Doppellagig - Das war London 2.0

So. Wir waren also da. London Stansted. Wir. Verplant und orientierungslos. Also ich zumindest. Und da wir auch nur Frauen sind – und keine humanoiden Roboter – ging’s erstmal auf…
Doppellagig

Das war London 2.0

So. Wir waren also da. London Stansted. Wir. Verplant und orientierungslos. Also ich zumindest. Und da wir auch nur Frauen sind – und keine humanoiden Roboter – ging’s erstmal auf direktem Weg ab zum allseits beliebten Burger King. Pommes scheiße. Burger so naja. Aber wie es immer so schön heißt: der Hunger treibt’s rein. Und da Ruth grundsätzlich glücklich ist, wenn sie über alles Ketchup kippen darf, war wenigstens ein Görl teils befriedigt.

Während den folgenden 60 Minuten Busfahrt Richtung London Ghetto, äh City, überkam mich – teils auch Hannah – das Gefühl als wären wir gerade auf dem Weg zur Schlachterbank: Der Musik nach zu urteilen bewies der Herr Busfahrer nämlich eher Geschmacklosigkeit. Es schwankte zwischen dem weiblichen Gegenstück zum Wendler und dem Soundtrack zu “Hostel 4”. Drei junge, ausländische Studentinnen. Ahnungslos. Naiv. Und Verloren. Weird. Was mich abgesehen davon ziemlich extrem ankotzte, dass er bei Regen und zusätzlicher Dämmerung diese verfickte Sonnenblende nicht hochkurbelte. Und wenn ich eines nicht leiden kann, dann ist es beim Autofahren nicht zu wissen wo ich hinfahre. Es sei denn ich schlafe und habe die Augen zu. Aber so war es nicht.

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Wie dem auch sei sind wir nach einer kostenlosen, aber von mir auch nicht unbedingt erwünschten, Sightseeing Tour irgendwie an unserem Backpacker Hostel angelangt. Müde. Durchgeschwitzt. Und verdammt sexy. Nicht. Wir befanden uns, für Nicht- Kreative, in einem durchaus kreativen Zimmer. Im Zeugnis wäre es unter „er/sie hat sich redlich bemüht“ gefallen: 2 Stockbetten, orangefarben zugekleistert (ob sie sich mit unserer Fluglinien abgesprochen haben?!). In einem Ãœbergang zur Wand. Diese wurde dann zusätzlich noch mit Schablonen-Vögel verziert. Fertig. Naja, schön ist anders. Aber gut. Wären die Matratzen dafür ertragbar gewesen, hätte ich mich mit dem Augenkrebs abgefunden. Waren sie aber nicht. Deshalb: Augenkrebs UND jeden Morgen Federgerüst aus dem Rücken bohren.

Was viel spannender war: Wir befanden uns in einem „gemischten“ Zimmer und hatten noch ein Bett frei. (Wenn schon, denn schon.) Und dies wurde dann auch gleich noch in derselben Nacht von einem 29-jährigen, angehenden Englischlehrer aus Belgien belegt. Für meinen Geschmack uninteressant. Seinen Namen weiß ich bis heute nicht. Gut, dass er sich auf der Durchreise befand und sogleich in der nächsten Nacht von „Brody“, unserem australischen Telenovela Star, ersetzt wurde. Najaa, eigentlich war er Student für Fotojournalismus, aber ausdrucksloser Schönling in einer erfolglosen, zweitrangigen Telenovela hätte viel besser zu ihm gepasst. Er fiel ebenfalls, wie auch unsere Wandbemalung, unter die Kategorie: „er hat sich redlich bemüht.“ Und für alle Objektophile möchte ich mir schon mal vorab für diese Gleichsetzung entschuldigen. Er war und blieb für die folgenden zwei Nächte belanglos und nicht der Rede wert.

