Träume - Gehirn Sangria

Jeden Morgen entscheidet die Welt neu wie der Tag verlaufen wird. Ohne irgendeinen Einfluss darauf zu haben, erwachen wir aus dem Moment der nächtlichen Rast, der Bewusstlosigkeit und der Selbstlosigkeit…
Träume

Gehirn Sangria

Jeden Morgen entscheidet die Welt neu wie der Tag verlaufen wird. Ohne irgendeinen Einfluss darauf zu haben, erwachen wir aus dem Moment der nächtlichen Rast, der Bewusstlosigkeit und der Selbstlosigkeit – wir ergeben uns den Sekunden, Minuten und Stunden die ohne Vorwarnung nachhaltig und unwiderruflich unser Leben beeinflussen werden. Wir haben keine Ahnung, ob dieser Morgen der Letzte sein wird. Und doch öffnen wir optimistisch unsere Augen, drehen sie in Richtung Sonne und glauben an den Zufall der alles zum Guten wenden wird.

Als mein Wecker klingelte, habe ich vier Mal die Snooze-Taste bedient. Jeden Morgen bediene ich sie vier Mal und stelle mir zu diesem Zeck den Wecker extra 20 Minuten früher. Bei jedem Weckruf ertönt „Don´t speak“ von No Doubt. Dieser Song erinnert mich an die Jahre in denen ich noch fröhlich und frei war. In denen ich glaubte das Leben würde ohne Bürde gelebt werden können. Älter als elf Jahre kann ich unmöglich gewesen sein.

Ich sprang also aus meinem 140×200 Meter Futon, stellte mich unter die Dusche mit Regenaufsatz und masturbierte. Ich rasierte mir meine Achseln und Beine, um dann glatt und befriedigt in meinen weißen Frotteebademantel zu schlüpfen. Zum Frühstück gab es Müsli und Espresso.

Das geöffnete Fenster offenbarte so etwas wie einen leuchtend blauen Himmel. Ich nahm einen tiefen Atemzug vom herannahenden Frühling. Keine andere Jahreszeit roch so sehr nach wilden Abenteuern und frischen Lieben. Nach Unerlebtem und bunten Hoffnungen.

Ich zog mir kurze kakifarbene Seidenshorts über eine dicke schwarze Strumpfhose, band mir mein lange braunes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen und schloss hinter mir die Tür. Im Hof schwang ich mich auf mein mattschwarzes Rennrad um in Richtung Prüfungsbüro zu gefahren.

Der Wind wehte durch meinen Parker hindurch und kräuselte die kleinen Affenhaare, die seit meiner Kindheit entlang meiner Schläfen wuchsen. Ich hatte dicke Kopfhörer auf und sang laut „Sabotage“ von den Beastie Boys mit.

Wir hatten den Song immer zusammen gehört. Er und ich. Meistens wenn wir uns so schlimm stritten, dass einer irgendwann aufstand, zum Bett ging und darauf rum sprang wie auf einem Trampolin. Das war unser stilles Abkommen. Sobald ein Streit drohte die Grenzen des Anderen vollkommen einzurennen, war es demjenigen gestattet das Schlachtfeld vorzeitig zu verlassen, „Sabotage“ anzumachen und einfach solange auf dem Bett rumzuspringen bis der andere bereit war dazuzustoßen und mitzumachen.

Damit begruben wir nicht die Debatte, wir vertagten sie bis zu einem Zeitpunkt an dem wir in der Lage waren, nicht wie Feinde voreinander zu stehen, sondern wie Verbündete nebeneinander zu liegen. Schließlich saßen wir im selben Boot, das Leben hieß, und manchmal schien man diesen Umstand schlichtweg zu vergessen.

Auf dem Weg ins Prüfungsbüro ignorierte ich alle roten und gelben Ampeln und raste die hässliche Wilhelmstraße entlang; vorbei an dem lächerlichen Heißluftballon der Welt, aus dem ich mich vor Jahren einmal bei einem wohligen Betriebsausflug der Agentur, für die ich damals arbeitete, übergeben hatte.

Ich bog in die Leipzigerstraße ein und erschien rechtzeitig in der Friedrichstraße, um diesen dämlichen Modulbogen ausfüllen zu lassen. Am nächsten Tag sollte ich zu meiner mündlichen Abschlussprüfung erscheinen und wollte grandios mein Schlechtestes geben.

Ich stieß die Tür auf und stürmte ins Sekretariat. Zu sehr von den vier Mad Men-Staffeln beeinflusst, erwartete ich eine nette Büroangestellte mittleren Alters mit einer freundlichen Hochsteckfrisur und einer Brille, die an einer Kette um den Hals hing. Meine Enttäuschung war groß, als ich Zeuge davon werden musste, wie ein schwitzender fetter Mann mit seinem viel zu kleinen Stuhl zu einem großen grauen Klumpen verschmolz. Ich schaute ihn eindringlich an, ohne meine vom Ekel besudelte Empörung sichtbar werden zu lassen. „Modulbogen? Abstempeln? Hier?“ faselte ich – das Gewahrwerden meiner Abhängigkeit von ihm, zauberte ganz von selbst eine mädchenhafte Aura, um meine sonst so energische Erscheinung.

