Uneinzigartig in Berlin - The Yeah Sara ShowDie Yeah Sara Show

Im Kampf gegen die Competition – achtzehn bis zweiundzwanzig Jahre alt, gutaussehend, jegginstragend, große Musiksammlung – ist es in Berlin geradezu unmöglich, sich hervorzuheben. Jeder hat etwas Einzigartiges in den…
Uneinzigartig in Berlin

The Yeah Sara ShowDie Yeah Sara Show

Im Kampf gegen die Competition – achtzehn bis zweiundzwanzig Jahre alt, gutaussehend, jegginstragend, große Musiksammlung – ist es in Berlin geradezu unmöglich, sich hervorzuheben. Jeder hat etwas Einzigartiges in den Contest mitgebracht: Webseiten bauen (check), Fotografieren (check), Medizin studieren (check), Kunst erschaffen (check), Pfandflaschen sammeln (check). Es gibt nichts, was in dieser Stadt nich schon mal gemacht wurde und nichts, was für mich in Frage kommt.

Weil mich die Ironiedusche ein bisschen kalt lässt (that“˜s sooo 2007, Baby), habe ich beschlossen, in Berlin als Uneinzigartige einzigartig zu sein. Zu allererst muss ich etwas studieren und nebenbei in einem Biergarten kellnern. Studienfach darf alles sein, was keinen Spaß macht. Also Physik, Meteorologie, Theologie oder Englisch und Kunst auf Lehramt.

Dann muss ich mich endlich mal auf einen Mann festlegen. Einem, dem die Haare langsam weglaufen, der unwahrscheinlich viel schwitzt, wenn er fremde Menschen kennen lernt, seine Klamotten bei Kik kauft und noch einem bodenständigen Beruf nachgeht. So etwas wie Metzger oder Schreiner, das macht die Mutter doch glücklich.

Auf Facebook müssen wir uns gegenseitig auf die Wall schreiben, was wir füreinander empfinden. Ganz viel Romantik, natürlich. „Hase“ und „Schatz“ müssen wir uns nennen, und auch außerhalb von Feiertagen Dinge wie „Ich liebe dich so sehr, ich bin so glücklich dich gefunden zu haben!“ auch genau so meinen. Wir ziehen zusammen und pflegen Pflanzen und Bücherregale. Wir holen uns einen Hund und eine Katze und einen Hamster, bis es unweigerlich zur Sprache kommt: Wir müssen aufhören mit dem Kuscheln und stattdessen Geschlechtsverkehr zur Fortpflanzung praktizieren.

In der Zwischenzeit ist meine Karriere fortgeschritten. Ich bin abgeschlossene Theologin/Archäologin und entscheide mich für einen akademischen Aufstieg. Ich brauche eine dicke Hornbrille, die den Trends von vor 20 Jahren entspricht und fühle mich hip. Einen Hosenanzug in Kord trage ich auch. Ich werde schwanger und wir suchen uns ein schönes Reihenhaus außerhalb der Stadt, mit Garten und Carport für den VW Passat, den wir uns jetzt leisten können. Der Passat hat Velours-Lederbezüge, und man findet ein CD-Case im Fach, in dem Rosenstolz und Ronan Keating drin liegen.

Wir heiraten in dem Biergarten, wo ich immer noch aushelfe, haben uns gegen Ringe entschieden, unsere Freunde und die Familien klatschen Beifall. Kinder werfen Reis in unsere Augen. Wir haben in dieser Nacht keinen Geschlechtsverkehr, weil wir müde sind und außerdem stinkt er nach Schinken aus dem Mund.

Unsere Zwillinge kommen zur Welt und werden ganz unironisch Silke und Mattis genannt (ungetauft). Wir kaufen bei Aldi und Rewe ein und ich war schon seit Jahren nicht mehr in Kreuzberg. Ich lebe ein glückliches, normales Leben und bringe meine Plagegeister in den Kindergarten, wo ich andere Mütter kennen lerne.

Alle meine Freunde aus der Vergangenheit im actionreichen Berliner Leben werden mich toll finden für diesen Act. Sie werden sagen: „Krass, diese Frau, die hat etwas Einzigartiges erreicht!“ und plötzlich wird normal sein wieder trendy.

Die Skinny Jeans werden zurück in den Schrank geworfen, die Männer rasieren sich die Schnurrbärte ab und tragen ihre Haare dafür… ausfallend. Mein Leben wird in einem hochqualitativen nicht-vintage Video aufgezeichnet und bei der Berlinale aufgeführt (meine Rolle wird von einer sehr normalen Frau gespielt).

Die Truman Show ist ein Witz gegen mich, verliert gegen mein mondänes Leben als Einzigartige, als Langweilige in einer Stadt voller Großartigkeit. Ich werde internationale Anerkennung als berühmte Künstlerin, Soziologin, Psychologin erhalten, denn keiner wird bei meinem Statement an das herankommen, was Berlin heutzutage darstellt.

