Die Geschichte einer Jugend - Story Of My ChildhoodVorstadt Hollywood

Unser erster Akt der verzweifelten Rebellion gegen die Vorstadthölle und ihrer Langeweile begann in der 5. Klasse. Wir klauten pornografische Magazine aus Supermärkten und Zeitschriftenläden, um mit den Bildern dann…
Die Geschichte einer Jugend

Story Of My ChildhoodVorstadt Hollywood

Unser erster Akt der verzweifelten Rebellion gegen die Vorstadthölle und ihrer Langeweile begann in der 5. Klasse. Wir klauten pornografische Magazine aus Supermärkten und Zeitschriftenläden, um mit den Bildern dann Schulen, Kindergärten, Toiletten, öffentliche Plätze, Autos und Wohnungsfenster zu tapezieren. Niemand erwischte uns. Wir waren ein harmloses Pack junger Tiere, ein Rudel Wölfe eingesperrt in einem Zoo voller CDU-Wähler, Nachhilfelehrer, Sommercamps und Vorgartenausstellungen.

Eine integrierte Gesamtschule war das, was uns zusammenbrachte. Immigrantenkinder, Kleingewachsene, ADS-Zerstörte und Alpha-Tiere. Typen, die seit ihrer Kindheit schon von aus Langeweile saufenden Eltern verprügelt und gefickt wurden, ständig stressten, mit 11 bereits rauchten, von den Erwachsenen als hoffnungslos abgestempelt wurden. Es gab sie immer irgendwo, diese Typen, die wie Jesus die Sünden der Menschheit auf ihren Schultern trugen – schon von Geburt an. Ziehe über Los, nimm kein Geld, gehe direkt in den Knast, verreck’ dran.

In einer großen Stadt hätte es uns auch gegeben, aber nicht in dieser Konstellation. Nicht mit Panzer­helmen und Schutzschildern im Krieg gegen die trostlose Tatsache, dass uns langweilig war. In der großen Stadt hätte es Schwimmbäder gegeben, Parkanlagen, riesige Kinos, Cafés, Restaurants, Menschen mit Geschichte, Politik, Universitäten, Farben, Gefahren. Unter all diesen Dingen hätte es auch die dunkle Seite gegeben, die den jungen, pubertierenden, hormonüberladenden Geist lockt. Die Großstadt ist russisches Roulette: Vielleicht endest du mit einer Spritze im Arm, aber wahrscheinlich nicht. In der Kleinstadt gab es nur das oder die Tragödie des biederen 08/15-Lebens.

Wir haben Wände mit Farbe beschmiert, sind nächtelang ausgebüchst, um im Wald zu zelten und so viel zu rauchen und zu trinken wie möglich. Und haben dabei einen Waldbrand verursacht. Jeder war in jeden verliebt und die Pärchenkonstellationen rotierten im wöchentlichen Zyklus. Ich weiß nicht, wann der Kiff da war. Mit 12 oder 13. Irgendwann hatten wir statt Zigaretten eben Joints in der Hand. Und statt unseren eigenen Geschlechtsteilen die der Jungs oder Mädels. Der Speichel unserer jugendlichen Romanzen lief uns am Kinn entlang, weil wir nicht wussten, wie man küsst. Wir waren stoned. Es war uns egal.

Es war alles immer nur Spaß. Bis es ernst wurde. Keine schlechten Intentionen, no hard feelings. Ein Kick, ein Zeitvertreib, ein Beweis, dass das Leben lebenswert war. Jugendliches Selbstmitleid, massive Pathetik, Weltschmerz. All das vorsichtig in einen Trichter gegossen. Heraus kam ein schwarzer Strahl Betäubungssucht, Ablenkungsmanöver und ein Hauch von Freundschaft und Zusammenhalt. Ich vermisse es manchmal, unsere Blutsbrüderschaften.

