Das Finale - All des Königs Pferde

Ich vermeide es nach Möglichkeit, in den Osten zu fahren. An diesem Freitag ist es anders, Sabrina will ihre Cousine in Erfurt besuchen, die es irgendwie verpennt hat, rüberzumachen. Und…
Das Finale

All des Königs Pferde

Ich vermeide es nach Möglichkeit, in den Osten zu fahren. An diesem Freitag ist es anders, Sabrina will ihre Cousine in Erfurt besuchen, die es irgendwie verpennt hat, rüberzumachen. Und so trifft mich alle Jubeljahre das Schicksal, die ehemalige DDR besuchen zu müssen.

Es ist jedes Mal ein komisches Gefühl, wenn man bei Bad Hersfeld links abbiegt, und dann an den ehemaligen Grenzposten vorbeikommt. Auch landschaftlich merkt man einen Unterschied, am Himmel sowieso, das Wetter ist immer grau-in-grau, jedes Mal, wenn ich drüben bin.

Nur heute nicht. Es gab, glaube ich, nie einen herrlicheren Morgen. Die Sonne scheint mit all ihrer Kraft, der Himmel ist, so weit das Auge reicht, vollkommen heiter und klar. Wir fahren in unserem SUV auf der A4 und lassen uns von Luxuskarossen mit Ost-Kennzeichen überholen, Luxuskarossen, die ich im Laufe der Jahre mitbezahlt habe. Man spricht immer von der Erbengeneration, im Westen, von den reichen, jungen Yuppies, den DINCs, wie Sabrina und ich es nun mal sind. Der Ton ist dann immer vorwurfsvoll, als seien wir Exkremente, dabei sitzt die Erbengeneration links und rechts der A4.

Ich setze Sabrina in Erfurt ab, die einzige Stadt im Osten, die ich mag, der Dom ist wunderbar, und die Altstadt ist es allemal. Sie bleibt übers Wochenende drüben, ich habe sturmfrei und werde es nutzen. Mal wieder mit den Jungs einen trinken gehen, Premiere gucken, mein Aktienpaket beobachten. Ich hätte auch in Erfurt bleiben können, meine angeheiratete Cousine hat uns ja freundlicherweise ihr Schlafzimmer angeboten.

Ich verlasse die Autobahn und fahre eine Strecke auf der Bundesstraße, Sabrina meinte, die Landschaft wäre schön, und das würde mir gefallen. Ich halte mich an die Geschwindigkeitsbegrenzung, ich habe keine Lust, dass ich irgendein Zonenkind überfahre oder ein Reh erwische oder so.

Die Mutter von Sabrinas Cousine, die haben die damals verschwinden lassen, die war in irgendwas im im Untergrund involviert, man hat nie wieder was von ihr gehört, manche munkeln, sie sei in irgendeinem Gefängnis nach jahrelanger Folter gestorben, die hätten extra chinesische Folter-Experten eingeflogen für den Fall. Das sollten sich die Leander Haussmanns dieser Welt mal hinter die Ohren schreiben, war nicht alles lustig, du Saftsack, die DDR war scheiße, stinkende, dampfende Scheiße, die kann mir gestohlen bleiben, und der Kohl, der hat eh alles versaut. Alles.

Der SUV schluckt 20 auf 100, trotz meines gemächlichen Tempos verbraucht er fröhlich vor sich hin, ich bin froh, als ich ein paar Kilometer vor der Grenze noch eine Tankstelle erwische, dank des Ost-West-Gefälles ist der Sprit hier immerhin günstiger, wenigstens etwas.

Ich tanke und gehe dann zum Zahlen rein. An der Kasse steht ein Skinhead, so ein richtig dickes Nazischwein, er steht da so in seinem verschwitzten Unterhemd, so ein NPD-Untermensch, einer von der Sorte, die zu dumm für die SA, aber gut genug für den Betrieb der Gasöfen gewesen wäre. Ich schaue ihm nicht in die Augen, schaue an ihm vorbei und sage, dass ich mein Auto waschen lassen möchte. Ein Plakat hängt an der Wand, Werbung für einen Freibier-Abend in der Bar Dumas, jetzt werden die Nazi-Witze auch noch intellektuell.

Das macht 87,30 Euro insgesamt, sagt er leise, hinter ihm an der Wand hängt ein Bild, da ist er drauf, und eine blonde Frau und blonde Kinder. Auf dem Foto lacht er und hält seinen Sohn ganz fest, und sein Sohn ihn. Neben dem Cashterminal steht ein Aufsteller. Heute bedient Sie Lukas, steht da drauf in Comic Sans, IN COMIC SANS, und daneben ein schlecht gemalter Smiley.

