Wenn niemand an dich denkt - Aussortiert

Es ist ein beschissenes Gefühl. Alleine zu sein. Zu realisieren und noch mehr zu akzeptieren, dass niemand da ist. Deine Familie, ja. Immer. Ansonsten jedoch niemand. Es ist hart. Die…
Wenn niemand an dich denkt

Aussortiert

Es ist ein beschissenes Gefühl. Alleine zu sein. Zu realisieren und noch mehr zu akzeptieren, dass niemand da ist. Deine Familie, ja. Immer. Ansonsten jedoch niemand. Es ist hart. Die Erkenntnis, dass Alkohol, vögeln und feiern, wichtiger sind als du. Man denkt wohl öfter mal an dich, aber wohl eher aus Gewohnheit. Es fehlt jemand, der für den Unterhaltungsfaktor sorgt. Der laut lacht und unsinnige Phrasen von sich gibt. Das lässt mit der Zeit nach. Anfangs hat man noch mal kurz durchgeklingelt und gefragt „Hey, weiß man schon was?“ oder ein “Geht’s dir gut?!“. Doch das wurde dann zu einem standardisierten Satz ohne wirkliches Interesse, der letztendlich dann mit „Hey, heut Abend geile Feier… massig Alkohol“ und „Ey ich sag’s dir, der Typ von letzter Woche, den mach ich heut noch klar.“ ertränkt wurde. Schön. Für euch. Du liegst zuhause. Machtlos und unfähig.

Das Telefon steht still. Nun schon seit Wochen. Und du bist traurig. Einsam und verlassen. Du machst dir Gedanken, wie es sein kann, dass deine „Freunde“ dich so schnell vergessen können?! Aussortiert. Wie ein Paar zu alt gewordene Shirts. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, indem du keine Kraft mehr hast dir Gedanken darüber zu machen. Dein Zustand wird schlimmer. Du übergibst dich nur noch. Ernährst dich von Babynahrung, da das Zeugs das einzige ist, was du irgendwie in dir behältst. Du kannst nicht mehr laufen. Bist entkräftet und leer. Nachts finden dich deine Eltern immer öfter über dem Klo kniend. Zu schwach um dich selbst wieder aufzurichten. Der Kopf auf dem geschlossenen Klodeckel, die Beine dünn und gebrechlich, den Boden entlang schmückend. Deine Augen kannst du kaum noch offen halten. Du bist müde. Einfach wahnsinnig müde. Dein Körper versagt. Nach und nach.

Deine Eltern und dein Bruder sind in dieser Zeit deine größte Stütze und geben dir Halt. Die Frage nach dem Sinn des Lebens begleitet dich morgens beim aufwachen, abends beim einschlafen, und zwischendurch. Jederzeit. Du willst kämpfen. Stark sein. Vor allem für deine Familie. Aber es fällt so unheimlich schwer. Doch du willst ihnen zeigen, dass du keine Angst hast. Nicht aufgibst. Bei all den unerträglichen Schmerzen und der Erschöpfung schaffst du es immer wieder ein kleines Lächeln auf deine Lippen zu zaubern. Für deine Familie. Nur für sie. Es ist eher gequält, aber das zählt in dem Moment nicht. Alles was zählt, ist die Tatsache nicht aufzugeben.

Tränen sind unaufhaltbar. Tränen aus Verzweiflung. Aus Traurigkeit. Und vor allem aus Wut. Du weinst nun fast täglich. Doch nur für dich alleine. Du willst keinem dein Leid unter die Nase reiben. Und erst recht kein Mitleid erzeugen. Und mit den Tränen eingehend kommen immer wieder dieselben quälenden Fragen: Wieso du? Was ist es, was deinen Körper so zerstört? Warum musst du so leiden? Manchmal wünschst du dir einfach nur noch einzuschlafen und nie wieder aufzuwachen. Dass es vorbei ist. Die Schmerzen, die offenen Fragen, das Abstempeln eines psychisch Kranken. Doch dann fällst du noch mehr in dir zusammen. Du willst deine Familie nicht verlassen. Nicht jetzt. Und nicht für immer und auf alle Ewigkeit. Diesen Kummer und die Ohnmacht willst du ihnen nicht bereiten. Du spürst die Verzweifelung deiner Familie. Jeden Tag ein Stück mehr. Keiner weiß mehr weiter. Etwas in dir ist scheinbar unberechenbar.

