. Und um sich für seine nicht nachvollziehbare Nervosität, die im Verhaspeln zum äußeren Vorschein kommt, zu entschuldigen, gibt es dann auch mal Wodka fürs ganze Publikum.

Den hanseatischen Humor in Worte fassen, fällt mir schwierig. Da dürft ihr auch keiner Beschreibung von mir zuhören, sondern regelrecht nur ihm, wenn ihr lachen wollt: So was von da kaufen oder am besten live zuhören. Zu viel möchte ich natürlich nicht vorwegnehmen. Kein Wunder, dass da die meisten bei Lesungen von 50-Jährigen verzweifelt einschlafen können. Das passiert euch mit Tino Hanekamp sicherlich. Nicht.

Wie autobiographisch ist dein Buch “Sowas von da”?

Mit einem Freund habe ich den kleinen Musikclub „Weltbühne“ gegründet, den wir dann aber nach zwei Jahren schließen mussten. Davon, von dieser Zeit, ist die Geschichte im Buch sehr geprägt. Also, ich wusste worüber ich schreibe. Manches ist jedoch auch frei erfunden.

Was hast du in der Zwischenzeit gemacht, bis du das Uebel & Gefährlich in Hamburg gegründet hast? Und wie konntest du dich dazu entschließen, es nach dem Ende der „Weltbühne“ noch mal zu versuchen?

Das ging sozusagen nahtlos ineinander über. Die Weltbühne wurde abgerissen, und da war plötzlich dieser riesengroße Raum im Hochbunker zu haben, und obwohl ich keinen Bock mehr hatte auf diesen ganzen Clubwahnsinn, war sofort klar: Shit, das ist zu groß, das neue Ding, was da alles möglich ist, das kann gar nicht klappen. Also musste man’s machen.

Kommen wir noch mal zurück zum Buch. Welchen Charakter verkörperst du am ehesten?

Na ja am ehesten wohl Oskar. Ich wäre aber lieber wie Leo, der ist stark und weise und hält meistens die Klappe.

Es ist ja ein sehr stark durchkautes Thema, aber es wird uns noch einige Jahre beschäftigen. Was hältst du von der Digitalisierung vieler einfacher Dinge des Lebens? Das Internet im Allgemeinen und sozialen Netzwerken wie Facebook, Youtube, Twitter?

Das Internet ist natürlich wahnsinnig praktisch. Wie die Leute früher ohne E-Mails Clubs geführt haben, kann ich mir zum Beispiel gar nicht mehr vorstellen. Und auch sonst spart man dank des Internets enorm viel Zeit. Man darf sich jedoch nicht darin verlieren. Ich finde es schade, dass sich viele Leute heute nur noch online treffen. Und ihre Zeit mit bescheuerten Kurznachrichten verschwenden. Was für endlose Mengen an Schrott sich die Leute über’s Internet im Sekundentakt in die Hirne schaufeln – unfassbar. Man sieht ja schon die ersten Manschen auf ihre iPads sabbern.

Und bist du selbst bei Facebook angemeldet?

Nein, weder bei Facebook, noch bei Twitter oder sonst wo. Interessiert mich alles nicht, alles Zeitverschwendung. Aber ich bin ja auch schon 31. Ich weiß nicht, ob man sich heute als Zwölfjähriger dem ganzen Facebook-Kram noch entziehen könnte, ohne gleich ein von der Gesellschaft Ausgestoßener zu sein. Wahrscheinlich sind es die coolsten der Coolen, die heute NICHT bei Facebook sind. Eine neue Avantgarde.

Würdest du die Jugend von heute als respektlos bezeichnen? Und wenn ja, was könnte der Grund dafür sein?

Respektlose Menschen gab es schon immer. Und wütende auch.

Wenn du daran denkst, wer du mit 20 warst und was für Träume du hattest: Wodurch hast du deine Vorstellungen von damals enttäuscht und wodurch hast du dich selbst positiv überrascht? Inwiefern übereinstimmt das Bild als 30-jähriger, mit dem, was du als 20-jähriger von dir hattest?