Ich zahle, und muss an Solingen denken, an Rostock und an Adriano, und fange an Lukas zu hassen, manchmal werde ich bei manchen Leuten ja auch wütend, denke ich, wenn sie ihre Schwestern abstechen, weil sie einen deutschen Freund haben, dann krieg ich auch die Krise, aber ich zünde sie doch nicht gleich an oder verprügele sie, das muss man doch mal reflektieren, warum das so ist, reflektieren muss man das. Was bist du nur für ein armseliges Arschloch, denke ich, während ich den Kerl mustere, Lukas, was ist das überhaupt für ein Name, und warum kommt er mir so bekannt vor.

Mein SUV wird automatisch durch die Waschstraße gezogen, früher als Kind hatte ich Angst vor Waschstraßen, ich bin nie mit hinein gefahren, habe sie mir nur von außen angeguckt, ich hatte richtige Panikattacken. Ich denke an den Skinhead, und dass im Osten verdammt was falsch läuft, wenn so ein Fascho-Arschloch Arbeit bekommt, und dann ist der Waschvorgang beendet, die Ampel springt auf Grün. Draußen kontrolliere ich das Ergebnis, und dann sehe ich die Kratzer.

An der rechten Tür sind mehrere Kratzer, die waren vorher nicht da, ich bin mir sicher. Ich gehe noch mal rein zur Skinhead-Sau, obwohl ich Angst habe. Hier im Osten ist er zu Hause, da ist er obenauf und fühlt sich wie der König von Ostdeutschland, wäre ich mal nie über die Grenze gefahren.

Das kann nicht sein, sagt er, das ist eine Textil-Waschanlage, die macht keine Kratzer, das soll ich ihm mal zeigen, sagt er, ich zeige ihm die Kratzer und er lacht, die wären doch vorher schon dran gewesen, im Zweifel sei das Steinschlag. Ich werde wütend, weil er lacht, ich werd nicht gern ausgelacht, das fand ich noch nie gut. Steinschlag am Arsch, denke ich, das war seine scheiß Waschanlage, sage ich, er sagt Vorsicht, Freundchen, ich könnte gern einen Gutachter bestellen, und dann würden wir ja sehen, und ich sage, ach ja, also, da könnte er sich ja mal ein bisschen kulanter zeigen, vielleicht hat sich ja ein Stein oder so in seiner Textilwaschanlage verfangen, und was dann.

Hör mal zu, du Missgeburt, sagt der blöde Skinhead, hol doch einen verdammten Gutachter, solche Kratzer kann keine Waschstraße verursachen, das müsste sich doch von vorne bis hinten durchziehen. Also, verpiss dich, du West-Wichser, sagt er.

Ich werde wütend, ich habe meine Valium nicht genommen, warum auch, die Sonne schien heute morgen. Ich werde wütend und mir dämmert, dass er Recht hat, er hat verdammt noch mal Recht, der Gutachter würde nichts anderes sagen, als er, nichts anderes würde der sagen, und ich bekomme total den Hass auf diesen Naziwichser, weil der mir einfach Missgeburt ins Gesicht sagt, und West-Wichser, was erlaubt der sich denn, scheiß auf irgendwelche Gutachter und Dreck, die Kratzer waren vorher nicht da, und überhaupt, was ist denn mit der Kunde ist König und so, wir sind hier in Deutschland, und wie ich so an Deutschland denke, schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass es kein Wunder ist, dass dieses Land am Abgrund steht, kein Wunder, wenn irgendwelche sesselfurzenden Gutachter über Wahrheit oder Lüge entscheiden können, und warum so ein blöder Skin überhaupt Anrecht auf einen Gutachter hat, dieses Land wird nicht lange überleben, was kann ein Gutachter schon sagen, kein Wunder, dass Deutschland untergeht, ich wünsche mir ein anderes Deutschland, ich wünsche mir, dass es keine Gutachter gibt und keine Skinheads, ich wünsche, ich könnte jetzt einfach sagen, dass er das jetzt verdammt noch mal zahlen soll, dass die Kratzer von seiner Waschanlage sind, ich will jetzt spontan das Kriegsrecht verhängen und Zero Tolerance und das Recht des Stärkeren, nur für fünf Minuten, damit ich die Kratzer bezahlt bekomme, und dann hole ich den Baseballschläger von der Rückbank und schlage ihm den Schädel ein.

