Stadthunger - Der Zerfall meiner Seele

Ich feierte meinen 18. Geburtstag in der Bar 25. Der Fotograf und ich bewegten uns eng aneinander gedrückt und vollgepumpt zu den ewigen Beats der lauten Musik. Als wir unsere…
Stadthunger

Der Zerfall meiner Seele

Ich feierte meinen 18. Geburtstag in der Bar 25. Der Fotograf und ich bewegten uns eng aneinander gedrückt und vollgepumpt zu den ewigen Beats der lauten Musik. Als wir unsere Augen öffneten wankte er zum Klo, zwei Solariumtanten folgten ihm. Meine Welt war voller Farben, Stimmen und Tragödien, also lief ich ihnen mit schnellen Schritten nach. Als ich die Tür einen Spalt aufschob konnte ich sein gequältes Gesicht und die offene Hose sehen, an der die beiden Mädchen herum fuchtelten. Als er wieder zurück zu mir auf die Tanzfläche kam, sah ich ihn durchdringend an und fragte: “Können wir nach Hause gehen? Ich bin müde.”

Als wir dort ankamen konnte ich nicht aufhören zu weinen. “Wieso tu ich mir die ganze Scheisse überhaupt an?”, schrie ich in seine Richtung und griff wahllos ein paar Gegenstände, die ich ihm an den Kopf warf. “Ich liebe dich du Arsch, aber du bist ein Feigling, ein Schnorrer, ein Heuchler. Du hasst diese Welt, aber nutzt sie aus. Du hasst diese Menschen, aber vögelst mit ihnen. Du hasst diese Drogen, aber ziehst dir ständig eine Line nach der anderen rein.”

Ich merkte zu spät, dass ich gerade das Päckchen an die Wand donnerte und plötzlich war der ganze Raum voller weißer Punkte. Der Fotograf saß auf dem Bett und starrte mich stillschweigend an. “Diese Welt bedeutet dir nichts, ich bedeute dir nichts, die Liebe bedeutet dir nichts. Wie kann ich mich nur jemandem offen hingeben, dem die Liebe nichts bedeutet? Erkläre mir das mal!” “Auf diese Fangfrage gehe ich nicht ein.” In mir kochte die Wut.

Ich rannte in die Küche und schnappte mir das größte Messer, das ich auf die Schnelle finden konnte. Als ich zurück im Schlafzimmer war begann ich laut schreiend auf die Kissen und das Bett einzustechen. Der Typ lehnte mit einer Zigarette an der Wand und lächelte ab und zu, während er an ihr zog. Federn flogen im Zimmer herum und bedeckten mich in einer Explosion aus weißer Farbe. “Ich muss hier raus!”, rief ich dann und ließ das Messer fallen. Ich packte einige Klamotten in meinen Rucksack, sah den Fotografen ein letztes Mal an und floh dann aus der Wohnung.

Wütend, schreiend, heulend stolperte ich das Treppenhaus hinunter und schoss durch die Eingangstür. Draußen angekommen rannte ich zielgerecht zum nächsten U-Bahnhof, während von oben eine Stimme herab rief: “Sina, wo willst du hin?” Ich schaute nicht zurück, wollte nichts mehr von dem Arschloch wissen und fand mich unter der Erde wieder. Die Ruhe hier unten befreite meinen Geist, ich konnte ein kleines Herz pochen hören.

Wenn wir Streit hatten wollte der Fotograf diesen immer auf meinem Körper zu Ende führen. Ich schloss meine Augen, hinter meinen Lidern schien sich eine bunte Welt des Chaos aufzutun. Die glasklaren Tränen liefen ununterbrochen. Wie war ich nur an diesen Ort gelangt? Die Liebe, das Leid, sie trugen für mich dunkle Roben aus Samt, beerdigten meinen geschundenen Körper in den zerbrochenen Träumen meiner Selbst. Er war mit den süßen Worten einer klaren Nacht und den Organen eines Rebellen in meine Seele eingedrungen und missbrauchte nun aus Spaß, Unvernunft und Angst alles woran ich jemals geglaubt hatte.

Nichts traf meine Jugend so hart wie die Erkenntnis darüber, dass ich sein Leid in einer Welt zu leben, dessen Existenz und Tragik er herauf beschworen hatte, nicht lindern konnte. Weder durch meine Liebe, noch durch meine Brüste. Kleine graue Ängste fraßen mich innerlich auf und ließen meine fröhlichen Momente trüb und einsam erscheinen.

Ich redete mir mein ganzes Leben lang permanent Mut zu. Dass ich etwas Besonderes bin. Dass mich das gerechte Gleichgewicht eines Tages einholen wird. Und dass das Leben für das kleine Mädchen mit den funkelnden Augen im Spiegelbild ein faszinierendes Ende parat hielt. Meine Tränen schmeckten bitter, aber ich lächelte zuversichtlich. Und als ich den Windhauch des Zuges auf meiner Haut spüren konnte, öffnete ich meine Augen und ließ mich auf die Gleise fallen.

Das war das elfte Kapitel “Der Fall meiner Seele” aus dem furiosen Blog-Roman-Projekt “Stadthunger”, dem Fortsetzungsroman bei AMY&PINK. Alle Teile davon findet ihr fortwährend auch unter der Rubrik “Stadthunger“.

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