Das Geld für das Dope klauten wir aus den Taschen unserer Eltern und Geschwister. Wenn was übrig war, kauften wir uns Alkohol. Wenn immer noch was übrig war, kauften wir Zigaretten. Das war unsere Ernährungspyramide. Wir trafen uns morgens vor der Schule mit wodkagefüllten Wasserflaschen und Bongs im Rucksack, Haschklumpen und einem Kartenspiel. Wir zerhackten uns beim “Metzger” die Händer, prügelten uns gegenseitig in ein THC-Koma, sauften und sauften und sauften bis es 7:45 Uhr war und wir uns zur Schule beeilen mussten, wo wir mit 14 Jahren komplett zerstört ankamen.

Wir waren das destruktive deutsche 2000er-Äquivalent zu Larry Clarks Vorstadtportraits der am­erika­ni­sch­en 60er Jahre unter Jugendlichen. Wir waren nicht so obszön oder fesch wie “KIDS”, jedenfalls nicht in diesem Alter. Aber wir waren nicht weit weg davon. Unsere Eltern schütteten mit jedem Streit Benzin ins Feuer, die Lehrer verkrochen sich weinend in die Ecke, wenn sie unserem Zorn entgegen treten mussten.

Dann kamen die Drogen. Benzos, Pepp und MDMA. Wir waren down, wir waren up und wir waren horny. Genau so, wie man es als Jugendlicher sowieso sein sollte. Aber wir hörten nicht auf die natürlichen Uhren, die unsere Zeit bestimmen sollten. Wir hörten lieber auf die synthetischen Reize, die von irgendeinem verstreckten Pulver ausgingen. Vielleicht lag das auch am Alter und an der Reizüberflutung, die wir uns zumuteten. Vielleicht hatten die Drogen überhaupt nichts damit zu tun. Aber trotzdem passierte etwas. Wir verloren unsere Unschuld. Aus den Abenteurern und Pippi-Langstrumpf-Rabauken, die hier und da mal Scheisse in moderatem Maße bauten, wurde eine verstrahlte Pisslache an nichtsnutzigen, dreckigen, hinterfotzigen Opfern.

Wir bummelten an großen Bahnhöfen herum, bis ältere Damen irgendetwas Großes und Schweres in die Schließfächer hieven wollten. Dann sprangen wir ihnen zur Seite. “Darf ich Ihnen das abnehmen?” Sie waren dankbar und wir gaben ihnen den Schlüssel für ein ganz anderes Fach. Die Alten hauten ab, wir räumten unsere Beute. Nicht, weil wir kein Geld hatten. Wir hatten nur sonst nichts zu tun.

Wenn irgendwelche Proleten versuchten uns abzuziehen, dann schlugen wir ihnen die Skateboards über den Schädel und prügelten so jemanden fast zu Tode. Wir trippten auf Acid-Pappen und gaben den jüngeren Kids falsche Dosis-Angaben, um über ihren Horrortrip zu lachen. Wir schnüffelten Kleber und Poppers. Wir schwänzten den Unterricht und rotzten Kokain auf dem Schulklo. Wir waren keine Unerzogenen, wir waren keine Hawaks aus der Unterschicht. Wir waren nicht einmal arm.

Jeder von uns konnte fließend Deutsch sprechen und unsere Eltern waren Beamte. Aber die toxische Vorstadt machte uns zu Kleptomanen und Neandertalern. Wir bestahlen die Leute vor dem Club, wir schubsten Besoffene auf Bahngleise, wir flüchteten vor der Polizei, nachdem wir Steine auf ihre Autos warfen. Wir gaben unseren Geschwistern Kreide zum Naschen und schütteten unseren Eltern Betäubungs­mittel in die Drinks. Es war alles Plastik. Es war ein Leben in Hollywood. Wir waren Rockstars.