Er ist vom ersten Schlag eher überrascht als verletzt, und das pisst mich jetzt so richtig an, dieser dummen Faschofotze werde ich es zeigen, ich schlage noch mal zu und diesmal bricht seine Nase, eine blutrote Stichflamme schießt aus seinem Gesicht, er verzieht die Augen und fällt auf die Knie, ich hole noch mal aus und lasse den Schläger von oben auf seinen Kopf krachen, die Haut platzt auf, und irgendetwas splittert. Die Kratzer sind von seiner Waschstraße, schreie ich, diese dumme, beschissene Sau, dieses Arschloch, so kann man nicht mit Kunden umgehen, dieser Penner, und dann sehe ich wie er blutend am Boden liegt, fast bewusstlos, und die Hände schützend über seinen Kopf hält, und ich schreie, dass er sich wehren soll, und dann ramme ich ihm den Schläger in seine Hoden, etwas gibt nach, er ächzt, er hat es nicht besser verdient.

Das ist nicht politisch gemeint, du Sau, kreische ich, das ist verdammt persönlich. Ich schlage ihm mit voller Wucht den Baseballschläger ins Gesicht, er sagt nichts mehr, er liegt einfach nur da, während sein Gesicht immer undefinierbarer wird, sämtliche Gesichtsknochen sind gebrochen, beim Wimmern hat er seine Schneidezähne eingeatmet, die haben ihm die Lungen perforiert, nach meinem vierten Schlag ist er tot. Ich höre nicht auf, ich schlage weiter auf ihn ein, sein Blut fließt zwischen den Fugen der Steine hinweg, seine Rippen splittern und durchbohren blutend sein T-Shirt, und während ich ihn anschreie und sage, dass ich mein Auto seit vier Wochen jedes Wochenende per Hand wasche, obwohl es illegal ist, und ich erst gestern geguckt habe, ob Kratzer an der Tür sind, und es waren keine da, das weiß ich genau, merke ich, dass es doch politisch ist, zumindest ein bisschen, und dann höre ich auf, steige in meinen Wagen und fahre weg.

Fahre weg, der Sonne entgegen, es scheint tatsächlich die verdammte Sonne, ich fahre weg, gen Westen, einfach weg, immer weiter, Richtung Westen. Die Sonne scheint und blendet mich, aus dem Handschuhfach hole ich meine Sonnenbrille. Und wie ich so meine Sonnenbrille aufsetze, denke ich an den Tag, als ich sie kaufte, bei H&M, weil ich nur fünf Euro dabei hatte, meine Kreditkarte lag auf dem Nachttisch neben dem Foto von Sabrina. Ich denke daran, wie ich mehrere Modelle ausprobierte, ich weiß noch, wie ich da stehe und denke, dass die bei H&M doch einen Schaden haben, einen totalen Schaden, bei den Sonnenbrillen steht nie ein Spiegel, nie, in keiner Filiale, die erwarten allen Ernstes, dass man mit einer Sonnenbrille im Gesicht, die einem womöglich noch nicht einmal steht, durch den Laden läuft, um einen Spiegel zu suchen und sich damit der Lächerlichkeit preiszugeben.

Drei Ansätze habe ich zum Kauf gebraucht, weil ich mich nicht getraut habe mit verschiedenen Sonnenbrillen auf der Nase durch den Laden zu gehen, das ist doch peinlich, ich bin doch kein verdammter Rockstar oder so, denke ich, die sollten da mal Spiegel anbringen, und dann schlucke ich meine Valium und fahre auf die A4, die mich wieder in den Westen bringt, alles wird gut, denke ich, alles wird gut. Ich habe mich dann am Ende für eine klassische Pilotenbrille entschieden, ganz klassisch, ich bin ja keine Achtzehn mehr, und Model schon gar nicht, aber das mit den Spiegeln, dass müssen sie ändern, auf jeden Fall, aber andererseits, denke ich, andererseits kann man ja auch einfach mit der Sonnenbrille in der Hand zu einem der Spiegel gehen und sie erst dort aufsetzen, das ist dann nicht so peinlich, und auch nicht wirklich aufwändiger, und eigentlich war das ja ganz schön dumm, was ich gedacht habe, und überhaupt, ist doch scheiß egal, was andere Leute so sagen, ich sollte mir einfach weniger Gedanken machen, denke ich, einfach den Kopf mal freibekommen, mal ausspannen, mal aufhören zu denken, ja, das wäre mal das Wahre. Ich gebe Gas und fahre weiter, ich fahre immer weiter, immer den Bäumen nach.

Ich denke an Sabrina und ich denke an morgen, und dann weine ich ein bisschen.

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Ein Yuppie-Pärchen entzweit sich und nähert sich dabei immer mehr dem Abgrund… „All des Königs Pferde“ ist eine Novelle von Mischa-Sarim Vérollet aus dem Jahre 2007. Sie erschien erstmals 2007 als selbstfotokopiertes A5-Heft in kleinster Auflage und wird in den nächsten Wochen in einzelnen Kapiteln als Fortsetzungsnovelle auf AMY&PINK veröffentlicht – roh und bis auf auffällige Rechtschreibfehler unlektoriert in der Originalfassung.

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