Seine Augenbrauen bewegten sich in Richtung Stirn und seine Unterlippe prallte gegen sein Kinn. Eine Feuerkäfer-Röte verfärbte seinen Kopf. Ich vermutete Erregung. Er begann zu stammeln. Erst ein bisschen, dann immer mehr.

Ich setzte mich an den für Studenten vorgesehenen Tisch, leider ganz in seine Nähe. Sein Redefluss wurde unmittelbar zu einem Monolog, der sich nach zehn Minuten schon wie ein ganzes Menschenleben anfühlte. Die Selbstsicherheit stieg von Minute zu Minute. Seine Lautstärke auch.

Immer wieder griff er nach meiner Hand, tätschelte sie erst und umfasste sie dann kräftig. Er erzählte mir von der Dummheit der Menschen, von seiner Enttäuschung und seinen Erwartungen. Er schüttete seinen gesamten Welthass über meinem Körper aus – aber nicht um mich darunter zu begraben, sondern um einen Komplizen zu finden – denn nur zu zweit machte Menschenhass auch wirklich Spaß.

Als Übersprungreaktion starrte ich auf den Boden. Meine Pupillen begannen sich immer schneller zu bewegen. Ein klares Anzeichen der REM-Phase. Um nicht seinen Unmut zu wecken, verkleidete ich diese hilflose Bewegung in eine Nachdenkgeste, so als würde ich gewissenhaft zuhören und diese Haltung lediglich dazu benutzen meine Konzentration durch einen meditativ gesenkten Kopf zu vertiefen. Ich entdeckte eine Wespe auf dem Teppichbelag und fühlte mich schlagartig nicht mehr so allein. Ob sie der Winter wohl hier vergessen hatte, fragte ich mich und verlor mich in wilden Spekulationen über ihre Beziehung zum Menschenhasser.

Plötzlich klingelte das Telefon. Ich schreckte hoch und glaubte an ein Wunder. Dieser Augenblick schien so, als öffne sich für mich ein Tor in der Zeit. Nur wenige Sekunden blieben mir um hineinzuschlüpfen. Ich würde an einen Ort gelangen, der sich weit weg vom Prüfungsbüro befinden würde. Vielleicht Indien, vielleicht Island.

Der graue meckernde Klumpen nahm den Hörer in die Hand und ich sprang beherzt auf. Ein bisschen verängstigt warmherzig winkte ich mit meiner Hand und presste ein Lächeln durch meine geschlossenen Lippen. Er sprang daraufhin, schüttelte mit einer Nein-Bewegung den Kopf und griff nach meiner Hand. Ich spürte einen feuchten kalten Film der sich von meinen Fingern über meinen gesamten Arm ausbreitete. Er legte den Hörer auf und schob seine rechte Hand hinter seinen Stuhl.

Ein scharfes Messer blitzte hinter ihm hervor. Es blieb mir keine Zeit mit wilden Spekulationen das weitere Geschehen zu beurteilen, denn schon nach wenigen Sekunden begann er meine Schädeldecke mit einem langsamen und exakten Schnitt abzutrennen, um sie daraufhin auf seinen Schreibtisch zu legen.

Ich beobachtete ihn dabei, wie er einen Strohhalm vom rosafarbenen Papier entfernte und ihn tief in mein Gehirn steckte. Er sog ein bisschen daran und grinste dabei zufrieden vor sich hin. Die Finger seiner rech­ten Hand rieben an meinem Ohrläppchen und die seiner Linken streichelten zärtlich meinen Hand­rücken.

Ich schloss meine Augen und sah all jene vor meinem Inneren Auge, die schon vor ihm meine Schädel­decke gelöst hatten, um sich meiner Gehirnmasse in einer Art Trinkgelage hinzugeben. So wie am Strand von Mallorca saßen sie auf klebrigen Plastikstühlen, meinen Kopf in ihrer Mitte, wie ein Eimer Sangria und saugten, bewaffnet mit rosafarbenen Strohhalmen, zufrieden an meinen Gedanken und Erinnerungen.

Ich wollte dieser beklemmenden Situation entfliehen und stellte mir vor, wie ich auf einem Rochen liegen würde. Ich lag mit meinem Rücken auf seinem Rücken und er trug mich durchs Meer. Der Rochen fiepte und ich fiepte auch. Mein Fiepen mischte sich mit dem Sauggeräusch meiner Gehirnmasse und der Melodie von „Don´t speak“. Ich drückte ganz automatisch auf meinen Snooze-Button und fühlte eine Hand zwischen meinen Beinen.

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