Sonntag ging es dann erst mal ab in die Tate Modern. Rießig. Und verdammt nochmal sehenswert. Und kalt. Sehr kalt. Dort gab es ziemlich abgefahrene sexuell anrüchige Filmchen mit Transvestiten zu sehen, Beeindruckendes aus Ã-sterreich, was mich am meisten überraschte und faszinierte: Hermann Nitsch, Kurt Kren oder Günter Brus, um nur wenige zu nennen. Und natürlich die altbekannten Schinken, an denen wir eher etwas halbherzig vorbeigezogen sind (ihnen aber natürlich AUCH Beachtung schenkten). Danach beschäftigen wir uns mit U-Bahnfahren. Etwa zwei Stunden. An einer willkürlich gewählten Pinkelpause-U-Bahn Station entdeckten wir dann durch Zufall ein dickes fettes die- U-Bahn-Linie-die-wir–wollen-ist-vorübergehend-gesperrt-Schild. Was in London zum Wochenende hin erfahrungsgemäß öfters passiert.

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Montag wurde dann mit Shopping (alles aus Recherche-Gründen) und einer ausnahmsweise unkomplizierten Fahrt nach Camden Town verbracht. Die Lounge und Theater Company Shunt hat uns dann zu späterer Stunde auch noch dazu veranlasst, unsere schlaffen, unmotivierten Körper aufzuraffen und dorthin zu wackeln. Aber da neun Uhr für den Londoner Durchschnitts-Partygänger anscheinend zu spät ist, wurden die Pforten frühzeitig geschlossen und wir mussten unsere Abend- bzw. Nachtgestaltung spontan umkoordinieren. Kein Problem für uns. Schließlich haben wir darin Ãœbung. In die nächste U-Bahn und ab zum Punk. (am Rande erwähnt: U-Bahnfahren können wir mittlerweile sehr gut)

Im Punk wurde, wie der Name schon sagt, abwechselnd zu jedem zweiten Blink 182-Song ein Emo-Screamo-Hit reingedonnert. Insgesamt ganz lustig. Vor allem, dass man bis 23 Uhr zwei Bier zum Preis von einem bekommt ließ es uns dort sehr gut gefallen. Blöderweise hat das französische Flaschenbier nicht den geringsten Effekt bei mir erzielt: kein Geschmack, kein Suff. Hmm. Unbefriedigend. Das Positive daran war allerdings, dass ich die männliche Clubgesellschaft davon abhalten konnte meine Gaumenhöhle zu erkunden. Denn im englischen Königreich ist es anscheinend üblich, ohne jegliche Vorwarnung, geschweige dem, einem einleitenden Gespräch, einem die Zunge in den Hals zu stecken. Nicht mit uns. Mit zugepressten Lippen und viel Gelassenheit, (vielleicht auch ein klein wenig, in diesem Falle berechtigter, Arroganz) stürmten wir die Tanzfläche und verließen schließlich zu früher Morgenstunde den angeblichen In-Schuppen.

An unserem Abreisetag beging meine Wenigkeit dann noch den Fehler, überlegt (aber dann doch etwas unüberlegt) zehn Meter Stoff zu kaufen. Was sich im Nachhinein als großer Fehler herausstellte. Denn wieder am Flughafen angekommen befürchteten wir, durch Sichten eines großen Warnschildes, schlimmes. Wir dürfen bei unserer Lieblingsfluglinie Easy-Jet (Nicht.) nur eine verdammte Tasche mit ins Handgepäck nehmen?! Egal wie klein und mickrig. Wieso? Weshalb? Ganz klar: weil sie es können. Wir Nicht. Es sein denn wir zahlen umgerechnet 100 Euro. Und wie die Antwort lautet kann man sich denken. Also ab zur nächsten Flughafen-Toilette und alles übereinander angezogen was geht, noch ein paar Handtücher und überflüssige Schlaf-T-Shirts entsorgt und ab zur Sicherheitskontrolle. Das Michelin-Männchen war ein Scheißdreck gegen Hannah und mich. Ruth war durch ein vorbildliches, voraus denkendes Kaufen und Packen aus der Sache raus.

