Stadthunger - Wegen dieser Nacht

Sina und ich starrten uns mehrere Ewigkeiten lang gebannt in die Augen. Mein Kopf schien in menschenunwürdigen Farben zu explodieren, der Atem setzte aus. Adrenalin pumpte sich impulsiv wie ein…
Stadthunger

Wegen dieser Nacht

Sina und ich starrten uns mehrere Ewigkeiten lang gebannt in die Augen. Mein Kopf schien in menschenunwürdigen Farben zu explodieren, der Atem setzte aus. Adrenalin pumpte sich impulsiv wie ein wild gewordener Stier durch meinen Körper – ein Schlaganfall war das einzig denkbare Fazit. Wo kam sie her, wieso war sie da und – um Gottes Willen – warum sprach sie mich an, nachdem sie mich die letzten zwei Jahre ignoriert, verachtet und mich in ein seelisches Minenfeld der Verzweiflung, Schlaflosigkeit und Selbstmordgedanken gelockt und dort zurück gelassen hatte? “Hallo.”, keuchte ich mit verschleimter Stimme heraus, räusperte kurz und auffällig und wiederholte meine fast schon fragend wirkende Begrüßung.

Mein Gegenüber lächelte unbeeindruckt und beständig weiter, nahm einen Schluck aus dem Weinglas und warf dieses dann gekonnt und stilvoll über die Brüstung. “Lange nicht mehr gesehen.”, lallte sie zu mir herüber. Sina war betrunken. Und eindeutig drauf. Meine Enttäuschung ein nüchternes und ehrliches Gespräch mit ihr zu führen stand mir wohl ins Gesicht geschrieben, denn sie wankte zu mir herüber, legte die Arme und mich und grinste dann mit geweiteten Pupillen durch mich hindurch. “Ist mit dir alles in Ordnung?”

Ihre Wohnung lag nicht weit von meiner entfernt. Hohe Wände, große Fenster, faszinierender Altbau. Jeder Raum war bedacht und modern eingerichtet worden. Die Wände mit hellen Pastellfarben bedeckt, die Möbel teils neu, teils alt, aber alles in sich passend. Ãœberall roch es nach Vanille-Mango und die Lampen und Kerzen erfüllten Sinas Welt in einem romantisch bedeckten Licht. Am Kühlschrank hafteten Fotos von ihr und ihren neuen Freunden und Liebhabern. Sie lächelte auf allen von ihnen. Ich fühlte mich schlecht. Vor Augen die Szenen, in denen sie weinte, vor Schmerz jaulte und am Rande der Existenz balancierte. “Möchtest du ein Gläschen Wein?”, bot mir die schönste Stimme des mir bekannten Universums aus einem anderen Raum an. Ich nickte, fasste mir kurz an die Stirn und bejahte dann die Frage.

“Warum hast du mich damals so einfach gehen lassen?” Wir lagen auf ihrem Bett, starrten an die Decke und waren mit verschüttetem Wein bedeckt. Ich versuchte gekonnt und eloquent darauf zu antworten, aber das Marihuana und der Alkohol blockierten meine Vernunft und ließen abenteuerliche Geschichten aus meinem Mund die Luft um uns herum verdrängen. Von Rittern und Blumen, Kleidern und Bären, Nutten und Dramatik. Sie lachte laut und lange, bei allem was ich ihr in ihren rotblonden Kopf setzte. Ihr Haar duftete genau wie damals, nach Eiscreme, Red Bull und einer Mischung aus Fast Food und Blumenwiese. Dann setzte Sina sich auf, nahm meine Hände und sagte: “An dem einen Abend, der uns voneinander trennte, da habe ich versucht mich umzubringen.”

Nach dieser Nacht trafen wir uns wieder öfter. Zum Kaffee, im Kino oder bei der ein oder anderen Party. Wie ein Puzzle offenbarten wir dem Anderen unser Leben der letzten Zeit Stück für Stück. Ãœber manches lächelte ich ehrlich, über das ein oder andere eher gequält, weil es meine Gedanken zerriss. Ãœber ihren Versuch sich aus dem Leben zu katapultieren verlor sie kein weiteres Wort mehr, dafür umso mehr über Sex, Liebe und die harten und weichen Trennungen. Nach der Frage wie es mir in diesen Belangen so erging, log ich ihr das Blaue vom Himmel, Paula ließ ich bewusst unerwähnt.

Doch Lügen hatten bei uns keine Wirkung. Das wussten wir beide. Seit dem Moment auf dem Balkon konnten wir im Anderen plötzlich wieder wie ein offenes Buch lesen. Als wäre die Zeit dazwischen niemals geschehen, als hätte ich erst vor einigen Minuten voller Tränen und Spucke heraus ihren Namen von oben herab geschrien, als sie leer und am Ende die Straße entlang lief und im nächsten U-Bahnhof verschwand. Die Albträume, der Wodka, die Medikamente. Alles verrottete vor meinen Augen zu dem letzten Ãœberbleibsel der dunkelsten Zeit meines Lebens. Als sie es merkt, umarmt sie mich fester denn je und Tränen laufen meinen Hals hinunter. “Es war schrecklich.” kann sie gerade noch in Worte fassen. Dann schlafen wir miteinander und alles ist für eine Weile gut.

Das war das zehnte Kapitel “Wegen dieser Nacht” aus dem furiosen Blog-Roman-Projekt “Stadthunger”, dem Fortsetzungsroman bei AMY&PINK. Alle Teile davon findet ihr fortwährend auch unter der Kategorie “Literatur“.

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