Die Ärzte können dir nicht helfen. Du musst dich damit abfinden, dass du aus jedem Krankenhaus mit dem dicken Vermerk „psychosomatisch“ entlassen wirst. Die Schule hast du mittlerweile abgebrochen. Schon lange. Keine Kraft. Keine Konzentration. Und das kurz vor dem Abitur. Aber somit ersparst du dir wenigstens die mitleidigen Blicke. Die entsetzten Gesichter über deinen Zustand. Deinen Körper, der immer mehr zu zerfallen scheint. Diese Blicke verletzen teilweise noch mehr. Du bist enttäuscht. Auch enttäuscht von dir selbst. Dass du dich deinem Körper geschlagen geben musstest. Das du dir eingestehen musst: Es geht nicht mehr. Vorerst nicht. Es ist September.

Mittlerweile ist es März. Du lebst immer noch. Doch du weißt nicht, ob es Glück oder eher Qual ist, dass du auf dieser Welt noch existieren darfst. Leben ist anders. Du vegetierst vor dich hin. Die einzige Abwechslung, die dir zu dieser Zeit noch bleibt, sind die regelmäßigen Arztbesuche. Mittlerweile hast du regional jeden Arzt schon einmal die Hand geschüttelt. Du hast dich auf hunderten verschiedenen Liegen abtasten lassen. Die Lifestyle-Magazine und Frauenratgeber in den Wartezimmern würdest du am liebsten nur noch in einem großen Feuer verbrennen. Und das Recherchieren der Strümpfe und Schuhe der Arzthelferinnen wurden gezwungenermaßen zu deinem Hobby.

Doch dann kam der Tag, der vieles änderte. Nach einem Jahr voller Schmerzen, Verzweiflung und auch Einsamkeit. Es musste auf einmal alles schnell gehen. Krankenhaus. Weiße Kittel. Das unangenehme, grelle Licht. Die Schläuche überall und das Piepen der umherstehenden Maschinen. Und vor allem der Geruch. Du hasst ihn bis heute. Du kannst dich noch an den weißen Mundschutz des Arztes und der OP-Helfer erinnern und viele unverständliche Worte, welche einer dir durch die Maske zu verstehen geben wollte. Plötzlich wurde es ganz hell und alles war weg. Du wachst auf und spürst, dass es nun ein Ende hat. Du hast immer noch Schmerzen. Doch diese Schmerzen gehen vorüber. Bald. Du darfst wieder leben.

Es ist nun Vergangenheit. Deine Vergangenheit. Man sieht sie dir nicht an. Aber du trägst sie mit dir. Jeden Tag. Du musstest dich mit einigen dadurch entstandenen Folgen erst anfreunden, aber lernst damit umzugehen und mehr auf deinen Körper zu achten. Man sieht manchmal Tränen in deinen Augen, wenn du an diese Zeit denkst oder davon erzählst. Deine Stimme zittert leicht. Aber du willst es dir nicht anmerken lassen. Du bist dadurch stärker geworden. Hast die wichtigen Dinge des Lebens erkannt und zu schätzen gelernt. Oberflächlichkeiten interessieren dich nur noch selten. Du gibst dich nicht mehr damit ab. Deine „Freunde“ hast du seitdem nicht mehr gesehen. Mal ein kurzes schnelles „Na du lebst ja auch noch“ oder „Hey, schon lang nicht mehr gesehen“ über diverse Internetportale. Das war’s. Und du bist froh darüber. Froh, dass du mittlerweile echte Freunde hast. Und froh, dass du nie aufgegeben hast.

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