Ich hatte mit 20 kein konkretes Bild von meinem Leben als 30-Jähriger, aber mein 20-jähriges Ich wäre sicher freudig überrascht gewesen, hätte es in die Zukunft schauen können. Dass man mit dem Quatsch, den man so macht, auch noch durchkommt – ist doch toll! Das war ja auch alles nicht geplant, vieles ist einfach passiert. Aber zufrieden bin ich auch nicht, hätte zwar schlimmer kommen können, aber ich will eigentlich immer nur weiter. Nur nicht stehen bleiben, bequem werden oder selbstzufrieden. Dafür gibt es noch viel zu viel zu entdecken und zu erfahren.

„Vielleicht spielt der Ort, an dem man lebt, aber auch gar keine Rolle, denn man ist ja überall derselbe.“ Ein Zitat aus deinem Buch. Inwiefern verändert die Stadt den Menschen und wie notwendig empfindest du das Verlassen der eigenen Heimat?

Das ist bei jedem anders. Ich ziehe gerne um, um zu lernen, um mich neu zu erfinden. Es ist spannend. Da geht’s weiter. Aber die inneren Konflikte mit sich selber schleppt man immer mit sich herum, egal, wohin man geht. Die muss man selber lösen, da hilft kein neuer Ort.

Ja, das sagte auch Seneca“¦

Toll, dann soll der sofort mein Facebook-Freund werden!

Du lebst derzeit in Hamburg. Dein nächstes Ziel?

Den Winter will ich in Mexiko überstehen und dann vielleicht nach Leipzig oder Berlin ziehen. Aber letzteres muss ich mir noch mal überlegen. In Berlin sind irgendwie alle, da denke ich mir: Warum soll ich da jetzt auch noch rumhüpfen?!

Was denkt man sich so nach der 55. Seite des eigenen Buches?

Ich kann nicht mehr. Teresa aus dem Buch ist eine Tänzerin, die außer Spagat noch viel mehr kann. Aber sie gehört zu denen, die nach drei oder vier gemeinsamen Nächten genauso wie jede andere fragt: „Und was ist jetzt mit uns?“

Was sagt da ein Mann und was denkt er wirklich?

Das ist davon abhängig, was er für die Frau empfindet. Bei der Figur Nina ist es ja gerade andersrum. Sie möchte einfach nur vögeln, nicht mehr, aber die Typen sind ihr immer gleich verfallen. Teresa hingegen will geheiratet werden, aber weil sie so wild ist, denken die Typen: Die will nur spielen für eine Nacht.

Doch das wirkliche Problem der richtig tollen Frauen ist ja, dass sie immer nur von den falschen Typen angesprochen werden. Die meisten denken ja: Wow, ist die super, die hat bestimmt schon zehn Supermänner an jedem Finger, bei der brauch ich’s gar nicht erst zu versuchen. Die Kontaktaufnahme trauen sich meist immer nur die Typen, die sich so unwiderstehlich finden, dass sie vor Dummheit und Selbstüberschätzung kaum noch laufen können, und so einen will die tolle Frau natürlich nicht. Also geht sie meistens traurig allein nach Hause.

Woher weißt du das?

Das haben mir die tollen Frauen erzählt.

Ein Rat in diesem Sinne an unsere männlichen Leser?

Seid offen, aufrichtig, mutig und scheißt auf Euren lächerlichen Stolz. Und fragt mich bloß nicht, wie das geht.

Hast du Angst davor, immer der Gleiche zu sein? Ist es ein Anspruch, den du an dich selbst stellt, das „Neu-Erfinden und Entwickeln?

Nicht unbedingt Angst, aber ich will nicht stehen bleiben, nicht zufrieden werden und satt. Ich glaube, dass man immer nur gut ist, wenn man das, was man macht, mit Hingabe und Leidenschaft vollbringt. Und sobald ich mich langweile, ist die Leidenschaft weg. Also gilt: Immer schön in Bewegung bleiben.

Was für Musik hörst du selbst am liebsten?

Eine Eingrenzung fällt schwer. Ich höre eigentlich aus jedem Genre was. Weiß ich nicht, ob das jetzt für jeden Geschmack ist. Aber wer emotional noch nicht ganz zu den Zombies gehört, dürfte bei der Musik von Joao Gilberto, Pulp, Scott Walker, Chopin, Bill Callahan, DJ Koze, Tocotronic und der 5. Sinfonie von Gustav Mahler gewisse Zuckungen in der Seele verspüren.