Ich werde das Original von etwas sein, was millionenfach schon vorgespielt wurde, aber niemals so gut und überinszeniert und in ausgesprochener Perfektion vorgeführt. Ich werde mit, in, um, für Berlin diesen Schritt wagen, und ihr werdet mich lieben.

Adieu, meine coolen Freunde, ich bin für etwas Größeres vorgesehen… aber vermisst mich nicht! Auch ihr werdet bald folgen, in der Hoffnung, an meine Einzigartigkeit heranzureichen! Auf bald! Auf Wiedersehen! Bis irgendwann…

s.Oliver

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Strellson

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16 Kommentare

  • änna

    hauptsache noch mal gut im konfetti gebadet zu haben!

  • Tobi

    Mit Abstand die beste Autorin dieses Magazins. Die anderen sind wirklich nicht schlecht, aber sie topt wirklich das Niveau hier. Das freut mich. Macht weiter so!
    :)

  • werd doch einfach Astronautin
    :)

  • Hm, “18 – 22”. Ich bin zu alt (und ebenso nicht gutaussehend). Bin wohl in der Provinz besser aufgehoben, da, wo der oben geschilcerte Lebensentwurf ebenso besser hinpassen würde.
    Wobei, der Trend, alles ironisch zu meinen, ist zwar mit den 90ern von uns gegangen, allerdings schert mich das nicht. Whatever, Sara, lass diese Pläne sein und bleib einfach wie du bist! :D

  • “Uncool” sein, um wieder cool zu sein? Naja, finde den Text zwar witzig aber dieses Hipster-Gelaber und ” Ich bin jetzt cooler als du, weil ich anfangen werde Klamotten zu tragen die out sind” nervt.

  • Monsieur Croche

    Ach diese Diskussionen sind irgendwie so angestrengt. Ich weiss auch nicht. Was mich angeht so bleib ich einfach uncool denn ich hab keine Ahnung von alle diesen Style- und Coolnessdebatten. Gebt mir einfach meine Bücher und Filme und ich bin zufrieden.

  • mtz

    da haste DIr ja was vorgenommen.
    entgegengesetzt vom öden eindruck den man als junger mensch vom normalen leben als betrachter hat, ist es glaube ich fast das ehrgeizigerere Ziel ein verbindliches leben zu leben, als in der anonymität der grossstadt von einem trend und partner und freundeskreis und musikgeschmack zum nächsten zu mäandern.

  • Wenn du’s geschafft hast, bist du herzlich eingeladen. Unser Frauenlesezirkel diskutiert bei Käsekuchen David Foster Wallace und Jonathan Franzen, während die Männer sich bei Kaffee hinter der Tageszeitung verstecken, bis nachmittags endlich Sport im Fernsehen übertragen wird und sie das erste Bier öffnen dürfen. Freiheit und undendlicher Spaß.

  • Abe Lincoln

    ….immer diese Berlin-Scheiße..findet sich ja so auch auf deinem Blog, der ansonsten großartig ist..Warum denkt jeder zweite Dorfdepp, dass Berlin New York wäre????

  • Rex Gildo

    @Abe Lincol: WORD! Ihr sollte alle mal nach Hamburg gehen. Dagegen kann Berlin nicht gegen an stinken.

  • FraeuleinJ

    Wieso lebt man sein Leben nicht mehr einfach so wies kommt und ein bisschen so wie mans gerne hätte anstatt ständig herausfinden zu wollen, was man tun muss, um aus der Reihe zu tanzen?! Ist doch viel zu anstrengend und fake.

  • N

    “Das ist die Gelegenheit für Dich, mal was zu machen, was noch keiner vor Dir je gemacht hat, und das niemand wiederholen wird, solange die Menschheit existiert.” – Glaube das ist einfach so ein Grundbedürfnis. Das Zitat kommt aus dem Film Garden State. Nix mit Mindfuck sondern ein Film der das Lebensgefühl unserer Generation eingefangen hat und es instant erfahrbar macht.

    Welcome Home –
    “Kannst du dich an den Tag erinnern als du gespürt hast dass das Haus in dem du aufgewachsen bist, nicht mehr dein Zuhause ist? Du hast da noch dein ganzes Zeug und alles, aber irgendwie ist das auf einmal kein richtiges Zuhause mehr. Wenn du irgendwann ausziehst ist das Gefühl auf einmal weg und du spürst das es nie mehr wiederkommt. Du hast Heimweh nach einem Ort der nicht mehr existiert. Vielleicht ist das ja so ne Art Übergansphase, und das Gefühl stellt sich erst ein wenn du dir selbst ein neues Zuhause geschaffen hast, weißt du, für deine Kinder, die Familie die du gründen wirst. Das ist dann so ne Art Kreislauf oder so. Aber vielleicht ist ja Familie genau das, eine Gruppe von Leuten denen derselbe imaginäre Ort fehlt. ”

    Einzigartig weil Du selbst aber ganz furchtbar normal :)

Topman