Wenn Fremde dir nahe sind - Freundschaft auf Zeit

Wir schreiben die Zeit als Pikachu noch cool, das Nokia 3210 noch in und alles außerhalb Bayerns weitestgehend ödes Brachland war. Als pubertäre Rumstreuner sind wir gemeinsam mit unseren besten…
Wenn Fremde dir nahe sind

Freundschaft auf Zeit

Wir schreiben die Zeit als Pikachu noch cool, das Nokia 3210 noch in und alles außerhalb Bayerns weitestgehend ödes Brachland war. Als pubertäre Rumstreuner sind wir gemeinsam mit unseren besten Freunden durch dick und dünn gestolpert, kloppten uns nächtelang als Teams oder Kontrahenten bei “Super Smash Bros.” und “Phantasy Star Online” die Seelen aus dem Leib und klauten uns gegenseitig die Freundinnen, bevor wir die Schlampen anschließend in die Wüste schickten und uns brüderlich auf ein Bierchen in der Dorfkneipe trafen. Wir wussten wir konnten uns auf immer und ewig auf unsere Seelengeschwister verlassen, sie Tag und Nacht um Hilfe rufen und gemeinsam mit den Strullis auch die schwierigsten Situationen meistern. Schule schwänzen, Bauernpartys stürmen, mit Christina hinterm Kiosk rummachen – das alles konnten wir nur als eingefleischtes Team vollbringen. Die Welt war noch in Ordnung.

Einige Jahre später ist man längst aus dem Kaff in die Großstadt gezogen. Die alten Freunde sind entweder arbeitslos, verheiratet oder zum Studium ins Ausland geflohen, haben Pokémon und Steinzeithandys längst vergessen und melden sich höchstens an Weihnachten mal, um zu bedauern wie beschäftigt / fett / “World-of-Warcraft”-zockend man doch ist, man sich dieses Mal leider nicht sehen kann, aber das Bier am Abend unbedingt mal nachholen muss. Der einzige ewige Bund aus Vertrauen, Lebenshymnen und Erinnerungen ist dahin und was einem bleibt sind neue Bekanntschaften. Erwachsene Zweckfreundschaften, die auf Zeit funktionieren und – soviel sei vorweg genommen – nur an der Oberfläche kratzen.

So hält man sich heutzutage in den verschiedenen Bereichen seines Lebens (wie Uni, Arbeit und Partyleben) ein ganzes Heer an guten Bekannten, die sich super zum aktuellen Outfit kombinieren lassen und manchmal sogar einen Hauch des Vertrauens verspüren, das man früher wie Gratis-T-Shirts verschenkte und tausendfach reflektiert wurde. Man lacht als würde man sich schon ewig kennen, redet offen über seine Wünsche und Probleme und lebt als würde es kein Morgen geben.

Leider wollen diese neumodischen Freundschaften einfach nicht global funktionieren, scheinen sie doch im kennen gelernten Milieu festgewachsen zu sein. Der beste Unifreund passt einfach nicht in dein ausuferndes Partyleben, hast du mal zwei Wochen Urlaub hörst du keinen Mucks deines lieb gewonnenen Arbeitskollegen und die Tanzmaus Paula, mit der du jede Samstag Nacht durchmachst, scheint im WMF festgebunden oder gar ein Vampir zu sein. Am hellichten Tag triffst du jedenfalls nie auf sie.

So müssen wir uns wohl damit abfinden, dass die wahren Freundschaften mit Klettern, Fummeln und Gekloppe ein Zeugnis längst vergangener Tage sind, wir uns nur noch auf uns selbst verlassen können und unsere modernen Hipster-Freunde so austauschbar wie der letzte Discokracher oder die Winterkollektion von Versace sind. Ich geh jetzt ‘ne Runde heulen und anschließend ein wenig “Pokémon” spielen – im Gedenken an die gute alte Zeit. Los Pikachu!

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18 Kommentare

  • Ja, wahre Worte. In der Uni halten solche Freund- oder Bekanntschaften manchmal ein Semester lang. Dann kommen die Ferien, neue Seminare, neue Leute. Am Ende bleibt eine Handvoll, mit denen man mehr Zeit in der Cafeteria oder der Kneipe als im Hörsaal verbringt. Aber mit denen verbringt man diese Zeit wenigstens umso lieber. In der Hoffnung, dass diese Freundschaft dann auch das Ende des Studiums übersteht, nicht wie damals nach dem Abi, als man glaubte, verschiedene Studienstädte könnten der dicken Kumpelei nix anhaben. Oh, waren wir naiv.

  • Gab in einer der letzten NEON-Ausgaben auch mal ‘nen schönen Text dazu. Gebe dir absolut recht, auch wenn’s schade ist. Habe erst vor eineinhalb Jährchen bei meinem richtig großen Umzug mit mehreren hundert Kilometern Entfernung in Richtung Heimat mitbekommen, dass die Zahl der “richtigen” Freunde auf einmal ziemlich heftig zusammenschrumpfen kann. Aber wenigstens weiß man dann auch, auf wen man sich wirklich verlassen kann.

  • hachja :-| sehr schön geschrieben…

  • Richtige Freundschaften gehören gepflegt, dann klappt es auch auf Distanz nach Abi und Studium – aber wieviele richtige Freundschaften gibt es schon? Leute zum Ausgehen finden sich immer massenweise, aber versuch mit denen mal etwas tiefgründigere Gespräche zu führen… Ich geh jetzt Kick-Off spielen ;-)

  • Ach, der Post hat mir jetzt ‘n bisschen den Tag verbockt. Scheisse. Alles wahr.