Und was für Musik läuft im Übel & Gefährlich?

Von Rock und Indie, über Techno, Russendiskokram bis Hip Hop. Außerdem gibt es auch mal Lesungen. Im Club wird versucht, die Vielfältigkeit der Musikwelt wieder zu spiegeln.

Beschreibe mal, wie sich die Menschen von abends zu tagsüber unterscheiden?

Im besten Fall werden abends die Masken und Hüllen fallen gelassen. Das macht auch eine gute Party aus. Alles glüht und funkelt. Die Menschen gehen aus – und aus sich raus! Für einen Moment ist alles möglich.

Würdest du das Nachtleben nicht als oberflächlich bezeichnen?

Das liegt ja wie alles andere auch an einem selbst. Man kann sich auch um 5 Uhr früh über Seneca unterhalten. Mit den richtigen Leuten auf der richtigen Party jedenfalls.

Die Party deines Lebens? Wie sah sie aus?

Die war so gut, dass ich sie vergessen habe.

Das Witzigste/Seltsamste, das du je selbst auf einer Party erlebt oder gesehen hast? Ich bitte um eine unvergessliche Anekdote!

Irgendwann waren alle nur noch ein Knäuel halbnackter, ineinander verschlungener Leiber und die Sonne ging auf.

Dein nächstes Projekt?

Erst mal Mexiko. Und ein zweites Buch. Und ein Drehbuch zum Film zum ersten Buch. Oder so. Mal sehen.

Ist das nächste Buch eine Fortsetzung?

Weiß nicht. Worüber soll ich schreiben? Sag doch mal!

Es gibt nicht genug Bücher über eine tolle, einzigartige Frau, die sich aus einem Meer klischeehafter Männer zum Kotzen nicht befreien kann. Es fehlen jedoch die mit Happy End inklusive einer Priese Hamburger-Humor. Keine Ahnung, wie das aussehen soll, aber das wäre ja dann deine Aufgabe. Vielen herzlichen Dank für dieses unglaublich interessante Gespräch. Ein letzter Satz für unsere Leser ist erwünscht.

Macht endlich den beschissenen Rechner aus, guckt euch draußen einen Vogel an oder redet mit einem echten Menschen. Bisschen Sex wäre jetzt auch nicht schlecht, oder?

Tally Weijl

Abonniert unseren Newsletter!

Drückt hier, um weitere großartige Neuigkeiten über Filme & Serien zu lesen und drückt hier, um eigene Artikel und Fotos einzureichen. Oder folgt uns auf Facebook, Twitter, Instagram, Tumblr und Pinterest, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Urban Outfitters

Was ist deine Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Füge deinem Kommentar ein Bild hinzu:

3 Kommentare

  • Ich würde sagen, dass erste richtige und interessante Interview auf Eurem Blog ähm Magazin. Lesenswert, interessant gut. Sein Buch werd ich mir trotzdem nicht kaufen! ;-)

  • Man sollte die Internetlosen nicht als Avantgarde bezeichnen. (Ebenso wenig als reaktionär). Verweigerung ist natürlich immer legitim, aber “Ich bin nicht bei Facebook” scheint das neue “Ich habe keinen Fernseher” zu werden. Jeder so, wie er will, aber sobald man diese Aussagen als unanfechtbar gültige Statements seines Weltbilds vor sich her schiebt, sich über sie als besonders definiert und einer Bewegung zugehörig fühlt, wird es problematisch. Das ist genauso gefährlich, wie sich in den ganzen Medien und Kommunikationsmöglichkeiten zu verlieren. Wenn man die verschiedenen Plattformen vernünftig nutzt, sind sie nie Zeitverschwendung, während der man das eigentliche Leben verpasst, sondern stets ergänzende Bereicherung. (Natürlich muss man eine Auswahl treffen. Wenn einem Facebook und Twitter gerade nicht gefallen, geht das natürlich in Ordnung.)

    Ansonsten schließe ich mich Torsten an. Das Interview ist lesenswert. Das trifft vermutlich auch auf das Buch zu. Es ist doch alles immer erst interessant, wenn man sich ein bisschen daran reiben kann, zwischen Ablehnung und Zustimung schwankt.

  • Lila

    Thorsten hat Recht aber ich hab mir das Buch gekauft!!