Stadthunger - Mein Name ist Sina

Enge Freunde beschreiben mich als kleinen Dickschädel, der sich so plötzlich wie ein aufbrausender Sturm mit voller Leidenschaft in Dinge und Menschen vergucken kann, diese aber ebenso schnell wieder gelangweilt…
Stadthunger

Mein Name ist Sina

Enge Freunde beschreiben mich als kleinen Dickschädel, der sich so plötzlich wie ein aufbrausender Sturm mit voller Leidenschaft in Dinge und Menschen vergucken kann, diese aber ebenso schnell wieder gelangweilt fallen lässt. In meinem kurzen Leben gibt es nur wenige Szenarien, die mir eine markerschütternde Angst bereiten. Darunter auch eine meiner schlimmsten. Dass ich irgendwann wohlhabender als mein Vater werde.

Denn in meinem süß;en Kopf gilt es als erwiesen: Die ganze Kohle ist Schuld daran, dass der Idiot ständig mit einem Heer von blonden, magersüchtigen Sekretärinnen, die nicht älter sind als ich selbst, von Weltmetropole zu Weltmetropole jettet und seine liebe Familie dabei ständig den Kürzeren zieht. Dass er es mit mindestens der Hälfte dieser seelenlosen Barbiepuppen treibt, weiß meine Mutter aber nicht. Will sie vielleicht auch gar nicht.

Eine andere unkontrollierbare Furcht habe ich ganz klar auch vor kleinen Kindern. Ich weiß nicht, wie man mit denen umgeht, ich weiß nicht, was man mit denen anstellt und schon gar nicht komme ich damit klar, wie es sein kann, dass mich so achtjährige Gnome mit dicken Hosen und noch dickeren Eiern entweder als Schlampe beschimpfen oder mir an der Bushaltestelle ständig am Arsch herum grabschen. Und wenn man ihnen dann eine scheuert, ja, dann heulen sie plötzlich rum und rufen nach ihrem Stier von Vater, der einen dann mit einer Mischung aus Abscheu und triefender Geilheit zur Sau macht. Danke, für diesen schönen Morgen.

Aber am meisten, also wirklich am allermeisten graust es mir vor der Vorstellung, dass mir irgendwann bei einem gewagten Sprung ins Schwimmbadbecken oder den Stollensee mein Bikini flöten geht. Das ist nämlich meiner besten Freundin Paula letzten Sommer passiert. Seitdem weiß die ganze Schule, dass sie die wohl größten Brüste und hässlichsten Nippel aller Zeiten hat. Und das finden nicht nur diese frühreifen Zicken aus der Fünften überlustig, nein auch Johnny, selbsternannter Vollmongo und prädestiniert als Preisträger für den BILD-Zeitungsleser des Jahres, reitet da nur zu gern drauf rum.

Obwohl er jedenfalls in diesem Augenblick wohl eher damit beschäftigt war auf mir herumzureiten, eklig grunzende Laute von sich zu geben und beinahe bei dem gescheiterten Versuch mich beim Rammeln parallel auch noch zu fingern vom Bett zu fallen. Also ließ er es lieber gleich bleiben.

Was wirklich besser für uns beide war, weil er sowieso nur wie ein behämmerter Irrer auf meinem Bauch herum klatschte. Wenigstens musste ich ihm bei seiner sehr persönlichen Interpretation des Zweiten Weltkrieges nicht in die Augen schauen, so dass ich die Chance nutzte, um an diesem sonnigen Tag aus dem offenen Fenster einen Blick in den Park zu werfen und über die wichtigen Fragen des Lebens nachzudenken.

Ob Paula das Geschichtsreferat auch nicht vergas, das sie von Herrn Dächler aufgebrummt bekommen hatte. Wie viele Frauen in diesem Augenblick ebenfalls auf allen Vieren vor ihrem Liebsten knieten und dabei hochkonzentriert die Wolken zählten. Und ob ich heute Abend endlich meinen Gutschein bei Douglas einlösen sollte.

Es gab da nämlich so ein neues Parfüm von Calvin Klein, das wie eine Mischung aus Vanille und Himbeere roch und sich wirklich unglaublich gut mit meinem phänomenalen Eigengeruch vertrug. Ich musste es haben. “Dreh dich um, du Sau!”, rief es von hinten und ehe ich mich versah lag ich auch schon auf dem Rücken und Johnnys Miniaturausgabe von einem Schwanz steuerte zielgerecht auf meine Nase zu.

Den Gedanken nach Berlin zu gehen, um dort mein Leben von Grund auf umzukrempeln und endlich herauszufinden, was ich denn wirklich mit meinem Dasein anstellen wollte, kam mir einige Minuten nach diesem spritzigen Erlebnis in Johnnys versifftem Badezimmer.

Ich hatte mir gerade mein Gesicht mit warmem Wasser abgespült und griff nach dem Handtuch, als ich mir aus Versehen direkt in meine tiefgrünen Augen starrte, die fast schon abwertend zurück blickten. Langsam begutachtete ich mein Gesicht, während im Wohnzimmer die postromantischen Klänge von Rammstein ertönten. Der Geruch von Marihuana stieg mir in die Nase.

In diesem Moment wurde es mir klar: Ich war mehr als nur ein kleines rothaariges Mädchen, dessen süßes Gesicht lediglich als Spermafriedhof herhalten musste. Ich hatte Charakter, ich war scheiße kreativ, ich war etwas Besonderes. Und tolle Titten hatte ich auch. Mit dieser Erkenntnis im Schlepptau lief ich ins Wohnzimmer, schnappte mir meine Klamotten, rannte mit einem lautstarken “Adios, du Wichser!” an Johnny vorbei und stolperte erleichtert aus der Tür in den Innenhof.

Dem taubstummen alten Ehepaar, das mir gegenüber auf einer grünen Bank an der Hauswand saß, schien mein Striptease im Grünen jedenfalls zu gefallen. Ich ließ mir Zeit beim Anziehen, zog eine Kippe aus der Hosentasche und machte mich auf den Weg zum Busbahnhof. Und wehe da stand jetzt auch nur ein Gnom rum.

Das war das vierte Kapitel “Mein Name ist Sina” aus dem furiosen Blog-Roman-Projekt “Stadthunger”, dem Fortsetzungsroman bei AMY&PINK. Dieser Part ist eine überarbeitete Adaption einer bereits erschienenen Kurzgeschichte. Alle Teile davon findet ihr fortwährend auch unter der Rubrik “Stadthunger“.

Asics

Abonniert unseren Newsletter!

Drückt hier, um weitere großartige Neuigkeiten über Filme & Serien zu lesen und drückt hier, um eigene Artikel und Fotos einzureichen. Oder folgt uns auf Facebook, Twitter, Instagram, Tumblr und Pinterest, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Tally Weijl

Was ist deine Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Füge deinem Kommentar ein Bild hinzu:

2 Kommentare