Stadthunger - Die unendliche Wahrheit des Seins

Sina feierte ihren 18. Geburtstag in der Bar 25. Wir tanzten eng umschlungen zu den harten Beats, waren zugedröhnt. Auf dem Klo wollten sich zwei Mädchen unbedingt von mir fotografieren…
Stadthunger

Die unendliche Wahrheit des Seins

Sina feierte ihren 18. Geburtstag in der Bar 25. Wir tanzten eng umschlungen zu den harten Beats, waren zugedröhnt. Auf dem Klo wollten sich zwei Mädchen unbedingt von mir fotografieren lassen und zogen sich gegenseitig aus. Ich hatte Kopfweh und musste dem andauernden Drang, mich einfach lautstark zu übergeben, widerstehen. Die Größere blies mir einen, während ich die weißen, glänzenden Kacheln an der Wand zählte. Als sie fertig war ging ich zurück zu meinem Geburtstagskind, um den unterbrochenen Tanz fortzusetzen. “Können wir nach Hause gehen? Ich bin müde.”

In dieser Nacht hörten Sinas Tränen nicht auf zu fließen. “Wieso tu ich mir die ganze Scheiße überhaupt an?”, rief sie hysterisch durch den Raum und warf mir einen Korb voller Äpfel an den Kopf. “Ich liebe dich du Arsch, aber du bist ein Feigling, ein Schnorrer, ein Heuchler. Du hasst diese Welt, aber nutzt sie aus. Du hasst diese Menschen, aber vögelst mit ihnen. Du hasst diese Drogen, aber ziehst dir ständig eine Line nach der anderen rein.”

Sie warf das Päckchen an die Wand; wie Schnee segelten die kleinen weißen Punkte langsam zu Boden. Ich saß auf dem Bett und sah bei ihrem Kreuzzug tatenlos zu. “Diese Welt bedeutet dir nichts, ich bedeute dir nichts, die Liebe bedeutet dir nichts. Wie kann ich mich nur jemandem offen hingeben, dem die Liebe nichts bedeutet? Erkläre mir das mal!” “Auf diese Fangfrage gehe ich nicht ein.” Sie wurde noch wütender.

Sie stapfte in die Küche, kam mit einem großen Messer zurück und fing an auf die Kissen und das Bett einzustechen. Ich lehnte mich an die Wand, rauchte eine Zigarette und sah dem Treiben gelassen zu. Die Federn flogen im Zimmer herum. Sina sah aus wie ein nackter explodierender Engel. “Ich muss hier raus.”, schrie sie dann plötzlich und ließ das Mordwerkzeug fallen. Sie begann ihren Hello Kitty-Rucksack mit einigen Klamotten zu füllen und rannte aus der Wohnung, bevor ich überhaupt im Entferntesten mitbekommen hatte, was da vor sich ging.

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Als ich endlich aus meiner Starre erwachte und in den Flur rannte, schleuderte sie auch schon die Tür ins Schloss. Ich lief zum Balkon und schaute die dunkle Straße hinab. Als ich ihren rotblonden Schopf entdeckte schrie ich hinab. “Sina, wo willst du hin?” Keine Antwort, keine Erklärung, sie verschwand im nächsten U-Bahnhof. Ich nahm mir einen O-Saft aus dem Kühlschrank, trank davon und schleuderte die Packung dann voller Wut gegen die Wand. Ein großer, gelber Fleck ziert bis heute die weiße Fläche. Auf dem Bett lag ihr Handy. Ich schnappte mir einen ihrer Slips, kuschelte mich damit in die zerfetzten Kissen und verdrängte die dunkle Zeit.

In jener Nacht hatte ich einen gar tragischen Traum, dessen abruptes Ende mir noch Stunden nach dem schweißgebadeten Aufwachen ganz tief im Mark saß. Ich torkelte in die Küche, schüttete Milch und Cornflakes in eine Schüssel und sah immer noch ihr leichenweißes Gesicht, das ich ganz fest an mich drückte und dabei die halbe Stadt zusammen schrie, direkt vor mir.

Dieser eigenwillige Geruch lag weiterhin in meiner Nase und ich schaute an mir herab, damit sich das Blut, das ich gerade noch aus den Augenwinkeln erkennen konnte und welches meinen halben Körper zu bedecken schien, als ein zynisches Spiel aus Licht und Schatten offenbarte. Als ich den Löffel hinein tauchte und eine Ladung Cornflakes zu meinem Mund führte, erkannte ich die Gesichter der Nacht wieder, die mit mir vor dem Club ihren Namen schrieen, ganz laut. Immer und immer wieder. In der einen Hand hielt ich mein Handy, in der anderen die Tequila-Flasche.

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Die Menschen um mich herum erzählten einander, sie solle total betrunken mit einem mehr als zwielichtigem Typen aus dem Chan Shin verschwunden sein, nicht mehr Herr über ihren Kopf. Ich schrie um mein Leben. Ihren Namen. Umso lauter ich schreien würde, umso mehr würde sich alles zum Guten wenden – da war ich mir sicher.

Jetzt das Fenster zu öffnen war eine gute Idee fand ich. Die kalte, frische Luft umspülte meine pochenden wunden Gedanken und ich versuchte die Erinnerungen zu verscheuchen, wie mir der Weg zu ihr gezeigt wurde, ich rannte, ich heulte.

Und als ich um die Ecke bog und sie dort in einem versifften Hinterhof so wehrlos liegen sah, war alles vorbei. Alle Gefühle dieser Welt konzentrierten sich in diesen unwirklichen Moment hinein, wie ein Schuss, ein Knall, ein Schlag. Ich rannte zu ihr, schrie Worte, die es gar nicht zu geben schien, aber so laut, dass ich hoffte, sie würden noch zu ihr durchdringen.

Die Gesichter um mich herum verschmolzen zu einer riesigen Pampe aus Mitleid, als ich sie so fest an mich drückte, bis alles um mich herum platzte. Ich verschluckte mich an Blut und Tränen und das letzte was sich in meine Gedanken brannte, war das Bild ihres unglücklichen friedlosen Gesichtes, dessen glanzlose Augen mich als Denjenigen zu ermahnen schienen, der nicht bei ihr war, als es geschah. Es klingelte.

Das war das siebte Kapitel “Die unendliche Wahrheit des Seins” aus dem furiosen Blog-Roman-Projekt “Stadthunger”, dem Fortsetzungsroman bei AMY&PINK. Die Fotos stammen diesmal von Daniel Douglas. Dieser Part enthält eine überarbeitete Adaption einer bereits erschienenen Kurzgeschichte. Alle Teile davon findet ihr fortwährend auch unter der Rubrik “Stadthunger“.

Tally Weijl

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