Das war London 2.0

Ich konnte kaum meine Beine bewegen. Der Schweiß stand uns nicht nur im hochroten Gesicht. Er stand überall. Ich wäre froh gewesen mit demütigenden Blicken überhaupt zum Sicherheits-Check zu gelangen. Doch während Hannah und Ruth bereits dort angekommen waren, wurde ich auf halber Strecke durch einen sehr freundlichen, (ich betone es nochmals, ohne jegliche Ironie in meiner Stimme) sehr freundlichen, jungen Sicherheitstypen zurück verwiesen. Um dann das Unmögliche möglich zu machen. Ich sollte meine etwa ein Meter lange, wurstförmige American-Apparel-Tasche in diese bereit stehende Metallvorrichtung, die die vorgegebene Größe einer angemessenen Handgepäcktasche imitieren sollte, reinstecken. Also in meinem Fall eher mit Gewalt reinpressen bzw. -stopfen.

Ein Ding der Unmöglichkeit. Doch auch das habe ich, dank bodybuilderähnlicher Muskelmasse in meinen Armen, mehr oder weniger problemlos gemeistert bekommen. Hinderlich war eher, dass ich beim wieder herauswuchten dieser gefühlten 50 Kilo Tasche kurzweilig den gesamten Metallständer nach mir zog. Hört sich witzig an. Ist es aber nicht. Vor allem im Anblick dieses Sicherheitsschützen, mit gleichzeitigem Gedanken keine 100 Euro nachzahlen zu wollen. Doch auch diese, etwas beschämende Aufgabe, wurde vollbracht. Wir konnten uns wenige Sekunden nach dem Sicherheitsdurchgang die Kleider vom Leib reißen und sind nach planmäßigem 90-Minuten-Flug und mindestens zwei Liter Schweißverlust wieder in München angekommen.

Strellson

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6 Kommentare

  • “Hinderlich war eher, dass ich beim wieder herauswuchten dieser gefühlten 50 Kilo Tasche kurzweilig den gesamten Metallständer nach mir zog.” Ich musste gerade so lachen… *Kopfkino*

  • london ist für mich die stadt “der unbegrenzten möglichkeiten”. ich war schon so oft dort & verliebe mich immer wieder neu in neues & altes. aber dort leben möchte ich nicht, wenn ich mir vorstelle jeden tag “tube” fahren zu müssen, no no no …
    hier ein paar london bilder von mir auf flickr vom nov09: http://www.flickr.com/photos/michaelkelleners/sets/72157622784857285/

  • Elgson

    “Er war und blieb für die folgenden zwei Nächte belanglos und nicht der Rede wert.” Ich hoffe er bloggt auch und schreibt gerade ähnliches :)

  • Basti

    ihr warts nich zufällig im picadilly backpackers? wollte im mai mit n paar freunden nach london und die knallbunte zimmerbeschreibung passt ganz gut ins picadilly..

    wenn ja dann frage: zu empfehlen oder..warum auch immer ..not.

  • caro

    @thilo:…hey. das war echt NICHT witzig. ich mein ok, im nachhinein betrachtet…ja…irgendwie…auf jeden fall.aber in der situation…puuhh :D …aber hauptsache thilo hat spaß in seinem kopf ;)

    @michael: verdammt schöne bilder haste da…werd dich wohl nächstes mal als meinen persönlichen fotografen in mein handgepäck schleußen müssen ;) uns war viel zu kalt um jedesmal die kamera auszupacken… :(

    @elgson: …auch wenn ich nicht glaube, dass er bloggt…er wird definitiv ziemlich ähnliches über uns denken… :D

  • Birk

    @Basti
    ich war letztes Jahr im Picadilly Backpackers. Geht auf jeden Fall in ORdnung, die Lage is auf jeden Fall richtig gut und sonst war eigentlich auch alles fine :D

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