  • Dennis

    Hat jemand von Euch meinen Gameboy gesehen?

  • Marcel

    Ich hab ihn geklaut, das war doch dieser grüne nicht wahr?

  • Die Freundschaften, die ich für ewig hielt, hatte ich mit 15. Das ist einfach das perfekte Alter für echte Freunde. Alles ist neu, groß, spannend, ich war mit dem Dreck der Welt noch nicht in Berührung gekommen und war der ausgeglichenste Mensch auf diesem Planeten. Zu der Zeit hatte ich Freunde, mit denen ich Tagebücher getauscht hab und denen ich jedes schmutzige Detail erzählt hab. Wir saßen nachts im Regen und haben geheult, weil wir uns so mochten. Das war, wenn ich jetzt, mit 18, zurückblicke, die schönste Zeit, die ich bisher erleben durfte. Damals hab ich es einfach irgendwie in meinen Kopf gekriegt, dass ich alles habe, was man zum Glücklichsein braucht. Heute mecker ich den ganzen Tag.
    Ich hab heute das Gefühl, ich hab damals irgendwie zu viel gehabt, und als es dann kaputt gegangen ist, oder eher: sich aufgelöst hat, ist ein großes Loch entstanden, dass ich jetzt nicht mehr gefüllt bekomme mit Bekanntschaften und Teilzeitfreunden.

  • Marcel, Du bist mein Freund. Und Jackeline auch!

  • Marcel

    Claudia! Du bist der hellste Stern für mich..

  • nicht.

    du wirfts hier schon mit harten verallgemeinerungen um dich. mit meinen leuten aus der schul-/abizeit stehe ich noch immer in engem kontakt, trotz teils sehr großer innerdeutscher distanzen. wir haben es auch geschafft uns einigermaßen regelmäßig zu sehen (z.b. durch besuche) als wir ein jahr lang kreuz und quer in europa verteilt waren.

    und auch an der uni hab ich vier bis fünf neue freunde gefunden die ich als mindestens gleichwertig denen von ‘zu hause’ bezeichnen würde, selbst wenn die gemeinsam verbrachte zeit um einiges kürzer ist. und gerade dass sie teil meines partylebens sind, ich mich bei ihnen aber genauso im wahrsten sinne des wortes ‘ausheulen’ kann, macht sie zu dem was sie sind.

    wie Andre schon richtig gesagt, gute freundschaften müssen gepflegt werden – und zwar von beiden seiten – dann halten sie auch. und was deine (ich halte mich von dem oberflächlichen bullshit solcher leute fern) ‘modernen hipster freunde’ angeht, in deren augen du wahrscheinlich genau das gleiche bist: such dir doch einfach mal ein paar ‘normalos’. sehen vielleicht nicht ganz so smashing aus (‘zum outfit kombinieren’? alter…), aber sind meist die interessanteren menschen.

    klar ergeben sich die erwachsenen zweckfreundschaften im job fast zwangsläufig und klar gehört auch viel glück und zufall dazu, neue ‘seelenverwandte’ zu treffen. es kommt aber genauso sehr darauf an, in welchem milieu man sich bewegt und inwieweit man bereit ist, sich mit menschen abzugeben, gegen die man eigentlich eine innere abneigung hegt, sei es nur aus langeweile oder angst vor dem alleinsein. die alternative scheint manchmal nur die des ‘einsamen wolfes’. trotzdem würde ich diese rolle tausenmal lieber übernehmen, als mich mit einer luftleeren szene clique herumzuschlagen…

  • Wie unglaublich Recht du hast. Ich bin ja grade erst ausgezogen in meine erste Wohnung um zu studieren.. ich kann die Leute mit denen ich noch aus meiner Schul/Abizeit zu tun habe an einer Hand abzählen. Und die Unileute sind cool, aber eben nur in der Uni, weil die auch alle in anderen Städten wohnen.

    Oh man, so Serien wie Lipstick Jungle verarschen uns doch voll. Da sind alle seit 10 Jahren die besten Freunde, haben coole Jobs und treffen sich jeden Abend in den Szenebars der Stadt, feiern zusammen und sind gleichzeitig wir-redenüber-alles Freunde.

    Über Facebook hab ich dann noch Kontakt zu “Freunden” die ich so außerhalb meiner Stadt, außerhalb Deutschlands kenne. Die auch besuche falls ich mal in München, Paris oder Sao Paulo bin, aber irgendwie verlieren solche Beziehungen auch an Vertrauen.

  • AMY&PINK » Früher wart ihr besser

    […] die Reihe bekommen haben. Persönlich angehauchte und tiefer gehende Einträge wie “Freundschaft auf Zeit“, “Ohne Fleiß, kein Preis” und “Sommer, Sex und Schokolade” […]

  • cr

    Also Max das Lipstickjungle und Sex and the City kein Abbild der Realität sind sollte dich eigentlich nicht überraschen. Wie auch immer! Ich hab tatsächlich Freunde dich ich seit 10 Jahre kenne (und ja ich bin unter 25) und wir sehen uns fast jeden Tag oder telefonieren regelmäßig. Aber davon habe ich auch nur 3-4. Den Rest sehe ich als Haufen an wechselnder Gestalten die gut als Soziales Netz dienen aber teilweise nicht mehr.

  • Martian

    Cooles Template hast du hier auf deinem Blog. Ist das Template frei zugängig?? Falls ja, würde ich mich über einen Verweis freuen.

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