Wir waren Berühmtheiten im Spotlight, wir standen auf den Bühnen der Nationen und trällerten von Liebe und Schmerz und Hoffnungen und Trauer und Familie und Schulnoten und Sex und wollten alle so cool und so talentiert und so unverstanden sein wie nur menschlich möglich.

Wir waren die Einzigen und wir waren alleine und wir waren zusammen und wir hassten alles und jeden und wir wollten Frieden und wir spielten Krieg. Das war unsere Front vor dem Blue Screen, ein Photoshop-Job in unseren von Chemie zerfickten Köpfen. Wir haben nicht einmal in den Spiegel geguckt, nicht mal im Ansatz gemerkt, dass dieses Las-Vegas-Feuerwerk nicht echt ist. Eine optische Täuschung. Silikon und Nasen-OPs. Wir verblassten sogar noch im Sonnenschein, ohne es zu merken.

Die Gruppe spaltete sich auf. Die geselligen Kiffer stießen zu den psychodelischen Opfern, die sich von Pappen und Pilzen ernährten. Die Speedster und Cokeheads entdeckten plötzlich GHB und Special K und Amphetamine der ganz besonders akneerzeugenden Sorte. Ich stieg aus. Nicht freiwillig. Ich wurde krank. Ich musste die Schule wechseln, aus logistischen Gründen. Auch aus logischen Gründen.

Ich war fiebrig in der Illusion meine Freunde zu verlieren, aber ich wachte mit erwachsenem Bewusstsein aus dem Whirlpool an Gefühlen auf. Ich verschwand mit ruhigem Gewissen. Mir wurde klar, dass keine Generation nach uns je etwas anderes erleben würde, und mir wurde klar, dass es genauso wie in meinem Leben auch in ihrem Leben eine Phase sein würde.

Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Ich hatte Glück in der Greencard Lotterie für Bürger mit Anstand und rasanter Jugend. Und sie hatten es nicht.

Wenn ich heute zurückkomme in die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, und an die ganzen geklauten Mercedessterne zurückdenke, an die Brieftaschen, die wir verbrannten, an die Gebäude, die wir zerstörten, an den Stress, den wir geschoben haben, dann lege ich mich in Nostalgie. Eine durchaus aufregende Jugend, abgeschlossen, einkatalogisiert, fetter Stempel drauf, das war“˜s, fertig, finito.

Nicht mehr als Erinnerungen an eine risikobelegte Zeit. Wie wenig Furcht wir hatten vor den Konsequenzen. Wie viel Abenteuerlust in unseren Venen pumpte. Wie wenig wir uns bei dem Kummer, den wir unseren Eltern machten, eigentlich gedacht haben. Es ist, rückblickend, ein befreiender Gedanke, in den ich mich manchmal verliere und wenn ich fest daran glaube, dann sind wir wieder Kinder und es geht uns allen gut.

Ich habe Angst, wenn ich ihnen heute gegenüber stehe. Rückwirkende Angst. Das hätte ich sein können.

Sie lächeln mich mit gelblichen, kaputten Zähnen an. Riechen nach Rauch und Suff und tragen ihr halb­totes Baby im Arm, das schon vor Stunden beim Jugendamt hätte sein sollen. Besuchsstunden. “Wir haben uns ja lange nicht mehr gesehen”, flüstern ihre blutunterlaufenen Augen, die aus den eingefallenen Gesichtsknochen herausgucken.

Manche kommen gerade aus der Reha wie andere aus der Universitäts­kantine. Heute kein Erfolg, nächste Woche wieder. Andere muss man auf dem Friedhof suchen. Goldener Schuss in den Himmel. Be­waff­neter Raubüberfall und tödliche Körperverletzung findet man im Knast wieder. 15 von 35 Leuten aus meinem Jahr­gang, aus meinem Freundeskreis, einfach aus der Lebensgleichung gestrichen, der Krebs einer Ge­ne­ration herausoperiert und weggeworfen. Vorstadt Hollywood hat sich seine Superstars ausgesucht.

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Topman

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