Stadthunger - Der niedliche Zorn

Es war einer dieser unglaublich heißen Sommertage, deren heller Schein sich in unsere Haut und Seele einbrannten und die Nacht wie von Magie durchtränkt von uns fern hielt. Eva schaute…
Stadthunger

Der niedliche Zorn

Es war einer dieser unglaublich heißen Sommertage, deren heller Schein sich in unsere Haut und Seele einbrannten und die Nacht wie von Magie durchtränkt von uns fern hielt. Eva schaute verträumt dem südländischen Kellner hinterher, während ich versuchte die Eiswürfel in meinem Cocktail mit dem Strohhalm zu zerdrücken. Eine Horde von Touristen schob sich grölend und lachend die Straße entlang. Ich sah ihnen hinterher und war ein wenig neidisch. “Wie geht’s Adam?”, fragte ich krächzend in Richtung meines Gegenübers. Mehr um der peinlichen Stille ein Ende zu bereiten, als dass es mich wirklich interessierte. Solange hatten wir uns jetzt schon nicht mehr gesehen und trotzdem war mir ihr Leben und das ihres Lebensabschnittsgefährten relativ egal. “Gut.”, war dann auch die knappe, nichtssagende Antwort, die sie zu einer Gegenfrage verleitete: “Und wie geht es Sina?” Ein Gedankenstoß donnerte durch meinen Körper. Aus Versehen warf ich den Cocktail zu Boden. Wie er so auf dem harten Beton zerbrach – die Mischung aus Glas, Früchten und Flüssigkeit. Das gefiel mir. Ich lächelte ein bisschen dämlich.

Zwei Jahre sind ins Land gezogen, seit Sina Hals über Kopf und unter Tränen aus meiner Wohnung und meinem Leben geflohen ist und wir hatten seitdem kein Wort mehr miteinander gewechselt. Wie ich so mitbekam, hatte sie sich prächtig mit ihrer neugewonnen Freiheit in dieser Stadt arrangiert, knüpfte wichtige Kontakte und war auf jeder guten Party der oberen Gesellschaft anzutreffen. Seit neuestem moderierte sie ein paar Sendungen auf einem Musikkanal, modelte ab und an für das ein oder andere lokale Modelabel und lies sich so manche Affäre mit Musikern, Managern und Fernsehsternchen nachsagen.

Ab und zu traf ich zu diversen Festlichkeiten auf ihr neues Ich und fotografierte sie sogar hin und wieder gemeinsam mit überzüchteten Promis und abgemagerten Models im Arm. Sie lächelte wie ein Profi in die Kamera, doch wenn das Blitzlichtgewitter vorbei war, drehte sie sich um und ging weiter. Meistens direkt zur Bar. Als würde sie mich nicht mehr kennen. Danach war der Abend in den meisten Fällen für mich gelaufen.

Ein überaus marternder Gott schien unsere beider Schicksale auf eine Waagschale gelegt zu haben, die sich momentan in einem für mich schmerzenden Ungleichgewicht befand. Denn während sich Sinas Leben im Zeitraffer zu Glück, Wohlstand und Anerkennung gewendet hatte, versank das meine in einem schwarzen Brei aus Selbstzweifeln, Unzufriedenheit und undankbarem Hass gegenüber alles und jedem. Denn war doch meine Suche nach ihr vor langer Zeit zu meinem neuen Lebensinhalt geworden, verwandelten sich meine Hoffnungen, Träume und Sicherheiten in eine endlose Reise aus Rückschlägen, Enttäuschungen und mit Füßen getretenen Gefühlen. Ich war zu einem Schatten meiner Selbst geworden.

Ganz Berlin hatte ich nach einer würdigen Kopie von ihr abgegrast. Suchte ihre verspielten Sommersprossen, rotgoldenen Haare und leuchtend blauen Augen in jeder katholischen Schülerin, verkoksten Designerin und seelenlosen Prostituierten der Stadt und musste jedes Mal mit weniger Entsetzen und mehr Endgültigkeit feststellen, dass sie alle nur leere Hüllen waren, unwichtige Nebencharaktere, die nicht an das heranreichen würden, was Sina tief in mir drin ausgelöst hatte und sie den falschen Erwartungen, mit denen ich sie überlud, niemals auch nur im Entferntesten gerecht werden konnten.

So lag ich nachts unter Einfluss von illegalen Aufputschmitteln und Red Bull wach, holte mir an den Fotos in ihrem Facebook-Profil einen nach dem anderen runter und war eifersüchtig auf alles und jeden, der vor Schleim nur so strotzend eine Nachricht auf ihrer Seite hinterließ, Fan wurde und sich in ihr Leben verlinkte. Ich war zum Stalker verkommen, zu einem einsamen Niemand ohne wahre Freunde, der in dieser Welt aus Glitzer, Drogen und falscher Vernunft letztendlich ertrunken war. Wie Sina es mir prophezeit hatte.

Es muss ein paar Tage nach dem wortkargen Treffen mit Eva gewesen sein, als ich gebeten wurde doch Fotos auf der Aftershowparty zu Schweighöfers neuem Kinofilm in einem Hotel zu machen, zu der ich bereits volltrunken und viel zu spät aufkreuzte. Hier gab es jede Menge Kerzen, siebzehn verschiedene Martinis und eine ständig zugedröhnte Chefin, die Deutsch mit New Yorker Akzent sprach und es damit ziemlich übertrieb. Mich widerte ihr New Yorker Akzent an. Von den Bildern, die ich an diesem Abend schoss war nur ein Bruchteil zu gebrauchen. Aber mir war das egal – wie sowieso alles. Ich war schließlich Künstler und es gab keinen Grund mich nicht zu bewundern.

Als Problemmensch hatte man es in dieser Welt halt nicht leicht. Noch nie war ich mir den Grenzen des Daseins bewusst, trieb es immer weiter, immer weiter, noch weiter. Bis alles um mich herum Risse bekam und wie ein Glaswürfel in tausend Stücke zerfiel. Mein Leben war ein Experiment und alle Leute darin wurden zu Versuchsobjekten, an denen ich herum probieren konnte, bis ich sie mit zu viel Druck von ihren Fantasien erlöste oder sie mir zuvor kamen und das Weite suchten. Es ist Zeit für mich zu verschwinden.

Die starren Gesichter, das aufgesetzte Lachen und die traurigen Augen der geladenen Gäste widerten mich an und drängten mich regelrecht von ihnen weg. Ich ging auf den Balkon, um mir dort eine Zigarette anzuzünden und merkte erst nach einiger Zeit, dass neben mir ein Mädchen stand und gebannt dabei zusah, wie ich versuchte Ringe in Richtung des Fernsehturms zu pusten, um ihn damit zum Einsturz zu zwingen. Als ich ihren Kopf sah musste ich husten. Sina lächelte mich an.

Das war das neunte Kapitel “Der niedliche Zorn” aus dem furiosen Blog-Roman-Projekt “Stadthunger”, dem Fortsetzungsroman bei AMY&PINK. Alle Teile davon findet ihr fortwährend auch unter der Kategorie “Literatur“.

Jack & Jones

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